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1.2 Interview mit Frau Prof. Dr. Barbara Krahé an der Universität Potsdam

Das Interview führten Alexandra Hertler und Anne Scheffler im Juni 2014. Transkript und Videoschnitt fertigten Sarah Brügesch und Robin Köhler an.

Interviewerin: Guten Tag, Frau Prof. Krahé, Sie sind hier an der Universität Potsdam im Bereich der Sozialpsychologie tätig, haben bereits viel in diesem Bereich geforscht und durch Ihre Publikationen zahlreiche Fachzeitschriften geprägt. Außerdem sind Sie Fellow der British Psychological Society und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Wie sah Ihr Weg hierhin nach Ihrem Diplom in Psychologie, 1978 in Bonn, aus?

Prof. Dr. Barbara Krahé: Vielleicht beantworte ich die Frage zunächst geografisch gesprochen, bevor wir dann zu den inhaltlichen Wegen kommen, die mich zu dem Thema von heute geführt haben. Nach dem Psychologie-Diplom an der Universität Bonn habe ich überlegt, in welche Richtung mein beruflicher Weg weitergehen sollte. Ich habe zunächst promoviert und dabei bereits ein sozialpsychologisches Thema gewählt, nämlich „selbstwertdienliche Attributionen“, also die Tendenz, eigene Erfolge durch interne Faktoren, wie z. B. Fähigkeit oder Anstrengung, zu erklären und Misserfolge auf externe Ursachen, wie z. B. Pech oder Schwierigkeit der Aufgabe, zurückzuführen. Durch die Promotion bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich gerne weiter in der Wissenschaft arbeiten würde, weil ich die Freiheit geschätzt habe, die es mit sich bringt, dass man sich seine eigenen Themen auswählen und die Fragestellungen bearbeiten darf, die einen auch wirklich interessieren. Nach der Promotion bin ich an verschiedenen Stationen gewesen, eine Weile in Landau, längere Zeit in England an der University of Sussex, danach in Mainz und an der FU in Berlin. Als die Mauer fiel, wurde zu meinem großen Glück in Potsdam eine Universität gegründet, an der es auch ein Psychologisches Institut gab, in dem ich den Arbeitsbereich Sozialpsychologie übernehmen konnte. So bin ich jetzt schon sehr lange in Potsdam Professorin für Sozialpsychologie.

I: Was macht den Bereich der Beziehung zwischen leicht verfügbaren sexuellen Medieninhalten und dem Einfluss auf die Entwicklung von Jugendlichen in Zusammenhang mit Aggression für Sie interessant?

BK: Bei dieser Frage muss ich vielleicht etwas weiter ausholen und den Weg beschreiben, der mich zu diesem Thema geführt hat. Als ich mich im Rahmen der Dissertation mit Prozessen der Kausalattribution, also der Erklärungssuche im Alltag, beschäftigte, habe ich bemerkt, dass es innerhalb der Attributionsforschung damals schon relativ viel Forschung zu der Frage gab, unter welchen Bedingungen man Opfern von Vergewaltigungen eine Mitschuld an der Tat zuschreibt. Dann habe ich einige Studien durchgeführt zu der Frage, von welchen Bedingungen Verantwortungszuschreibungen an Opfer sexueller Gewalt beeinflusst werden, also sozusagen die Frage nach der sozialen Eindrucksbildung. Von da aus war für mich der nächste Schritt zu fragen, welche Faktoren spielen denn überhaupt eine Rolle, ob jemand Opfer sexueller Gewalt wird, also bei der primären Viktimisierung anzusetzen und nicht erst bei der sekundären durch die Umwelt, nachdem die Tat bereits geschehen ist. Seitdem forschen wir hier in Potsdam über den Verbreitungsgrad von sexueller Aggression und über Risikofaktoren für Opfererfahrungen ebenso wie für Täterhandeln. Dazu gibt es in Deutschland nach wie vor vergleichsweise wenig an Forschung und an Erkenntnissen. In unseren Studien haben wir eine Reihe von Risikofaktoren identifizieren können, z. B. die Erfahrung von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, die zu einem erhöhten Risiko führt, im späteren Leben erneut sexuelle Opfererfahrungen zu machen bzw. selbst sexuell aggressives Verhalten zu zeigen, aber auch bestimmte Verhaltensweisen in Beziehungen, z. B. seine sexuellen Absichten nicht eindeutig zu kommunizieren. Je länger ich mich mit diesen Fragen beschäftigt habe, desto deutlicher wurde für mich, dass man auch fragen muss, wo denn diese Risikofaktoren herkommen. Dabei wurde immer klarer, dass die Vorstellungen, die Menschen darüber haben, wie freiwillige sexuelle Interaktionen ablaufen, möglicherweise einen Schlüssel zum Verständnis liefern, unter welchen Bedingungen es zu unfreiwilligen sexuellen Kontakten, also zu sexuellen Opfererfahrungen, kommt. So sind wir auf das Konzept der sexuellen Skripts gekommen, über das wir vielleicht noch ausführlicher sprechen können, also auf Verhaltensdrehbücher über den Ablauf sexueller Interaktionen. Dies hat schließlich zu der Frage geführt, woher denn diese sexuellen Skripts kommen. Woher erwirbt man so etwas wie kognitive Schemata oder Verhaltensdrehbücher für sexuelle Interaktionen? Und bei dieser Frage führt der Weg relativ schnell zu den Medien. Wie lernen Menschen? Natürlich durch ihre direkte Erfahrung, aber auch durch das, was sie stellvertretend wahrnehmen in den Medien. In diesem Zusammenhang ist das Thema Pornografie unmittelbar relevant als eine mögliche Lernquelle. Dies war, im Schnelldurchgang die gedankliche Entwicklung beziehungsweise der gedankliche Weg, der zu dem Thema dieses Interviews – sexuelle Medieninhalte als potenziell problematisch für die Sexualitätsentwicklung von Jugendlichen – geführt hat.

I: Wenn Sie nun von Pornografie sprechen, wie genau definieren Sie diesen Begriff? Wo grenzt sich Pornografie vielleicht auch von Gewaltpornografie ab?

BK: Das ist natürlich ein sehr umfangreiches Thema. Man kann Pornografie auf ganz unterschiedliche Weise definieren. Wir haben immer versucht, eine Definition zu verwenden, die relativ unstrittig ist in diesem Forschungsgebiet. Danach versteht man unter Pornografie die explizite Darstellung von Geschlechtsorganen, aber auch von sexuellen Handlungen. Häufig wird in der Literatur noch dazugesetzt: „… mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen“, was sicher auch ein zentraler Aspekt ist, weil er Pornografie von anderen Medien, z. B. Aufklärungsbüchern oder anatomischen Atlanten, unterscheidet. Das ist sozusagen der Kern des Begriffs. Gewaltpornografie ist ein spezieller Teil pornografischer Darstellungen, nämlich solcher, in denen gewaltsamer Sex gezeigt wird: Sie ist damit keine eigene Kategorie, sondern eine Teilmenge von Pornografie. Gegenüber gewaltfreier Pornografie, bei der z. B. einvernehmlicher Sex gezeigt wird, ist Gewaltpornografie mit der Darstellung von Zwang, Gewalt und Druckausübung verbunden.

I: Welche Erkenntnisse konnten Sie in Ihrer Forschung in diesem Bereich bis jetzt gewinnen, und wie sind Sie dabei vorgegangen?

