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4.4.2 Die Sammlung Brandhorst als Teil der Bayerischen Staatsgemäldesammlung München

Das kinderlose Kölner Sammlerehepaar Anette und Udo Brandhorst gründeten 1993 eine rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts unter dem Namen Udo und Anette Brandhorst Stiftung mit Sitz in München. Diese untersteht der Aufsicht der Regierung von Oberbayern. Das Stiftungsvermögen besteht aus einer Kunstsammlung mit Werken des 20. und 21. Jahrhunderts und einem Kapitalstock von 120 Mio. Euro. Die Erträge sind für den Stiftungszweck, dem kontinuierlichen Ausbau der Kunstsammlung sowie der Förderung wissenschaftlicher und künstlerischer Projekte einzusetzen. [1]

Kurz nach dem Tod der Henkel-Erbin[2] Anette Brandhorst 1999 wurde eine Kooperation in einem Dreiecksverhältnis zwischen dieser Stiftung, der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und dem Freistaat Bayern geschlossen. Diese zielt darauf, die zeitgenössische Kunstsammlung der Udo und Anette Brandhorst Stiftung in Form einer Dauerleihgabe in einem eigens dafür errichteten Museum Brandhorst für den Freistaat Bayern zu sichern. [3] An den Vorbereitungen dieser Kooperation hatte die verstorbene Stifterin noch mitgearbeitet.

Die zeitgenössische Kunstsammlung der Udo und Anette Brandhorst Stiftung umfasst über 1000 Kunstwerke. Unter anderem zählen Werke der klassischen Avantgarde von Malewitsch, Schwitters und Picasso sowie der europäischen Nachkriegsmoderne von Beuys, Palermo, Polke, Kounellis und Merz zu dieser Sammlung. US-amerikanische Kunst wird vertreten durch Werke von Chamberlain, Flavin, Nauman, Tuttle, de Maria. Ein besonderer Schwerpunkt wurde durch über 100 Werke von Warhol gelegt. Weltweit einmalig ist ebenso der Schwerpunkt von über 170 Kunstwerken des Amerikaners Twombly. Der Bezug zur Gegenwartskunst besteht durch Werke von Hirst, Kelly sowie Medienkünstlern wie Julien, Sala, Douglas. [4]

Der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemälde Sammlung Klaus Schrenk befürwortet die Partnerschaft zwischen privater und öffentlicher Hand:

„Dass München damit einen Schatz an zeitgenössischer Kunst hinzugewinnt, den der Freistaat Bayern aus eigener Kraft nicht hätte ansammeln können, dass die Allianz zwischen der Pinakothek der Moderne und dem Museum Brandhorst den Kunststandort in einen internationalen Fokus rückt, gehört zu den Früchten des Dialogs zwischen privater und staatlicher Seite, zwischen individuellem Idealismus und öffentlichem Pragmatismus, und dies zum Nutzen der Öffentlichkeit.“ [5]

In diesem Dreiecksverhältnis verpflichtete sich der Freistaat Bayern, für die gesamte Sammlung einen Neubau mit 3.200 qm Ausstellungsfläche und Baukosten in Höhe von 48 Mio. Euro in unmittelbarer Nähe der Pinakothek der Moderne in München zu errichten. [6] Die Entscheidung für diesen Museumsneubau (August 2005) beruhte zudem auf finanziellen Gründen. Die Staatsregierung rechnete mit anfallenden Erbschaftsteuern, die der Sammler Udo Brandhorst zu zahlen hatte. Diese Steuereinnahmen sollten für die Kostendeckung des Museumsneubaus verwendet werden. [7] Der Sammler Udo Brandhorst beteiligte sich demnach nicht direkt an den Baukosten. Heute fällt das am 18. Mai 2009 eröffnete Museum Brandhorst insbesondere durch die Museumsarchitektur in dem Münchener Kunstareal auf. Dieses gestaltete das Berliner Architekturbüro Saubruch Hutton von außen mit 36 Tsd. Keramikstäben in 23 verschiedenen Farben. [3]

