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I. Phänomene im Kontext digitalen Vedien

1. Wie beeinflusst die leichte Verfügbarkeit sexueller Medieninhalte die Entwicklung Jugendlicher?

Barbara Krahé

1.1 Einleitung

Wolfgang Lenhard

Seit der Legalisierung sexueller Medieninhalte Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und insbesondere angesichts des digitalen Wandels hat die Verfügbarkeit pornografischer Darstellungen deutlich zugenommen. Laut Untersuchungen der britischen Regierung im Rahmen der Etablierung von Filtersystemen zu Nutzerzahlen pornografischer Internetseiten in Europa entfallen in Deutschland 12,5 % aller Seitenaufrufe auf diese Inhalte (Arthur 2013). Gleichzeitig ist eine effektive Kontrolle durch den Jugendschutz de facto nicht mehr möglich bzw. stoßen Jugendliche im Netz fast zwangsläufig darauf, selbst wenn sie nicht aktiv danach suchen. Hieraus ergibt sich die Fragestellung, in welcher Weise die Entwicklung Jugendlicher durch die Verfügbarkeit pornografischer Inhalte beeinflusst wird. Ergeben sich dadurch Risiken für die Entwicklung und das Verhalten und, wenn ja, worin bestehen diese? Werden Verhalten und Einstellung von Jugendlichen überhaupt beeinflusst, und welche Wirkmechanismen könnten einem Einfluss zugrunde liegen? Ist beispielsweise bereits die bloße Darstellung von Nacktheit problematisch, oder geht es eher um den Erwerb von Handlungsplänen und Rollenerwartungen?

Es fällt auf, dass die Einschätzung des Gefährdungspotenzials oder auch der Toleranz gegenüber sexuellen Medieninhalten interkulturell sehr stark variiert und auch im Laufe der Jahre fortlaufend Änderungen unterworfen ist. Trotz der hohen Alltagsrelevanz für alle Personen, die mit der Erziehung von Jugendlichen zu tun haben, nicht nur im Zusammenhang mit Sexualerziehung und Aufklärung, gibt es bislang nur wenige Forscherinnen und Forscher, die sich dieses Themas annehmen.

Frau Prof. Dr. Krahé von der Universität Potsdam hat umfangreiche Untersuchungen zum Einfluss von Gewalt in Medien auf das Verhalten und die Einstellung von Jugendlichen durchgeführt (z. B. Möller und Krahé 2009; Kap. 2). Der von ihr gewählte längsschnittliche Ansatz erlaubt es, Veränderungen zu dokumentieren und dabei Fragen auch kausal zu erklären wie beispielsweise, ob es sich bei Entwicklungsprozessen um Selektionsoder Sozialisationseffekte handelt. Sie ist Autorin eines Standardwerks zur Aggressionsforschung (Krahé 2013) und arbeitet aktiv an Konzepten, negative Effekte gewalthaltiger Medien durch theoriebasierte Maßnahmen zur Förderung der Medienkompetenz entgegenzuwirken (Krahé und Busching 2014; Möller und Krahé 2013). Sie ist eine der wenigen ExpertInnen, die auch zu den Effekten sexueller Medieninhalte empirisch arbeiten (Krahé 2011), und wie in ihren Arbeiten zu gewalthaltigen Medien stehen dabei Attributionsprozesse und normative Überzeugungen im Zentrum der Forschung.

 
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