BK: Wir haben festgestellt, dass in der Tat sexuelle Skripts, also Drehbücher für freiwillige sexuelle Interaktionen, bedeutsam sind, um zu verstehen, wie es zu unfreiwilligen sexuellen Interaktionen kommt. Sexuelle Verhaltensdrehbücher kann man unter vielen verschiedenen Aspekten betrachten. Uns hat speziell interessiert, ob die Aspekte, von denen man weiß, dass sie das Risiko für sexuelle Übergriffe erhöhen, Teil der Drehbücher für freiwillige sexuelle Interaktion sind und in einem Zusammenhang mit sexueller Aggression und Opfererfahrung stehen. Ein solcher Risikofaktor im Hinblick auf sexuelle Aggression ist es z. B., sexuelle Kontakte mit Menschen einzugehen, die man nicht gut kennt, also die Bereitschaft zu casual sex, ein anderer Risikofaktor ist der Konsum von Alkohol in sexuellen Interaktionen. Wenn es z. B. für eine Person selbstverständlich ist, bei den freiwilligen Kontakten, die sie eingeht, Alkohol zu trinken oder Sex mit Partnerinnen bzw. Partnern zu haben, die sie kaum oder gar nicht kennt, dann ist damit ein erhöhtes Risiko verbunden, unfreiwillige sexuelle Erfahrungen zu machen. Man kann auch zeigen, dass durch die Nutzung von pornografischen Medien, in denen bestimmte Verhaltensweisen als weit verbreitet und normal dargestellt werden, also z. B., dass die Frauen immer erst einmal nein sagen, aber sich trotzdem wünschen, dass der Mann dann ein bisschen mehr drängt und Druck ausübt, diese Merkmale zum Teil des eigenen Verhaltensdrehbuchs werden. Das erhöht wiederum das Risiko für unfreiwillige sexuelle Erfahrungen. Bezogen auf die Täterperspektive lernt man z. B. durch solche pornografischen Filme, dass Frauen, wenn sie nein sagen, es doch nicht ernst meinen und man ruhig ein bisschen Nachdruck an den Tag legen sollte oder das sogar erwartet wird. Im nächsten Schritt werden dann die entsprechenden Verhaltensweisen übernommen und in konkreten Situationen gezeigt. Dieser Pfad von den pornografischen Medieninhalten zu den Verhaltensdrehbüchern für freiwilligen Sex und von da hin zum sexuellen Verhalten ist eine wichtige Erkenntnis, denn sie unterstreicht, dass Skripts verhaltensleitend sind. Sie kennen vielleicht das bekannte Beispiel des Restaurantskripts. Es besagt, dass Menschen eine schematische (d. h. über die konkrete Situation hinaus verallgemeinerte) kognitive Vorstellung darüber haben, in welcher Reihenfolge man die einzelnen Schritte bei einem Restaurantbesuch abarbeitet, und diese Vorstellung setzt man dann auch im Verhalten um. Bei der Sexualität ist es ebenfalls so, dass sich die Verhaltensdrehbücher, z. B. dass Alkohol zum Sex dazugehört, im Verhalten niederschlagen. Und dieses Verhalten, z. B. Alkohol in sexuellen Interaktionen zu trinken, ist ein vielfach nachgewiesener Risikofaktor für sexuelle Opfererfahrung. So lässt sich in etwa die Gedankenkette skizzieren.

I: Jetzt haben Sie schon viel über die sexuellen Skripts gesprochen. Wann genau und auch wieso werden denn diese Verhaltensdrehbücher im Zusammenhang der sexuellen Entwicklung der Jugendlichen von Bedeutung? Wann wird es relevant?

BK: Vielleicht kann man zunächst zum Skriptkonzept ganz allgemein sagen, dass solche Drehbücher verallgemeinerte soziale Wissensbestände sind. Ich habe schon das Restaurantskript erwähnt. Es wäre ja recht mühsam, wenn wir uns jedes Mal, wenn wir in ein Restaurant gehen, wieder neu überlegen müssten, wie wir uns jetzt benehmen sollen. Das heißt, wir lernen, wie am Restaurantbeispiel gezeigt, meistens durch eigene Erfahrung, wie eine bestimmte Situation abläuft, und verhalten uns entsprechend. Wir stellen das Skript auch nicht jedes Mal neu infrage oder denken darüber nach, solange in der konkreten Situation nicht irgendetwas Ungewöhnliches vorkommt, das nicht zu dem Skript passt. Wir setzen uns an den Tisch und denken: „Jetzt kommt gleich die Karte“, und dann kommt sie auch meistens. Wir fangen erst an, unser Skript zu reflektieren, wenn wir schon eine halbe Stunde dagesessen haben und noch immer keine Karte gekommen ist. Das heißt, in vielen Lebensbereichen ist es ausgesprochen nützlich, solche Verhaltensdrehbücher im Kopf zu haben, die man dann einfach nur abarbeiten muss, ohne mühsam jedes Mal erneut nachdenken zu müssen: „Was mache ich als Nächstes?“

Das Skriptkonzept wird seit einiger Zeit auch auf den Bereich der Sexualität angewendet.

Schon in den 1980er Jahren haben Forscher wie Simon und Gagnon (1986) postuliert, dass auch das Wissen über sexuelle Interaktionen in Form von Skripts organisiert ist, genau wie das Wissen über andere soziale Situationen, und dass auch das sexuelle Skript eine handlungsleitende Funktion hat. Diese handlungsleitende Funktion sexueller Skripts ist wichtig, vor allem im Jugendalter, weil die Sexualitätsentwicklung eine zentrale Entwicklungsaufgabe in dieser Zeit darstellt. Die Quellen, die sexuelle Skripts beeinflussen, sind einerseits im direkten Erfahrungshorizont zu sehen – man spricht mit Gleichaltrigen –, aber andererseits auch in den Informationen, die durch Medien vermittelt werden. Es gibt viele Aufklärungsmedien, z. B. Dr. Sommer von der BRAVO, und auch eine Reihe von anderen Medienformaten, z. B. Daily Soaps wie Gute Zeiten, Schlechte Zeiten –, in denen Beziehungsskripts gelernt werden können und in denen man erfährt, wie andere Menschen ihre Sexualität gestalten. Unter die Quellen, aus denen sich sexuelle Skripts speisen, fallen aber auch Pornos, von denen man lernt, wie sexuelle Interaktionen ablaufen, um es einmal ganz nüchtern auszudrücken, und diese Medien sind heutzutage sehr leicht verfügbar. Sie können in sexuelle Skripts einfließen und sich darüber dann im Verhalten niederschlagen. Indem sie sexuelles Verhalten beeinflussen, kommt sexuellen Skripts eine gewisse Weichenstellung dafür zu, ob man ausschließlich freiwillige sexuelle Kontakte hat oder auch unfreiwilligen Sex erlebt bzw. selbst Druck ausübt.

I: Sie differenzieren da ja zwischen sozial geteilten und individuellen sexuellen Skripts. Wo liegt der zentrale Unterschied zwischen den beiden?

