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3.5.2 Der Prozess des Deaccessioning

Wie schon festgestellt wurde, sind die öffentlichen Museen kaum noch in der Lage, Ankäufe auf dem Niveau der jeweiligen Sammlungen zu finanzieren. In diesem Kontext wird der Verkauf von Kunstwerken aus öffentlichen Sammlungen in der Kulturpolitik und in der kunstinteressierten Öffentlichkeit thematisiert. Der so bezeichnete Prozess des Deaccessioning stellt eine Gelegenheit dar, finanzielle Mittel für Neuankäufe zu generieren. [1]

Zeitungsberichten zufolge geraten in Zeiten der finanziell schwierigen Haushaltslage Museen in die Situation, Kunstwerke auf dem Kunstmarkt verkaufen zu müssen. Beispielsweise wurde der Fall des Wilhelm Lehmbruck Museums in Duisburg in den überregionalen Feuilletons diskutiert. Der nun ehemalige Direktor überlegte im Jahr 2012 die Skulptur „Das Bein“ (1958) von Alberto Giacometti zu veräußern und mit einem Teil des Erlöses ein Wandbild des Künstlers zu kaufen. Dass es sich hierbei um finanzielle Engpässe handelte, ist nicht auszuschließen. [2] Für das Museum wurde diese Skulptur vor Gründung mit Hilfe eines Kulturkreises und mehreren Unternehmen erworben. Allein den Verkauf eines gespendeten Kunstwerkes in Erwägung zu ziehen, gilt als ein verheerendes Zeichen. Potenzielle Stifter und Spender schreckt dieses Verhalten verständlicherweise ab. [3] Letztlich wurde die Skulptur nicht verkauft und blieb als ein Hauptwerk im Bestand der Sammlung des Lehmbruck Museums.

In der Tat kann es in öffentlichen Museen zu der Situation kommen, dass nicht alle angesammelten Objekte weiter im Bestand bewahrt werden können oder sollen. Aus unterschiedlichen Gründen kann es sinnvoll sein, sich von einzelnen Beständen zu trennen. Folgende Argumente sprechen für einen Verkauf von Kunstwerken aus einer Museumssammlung.

Durch die Reduzierung des Bestands kann der Sammlungsschwerpunkt gestärkt werden. Ankäufe von qualitativ besseren Objekten führen zu einer Qualitätsverbesserung. Es kann auch sein, dass durch die Schärfung des Sammlungskonzeptes bestimmte Kunstwerke nicht mehr in die Sammlung passen. Oder es handelt sich um bestimmte Einzelstücke, die in der Sammlung eine isolierte Position einnehmen und keinen inhaltlichen Bezug zum Rest der Sammlung aufweisen. [4] Ob bestimmte Kunstwerke in der Museumssammlung verbleiben oder abgegeben werden sollen, muss ein Museumsbetrieb selbst entscheiden.

Im Fall des im Archivwesen bekannten Prozesses des Deaccessioning haben sich Museen an Richtlinien zu halten, die der ICOM Code of Ethic vorgibt. [5] Die Abgabe von Sammlungsgegenständen stellt eine absolute Ausnahme dar. Die Kernpunkte der Richtlinien besagen, dass die Voraussetzung für jede mögliche Abgabe das Vorliegen einer schriftlich fixierten Sammlungskonzeption ist. Zudem muss das betreffende Kunstwerk einem anderen öffentlichen Museum angeboten werden. Werden durch einen Verkauf finanzielle Mittel erzielt, sind diese zwingend dem Sammlungsetat hinzuzufügen. [6] Daher stellt der Verkauf eines Kunstwerkes eine ungeliebte Möglichkeit dar, die Sammlung zu straffen. [7] Diesen Richtlinien zufolge ist im Fall einer Aussonderung ein hohes Maß an professioneller Urteilsfähigkeit gefordert. Die Ausgliederung eines Objektes aus einem öffentlichen Sammlungsbestand sollte unter besonderer Berücksichtigung des kulturellen Wertes geschehen. Der Marktbzw. Versicherungswert sind dafür nicht relevant. Erfolgt die Ausgliederung verantwortungsvoll und museologisch korrekt, dann steht nicht der Verkauf, sondern die Eingliederung des Objektes in einen anderen musealen Bestand im Vordergrund. Der kunsthistorische Wert wird durch die Einordnung in einen neuen musealen Kontext verstärkt. Die Weitergabe eines Kunstwerks führt schließlich zu einer sinnvollen Erweiterung der bestehenden Sammlung des Empfängers. Damit sind gleichzeitig ein Erhalt und eine Zugänglichkeit des Kunstwerks für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung gesichert. [8]

Auch folgende Aspekte sprechen für einen Verkauf von Kunstwerken. Eine Museumssammlung entwickelt sich immer weiter. Erst durch Veränderungen im Bestand lassen sich Qualität und Stringenz einer Kunstsammlung aufzeigen. Konsequenterweise wären Verkäufe auf dem internationalen Kunstmarkt mit hohen Einnahmen durchaus möglich. Es gibt dabei allerdings Grenzen. Zunächst sollte geklärt werden, ob es sich um Ankäufe des Museums durch eigene Erwerbungen oder aber um Stiftungen oder Schenkungen von Einzelwerken oder Sammlungen bzw. sogar um Dauerleihgaben handelt. [9] Im Fall von Stiftungen, Schenkungen und Dauerleihgaben sind Verkäufe in der Regel nicht gestattet.

