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2.4 Die Rolle des Kunstsammlers

Vielen Kunstsammlern liegt viel daran, Künstler durch ihre Ankäufe und ihr Engagement intensiv zu fördern und bekannt zu machen. Ebenso haben sie große Freude daran, ihre Wertschätzung der eigenen Sammlung zu teilen. Im Folgenden wird der Kunstsammler als Stakeholder auf dem Kunstmarkt betrachtet und in einen Zusammenhang mit der Rolle des Mäzens aus traditioneller und gegenwärtiger Sicht gebracht.

2.4.1 Der Kunstsammler als Stakeholder auf dem Kunstmarkt

Innerhalb des globalen Kunstsystems wird den Kunstsammlern eine bedeutende Rolle zugesprochen. Gegenwärtig genießen sie zu Lebzeiten hohe Anerkennung und ein beachtliches Renommee. [1]

Wie bereits zum Ausdruck gebracht, agieren zahlreiche Kunstsammler auf dem hochpreisigen Kunstmarkt für zeitgenössische Kunst. Da das Preisgefüge für bestimmte Kunstwerke für zeitgenössische Kunst bereits im sechsbis siebenstelligen Bereich angekommen ist, bleiben kaufkräftige Kunstsammler gewissermaßen unter sich. Indem ein Kunstsammler für einen Künstler mehrere hunderttausend Euro einsetzt, übt er in Abstimmung und Zusammenarbeit mit der entsprechenden Galerie Einfluss auf die Preisgestaltung aus. [2]

Dass die Kunstsammler aufgrund ihrer Kaufkraft mittlerweile auf dem deutschen und internationalen Kunstmarkt den Ton angeben, ist aus Sicht der Galeristen nachvollziehbar. Aus ökonomischen Gründen einer Galerie sind die Kunstsammler die heutigen Stakeholder[3] des Kunstmarktes. Sie gelten in der Regel als zuverlässige Käufer. Ein Anruf in einer Galerie genügt, damit ein gewünschtes und verfügbares Kunstwerk an den Privatsammler geliefert wird. Ein Privatsammler befindet sich in der Regel in einer flexiblen Situation. Eigenständig entscheidet er über Ankäufe, wie es der schnelllebige Kunstmarkt erfordert. Im Kunstsystem nimmt der Sammler folglich als Stakeholder eine der mächtigen Positionen ein. Der Kunstmarkt lebt von den Privatsammlern, denn sie beleben den Markt von Angebot und Nachfrage künstlerischer Produktion. [4] Aus diesen Gründen werden einige Kunstsammler bevorzugt behandelt. Sofern eine Galerie mit einem vertrauten Sammler mehrere Verkäufe erfolgreich abgeschlossen hat, können sich bei einem mehrstelligen Preis für ein Kunstwerk Rabatte in Höhe von 20 bis 25% ergeben. Beispielsweise übernehmen Galerien anfallende Kosten für die Rahmungen größerer Kunstwerke. [5]

Für Galerien ist es entscheidend, welchem Sammler bestimmte Kunstwerke verkauft werden. Gegenüber langjährigen Kunden besteht das Vertrauen, dass verkaufte Kunstwerke nicht in wenigen Jahren auf dem Sekundärmarkt weiterverkauft werden. Zudem besteht die Gewissheit, dass sich ein Kunstwerk bei einem bekannten Sammler in guten Händen befindet. Dabei wird die Hoffnung, dass das Kunstwerk früher oder später in einem öffentlichen Museum bewahrt wird, nicht ausgeschlossen. Einige Galerien haben sich dazu entschlossen, bei einem Kaufvertrag auf bestimmte Klauseln zu bestehen, die einen Weiterverkauf auf dem Auktionsmarkt verhindern sollen. Eine beispielhafte Abmachung wäre, dass ein Käufer ein Kunstwerk erst nach zehn Jahren auf dem Kunstmarkt weiterverkaufen darf. Oder anders, bei einem vorzeitigen Verkauf soll das Kunstwerk als erstes der Galerie zum Rückkauf angeboten werden. Auf diese Weise versuchen die Galeristen die Marktpreise ihrer Künstler zu regulieren und starke Preisanstiege auf dem internationalen Auktionsmarkt zu vermeiden. [6]

