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2.2 Der internationale Markt für zeitgenössische Kunst

Der Wunsch, das begehrte Kunstwerk zu besitzen, treibt den privaten Kunstsammler immer wieder auf den nationalen und internationalen Kunstmarkt. Im Folgenden wird dieser und das weltweite Kunstmarktgeschehen als ein Eventsystem erklärt. Zeitgenössische Kunst wird als Statussymbol von den zu beschreibenden Käuferschichten anerkannt.

2.2.1 Der primäre und sekundäre Kunstmarkt

Prinzipiell lässt sich der Kunstmarkt in einen Primärund Sekundärmarkt einteilen.

Der Primärmarkt ist dadurch gekennzeichnet, dass Kunstwerke erstmalig über Galerien auf den Kunstmarkt gelangen und direkt an Endverbraucher wie Sammler und Museen verkauft werden. Der primäre Kunstmarkt ermöglicht mit dem Galeriesystem eine Plattform für die öffentliche Präsentation und Diskussion von Kunst. Galerien nehmen damit die Anfangsposition eines Selektionsmechanismus auf dem Kunstmarkt ein. Kunst, die von den Galerien nicht akzeptiert, gefördert oder entdeckt wird, hat kaum eine Chance auf Anerkennung und Verbreitung. Durch diese Auswahl der Künstler bietet die Programm-Galerie ein Angebot auf dem Primärmarkt. [1] Jede Galerie lässt sich als ein öffentlicher Raum verstehen, in dem Ausstellungen der zu vertretenden Künstler stattfinden. Diese sind für Sammler, Museumsdirektor und jeden Kunstinteressierten zugänglich. Durch die Präsentation eines Kunstwerkes in puristisch erscheinenden Galerieräumen – einem White Cube – gewinnt das Werk an ästhetischer Kraft und Bedeutung. Als Kunst anerkannt, erfährt es Aufmerksamkeit. [2] Bereits in den 1960er Jahren etablierte sich diese Form der Programm-Galerie als ein Ort des Handels für zeitgenössische Kunst. [3] Aufgrund der hohen Qualität der Ausstellungen sprechen einige etablierte Galerien eine internationale Öffentlichkeit an. Sie zählen mit ihren Vernissagen zu einem gesellschaftlichen Pflichtprogramm für Kunstinteressierte.

Für international erfolgreiche Galerien sind die Teilnahmen an den weltweiten Kunstmessen bedeutend für die Bildung der eigenen Reputation. Sie stellen den wesentlichen Verkaufsrahmen für die Galerien dar. Über eine Jahresperiode finden global zahlreiche Kunstmessen statt, die durch ihre Bedeutung der ausgestellten Kunst Wert hinzufügen. [4] Renommierte Galerien erstreben die Teilnahme an bedeutenden Kunstmessen, da diese letztlich die Kunst filtern. Die Art Basel als ein prestigeträchtiges Event funktioniert wie ein Stempel für die Anerkennung von Galerien und deren angebotene Kunst. [5] Die Kunstmessen sind als Verkaufsveranstaltungen anerkannt (§ 64 Abs. 1 GewO) und werden dem Sekundärmarkt zugeordnet. In einem begrenzten Zeitraum stehen Galerien miteinander und mit teilnehmenden Sekundärmarkthändlern in Konkurrenz und bieten Kunstwerke an einem gemeinsamen Ort zum Verkauf an. [6] Das Absatzgebiet der Aussteller erweitert sich durch den direkten Kontakt zu internationalen Kunden. Potentielle Sammler können die Qualität einer Galerie auf einer Kunstmesse einschätzen. Denn jede Galerie bewirbt sich zunächst mit einem künstlerischen Programm um einen Messestand und hat im zweiten Schritt mit hohen Kosten durch Standmiete, Kunsttransporte, Versicherung und Reisekosten zu rechnen.