Zudem übernimmt der Freistaat Bayern die fortlaufenden Betriebsund Personalkosten des Museums Brandhorst als Teil der Bayerischen Staatsgemäldesammlung. [9] Allein die Position des Museumsdirektors, die gleichzeitig die Geschäftsführung der Udo und Anette Brandhorst Stiftung beinhaltet, wird von dieser Stiftung finanziert. [10] Dies ist insofern vorteilhaft, als dass letztlich die Stiftung über die Besetzung dieser Position bestimmt und eine direkte Nähe zwischen dem öffentlich getragenen Museum Brandhorst und der Udo und Anette Brandhorst Stiftung besteht.

Auch im Zusammenhang mit der Ankaufspolitik ist diese Direktionsposition und gleichzeitige Geschäftsführerposition der Stiftung von wesentlicher Bedeutung. Durch den Stiftungszweck bestimmt, werden die Erträge der Stiftung für den Ausbau der Sammlung sowie für Förderung wissenschaftlicher und künstlerische Projekte eingesetzt. [11] Die Stiftungserträge ermöglichen einen kontinuierlichen Ankauf von Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, der allein aus öffentlichen Mitteln undenkbar wäre. Im Austausch und in Absprache mit der Pinakothek der Moderne soll die Sammlung Brandhorst weiterentwickelt werden. [12] Ziel ist es, Wiederholungen und Verdoppelungen der beiden Sammlungen zu vermeiden, die Sammlungskomplexe zu verbinden und die jeweiligen Stärken hervorzubringen. [13] Die Entscheidung, für welche Kunstwerke oder Projekte finanzielle Mittel aus den Stiftungserträgen bereit gestellt werden, treffen allein der Stiftungsvorsitzende (Udo Brandhorst) und der Direktor des Museums Brandhorst als gleichzeitiger Geschäftsführer der Stiftung. Der weitere Kooperationspartner, der Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, hat dementsprechend kein Mitspracherecht bei Entscheidungen von Neuankäufen. Er kann lediglich Vorschläge für Ankäufe einreichen. [10]

Beispielsweise wurden in der Amtszeit des Museumsdirektors Armin Zweite (2008 bis 2013) Werkkomplexe von Twombly und Warhol als ein Motivationsschub für die Entscheidung zum Neubau des Museums Brandhorsts aus Stiftungsmitteln erworben. [15] Die Neuankäufe zählen wie die gesamte Sammlung zum Eigentum der Stiftung und stehen als Dauerleihgaben dem Museum Brandhorst zur Verfügung. [10] Durch die freundschaftliche und respektvolle Zusammenarbeit zwischen Zweite und dem Stifter konnte die Sammlung in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.

Seit November 2013 wird das Museum Brandhorst von Achim Hochdörfer geleitet, der seine Tätigkeit als Direktor der Sammlung Udo und Anette Brandhorst und als Geschäftsführer der Udo und Anette Brandhorst Stiftung aufgenommen hat. [17] Er hat sich zum Ziel gesetzt, mehr zeitgenössische Kunst in das Museum zu integrieren und die Dauerausstellung Anfang 2014 umzuhängen. Ebenso plant er im Eingangsbereich Diskussionsund Abendveranstaltungen durchzuführen. Sein erstes großes Ausstellungsprojekt soll im Jahr 2015 zum Thema der Malerei im elektronischen Zeitalter realisiert werden. [18]

Zukünftig Bestand wird diese Kooperation haben, wenn diese drei Partner kooperativ miteinander agieren und gemeinsam Entscheidungen treffen. Entscheidungen in Bezug auf Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen und die weitere Entwicklung der jeweiligen Sammlungen sollten abgestimmt werden. [13]