Kunstwerke öffentlicher Kunstsammlungen, die veräußerlich wären, lassen sich in der Regel im Depotbestand finden. Dies stellt allerdings ein Problem für den Verkauf dar. Zum einen besitzen die Kunstwerke aus dem Depot meist nicht die Qualität wie bereits ausgestellte Werke. Demnach sind auf dem internationalen Kunstmarkt auch keine hohen Preise für diese Werke zu erwarten. Zum anderen sollten öffentliche Museen einen qualitätsvollen Bestand von Kunstwerken im Depot bewahren. Diese können an die Stelle jener Kunstwerke treten, die als Leihgaben für Ausstellungen anderer Museen zur Verfügung gestellt werden. [10] Im Rückblick kann sich ein Verkauf als eine unglückliche Entscheidung herausstellen. Denn verkaufte Kunstwerke hinterlassen für die nachfolgenden Generationen oft nicht zu schließende Lücken. Die über Jahrzehnte gewachsene Sammlung stellt einen Komplex dar, der für die zukünftige Orientierung von wesentlicher Bedeutung sein kann. [11] Daher sind einem Verkauf von Kunstwerken aus einer öffentlichen Sammlung Grenzen gesetzt. [12]

Letztlich verneint das museale Ziel „Kunstwerke dauerhaft für die nachfolgenden Generationen zu bewahren“ den Prozess der Aussonderung. So gilt das Verkaufen von Kunstwerken aus ökonomischen Gründen zu unterlassen. Dieser Problematik ist sich die internationale Museumswelt bewusst und versucht diese durch den ICOM Code of Ethic zu verhindern. Generell wird die Veräußerung von Kunstwerken öffentlicher Museen in Deutschland als unkultiviert und als ein Tabuthema angesehen. Kunstgegenstände, die im Besitz eines Museums sind, gelten im Allgemeinen als nicht veräußerlich. Selbst in schlimmsten finanziellen Notlagen sollte ein Museumsdirektor versuchen, die Kunstgegenstände nicht zu verkaufen. [13] Verkaufspläne aus Museumsbeständen werden in der Museumspraxis als ein Hilferuf oder als eine Kritik an der Arbeit des Museumsdirektors interpretiert. In beiden Fällen wird das Ansehen der Institution geschwächt. [14]

Nach Abwägung dieser Argumente befürwortet die Autorin einen Verkauf oder Tausch von Kunstwerken aus einer musealen Sammlung in Ausnahmefällen. Wie bereits betont, müssen Kunstwerke in eine definierte Sammlungsstrategie passen. Die gesamte Sammlung prägt das Profil des zeitgenössischen Museums mit. Sofern sich im Depot ein Kunstwerk befindet, welches nicht in das eigene Sammlungskonzept passt, sondern sich besser in eine andere Museumssammlung integrieren lässt, so befürwortet die Autorin einen Verkauf oder Tausch. Zeigt das andere Museum für dieses Kunstwerk kein Interesse, so ist es konsequent, dieses auf dem internationalen Kunstmarkt zu verkaufen. Die Autorin empfiehlt, mit dem erzielten Erlös ein weiteres Hauptwerk der zeitgenössischen Kunst oder mehrere Werke jüngere Positionen anzukaufen.

  • [1] Vgl. Deutscher Museumsbund 2011, S. 51.
  • [2] Vgl. Rossmann 2012a, S. 25.
  • [3] Vgl. Rossmann 2012b, S. 27.
  • [4] Vgl. Deutscher Museumsbund 2011, S. 31.
  • [5] Vgl. ICOM International Council of Museums 2013, S. 4 f..
  • [6] Vgl. Deutscher Museumsbund 2011, S. 28.
  • [7] Vgl. Mercker 2010; Feldstein 1991, S. 3.
  • [8] Vgl. Deutscher Museumsbund 2011, S. 33; Flügel 2005, S. 33.
  • [9] Vgl. Mercker 2010; siehe hierzu das nächste Kapitel 4.
  • [10] Vgl. Deutscher Museumsbund 2011, S. 52.
  • [11] Vgl. ebd..
  • [12] Vgl. a.a.O., S. 53.
  • [13] Vgl. Pomian 1988, S. 15.
  • [14] Vgl. Grasskamp 2012, Z3.
 
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