Der Sekundärmarkt basiert auf einem Wiederverkauf von Kunstwerken. Kunsthändler und Auktionshäuser erhalten Kunstwerke von Privatpersonen, Unternehmen, Galerien oder Museen als Kommissionsware zum Weiterverkauf. Auf dem Sekundärmarkt wird seit Mitte der 1970er Jahre mit zeitgenössischer Kunst in Kunsthandlungen und in Auktionshäusern gehandelt. Die international agierenden Auktionshäuser Christie's und Sotheby's setzen durch den Handel mit Contemporary Art letztlich ein Zeichen, dass nicht nur der Handel mit alter Kunst zu einem wirtschaftlichen Erfolg führt. Gerade durch das gestiegene Publikumsinteresse wurde eine Marktakzeptanz für zeitgenössische Kunst ersichtlich. Die international führenden Auktionshäuser haben mit ihren Hauptsitzen und Auktionssälen in London und New York zweifellos ihre Markenwerte erkannt und definiert. Mit modernen Marketingtechniken haben sie Eingang in die Luxusindustrie gefunden. Dadurch beeinflussen die Auktionshäuser den globalen Kunstmarkt und bestimmen heute die Beurteilung von Kunstwerken und Künstler sowie deren Marktrelevanz und Preisniveau mit. [7]

Abbildung 2.1: Zeitgenössische Kunst, Preisindex Ehrmann 2013, S. 7.

Das Preisniveau für zeitgenössischer Kunst ist, wie in der Abbildung 2.1 abzulesen, auf dem internationalen Kunstmarkt stark angestiegen. Diese enorme Preisentwicklung in den 2000er Jahren wurde unter anderem durch die neuen Käuferschichten aus China, Indien, Korea und Russland mit beeinflusst. [8] Vorerst schien, wie in der Grafik erkenntlich, die internationale Finanzkrise 2008 den Kunstmarktboom der hohen Preise für zeitgenössische Kunst zu stoppen. Seit dem Jahr 2011 haben sich die Kunstmarktpreise erholt und erreichen ein ähnlich hohes Niveau wie zuvor.

In überregionalen Feuilletons lassen sich aktuelle Rekordpreise auf dem internationalen Kunstmarkt verfolgen. Am 13. November 2013 wurde bei Christie's in New York die Skulptur „Balloon Dog“ von Jeff Koons für 58,4 Mio. US-Dollar versteigert. Damit wurde ein neuer Rekord für einen lebenden Künstler gebrochen. [9] Am gleichen Abend wurde das Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ des verstorbenen Künstlers Lucian Freud für 142,4 Mio. US-Dollar, 106 Mio. Euro verkauft und gilt damit als das teuerste Kunstwerk, welches je verkauft wurde. [10] Im November 2011 wurde mit Andreas Gurskys Werk „Rhein II“ mit einer Auflage von sechs Stück ein Preisrekord mit 3,8 Mio. US-Dollar für Fotografie erreicht. [11]

Einer der wichtigsten Gründe für das Aufkommen der Kunstmarktbooms in den Jahren 2006 und 2007 sowie der Preisanstieg nach der Finanzkrise ist die stark verbreitete Medienpräsenz im Kunstsystem. Bedeutende und populäre Kunstzeitschriften wie unter anderem die Kunstmagazine art, monopol, Art and Auction, Art in America, Artforum und ARTnews berichten von aktuellen Kunstausstellungen und Ereignissen des internationalen Kunstmarktes. Zudem wird verstärkt über zeitgenössische Kunst in Lifestyleund Modemagazinen berichtet. Besondere Bedeutung wird dem internationalen und nationalen Kunstmarkt in deutschen Wirtschaftszeitungen, wie dem Handelsblatt, und überregionalen Feuilletons, wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, beigemessen. [12] Das manager magazin bringt jährlich eine Beilage unter dem Titel Kunstkompass heraus, die eine Rangliste der hundert bedeutendsten zeitgenössischen Künstler weltweit präsentiert. Der Kunstkompass erstellt seine Rangliste nicht auf der Grundlage von Qualität, sondern aufgrund der Anerkennung, die Künstler durch Ausstellungen und Publikationen erlangen. [13] So soll durch diese Rangliste ein objektiver Blick auf Ruhm und Rang der zeitgenössischen Kunst geboten werden. [14]