BK: Das kann man vielleicht am besten mit einer Analogie aus einem anderen Forschungsbereich erklären, nämlich aus der Forschung zu Stereotypen und Vorurteilen. Dort lässt sich leicht veranschaulichen, dass es auf der einen Seite so etwas gibt wie sozial geteilte Wissensbestände. Wenn ich Sie jetzt frage: „Was ist das Stereotyp, das in der Gesellschaft über Frauen und Männer vorherrscht?“, dann können Sie sagen: „Frauen können nicht einparken, und Männer können nicht zuhören.“ Sie wissen das als kompetentes Mitglied der Gesellschaft. Das heißt aber nicht, dass Sie persönlich auch so denken. In der Vorurteilsforschung unterscheidet man deshalb zwischen stereotype knowledge, also dem Stereotypwissen, und den personal beliefs, den persönlichen Überzeugungen. Nicht alles, was in der Gesellschaft an Vorstellungen besteht, machen wir uns auch zu Eigen, obwohl wir dieses soziale Wissen natürlich kennen. Also können Sie sagen:

„Ja, über die Frauen wird gedacht, dass sie nicht einparken können, und über die Männer, dass sie nicht zuhören können“, aber Sie können selbst ganz anders denken.

Analog zu dieser Unterscheidung differenzieren wir zwischen sozial geteilten und individuellen Skripts. Die sozial geteilten Skripts verallgemeinern sowohl über verschiedene Situationen als auch über verschiedene Personen. Dazu fragen wir z. B. unsere UntersuchungsteilnehmerInnen: „Was denkst du, wie sehen bei Jugendlichen deines Alters bestimmte Situationen aus?“ Wir geben ihnen z. B. folgende Instruktion: „Stell dir folgende Situation vor: Ein Junge und ein Mädchen haben das erste Mal miteinander Sex.“ Das wäre jetzt die Skriptsituation. Dann sagen wir: „Beschreibe jetzt einmal, wie diese Situation nach deiner Meinung für die meisten Jugendlichen, die du kennst, aussehen würde. Was gehört dazu? Wie lange haben sich die beiden schon gekannt? Sind sie vorher schon mal zusammen weggegangen? Findet das Ganze bei ihr zu Hause statt oder lieber doch auf der Parkbank? Wie fühlt sich das Mädchen vorher und hinterher?“ Das ist das allgemeine Skript: „Denke bitte nicht an eine ganz bestimmte Situation, sondern daran, wie solche Situationen normalerweise, d. h. bei den meisten Jugendlichen, aussehen.“

Bei dem individuellen Skript wird auch verallgemeinert, aber nur über Situationen, nicht über verschiedene Personen hinweg. Da fragen wir unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach ihren persönlichen Skripts für ihr eigenes Verhalten: „Du verbringst den Abend zusammen mit einem Mädchen (einem Jungen). Im Laufe des Abends kommt es dazu, dass ihr beiden zum ersten Mal miteinander schlaft. Bitte stelle dir eine solche Situation vor und beschreibe, wie sie ablaufen könnte. Du sollst nicht eine ganz bestimmte Situation beschreiben, die du schon mal erlebt hast. Wir wollen wissen, wie du dir vorstellst, dass solche Situationen normalerweise bei dir aussehen könnten.“ Das sind die individuellen Skripts. Wir haben in unserer Forschung gezeigt, dass die individuellen Skripts nicht deckungsgleich sind mit den allgemeinen Skripts, dass es zwar Überlappungen gibt und man seine eigenen Skripts auch in Kenntnis der allgemeinen Skripts entwickelt, aber dass die beiden Skripts keineswegs perfekt übereinstimmen. Vor allen Dingen haben die individuellen Skripts einen stärkeren Einfluss auf das sexuelle Verhalten und das Risiko für sexuelle Opfererfahrung. Interessanterweise ist es so: Die individuellen Skripts sind, wenn man es ganz pauschal und salopp sagen will, konservativer oder „braver“. Also z. B. sagen unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei dem individuellen Skript eher: „Ich muss den oder die andere Person schon besser kennen, bevor es zu dieser Situation kommt.“ Bei den allgemeinen Skripts sagen sie: „Die beiden müssen sich noch nicht unbedingt lange kennen.“ Oder wenn man sie fragt: „Wie denkst du, dass ihr euch hinterher fühlt?“, dann meinen sie, dass sie sich persönlich besser fühlen würden, als sie es für die Jugendlichen insgesamt annehmen. Also gibt es systematische Unterschiede in den Inhalten der Skripts und vor allem darin, dass die individuellen Skripts das Verhalten stärker beeinflussen, genauso wie es in der Vorurteilsforschung für die Beziehung zwischen persönlichen Überzeugungen und diskriminierendem Verhalten gezeigt wurde. Die allgemein geteilten Stereotype schlagen sich hingegen nicht in diskriminierendem Verhalten nieder, ebenso wenig wie die allgemeinen sexuellen Skripts mit dem individuellen sexuellen Verhalten in Zusammenhang stehen.

I: Welche Faktoren spielen denn bei der Bildung dieser individuellen Skripts eine Rolle?

BK: Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Sexuelle Skripts werden auf jeden Fall erlernt, das sei vorab festgehalten. Sie sind nicht angeboren, sondern werden stark kulturell geprägt, und mit Kultur meine ich nicht nur unterschiedliche Länder, sondern auch verschiedene Subgruppen innerhalb einer Gesellschaft. Dabei spielt eine Rolle, welche Vorstellungen man überhaupt über Beziehungen und über die Anbahnung von Beziehungen hat. Es gibt z. B. in den USA– oder gab es jedenfalls lange – ein viel ausgefeilteres Dating-System mit festen Ritualen, als es das bei uns gab. Eine amerikanische Kollegin hat das kürzlich so beschrieben: „Wenn wir unsere Studenten bitten, eine Situationsschilderung zu bewerten, bei der ein Mann und eine Frau auf ihrem fünften Date sind, aber er durfte sie noch nicht küssen, dann sagen sie: ‚So etwas kommt überhaupt nicht vor.'“ Das heißt, es bestehen bestimmte kulturelle Vorstellungen darüber, wie Sexualität in der Aufnahme von Beziehungen verankert ist. Es spielt also für die Skriptentwicklung eine Rolle, welche kulturellen Vorgaben es gibt. Daneben vermitteln auch die Medien bestimmte Vorstellungen über Beziehungsgestaltung, wobei sie an die kulturellen Gepflogenheiten anknüpfen. Warum werden in Sendungen, wie z. B. Gute Zeiten, schlechte Zeiten, bestimmte Beziehungsskripts präsentiert? Weil die Macherinnen und Macher dieser Sendung denken, dass es dabei Andockstellen für ihr Publikum gibt. Wie führt man Beziehungen? Spielt man den einen gegen den anderen aus? Führt man einen erst mal an der Nase herum, oder sagt man gleich, dass man ihn mag? Alle diese Aspekte können die individuellen Skripts beeinflussen, weshalb ich sagen würde, dass Medieneinflüsse insgesamt bei der Entwicklung von Beziehungsskripts eine große Rolle spielen. Weil wir besonders daran interessiert sind, sexuelle Aggression zu erklären, konzentrieren wir uns in meiner Arbeitsgruppe besonders auf Medien mit sexualisierten Inhalten.

I: Jetzt ein bisschen zu einem anderen Thema, das Sie vorhin ja auch schon angesprochen haben: die Risikofaktoren. Da ist ja einer der Risikofaktoren, der die Wahrscheinlichkeit für die sexuelle Aggression bzw. Opfererfahrung erhöhen soll, die sogenannte „uneindeutige Kommunikation sexueller Absichten“. Was genau ist darunter zu verstehen? Und was sind noch andere Risikofaktoren?

