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Einleitung

Machen digitale Medien einsam und aggressiv? Wann werden Jugendliche zu Gewalttätern? Nehmen psychische Störungen wie ADHS immer mehr zu, oder ergibt sich dieser Eindruck durch häufigere Berichterstattung in den Medien? Ist Rauschtrinken unter Jugendlichen tatsächlich ein immer ernster werdendes Problem, und nimmt selbstverletzendes Verhalten immer mehr zu? Die Bedingungen, unter denen Jugendliche aufwachsen sind permanenter Veränderung unterworfen, und nicht selten klagen Erwachsene über ihr zunehmendes Unverständnis gegenüber vermeintlichen Fehlentwicklungen oder sogar einem diffusen Bedrohungsgefühl, das zudem von einem raschen technologischen Wandel und der Angst vor diesem befeuert wird. Das Buch hat das Ziel, diese in den Medien oft überspitzt dargestellten Thesen auf ihren Gehalt zu überprüfen. Es behandelt aktuelle und sehr präsente Fragestellungen aus dem Themenspektrum Verhaltensprobleme, gesellschaftlicher Wandel und Auswirkung digitaler Medien auf Jugendliche. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie durch diesen Wandel die psychische Gesundheit von Jugendlichen beeinflusst wird und ob – wie in populärwissenschaftlichen Publikationen oft dargestellt – nachweisbare Gefahren und Fehlentwicklungen existieren. Falls sich die Befürchtungen bestätigen, knüpft sich daran die Frage an, wie man mit den Entwicklungen und gegebenenfalls Gefahren umgehen könnte. Da diese Themen nicht nur in der wissenschaftlichen Community erörtert werden, sondern auch in öffentliche Diskussionen Eingang gefunden haben, sind sie für sehr viele Menschen unmittelbar präsent und relevant.

Das Buch gliedert sich in die drei Bereiche „Phänomene im Kontext digitaler Medien“, „Externalisierendes und aggressives Verhalten“ sowie „Substanzmissbrauch und selbstverletzendes Verhalten“ und umfasst 10 Kapitel, die ausgehend von einer prägnanten Fragestellung das Thema erörtern. In Aufbau und Anlage ist es stark inspiriert durch die erste Publikation der Reihe „Meet the Experts“ zum Themengebiet empirische Bildungsforschung von Birgit Spinath (2014), die mit ihrem Buch einen im wissenschaftlichen Bereich innovativen Ansatz verfolgte: Statt sich einem Thema über die Aufarbeitung der aktuellen Publikationslage zu nähern, wählte sie den inhaltlichen Zugang über die Experten, die auf einem Gebiet arbeiten. Dieser Ansatz wurde auch in diesem Buch verfolgt: Zu jedem Thema wurde ein Interview mit einer Wissenschaftlerin oder einem Wissenschaftler geführt, die oder der auf diesem Gebiet sehr gut ausgewiesen und aktiv forschend tätig ist. Auf diese Weise wird nicht nur der aktuelle Wissensstand deutlich, sondern man kann sich mit den Personen vertraut machen, die hinter der Forschung und den Theorien stehen. Die Interviews können zudem nicht nur im Buch nachgelesen, sondern als Zusatzmaterial in Form von Videoaufzeichnungen angesehen werden. Zu Wort kommen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Sozial-, Medien-, Schulund klinischer Psychologie, der Kinderund Jugendpsychiatrie, Soziologie und Kriminologie, die nicht nur ihre Ergebnisse darstellen und diskutieren, sondern auch einen Blick darauf werfen, wo in ihren Augen gesellschaftliche Herausforderungen bestehen und welche zukünftigen Entwicklungen sie sich persönlich wünschen würden.

Jedem Interview ist eine kurze Einleitung vorangestellt, die die Relevanz und Aktualität darstellt, die Expertin oder den Experten kurz vorstellt und auf weiterführende Informationsquellen hinweist. Die Interviews selbst sind durch Abbildungen und Tabellen angereichert und dort, wo Querbezüge bestehen, miteinander verknüpft. Die den Interviews zugrunde gelegten Quellen finden sich am Ende jedes Kapitels und sind so zum Weiterlesen verfügbar. Anders als wissenschaftsjournalistische Arbeiten haben die Interviews stärker den Charakter einer Fachpublikation, da die Aussagen anhand einschlägiger Quellen belegt werden. Die Interviews selbst entstanden im Rahmen eines Projektseminars zu Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen im Sommersemester 2014 an der Universität Würzburg. Die Interviewleitfäden wurden von den Studierenden selbst erstellt und intensiv diskutiert, und es wurde deutlich, dass nicht nur eine kluge Antwort viel Wissen erfordert, sondern das Gleiche auch für eine kluge Frage gilt. Auf diese Weise wurde im Rahmen der Veranstaltung die Literatur sehr intensiv recherchiert und aufbereitet. Es bot sich die spannende und von den Studierenden mit Begeisterung ergriffene Möglichkeit, die Experten, die sie sonst nur aus der Literatur kennen, selbst zu besuchen und neue Erfahrungen in der Interviewführung und Videografie zu sammeln. Dafür nahmen sie zum Teil weite Wege zu den Stätten wissenschaftlicher Tätigkeit auf sich. Auch für viele der Experten bot sich eine spannende Erfahrung, die eigenen Forschungen nicht im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen, sondern in Form eines Interviews kommunizieren zu können. Und auch für mich war es ein sehr intensives, spannendes und arbeitsreiches Seminar. Ich bin nicht zuletzt froh, dass alle Studierenden wohlbehalten von ihren Studienreisen wieder zurückgekehrt sind und es keine größeren technischen Komplikationen gab.

Mein Dank gilt deshalb vor allem den Expertinnen und Experten, die ihre Zeit für das Interview sowie die Überprüfung und Editierung der Transkripte zur Verfügung gestellt haben, und zum anderen den Studierenden, die sich mit großem Engagement der ihnen übertragenen Aufgabe gewidmet haben. Ohne die brillante Idee von Birgit Spinath zum Ansatz des Buches und zur Gründung der Buchreihe beim Springer-Verlag wäre diese Publikation nicht entstanden, und ebenso wurden die Reisen zu den Expertinnen und Experten erst durch die Sachmittel des Springer-Verlags möglich. Ich möchte deshalb Frau Krämer und Frau Groth aus dem Lektorat von Springer für ihre Begleitung des Projekts und die redaktionelle Betreuung danken. Einen wesentlichen Anteil an der Koordination der Interviewgruppen, der Unterstützung beim Videoschnitt und der Aufbereitung der Transkripte hatte Lisa Eidenschink, die somit tatkräftig zum Gelingen der Publikation beigetragen hat.

Würzburg im Februar 2015,

Wolfgang Lenhard

 
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