An diesem Beispiel verdeutlicht sich die Dreiecksbeziehung der Kooperation in Form einer Dauerleihgabe zwischen dem Freistaat Bayern, der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und der Udo und Anette Brandhorst Stiftung. Zudem wird ersichtlich, auf welche Art und Weise sich der Sammler Udo Brandhorst eine Art Mitspracherecht eingeräumt hat. Indem der Museumsdirektor nur in Absprache mit dem Stiftungsvorsitzenden Entscheidungen über Neuankäufe treffen kann, bestimmt der Sammler weiterhin über die Einsetzung der Stiftungsmittel. Dies hat zur Folge, dass auch in Zukunft die Stiftung Udo und Anette Brandhorst und das Museum Brandhorst als Einrichtung der Pinakotheken München kooperieren und im Einverständnis handeln müssen. Die Gelder der Stiftung stellen für das Museum Brandhorst keine frei verfügbaren Mittel dar, sondern werden dem Stiftungszweck entsprechend eingesetzt. In überregionalen Feuilletons wurde der Neubau des Museum Brandhorst kritisch besprochen. Ob die Sammlung tatsächlich eine Einzigartigkeit verspricht, Lücken der zeitgenössischen Kunst in bayerischen Sammlungen schließt und einen Neubau rechtfertigt, bleibt zur Diskussion offen. [20] Das Museum Brandhorst wird zukünftig allein durch den Zusammenhalt mit der Udo und Anette Brandhorst Stiftung und deren Erträge für Ankäufe mächtig bleiben. Die bayerischen Pinakotheken, die zu den bayerischen Staatsgemäldesammlungen zählen, können von diesem Ankaufsetat nur träumen. Die Autorin ist der Ansicht, dass die Chancen und Möglichkeiten für das gemeinsame Ziel der Kooperation geschaffen wurden. In der Dreiecksbeziehung kann die zeitgenössische Kunstsammlung im Museum Brandhorst erfolgreich bewahrt werden.

Die optimalen Rahmenbedingungen wurden durch den modernen Museumsbetrieb geschaffen, um mit der Sammlung zu arbeiten, diese auszustellen und weiter auszubauen.

  • [1] Vgl. Presseinformation Museum Brandhorst 2009b; Presseinformation Museum Brandhorst 2009a.
  • [2] Die Unternehmerfamilie Henkel ist eng mit der Firmengeschichte des 1876 gegründeten und in Düsseldorf ansässigen Konsumgüterund Industrieunternehmen verbunden, welches mit den bekannten Marken wie Persil, Schwarzkopf und Loctite eine global führende Marktposition einnimmt.
  • [3] Vgl. Presseinformation Museum Brandhorst 2009a.
  • [4] Vgl. Presseinformation Museum Brandhorst 2009a.
  • [5] Baumstark u. Schrenk 2009, S. 8.
  • [6] Vgl. Presseinformation Museum Brandhorst 2009a; Presseinformation Museum Brandhorst 2009b.
  • [7] Vgl. Hauschild 2004.
  • [8] Vgl. Presseinformation Museum Brandhorst 2009a.
  • [9] Vgl. Baumstark u. Schrenk 2009, S. 8; Zweite 2009, S. 22.
  • [10] Vgl. Sachs 2009.
  • [11] Vgl. Presseinformation Museum Brandhorst 2009b; Zweite 2009, S. 26 f..
  • [12] Vgl. Bayerische Staatsgemäldesammlung 2014.
  • [13] Vgl. Zweite 2009, S. 23.
  • [14] Vgl. Sachs 2009.
  • [15] Vgl. Zweite 2009, S. 22.
  • [16] Vgl. Sachs 2009.
  • [17] Vgl. Presseinformation Museum Brandhorst 2013.
  • [18] Vgl. o. N. 2013b.
  • [19] Vgl. Zweite 2009, S. 23.
  • [20] Vgl. Sachs 2009; Rauterberg 2009.
 
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