BK: Das ist tatsächlich ein etwas unhandlicher Begriff. Uneindeutige Kommunikation sexueller Absichten, mit diesem Begriff versuchen wir verschiedene Kommunikationsstrategien zusammenzufassen, die alle eines gemeinsam haben, nämlich, dass man nicht klar sagt, was man meint und möchte. Eine ganz klassische Strategie ist die, zunächst einmal nein zu einer sexuellen Annäherung zu sagen, auch wenn man eigentlich nicht abgeneigt ist oder es auch selbst möchte. Umfragen zeigen, dass dieses Kommunikationsmuster sehr weit verbreitet und in der Tat auch ein Teil des sexuellen Skripts, vor allen Dingen von Frauen, ist. Man sagt nicht klar, was man sexuell von dem anderen möchte, weil das ja auch riskant wäre. Der andere könnte einen zurückweisen, und man ist durchaus verletzlich, sodass diese uneindeutige Kommunikation eine bestimmte Funktion im Ausloten von sexueller Nähe hat. Eine weitere Form der uneindeutigen Kommunikation besteht darin, „ja“ zu sagen, auch wenn man eigentlich keinen Sex mit der anderen Person möchte. Das Problem dabei ist, dass vor allen Dingen durch das „nein“ sagen, aber „ja“ meinen, die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass das Gegenüber lernt, „nein“ heißt gar nicht „nein“. „Nein“ heißt auf jeden Fall „vielleicht“, und „nein“ heißt vielleicht auch „doch, gerne, aber streng dich noch ein bisschen mehr an“. Und das führt dann dazu, dass ein ernst gemeintes Nein oft nicht als „nein“ interpretiert wird. Und dass möglicherweise Menschen, die so kommunizieren, auch größere Schwierigkeiten haben, wenn sie wirklich „nein“ meinen, mit dieser Botschaft klar und überzeugend herüberzukommen. Damit sinkt wiederum die Schwelle für das Gegenüber zu sagen: „OK, dann eben ein bisschen mehr Druck. Dann sagst du jetzt zwar nein, aber ich will trotzdem, und dann erhöhe ich doch einmal meinen Nachdruck.“ Und dadurch kann es dann zu unfreiwilligen sexuellen Kontakten kommen.

Das meinen wir also, wenn wir von der uneindeutigen Kommunikation sexueller Absichten sprechen. Es handelt sich dabei um ein etwas schwieriges Konstrukt, weil es auf der anderen Seite auch unsinnig wäre zu erwarten, dass alle sozusagen mit einem Schild herumlaufen würden, auf dem steht: „Mein Nein heißt wirklich nein!“ oder „Ja, ich will!“. Das passt nicht zu dem Ausloten von Nähe und Intimität, um das es in sexuellen Beziehungen geht. Aber es ist auf jeden Fall wichtig, die Rolle solcher mehrdeutigen Kommunikationsmuster für die Erklärung sexueller Aggression genauer zu untersuchen. Wir fragen unsere UntersuchungsteilnehmerInnen nicht nur nach ihrem eigenen Kommunikationsverhalten, sondern auch danach, wie sie die Botschaften von anderen wahrnehmen: „Wie oft hast du schon gedacht, dass du es mit einem Gegenüber zu tun hattest, der/die nein gesagt hat, aber eigentlich ja meinte?“ Und je eher eine Person sagt: „Ja, das habe ich schon oft erlebt“, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine oder mehrere unserer Fragen nach sexuell aggressivem Verhalten bejaht. Dieser Zusammenhang ist nicht überraschend, denn wenn jemand der Ansicht ist, dass ein Nein gar nicht wirklich als „nein“ gemeint ist, dann wird er/sie sich erst recht anstrengen, dieses Nein zu überwinden, und so kann es leicht zu Situationen kommen, in denen jemand gegen seinen Willen zu sexuellen Handlungen gebracht wird.

Das waren jetzt Erläuterungen zu den uneindeutigen Kommunikationsstrategien, aber Sie hatten ja noch nach weiteren Risikofaktoren gefragt. Ein Risikofaktor, der in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde, ist der Konsum von Alkohol. Alkoholkonsum erhöht das Risiko sowohl für Täterhandeln als auch für Opfererfahrungen, und zwar über dieselben Mechanismen. Aus der Aggressionsforschung ist generell bekannt, dass Alkohol die Informationsverarbeitungskapazität einschränkt: Man spricht nicht umsonst von alkoholbedingter Kurzsichtigkeit (alcohol myopia). Das führt z. B. dazu, dass Täter aufgrund der verringerten Informationsverarbeitungskapazität ihr eigenes Verhalten nicht mehr reflektieren und Verhaltensweisen zeigen, die sie nüchtern nicht zeigen würden, ebenso wie Opfer die Gefahrensignale nicht mehr erkennen, die es ihnen nüchtern erlauben würden, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Alkoholbedingte Kurzsichtigkeit ist nicht spezifisch für sexuelle Aggression – Menschen machen alkoholisiert vieles, was sie nüchtern nicht tun würden –, aber in diesem Bereich ist es besonders problematisch. Zum einen kommt es auf den tatsächlichen Alkoholkonsum an, aber auch alkoholbezogene Erwartungen spielen eine Rolle. Damit ist gemeint, dass Menschen bestimmte Vorstellungen darüber haben, was Alkohol mit ihnen macht, z. B. die Vorstellung, dass Alkohol ihnen dabei hilft, beim Sex entspannter zu sein oder ihre Hemmungen leichter zu überwinden. Derartige Erwartungen führen dazu, dass in sexuellen Interaktionen vermehrt Alkohol getrunken wird und damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es zu unfreiwilligem Sex kommt.

Insgesamt ist zu sagen, dass nach den Ergebnissen unserer Forschung – die sich mit denen anderer Studien decken – der Verbreitungsgrad unfreiwilliger sexueller Erfahrungen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen hoch ist. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der von uns befragten jungen Frauen berichten, schon einmal oder mehrmals gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen gebracht worden zu sein (Krahé und Scheinberger-Olwig 2002). Dabei erfragen wir sexuelle Opfererfahrungen nicht in allgemeiner Form, sondern fragen nach unterschiedlichen Formen der Druckausübung und unterschiedlichen sexuellen Handlungen in verschiedenen Opfer-Täter-Beziehungen. In der Mehrzahl der erlebten Übergriffe spielt Alkohol eine Rolle (Krahé und Berger 2013).

Ein weiterer Faktor, der auch in den Skripts vorkommt, ist eben die Bereitschaft, sich auf sexuelle Kontakte mit Personen einzulassen, die man kaum kennt. Im Amerikanischen gibt es das Stichwort von der hookup culture, womit gemeint ist, dass man jemanden, den man gerade kennengelernt hat, noch am selben Abend „abschleppt“, ohne dass man weiß, ob man ihm vertrauen kann. Statistisch steigt mit zunehmender Zahl der PartnerInnen das Risiko, unfreiwillige Erfahrungen zu machen; das ist eine reine Frage der Wahrscheinlichkeit. Und Menschen, die bereit sind, sich auf sexuelle Beziehungen mit kaum bekannten PartnerInnen einzulassen, erhöhen damit das Risiko, auf jemanden zu treffen, der/die Druck und Gewalt ausübt.

I: Gibt es denn Hinweise, dass der Zusammenhang von Pornografiekonsum und den Risikofaktoren von sexueller Gewalt ebenso bei homosexuellen Jugendlichen wirkt?