Dieses intensive und breite Medieninteresse findet neben den traditionellen Medien digital im Internet Verbreitung. Es trägt wesentlich zur Popularität von zeitgenössischer Kunst bei und beschleunigt deren Akzeptanz. Für den effizienten Informationsaustausch nutzen die Kunstinstitutionen die digitalen Verbreitungsmedien intensiv. Ziel ist dabei, die wachsende internationale Käuferschicht und das interessierte Publikum zu erreichen. Heutzutage haben über 2.5 Mrd. Menschen Zugang zum Internet, Tendenz steigend. [15] Durch diese Digitalisierung haben sich die Bedingungen auf dem globalen Kunstmarkt grundlegend verändert. Die Möglichkeiten des Internets sorgen heutzutage für mehr Transparenz der Kunstmarktpreise sowohl auf dem Primärals auch Sekundärmarkt. [16] Indem Galerien sich mit ihren Webseiten im Internet professionell präsentieren, offerieren sie dem weltweiten Kundenkreis Angebote für zeitgenössische Kunst. Der Internetdienst artnet liefert insbesondere detaillierte Informationen über die aktuellen Kunstmarktpreise auf dem Sekundärmarkt. [17]

Kunstinteressierte schauen sich Ausstellungen auf den Webseiten der Galerien und Auktionsangebote in digitalen Auktionskatalogen an. Über die online angepriesenen Angebote wissen routinierte Kunstsammler sehr genau, welche Kunstwerke wo zu erwerben sind. Bei einem Kaufinteresse verschicken Galeristen und Kunstexperten der Auktionshäuser digitale Abbildungen, sodass eine Besichtigung des Originals nicht für jeden Kunstsammler nötig ist. Durch E-Mailkontakt zu den Galerien werden Kunstkäufe global durchgeführt. [18] Die großen Auktionshäuser bieten den Service an, online an den Auktionen teilzunehmen und Gebote abzugeben. [19] Insgesamt ist die Anzahl der interessierten Käufer weltweit stark gestiegen. Dies hat zur Folge, dass die Schwierigkeit für viele Sammler nicht darin liegt, den Preis zu bezahlen. Vielmehr ist es eine Herausforderung, bei der weltweiten Konkurrenz den Zuschlag für ein Werk überhaupt zu bekommen. [20]

Insgesamt erfährt zeitgenössische Kunst nicht nur eine gestiegene Aufmerksamkeit von Kunstsammlern, Kunstkritikern, Museumsdirektoren und Kuratoren, sondern auch von einem allgemein kunstinteressierten Publikum. Dieses Interesse schlägt sich beispielsweise in Besucherzahlen von Kunstmessen nieder. Die Art Basel, die als die „weltweit wichtigsten Messe für die Kunst des 20. und 21.

Jahrhunderts“ [21] gilt, erreicht jedes Jahr neue Besucherrekorde (70.000 im Jahr 2013). [22] In dieser Art füllen eine Vielzahl von Kunstevents den Jahreskalender. In den großen Kunstmetropolen, wie New York, London, Paris und Basel, werden regelmäßig Kunstmessen für zeitgenössische Kunst zu Fixpunkten einer Kunstsaison. Ortsansässigen Kunstinstitutionen terminieren ihre Ausstellungen zeitgleich, so dass zu den Eröffnungen vor allem potenzielle Sammler und Kunstmarktakteure vorbeikommen. Einige Sammler schätzen die internationalen Kunstmessen vor allem deshalb, weil sie dort einen Überblick über die zeitgenössische Kunst gewinnen. Alle wichtigen international erfolgreichen Galerien sind an einem Ort vereint. Manche potente Kunstkäufer scheinen zur Art Basel, Art Basel Miami Beach, Art Cologne oder zur Frieze nach London zu reisen, weil diese Hauptmessen ihnen das Gefühl des Dazugehörens vermitteln. [23] Der direkte und freundschaftliche Kontakt mit Galeristen und Künstlern gibt den Sammlern die Gelegenheit, ihre soziale Privilegien und ökonomische Überlegenheit zu nutzen. Ebenso ergibt sich die Chance, neue, unvorhersehbare, spontane Momente mitzuerleben. [24] Auf diese Weise wird auf den Kunstmessen und während der Auktionstage für Contemporary Art in London, New York oder Hong Kong eine Atmosphäre geschaffen, die der Käuferschicht signalisiert, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. [25]