Dass Privatsammler Auktionspreise von Kunstwerken der Künstlern hochtreiben, die in der eigenen Sammlung vertreten sind, ist ein bekanntes Tabuthema. Privatsammler können die Preisbildung der Auktionswerte beeinflussen, indem sie bei Auktionen mitbieten und die Preise auf ein bestimmtes Niveau bringen. Ziel dabei ist, die Kunstmarktpreise der Künstler zu stabilisieren, in die sie investiert haben. Auf diese Weise können Privatsammler die Künstler ihrer eigenen Sammlung gegenüber der globalen Kunstwelt verteidigen. [7] Ebenso beeinflusst ein Sammler die Preisbildung mit, wenn er mehrere Kunstwerke eines bestimmen Künstlers eines Tages auf dem internationalen Kunstmarkt anbietet. Die Galeristen befürchten eine Verschlechterung des Marktwertes des Künstlers, wenn einige Kunstwerke auf Auktionen angeboten werden und unverkauft bleiben. Anderseits kann es zu einem starken Preisanstieg kommen, sodass die Galerie ihre Primärpreise ebenso erhöht. [8]

Auch aus der Sicht der Künstler spielen die Privatsammler eine immer stärkere Rolle für die eigene Existenzsicherung. Für eine erfolgreiche Künstlerkarriere ist es notwendig, von einer anerkannten Galerie vertreten zu werden. Die professionell arbeitenden Galerien pflegen neben ihren Sammlerkontakten ihre Beziehungen zu Museumsdirektoren und Ausstellungsmachern. Ziel dabei ist, Künstlerpositionen bekannt zu machen und weiterzuvermitteln. [9] In Deutschland gibt es Sammler, die mit Künstlern eine aktive Zusammenarbeit suchen. Einige Sammler strecken Künstlern ein bestimmtes Budget zu Jahresbeginn vor, um Materialkosten und Atelierkosten decken zu können. Als Entschädigung erhalten die Sammler neu produzierte Kunstwerke. Gleichzeitig fördern Sammler junge Künstler, indem sie Ankäufe in Galerien tätigen, Leihgaben in Ausstellungen geben oder in eigenen Schauräumen Ausstellung organisieren. [10] Hat ein Künstler mehrere ernsthafte Sammler, die regelmäßig Kunstwerke kaufen, kann der Künstler frei arbeiten und seine Lebensunterhaltskosten finanzieren. Auch mittlere Sammler sind für den funktionierenden Primärmarkt wichtig. Ohne die kleinen, mittleren und großen Kunstsammler kann ein junger Künstler kein dauerhaftes Œuvre entwickeln. [11] Daher ist es wünschenswert, dass möglichst viele Sammler zahlreiche Kunstkäufe tätigen. Für jeden Künstler ist es daher von immenser Bedeutung, mit einem dauerhaften, ernsthaften und vertrauten Sammler zusammenzuarbeiten.

Die deutsche Kunstszene ist geprägt von über 3000 Sammlern, die in Zusammenarbeit mit den Kunstinstitutionen ein sich gegenseitig stabilisierendes Netzwerk bilden. [12] Dieses Netzwerk macht Künstlerpositionen bekannt. Künstler erfahren Anerkennung und Wertschätzungen unter den Galeristen, Sammlern, Kuratoren und Museumsdirektoren. Durch die finanzielle Kraft gelten die Privatsammler als die Stakeholder in diesem Netzwerk. Sie leisten finanzielle Unterstützungen für Ausstellungen und Förderungsprogramme für Künstler. Die Autorin ist der Ansicht, dass durch dieses Engagement und Renommee die prominenten deutschen Privatsammler zu Stars der Kunstszene geworden sind. Sie besitzen die Kaufkraft, fördern junge Künstler und leben bzw. zelebrieren den Lifestyle. [13] Das private Sammeln lässt sich als ein internationales Phänomen begreifen. Es führt zu der Tendenz, dass Kunstsammler ihre eigenen öffentlich zugänglichen Privatmuseen oder Kunsträume errichten. [14] Durch diese Entwicklung ist insbesondere das soziale Prestige eines Kunstsammlers enorm gestiegen. Der Sammler als Stakeholder tritt mit seiner Sammlung, seinem Bemühen und seiner Selbstdarstellung in die Öffentlichkeit. [2] Diese Privatmuseen grenzen sich von öffentlichen Museen ab, da sie weniger akademisch und fachwissenschaftlich auftreten. Sie stellen jedoch eine Konkurrenz in der Museumslandschaft dar. [16] Unter modernen Formen des Managements zeichnen sich die Privatmuseen durch eine zeitgemäße und serviceorientierte Haltung gegenüber ihren Besuchern aus. Sie sind frei von institutionellen Bedingungen, kaufen nach subjektiven Vorstellungen Kunstwerke an und können schnell auf Veränderungen auf dem globalen Kunstmarkt reagieren. Ebenso liegt es in der Entscheidung des Privatsammlers, Kunstwerke wieder zu verkaufen. Es bleibt lediglich eine Frage der Ethik des Bewahrens innerhalb eines Privatmuseums, die sich an den traditionellen Kernaufgaben eines öffentlichen Museums orientiert. [17]