BK: Wenn Sie mit „Hinweisen“ Forschungsbefunde meinen, dann muss ich das schon deshalb verneinen, weil es sehr wenig Forschung zu unfreiwilligen Kontakten von homosexuellen Jugendlichen gibt. Wir haben im Rahmen unserer Projekte zu Risikofaktoren sexueller Opfererfahrungen homosexuelle Teilnehmer befragt, allerdings waren das junge Erwachsene, und haben festgestellt, dass es in dieser Gruppe auch eine relativ hohe Prävalenz von unfreiwilligen sexuellen Kontakten gibt. Dabei wurde der Pornografiekonsum aber nicht erfasst, und ich kenne auch keine Studie, die sich spezifisch mit dieser Fragestellung beschäftigt. Es gibt jedoch keinen Grund anzunehmen, dass der Einfluss von Pornografie bei homosexuellen Jugendlichen grundlegend anders sein soll als bei heterosexuellen. Wenn wir davon ausgehen, dass sexuelle Skripts gelernt werden, dann findet dieser Lernprozess unabhängig von der sexuellen Orientierung statt. Es gibt ja auch gleichgeschlechtliche Pornografie, die homosexuelle Jugendliche nutzen können, und ich würde stark annehmen, dass die Zusammenhänge mit sexueller Aggression und Opfererfahrung die gleichen sind wie für heterosexuelle Jugendliche. Selbst die Inhalte der Skripts sind vermutlich nicht einmal so unterschiedlich. Die sexuellen Handlungen mögen andere sein, aber die Rahmenbedingungen, z. B. die Kommunikationsstrategien und andere Risikofaktoren, sind ziemlich ähnlich. Wir haben z. B. festgestellt, dass ein ganz großer Risikofaktor für homosexuelle junge Erwachsene ist, Sex an anonymen Orten zu haben, also in Darkrooms oder anderen Settings, in denen man Sexualpartnern begegnet, die man nicht einschätzen kann. Und das, wie bereits gesagt, ist Teil eines riskanten Verhaltensmusters. Insofern ist festzuhalten, dass es zwar keine Daten zum Einfluss von Pornografie auf die sexuellen Skripts und das sexuelle Verhalten von homosexuellen Jugendlichen gibt, aber auch keinen Grund zu der Annahme, dass die für heterosexuelle Jugendliche nachgewiesenen Zusammenhänge für diese Gruppe nicht oder gänzlich anders funktionieren sollten.

I: Welche methodischen Zugänge gibt es denn allgemein, die Einflüsse auf die sexuelle Entwicklung zu erforschen? Welche Aussagen lassen die Methoden zu, und wo gibt es da auch vielleicht Grenzen?

BK: Das ist eine wichtige Frage, gerade wenn wir über Studien mit Jugendlichen sprechen und die Untersuchung von Entwicklungsprozessen, die ja über einen längeren Zeitraum ablaufen. In der Regel ist der methodische Zugang der, dass man den Pornografiekonsum über Selbstberichte misst. Man fragt mit unterschiedlichen Instrumenten, wie häufig welche pornografischen Inhalte genutzt werden. Dabei gibt es natürlich immer das Problem, dass die Selbstauskünfte durch die soziale Erwünschtheit verzerrt sein können, z. B. dass Jugendliche auf die Frage, ob sie pornografische Medien nutzen, sagen: „Ich doch nicht.“ Allerdings zeigen die hohen Nutzungszahlen, die man typischerweise durch Selbstberichte erhält, dass soziale Erwünschtheit keine allzu große Rolle spielen kann. Wir haben z. B. in einer Studie Zehntklässler befragt, von denen 98 % die Frage bejaht haben, ob sie schon mal explizite Darstellungen sexueller Kontakte in den Medien gesehen haben. Es gibt auch einen großen BRAVO-Report zum Pornografiekonsum von Jugendlichen, der ebenfalls zeigt, dass zwei Drittel aller Jugendlichen mindestens eine geringe Erfahrung mit Pornografie haben (BRAVO 2009). Diese Selbstauskünfte über die Häufigkeit des Pornografiekonsums haben wir dann z. B. zu dem Maß sexueller Skripts in Beziehung gesetzt, und dabei zeigte sich, dass die Risikofaktoren für sexuelle Opfererfahrungen, über die ich schon gesprochen habe, in den sexuellen Skripts umso ausgeprägter waren, je öfter die Befragten pornografische Medien nutzten (Krahé 2011). Allerdings sind das korrelative Zusammenhänge, anhand derer man nicht sagen kann, in welche Richtung die Kausalität verläuft: ob die riskanten Skripts die Folge des Pornokonsums sind oder ob die Jugendlichen mit den riskanteren sexuellen Skripts sich stärker zu Pornografie hingezogen fühlen. Um diese Frage zu klären, müsste man die Zusammenhänge im Längsschnitt untersuchen, also zu mindestens zwei Zeitpunkten den Pornokonsum und die sexuellen Skripts erfassen. Wir haben in unserer Arbeitsgruppe noch keinen solchen Längsschnitt durchgeführt, aber es gibt Daten aus anderen Arbeitsgruppen, die zeigen, dass der Pornografiekonsum prospektiv, d. h. in die Zukunft gerichtet, sexuelle Einstellungen und Verhaltensweisen vorhersagt.

Unter dem Stichwort Längsschnitt möchte ich auf Studien zu sprechen kommen, in denen wir die Veränderung sexueller Skripts bei Jugendlichen untersucht und sie zu ihrem veränderten Erfahrungshintergrund in Beziehung gesetzt haben. Wir haben für diese Studie gezielt Zehntklässler ausgewählt, die bei der ersten Messung im Schnitt etwas über 15 Jahre alt waren und die wir ein Jahr nach der ersten Erhebung erneut befragt haben (Krahé et al. 2007). Diese Altersgruppe suchten wir deshalb aus, weil wir aus den Repräsentativumfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA 2010) wussten, dass in dem Zeitfenster zwischen 15 und 17 viele Jugendliche ihren ersten Geschlechtsverkehr erleben. Wir wollten untersuchen, wie sich die sexuellen Skripts im Längsschnitt verändern, und zwar besonders bei denjenigen TeilnehmerInnen, die zwischen den beiden Messzeitpunkten das erste Mal Sex hatten. In der Tat gab es einen relativ hohen Anteil in der Stichprobe, die zwischen unseren beiden Erhebungszeitpunkten ihren ersten Geschlechtsverkehr erlebt hatten. Damit konnten wir drei Gruppen vergleichen: die, die zu beiden Zeitpunkten sexuelle Erfahrungen hatten, also auch schon beim ersten Mal (die sexuell Erfahrenen), diejenigen, die zu beiden Zeitpunkten noch keinen Geschlechtsverkehr hatten (die sexuell Unerfahrenen), und diejenigen, die zwischen dem ersten und dem zweiten Mal ihren ersten Geschlechtsverkehr hatten (die „Novizen“). Dieser Vergleich hat gezeigt, dass in der Gruppe der Novizen die Risikofaktoren in den sexuellen Skripts signifikant angestiegen sind und den Wert erreichten, den die sexuell Erfahrenen bereits zum ersten Messzeitpunkt erreicht hatten. Das sexuelle Verhalten und die sexuellen Skripts entwickeln sich nach diesen Daten in gewisser Weise parallel, und wir konnten ebenfalls zeigen, dass die riskanteren sexuellen Skripts auch riskanteres Verhalten förderten, z. B. in sexuellen Interaktionen eher Alkohol zu trinken oder eher die eigenen sexuellen Absichten nicht eindeutig zu kommunizieren.