Gesehen zu werden im Eventsystem der internationalen Kunstszene scheint demnach für einige Sammler von hoher Bedeutung zu sein. Unter Gleichgesinnten begibt man sich auf die Suche nach neuen Kunstwerken und erfährt entsprechend Anerkennung. Dabei grenzt die Kunstszene keine Altersgruppe aus. Wer zeitgenössische Kunst kauft, scheint die Zeitund Generationsgrenze aufzuheben. [26]

  • [1] Vgl. Hollein 1999, S. 107.
  • [2] Vgl. O'Doherty 1996, S. 27; Ullrich 2010, 18.
  • [3] Vgl. Boll 2009, S. 32.
  • [4] Vgl. Fleck 2013, S. 64; Thompson 2008, S. 64.
  • [5] Vgl. Robertson 2005, S. 34.
  • [6] Vgl. Lynen 2013c, S. 103; näheres zum Kunstmarkt siehe auch Lynen 2014.
  • [7] Vgl. Boll 2009, S. 33.
  • [8] Vgl. a.a.O., S. 35.
  • [9] Vgl. Maak 2013.
  • [10] Vgl. o. N. 2013a.
  • [11] Vgl. Zeitz 2011.
  • [12] Vgl. Hollein 1999, S. 40.
  • [13] Vgl. Rohr-Bongard 2013, S. 127.
  • [14] Das Informationsund Bewertungssystem des Kunstkompasses misst seit 1979 so objektiv wie möglich Ruhm und Rang der zeitgenössischen Künstler. Kunstmarktpreise und Auktionsrekorde spielen bei der Recherche keine Rolle. Mit Ruhmespunkten werden Einzelausstellungen in rund 250 bedeutenden Museen, die Teilnahme an über 100 jährlichen wichtigen Gruppenausstellungen, die Rezensionen in Fachmagazinen und Ankäufe renommierter Kunsthäuser bewertet. Diese Erfolge werden mit unterschiedlich hoher Punktzahl gewichtet und addiert. Die einzelnen Künstlerpositionen resultieren aus der Höhe der Punkte, die jährlich ausgerechnet werden. Vgl. ebd..
  • [15] Vgl. Ehrmann 2012, S. 14.
  • [16] Vgl. Rauterberg 2007, S. 26; Hollein 1999, S. 40.
  • [17] Die artnet.com AG wurde 1998 gegründet und dient als eine Online-Plattform auf dem Kunstmarkt. Artnet entwickelte die Price Database, um den Kunstmarkt vor allem hinsichtlich der Preisgestaltung transparenter zu machen. Diese Price Database gilt als das umfassendste bebilderte Archiv internationaler Auktionsverzeichnisse und enthält die Ergebnisliste von mehr als 500 internationalen Auktionshäusern seit 1985. Von den Alten Meistern bis zur Gegenwartskunst beinhaltet die Price Database mehr als 4 Mio. Auktionsergebnisse von über 188 Tsd. Künstlern. Heute hat die kostenpflichtige Price Database einen breiten Kundenstamm, zu dem hauptsächlich große Auktionshäuser, Kunsthändler, Museen und Versicherungsgesellschaften gehören. Vgl. artnet Worldwide Corporation 2014.
  • [18] Vgl. Lindemann 2011, S. 32.
  • [19] Vgl. Ehrmann 2012, S. 14.
  • [20] Vgl. Fleck 2013, S. 75.
  • [21] Schreiber 2012.
  • [22] Vgl. Pressemitteilung Art Basel 2013.
  • [23] Vgl. Rauterberg 2007, S. 26.
  • [24] Vgl. Beckstette 2011, S. 85.
  • [25] Vgl. ebd.
  • [26] Vgl. Rauterberg 2007, S. 27 f..
 
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