Privatsammler sind heutzutage als diejenigen Stakeholder in der Kunstszene zu verstehen, die die Idee des öffentlichen Museums weiter fortführen. [18] Sofern ein Sammler mit einem öffentlichen Museum zu Lebzeiten keine Kooperation eingehen will, wäre ein Privatmuseum eine Alternative. Die Gründe, die für ein Privatmuseum sprechen, werden in dieser Arbeit nicht thematisiert. [19] Wie die Zukunft eines Privatmuseums aussehen wird, hängt von der Interessenlagen des Privatsammlers ab. Möglicherweise ergeben sich Kooperationsmöglichkeiten mit öffentlichen Museen. Diese werden in Kapitel 4 ausführlich thematisiert. [20]

  • [1] Vgl. Ridler 2011, S. 9.
  • [2] Vgl. Fleck 2013, S. 75.
  • [3] Als Stakeholder wird eine Person oder Personengruppe bezeichnet, die aktiv an einem Prozess beteiligt ist und durch den Verlauf oder durch das Ergebnis beeinflusst wird bzw. diese selbst beeinflussen kann.
  • [4] Vgl. Weibel 2011, S. 96.
  • [5] Vgl. Schmid 2007, S. 77.
  • [6] Vgl. a.a.O., S. 8; 70.
  • [7] Vgl. Jocks 2011, S. 34; Lewis 2011, S. 81.
  • [8] Vgl. Schmid 2007, S. 128.
  • [9] Vgl. Weibel 2011, S. 98; siehe auch Pfennig 2008, S. 157.
  • [10] Vgl. Fleck 2013, S. 76.
  • [11] Vgl. a.a.O., S. 75; sowie Davenport 2012; Maak 2011, S. 47.
  • [12] Vgl. Schmid 2007, S. 41; Maak 2011, S. 49. Seit September 2013 stellt Larry's List dem internationalen Kunstmarkt eine Datenbank mit Informationen über internationale Kunstsammler mit verschiedenen Sammlungsgebieten gegen eine Nutzungsgebühr online zur Verfügung. So haben Galeristen und Museumsdirektoren die Möglichkeit, weltweit Sammler zu finden. Siehe dazu Resch 2014; Lütkemeier 2013.
  • [13] Vgl. Reichardt 2010; siehe auch Weibel 2011, S. 98; siehe zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst als Lifestyle Kapitel 2.2.2.
  • [14] Ulmer 2010, S. 30 f.; siehe dazu auch die Reiseführer: Heckmüller 2011; Independent Collectors and BMW 2013. Diese stellen Privatmuseen u.a. in Deutschland vor. Allein die deutsche öffentliche Museumslandschaft wurde bereits durch über 40 Privatmuseen und Ausstellungsräume ergänzt.
  • [15] Vgl. Fleck 2013, S. 75.
  • [16] Vgl. Ridler 2011, S. 13.
  • [17] Vgl. Ulmer 2010, S. 31; Boll 2010a, S. 44 f.. Die musealen Kernaufgaben eines öffentlichen Museums werden im folgenden Kapitel 3.2 ausführlich besprochen.
  • [18] Vgl. Maak 2011, S. 51 f..
  • [19] Welche Gründe für eine Realisierung eines Privatmuseums ausschlaggebend sind, untersucht Ridler 2012 ausführlich.
  • [20] Als Paradebeispiel ist an dieser Stelle die Sammlerin Ingvild Goetz zu nennen, die zum 1.1.2014 und ihrem 20-jährigen Jubiläum der Sammlung Goetz ihr privates Museumsgebäude sowie Teile der einzigartigen Medienkunstsammlung an den Freistaat Bayern verschenkt hat. Siehe dazu Kapitel 4.4.6.
 
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