Unter dem methodischen Aspekt ist noch hinzuzufügen, dass es experimentelle Studien zur Wirkung pornografischer Darstellungen zwar mit Erwachsenen gibt, aber kaum mit Jugendlichen, was forschungsethische Gründe hat. Die experimentellen Studien sind aber wichtig, um die kausale Wirkung von Pornografie genau zu erfassen und den Einfluss von Störvariablen, z. B. Unterschiede im sexuellen Verhalten oder Erfahrungshintergrund, durch die zufällige Zuweisung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die experimentellen Bedingungen zu kontrollieren. Das Design experimenteller Studien sieht in der Regel so aus, dass man der einen Gruppe einen Pornofilm gibt und der anderen Gruppe einen Vergleichsfilm ohne sexuellen Inhalt, und dann analysiert, wie die sexuellen Inhalte sich auf bestimmte abhängige Variablen auswirken. Dazu gibt es schon aus den 80er Jahren sehr interessante Studien, die versucht haben, die Bedeutung von Sex und Gewalt auseinanderzudividieren. In diesen Experimenten sieht eine Gruppe einen gewaltfreien Sexfilm, eine zweite Gruppe einen sexfreien Gewaltfilm und eine dritte Gruppe einen Film, der Sex und Gewalt verbindet, also einen gewalthaltigen Sexfilm. Eine vierte Gruppe dient als Kontrollbedingung und sieht einen Film, in dem weder Gewalt noch Sex vorkommen, z. B. einen Naturfilm (Donnerstein 1984). Anschließend misst man das aggressive Verhalten. Dabei kommen unterschiedliche Maße zum Einsatz, z. B. jemanden mit unangenehmen Lärmreizen zu bombardieren. Auf diesem Wege kann man zeigen, dass gewaltfreie Pornografie, also reiner Sex ohne Gewalt, nicht zu mehr Aggression führt. Die Teilnehmer in dieser Gruppe sind nicht aggressiver als die in der Vergleichsbedingung. Diejenigen, die den reinen Gewaltfilm ohne Sex gesehen haben, sind anschließend im Labor deutlich aggressiver. Am aggressivsten verhalten sich diejenigen, die den Film gesehen haben, bei dem Gewalt und Sex zusammenkamen, also die, die den Gewaltporno gesehen haben.

Mit diesen laborexperimentellen Studien kann man natürlich immer nur kurzfristige Effekte zeigen, aber man kann auf diesem Wege die Wirkmechanismen genauer erfassen: Welches ist der Anteil der Sexualität an den Effekten, welches ist der Anteil der Gewalt, und was passiert, wenn beides zusammenwirkt? Dann sind die Effekte auf die Aggressionsbereitschaft am stärksten. Wichtig ist aber auch festzuhalten, dass gewaltfreie Pornofilme nach Ergebnissen von Metaanalysen und vielen Einzelstudien nicht zu mehr Aggression führen. Vielfach hört man eine „Pornoschelte“, die diese Medien kategorisch verdammt. Dabei muss man immer fragen:

„Um welche schädlichen Effekte geht es denn genau?“ Im Hinblick auf Aggression kann man sagen, dass die Darstellung von sexuellen Handlungen, die einvernehmlich und ohne Druck und Gewalt vonstattengehen, nicht problematisch ist. Ob diese Darstellungen womöglich andere negative Effekte haben, mag man diskutieren, aber bezogen auf die Aggressionsbereitschaft lässt sich das nicht bejahen.

I: Was sagen Sie zu der Aussage, dass in nahezu jeder Gesellschaft, in der ein hoher Pornografiekonsum zu beobachten ist, auch gleichzeitig ein Rückgang von sexueller Gewalt verzeichnet wird?

BK: Diese Aussage würde ich zunächst gerne durch Zahlen belegt sehen und nicht ohne weiteres akzeptieren. Es gibt eine Reihe von Studien, die zumindest einen positiven Zusammenhang zwischen den Verkaufszahlen von Pornozeitschriften und der Häufigkeit von Vergewaltigungen finden. Studien aus den USA haben schon in den 1980er und -90er Jahren eine solche positive Korrelation festgestellt (z. B. Jaffee und Straus 1987). Ich würde daher in Zweifel ziehen, dass ein hoher Pornokonsum die Zahl sexueller Gewalttaten verringert. Es werden in diesem Zusammenhang oft die skandinavischen Länder oder die Niederlande angeführt, wo Pornos ganz leicht zugänglich sind und angeblich die sexuelle Gewaltrate niedrig ist. Dafür gibt es meines Wissens keine überzeugende Datenlage. Es könnte eine von diesen Meinungen sein, die in der öffentlichen Diskussion intuitiv plausibel sind, aber keiner näheren Betrachtung standhalten.

I: Was verstehen Sie unter dem Begriff der Pornografiekompetenz? Eine zugegebenermaßen kontroverse Ansicht in der Forschung ist, dass die meisten Heranwachsenden sich überwiegend problemlos eine reflektierte Pornografiekompetenz erarbeiten können. Wie stehen Sie zu dieser These?

BK: Im Gegensatz zu der These, über die wir gerade gesprochen haben, stehe ich dieser nicht so kritisch gegenüber. Pornografiekompetenz ist ein Teil von Medienkompetenz, um einmal dieses Schlagwort zu benutzen. Was heißt Medienkompetenz? Ich würde sagen, zur Medienkompetenz gehören zwei wichtige Elemente: zum einen eine vernünftige Nutzungsintensität, das gilt nicht nur für Pornografie, sondern auch für andere Medieninhalte, und zum anderen die Entwicklung einer kritischen Nutzungsperspektive. So gehört es z. B. zur Pornografiekompetenz zu hinterfragen, welches Bild von Sexualität durch Pornografie vermittelt wird, beispielweise: „Männer wollen immer, und Männer können immer.“ Oder ein anderes Bild: „Frauen wollen eigentlich auch, tun aber so, als wollten sie nicht.“ Schließlich noch ein drittes Bild: „Wenn man nur lange genug – sozusagen andauernd – auf die Frau einwirkt und sie sich am Anfang ruhig sträuben mag, am Ende genießt sie es ja trotzdem.“ Mit diesen Beispielen soll deutlich gemacht werden, dass es ganz entscheidend zur Pornografiekompetenz gehört zu verstehen, welche Vorstellungen über Sexualität transportiert werden. Ein Punkt ist auch, dass in Pornos Sex wenig oder nichts mit Liebe zu tun hat, die wird weitgehend ausgeblendet, schon allein deshalb, weil die Protagonisten meist keine zeitlich ausgedehntere Beziehung haben. Sie treffen sich zum Sex, und dann gehen sie wieder auseinander. Ob Jugendliche diese Form der Pornografiekompetenz erwerben, hängt auch davon ab, wie der Pornografiekonsum in ihr Leben insgesamt eingebettet ist. Wenn man über das Thema Sexualität z. B. mit seinen Freunden und in seiner Familie reden kann, dann würde ich auch den gelegentlichen Konsum von Pornografie nicht für bedenklich halten. Wenn Pornos aber die einzige Informationsquelle über Sexualität sind, dann kann das problematisch sein. Denn dann ist es schwieriger, das dort vermittelte Bild kritisch zu hinterfragen. Ein Grund, warum Pornografie gerade für Jugendliche interessant ist, liegt darin, dass sie sich auf diesem Wege Informationen und Orientierungshilfen beschaffen können zu Fragen, die sie z. B. mit den Eltern nicht besprechen möchten oder können. Aus dem gleichen Grund sind ja auch Aufklärungsseiten wie z. B. von Dr. Sommer so beliebt.

