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4. „Immer online, immer allein?“– Zu den Auswirkungen des digitalen Wandels

Markus Appel

4.1 Einleitung

Wolfgang Lenhard

Neue Medien stellen für Gesellschaften eine Herausforderung dar. Bereits mit der zunehmenden Verbreitung schriftsprachlicher Fähigkeiten im 18. Jahrhundert und der damit einhergehenden „Lesesucht“-Debatte mehrten sich kritische Stimmen, die vor einem übermäßigen Konsum von Buchpublikationen warnten (z. B. Beyer 1795). Gleiches galt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für das Fernsehen. Auch hier gab es kritische Stimmen von fachlicher Seite und besorgte Eltern, die die Entwicklung ihrer Kinder gefährdet sahen. In der Tat ist es wichtig, Nutzen und Risiken neuer Medien abzuwägen, um einen angemessenen Umgang zu ermöglichen. Auch gibt es unbestreitbar potenziell negative Auswirkungen der Digitalisierung, wie in Kap. 2 und Kap. 3 diskutiert wird. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind einige von der Öffentlichkeit sehr stark rezipierte Publikationen verfügbar, die für sich Wissenschaftlichkeit in Anspruch nehmen und die sehr stark vor neuen Medien warnen. Äußerst bekannt wurde in diesem Zusammenhang beispielsweise die von Spitzer (2012) formulierte These, dass der Computer einsam, krank, dumm und abhängig mache, was schließlich in „digitale Demenz“ münden würde, einer durch Medienkonsum verursachten hirnorganischen Schädigung. Er wiederholte damit Aussagen, die von ihm einige Jahre zuvor bereits über das Fernsehen vorgebracht worden waren. Auch Bergmann und Hüther (2013) warnen eindringlich vor dem Gefährdungspotenzial des Computers.

Glücklicherweise sind viele der vorgebrachten Thesen für empirische Forschung zugänglich, und es existiert in der Medienpsychologie und darüber hinaus eine breite Forschungstradition, die die Wirkungen digitaler Medien umfassend beleuchtet. In einigen Bereichen ist die Publikationslage hinreichend gut ausgeprägt, um die Ergebnisse der Primärstudien in Form von Metaanalysen verdichten zu können.

Prof. Appel forscht mit seinem Team zu den Auswirkungen des Konsums von Online-Inhalten und Computerspielen (Appel 2012; Appel et al. 2014; Holtz und Appel 2011). Er nahm die Publikation von Spitzer (2012) zum Anlass, aus den dort formulierten Hypothesen empirische Fragestellungen abzuleiten und diese mithilfe von Metaanalysen auf den Prüfstand zu stellen (Appel und Schreiner 2014). Auf diese Weise lässt sich ein differenziertes Bild darüber gewinnen, wie sich digitale Medien produktiv einsetzen lassen, ohne dass potenzielle Risiken zu unerwünschten Nebenwirkungen führen müssen.

Referenzen

Appel, M. (2012). Are heavy users of computer games and social media more computer literate? Computers & Education, 59, 1339–1350.

Appel, M., & Schreiner, C. (2014). Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau, 65, 1–10.

Appel, M., Stiglbauer, B., Batinic, B., & Holtz, P. (2014). Internet use and verbal aggression: The moderating role of parents and peers. Computers in Human Behavior, 33, 235–241. Bergmann, W., & Hüther, G. (2013). Computersüchtig? Kinder im Sog der modernen Medien. Weinheim: Beltz.

Beyer, J. R. G. (1795). Ueber das Bücherlesen, in so fern es zum Luxus unserer Zeiten gehört. churfürstlich mainzer Academie nützlicher Wissenschaften.

Holtz, P., & Appel, M. (2011). Internet use and video gaming predict problem behavior in early adolescence. Journal of Adolescence, 34, 49–58.

Spitzer, M. (2012). Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München: Droemer.

 
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