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2.3.2 Die private Kunstsammlung als künstlerische Leistung

In der Kunstkritik gibt es immer wieder Streitgespräche darüber, warum es bestimmte Objekte verdient haben, in eine Kunstsammlung aufgenommen zu werden. Dabei scheint die ästhetische Qualität der Kunstwerke eine unveräußerliche Eigenschaft zu sein. Dies würde bedeuten, dass es anscheinend nicht relevant ist, in welchem Kontext ein Kunstwerk wahrgenommen wird. Jede private Sammlung bildet jedoch einen spezifischen Kontext der Wahrnehmung, so dass ein bestimmtes Kunstwerk entweder in die Sammlung passt oder nicht. [1]

Demnach versteht sich die ästhetische Qualität eines Kunstwerks als eine kontextabhängige und sammlungsabhängige Größe. Denn das Sammeln ist nicht nur ein bloßes Akquirieren von Gegenständen, die als ästhetisch wertvoll gelten. Vielmehr geht es darum, bestimmte Sammlerstrategien, neue Perspektiven und ästhetische Qualitäten zu finden. In der Regel ist ein Sammler sehr innovativ und trägt für das Funktionieren der Kunst genauso Bedeutung wie die Künstler selbst. Indem der Sammler ein Kunstwerk seiner Sammlung hinzufügt, entstehen neue ästhetische Zusammenhänge von Kunstwerken und Positionen. [2]

Durch die intensive Auseinandersetzung mit den begehrten Kunstwerken findet eine Auswahl für die eigene Sammlung statt. Bei dieser Selektion nimmt der Sammler mehrere Positionen gleichzeitig ein. Er ist Kritiker, Kurator, Kunsthistoriker und Architekt in einem. Ein Sammler betrachtet die eigene Sammlung unter kunsthistorischen Gesichtspunkten, aus der Sicht eines Kurators sowie eines antizipierenden Betrachters. Er kann die Sammlung auch unter dem Vermittlungsaspekt wahrnehmen. [3] Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Privatsammler in manchen Fällen auch die Position des praktizierenden Künstlers einnimmt. Nach Marcel Duchamp, einem bedeutenden Konzeptkünstler, ist:

„Der wahre Sammler ein Künstler – im Quadrat. Er wählt seine Bilder aus und hängt sie sich an seine Wände: Mit anderen Worten, er malt sich seine Sammlung.“ [4]

So kann eine private Sammlung ein Ergebnis schöpferischer Aktivität sein und als ein zu bewahrendes Gesamtkunstwerk angesehen werden. [5]

Ob eine Sammlung als eine urheberrechtlich zu schützende Sammlung verstanden wird, ist nach Maßstäben des Urheberrechts im Einzelfall zu klären. Im Sinne des § 4 Abs. 1 UrhG wird ein Sammelwerk wie ein selbstständiges Werk geschützt, wenn diese aufgrund der Auswahl oder Anordnung der Elemente eine persönliche geistige Schöpfung ist. Die Auswahl der Objekte muss zu erkennen geben, dass die Sammlung etwas Neues oder Eigentümliches bietet. Der Sammler sollte die Objekte nach einem bestimmten Leitgedanken sammeln, sichten, ordnen und aufeinander abstimmen. Das individuelle Ordnungsprinzip durch Einteilung, Präsentation und Zugänglichmachung muss ersichtlich sein, sodass eine Unterscheidung zu einer anderen Sammlung möglich ist. Wesentlich ist, dass die Auswahl oder die Anordnung der Sammlungsgegenstände einen geistigen Gehalt ausdrückt, der über die Summe der Inhalte der einzelnen Kunstwerke Bestand hat. [6] Letztlich ist in einem Streitfall juristisch zu prüfen, ob eine Privatsammlung tatsächlich ein urheberrechtlich zu schützendes Sammelwerk darstellt. Zudem kann es sich bei einer Privatsammlung aufgrund von kunsthistorischen Aspekten um ein kulturelles Erbe handeln, welches ebenso zu schützen gilt. [7]

Je intensiver sich der Sammler mit seinem Sammelgebiet auseinandersetzt, um so mehr findet eine Spezialisierung statt und desto umfangreicher werden die Detailkenntnisse. Der Sammler entwickelt selbstständig ein eigenes Urteilsvermögen in qualitativer Hinsicht. Dadurch erscheint seine konzentrierte Sammlung inhaltlich überzeugend. [8] Die angehäuften Kunstobjekte treten zu einem Portrait des Sammlers zusammen. Der Satz: Zeige mir Deine Sammlung, und ich sage Dir, wer Du bist, unterstreicht, dass die private Kunstsammlung in ihrer Gesamterscheinung letztlich eine bestimmte Identität zum Ausdruck bringt. Diese Identität führt auf die Person zurück, auf deren Entdecken und Entscheidungsfreude die Sammlung basiert. [9]

Prinzipiell ist eine zeitgenössische Kunstsammlung nicht als ein passives Aufbewahren der künstlerischen Vergangenheit zu verstehen. Sie ermöglicht eine Vervollständigung und eine Weiterführung. Wie ein Künstler denkt ein Sammler an neue Kunstwerke, die in der Sammlung noch fehlen. Charakteristisch für eine Sammlung zeitgenössischer Kunst ist demnach, zukunftsorientiert und nie abgeschlossen zu sein. [10]

  • [1] Vgl. Groys 2000, S. 227.
  • [2] Vgl. ebd..
  • [3] Vgl. Weibel 1999, S. 199; Irrek 1994, S. 11.
  • [4] Irrek 1994, S. 8.
  • [5] Vgl. Til u. von Wiese 2007, S. 11; Lynen 2009, S. 103 f..
  • [6] Vgl. Dreier 2006, § 4, Rn. 11; Ahlberg 2000, § 4, Rn. 8, 15, 21; Lynen 2013c, S. 24 ff..
  • [7] Siehe zum Kulturgüterschutz das Unterkapitel 3.3.1.
  • [8] Vgl. Schroeter-Herrel 2000, S. 72 f..
  • [9] Vgl. Adriani 1999, S. 13.
  • [10] Vgl. Groys 2000, S. 228.
 
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