Es ist also wichtig, die Kompetenz zu schaffen, die medial vermittelten Informationen zum Thema Sexualität kritisch zu reflektieren, sodass man sich als Junge nicht als totaler Versager vorkommt, wenn man sich nicht so potent fühlt wie die Pornodarsteller, oder sich als Mädchen nicht als unattraktiv fühlt, weil man nicht dieselbe Oberweite hat wie die Hauptdarstellerin in einem Pornofilm. Es kommt darauf an, wie die soziale Realität von Jugendlichen aussieht, ob sie diese mediale Darstellung von Sexualität einordnen und kritisch bewerten können. Ich würde mich auch nicht für Verbote stark machen in diesem Bereich, sondern eher dafür, dass man gute Ansätze findet, den reflektierten Umgang mit Pornografie zu fördern. Wenn das gelingt, ist es für viele Jugendliche nicht problematisch, solche Inhalte zu nutzen. Auf der anderen Seite finden wir in unserer Forschung, natürlich immer auf Stichprobenniveau und nicht als Aussage über einzelne TeilnehmerInnen, signifikante Zusammenhänge zwischen der Intensität des Pornografiekonsums und der Akzeptanz von sexueller Aggression, und auch im Längsschnitt zeigen sich Pfade vom Pornografiekonsum zu sexuell aggressivem Verhalten und sexueller Opfererfahrung. Diese Befunde belegen, dass Pornografiekonsum nicht immer problemlos ist.

I: Daran würde ich jetzt auch meine zweite Frage anschließen, ob denn Ihrer Meinung nach Pornografie auch als Teil einer Aufklärung der Jugendlichen beitragen kann?

BK: Ja, ich denke auf jeden Fall, dass Medien generell zur Sexualaufklärung Wichtiges beitragen können. Dass es in einem so intimen Bereich wie der Sexualität auch Wege der Informationsbeschaffung geben muss, die anonym sind, die man sozusagen in einem geschützten Raum nutzen kann, halte ich für sehr wichtig. Ich finde es deswegen auch nicht per se problematisch, dass Medien sexuelle Inhalte präsentieren. Auf der anderen Seite muss man aber auch fragen, wie die mediale Aufklärung aussieht. Welches Bild von Sexualität und Beziehungsgestaltung wird durch Pornografie vermittelt? Pornografie ist eben nicht Sexualaufklärung. Sexualaufklärung hat nicht das Ziel, sexuelle Erregung auszulösen, sondern zu informieren. Pornografie hat ein ganz anderes Selbstverständnis, und das passt nicht zu dem Begriff der Aufklärung. Zwar werden auch in pornografischen Darstellungen Informationen vermittelt, und wenn es um die Darstellung konsensueller sexueller Handlungen geht, dann mag das in Ordnung gehen, aber es gibt eine Reihe von Inhaltsanalysen, die zeigen, dass in einem hohen Anteil von Pornos Gewalt im Spiel ist.

I: Können denn Erziehungsberechtigte oder Bezugspersonen in diesem Bereich Unterstützung leisten?

BK: Ja, das glaube ich schon, wenngleich in begrenztem Maße. Die meisten Jugendlichen, glaube ich, haben wenig Lust, mit ihren Eltern über Sexualität zu reden, eher schon mit Gleichaltrigen. Ich würde sagen, dem Sexualkundeunterricht in der Schule kommt dabei potenziell auch eine Rolle zu, wobei es sehr davon abhängt, wie dieser Unterricht gemacht wird. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht die Förderung einer guten Sexualaufklärung ja zu einer zentralen Zielsetzung und hat sehr gute Ansätze und Materialien entwickelt. Zum Beispiel gibt es schon lange mediale Angebote für Jugendliche und auch für LehrerInnen, wie etwa Loveline (z. B. loveline.de; schule-loveline.de). Es gibt auch interaktive Seiten, bei denen Jugendliche Informationen einholen und bei persönlichen Problemen um Rat fragen können. Das Feld der Aufklärung muss man nicht der Pornografie überlassen. Medien lassen sich auf jeden Fall sehr sinnvoll nutzen, um Wissenslücken zu füllen, aber auch um Jugendlichen zu helfen, dem normativen Druck zu entkommen, der von den pornografischen Medien gefördert wird. Sie vermitteln: „So muss man aussehen, so muss man sein.“ Und wenn jemand dann an sich selber feststellt, „so bin ich aber nicht, und so sehe ich nicht aus“, ist es wichtig, in alternativen Botschaften zu vermitteln, dass man dann nicht gleich verloren hat im Leben. Ich bin überzeugt, dass man die Jugendlichen auf dem Weg der sexuellen Selbstfindung auch durch geeignete Medienangebote unterstützen kann.

I: Welche Faktoren, insbesondere auch mediale Faktoren, können sich denn positiv auf die Sexualentwicklung der Jugendlichen auswirken? Gibt es da auch, eine andere Frage jetzt, bezüglich des Alters etwas zu beachten?

BK: Zunächst ist zu sagen, dass die unterstützenden oder entwicklungsförderlichen Ansätze altersspezifisch gestaltet sein müssen: Welche Informationen und Zugangsweisen sind für welche Altersstufe angemessen? Wie man jüngere Kinder, z. B. in den ersten Grundschulklassen, für das Thema interessiert, ist sicher keine leichte Aufgabe, zumal das Thema in diesem Abschnitt nach meinem Eindruck bei den meisten Kindern keine große Prominenz besitzt. Aber mit Beginn des Jugendalters, ab 12 oder 13 Jahren spätestens, muss Sexualität zum Thema werden. Welche Faktoren können sich positiv auswirken? Dazu würde ich sagen, dass Sexualität in Beziehungen verankert sein sollte, die partnerschaftlich und selbstbestimmt gestaltet werden. Dafür sind Beziehungsvorbilder hilfreich, also z. B. ältere Geschwister oder auch die Eltern, die ein solches Beziehungsmodell vermitteln. Und daneben sind auch hier mediale Aufklärungsangebote zu nennen, die bereits erwähnt wurden, die auch das Internet nutzen und bei denen man Beziehungsfragen klären und z. B. auch verschiedene Beziehungsoptionen in einer virtuellen Realität ausprobieren kann. Ich würde sagen, dass wir in unserem Kulturkreis bereits auf einem recht guten Weg sind, offen mit dem Thema Sexualität umzugehen. Neue Probleme entstehen, wenn unterschiedliche Vorstellungen zu Sexualität aus verschiedenen Kulturkreisen aufeinandertreffen, z. B. aus Kulturen, bei denen Sexualität stärker tabuisiert ist und es per se keinen vorehelichen Sex gibt. Diese Schwierigkeit lässt sich z. B. an der Frage verdeutlichen, ob muslimische Schülerinnen und Schüler am Sexualkundeunterricht teilnehmen müssen. Dieses Problem ist wieder ein Beleg dafür, wie stark Sexualität und sexuelle Skripts mit Kultur verknüpft sind. Wenn es für Jugendliche aus der muslimischen Welt mit ihrer Religion z. B. nicht vereinbar ist, über Sexualität zu sprechen, müssen sie dann trotzdem in der 2. Klasse wissen, wie sich Frauen und Männer biologisch unterscheiden? Müssen sie dann als Jugendliche im Unterricht Kondome über Bananen streifen? Die muslimischen Eltern lehnen das strikt ab. Wie entscheiden wir bei solchen Fragen als Gesellschaft? Sagen wir, die muslimischen Kinder müssen sich mit dem Thema Sexualität schon früh auseinandersetzen, obwohl es sie mit ihrer kulturellen Tradition in Konflikt bringt? Das ist ein Aspekt dieses Themas, der auf den ersten Blick nicht so stark im Bewusstsein verankert, aber dennoch sehr wichtig ist. Hier gibt es meiner Ansicht nach keine pauschalen Antworten, sondern es ist eine kulturelle Kompetenz gefordert, einen guten Weg zu finden, der für alle Beteiligten akzeptabel ist.

I: Wie müsste denn politisch oder auch gesellschaftlich dafür gesorgt werden, dass Jugendliche nicht frühzeitig mit gewalthaltigen pornografischen Materialien in Berührung kommen?

BK: Es geht vor allem darum, gewalthaltige pornografische Medien insgesamt weniger leicht zugänglich zu machen. Ich würde sagen, es gibt überhaupt keinen Grund, warum es Gewaltpornografie geben sollte. Das ist kein Ruf nach Zensur, aber ich finde, eine Gesellschaft müsste sich schon fragen, warum es so viele Abnehmer für Pornografie gibt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass Zwang und Gewalt ausgeübt werden. Darüber sollte es eine gesellschaftliche Diskussion geben. Das Problem dabei ist, dass unsere Gesellschaft in Bezug auf Sexualität viel restriktiver ist als in Bezug auf Gewalt. Wir forschen in Potsdam auch über Mediengewalt, und bei Vorträgen zu diesem Thema schlage ich den Zuhörerinnen und Zuhörern gelegentlich folgendes Gedankenexperiment vor: Eine Woche lang nimmt jeder Fernsehsender für jeden Krimi, der gesendet wird, einen Pornofilm ins Programm, sodass es genauso viele Pornos wie Krimis zu den üblichen Sendezeiten gibt. Und meistens lachen dann die Zuhörer und sagen, dann gäbe es eine Welle des Protests.

Die Gesellschaft ist im Hinblick auf Gewalt wesentlich toleranter als im Hinblick auf Sexualität, und deswegen löst der Gewaltanteil in Pornos auch keine starken Reaktionen oder Bedenken aus. Wenig Toleranz gibt es im Hinblick auf Kinderpornografie. Das ist auch gesellschaftspolitisch ein völlig klares Thema, sie darf es nicht geben. Warum es dagegen gewalthaltige Pornografie geben muss, wird kaum hinterfragt. Allerdings ist es auch sehr schwer, überhaupt steuernd einzugreifen. Niemand will das Internet verbieten oder Zensur üben. Dennoch muss der Jugendschutz sehr ernst genommen werden. Das bedeutet: keine Abgabe von (gewalt-) pornografischen Filmen an Kinder und Jugendliche, ebenso wenig wie von Gewaltfilmen ohne Sex. In dieser Frage besteht bei uns nach meinem Eindruck weitgehend Einigkeit in der gesellschaftlichen Diskussion. Die Jugendschutzgesetze sind in Deutschland relativ strikt, anders als z. B. in den USA, wo es nur schwer oder gar nicht möglich ist, irgendeine Form der Beschränkung von Abgabe von gewalthaltigen Medien an Jugendliche gesetzlich durchzusetzen, weil das alles der Verfassung, dem first amendment, widerspricht, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Pressefreiheit geregelt ist. In Deutschland ist die Situation beim Jugendschutz vergleichsweise gut.

I: Ist denn in Ihren Augen eine Gesellschaft mit gesundem Pornografiekonsum denkbar?

BK: Auf keinen Fall würde ich so weit gehen zu sagen, dass eine Gesellschaft, die Pornografie konsumiert, krank ist oder wird. Wie in vielen anderen Bereichen ist es eine Frage des Augenmaßes und der relativen Gewichtung. In Bezug auf Gewaltpornografie würde ich mich festlegen und sagen, ein „gesunder“ Gewaltpornokonsum ist für mich nicht denkbar, weil Gewalt und Gesundheit nichts miteinander zu tun haben, auch oder erst recht nicht im Bereich Sexualität. Aber ich finde es nicht per se problematisch, dass junge Leute einen Teil ihrer Neugier und einen Teil ihrer Ängste und Unsicherheiten in Bezug auf Sexualität dadurch bewältigen, dass sie sich auch auf Pornoseiten bewegen. Wenn das in reale Lebenserfahrungen eingebettet ist, die andere Bilder von Sexualität und Beziehung vermitteln, glaube ich nicht, dass dadurch ein nachhaltiger Schaden entsteht.

Ein Schaden würde eher durch den Versuch eines totalen Verbots entstehen, weil man das, was verboten ist, erst recht interessant macht. Man spricht in der Medienforschung von einem forbidden fruit-Effekt. Weder gibt es Grund, angesichts der leichten Zugänglichkeit von Pornografie in Panik zu verfallen, noch sollte man problematische Aspekte der Nutzung gänzlich in Abrede stellen. Meine Rolle als Forscherin sehe ich darin, eine differenzierte Sichtweise anzunehmen und herauszufinden, welche problematischen Effekte auftreten, wie sie zustande kommen und durch welche psychologischen Prozesse pornografische Inhalte auf das Erleben und Verhalten jugendlicher NutzerInnen wirken können, wie z. B. unsere Forschung zu den erwähnten sexuellen Skripts verdeutlicht. Dazu gehört zudem die Frage nach effektiven Interventionen, durch die die Pornografiekompetenz, über die wir gesprochen haben, gefördert werden kann. Das Ziel ist letztlich, Jugendliche dabei zu unterstützen, ihre sexuellen Beziehungen selbstbestimmt und mit Respekt für die Interessen des Partners bzw. der Partnerin führen zu können.

I: Dann bedanke ich mich für das Gespräch, Frau Prof. Krahé!

BK: Danke, es hat mir auch Spaß gemacht.

Video des Interviews (Langversion):

tinyurl.com/krahe01

Kurzversion:

tinyurl.com/krahe002

Literatur

BRAVO (2009). Dr.-Sommer-Studie – Liebe, Körper, Sexualität. München: Bauer.

BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) (Hg.) (2010). Jugendsexualität. Köln: BZgA. bzga. de/infomaterialien/sexualaufklaerung/studien/?idx=1789

Donnerstein, E. (1984). Pornography: Its effect on violence against women. In N. M. Malamuth, & E. Donnerstein (Hrsg.), Pornography and sexual aggression (S. 53–81). Orlando, FL: Academic Press.

Jaffee, D., & Straus, M. A. (1987). Sexual climate and reported rape: A state-level analysis. Archives of Sexual Behavior, 16(2), 107–123. doi:10.1007/BF01542065;.

Krahé, B. (2011). Pornografiekonsum, sexuelle Skripts und sexuelle Aggression im Jugendalter. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 43(3), 133–141. doi:10.1026/0049-8637/a000044.

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Krahé, B., & Scheinberger-Olwig, R. (2002). Sexuelle Aggression. Göttingen: Hogrefe.

Krahé, B., Bieneck, S., & Scheinberger-Olwig, R. (2007). Adolescents' sexual scripts: Schematic representations of consensual and nonconsensual heterosexual interactions. Journal of Sex Research, 44(4), 316–327. doi:10.1080/00224490701580923.

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