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4.2 Interview mit Prof. Dr. Markus Appel, Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik an der Universität Koblenz-Landau

Das Interview und die Transkription führten Anica Buckel, Martin Hochheimer, Benjamin Jainta und Anna Seidl durch.

Interviewer: Guten Tag Herr Professor Appel! Vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit genommen haben für dieses Interview. Es wird um Ihren Artikel „Digitale Demenz – Mythen und wissenschaftliche Befundlage zu Auswirkung von Internetnutzung“ gehen, der eben in der Psychologischen Rundschau erschienen ist. Zunächst einmal zu Ihrer Person. Was hat Sie dazu bewogen, Psychologie zu studieren?

Prof. Dr. Markus Appel: Interessante Frage. Wenn ich mich richtig entsinne, dann war ausschlaggebend, dass ich mich zu der Zeit sowohl für Gesellschaftswissenschaften als auch für Naturwissenschaften interessiert habe und ich dachte, dass man mit Psychologie irgendwie beides abdeckt, was ja auch auf eine gewisse Art und Weise stimmt. Also habe ich begonnen Psychologie zu studieren und bin dann dabei geblieben.

I: Und speziell auf Ihr Forschungsgebiet, in Richtung Medienpsychologie, gab es da einen bestimmten Anlass, wieso Sie sich darauf spezialisiert haben?

MA: Das ist eigentlich ganz einfach. Das Themengebiet hat mich im Studium am meisten interessiert, Kommunikation, Mediennutzung, Medienwirkungen, das Internet, das damals noch ganz in den Anfängen steckte. Zum Thema Fernsehen, Film und Literatur gab es natürlich auch schon psychologische und kommunikationswissenschaftliche Forschung. Seit meiner Diplomarbeit beschäftige ich mich nun überwiegend mit diesem Themengebiet.

I: In diesem Jahr, wie eben eingangs schon erwähnt, hat die Psychologische Rundschau einen Artikel von Ihnen und Frau Diplom-Psychologin Schreiner veröffentlicht (Appel und Schreiner 2014). In diesem geht es um das viel diskutierte Thema, gerade in der populärwissenschaftlichen Öffentlichkeit, der „digitalen Demenz“. Können Sie kurz zusammenfassen, was dieser Artikel spezieller thematisiert?

MA: Unsere Idee war, dass man die Themen und Thesen in dem Kontext „digitale Demenz“ möglicherweise spezifizieren, sozusagen dort getroffene Behauptungen herausfiltern kann. Diese Behauptungen haben wir aufgrund ihres nichtwissenschaftlichen Ursprungs als „Mythen“ bezeichnet. Unsere Idee war, diesen Mythen den Status quo der wissenschaftlichen Befundlage gegenüberzustellen. Dabei stellte sich die Frage, wie man die wissenschaftliche Befundlage in aggregierter Form möglichst objektiv darstellt. Wir haben uns dafür entschieden, gezielt nach Metaanalysen zu suchen und deren Ergebnisse den populärwissenschaftlichen Mythen gegenüberzustellen. Wir argumentieren also nicht auf der Basis von Einzelstudien, sondern auf der Basis von Metaanalysen.

I: Sie haben eben schon erwähnt, dass Sie sich mit diesen „speziellen Mythen“ auseinandergesetzt haben. Wie haben Sie entschieden, welche Mythen Sie sich jetzt genauer ansehen oder Sie analysieren wollen?

MA: Wir haben tatsächlich das Buch von Spitzer (2012) gelesen. Das ist relativ dick. Wir haben dort Aussagen identifiziert, die einen empirischen Gehalt haben, und wir hatten die Vermutung, dass dazu Forschungsarbeiten vorliegen könnten. In einem zweiten Schritt haben wir geschaut, ob es Metaanalysen dazu gibt. Zu manchen Aussagen oder Themen gibt es aktuell noch keine Metaanalysen. Diese Themen sind dann nicht in unseren Artikel eingeflossen. Zu vielen Bereichen liegen aber Metaanalysen vor, und so sind dann die damit verbundenen Mythen auch in unserem Artikel erörtert worden (. Tab. 4.1).

I: Was glauben Sie generell, was diese ganze öffentliche Diskussion der digitalen Medien in unserer Gesellschaft bewirkt? Denken Sie, man sollte jetzt z. B. auch von Spitzer teilweise formulierte Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen bedenken? Denken Sie, man sollte diese ernst nehmen, oder handelt es sich eher um ungerechtfertigte Warnungen oder Aufforderungen zur Vorsicht? Oder möglicherweise um eine komplette Überinterpretation der ganzen Thematik?

MA: Zunächst sollte man festhalten, dass sich die meisten Sachverhalte oder Fragestellungen, sobald sie wissenschaftlich erforscht werden, als komplex herausstellen. Das Internet bzw. die Auswirkungen der Internetnutzung auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind weder als „nur schädlich“ noch als „nur positiv“ zu klassifizieren. Aus wissenschaftlicher Perspektive gibt es hier kein schwarz oder weiß, kein null oder eins.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass wir ein einseitiges Verteufeln des Internets kritisch betrachtet haben. Gleichzeitig wäre es unangemessen, die Gegenposition zu vertreten, nach dem Motto: „Internetnutzung hat nur positive Konsequenzen!“ Man muss differenzieren.

I: Und welche Ergebnisse waren dann, wie Sie eben schon gesagt haben, von den einzelnen Mythen für Sie persönlich auch am aussagekräftigsten? Wo fand sich die größte Effektstärke beziehungsweise was hat Sie auch überrascht an manchen Ergebnissen?

MA: Was mich ein wenig überrascht hat, ist die Sachlage zur gesellschaftlichen Partizipation. Das ist eine häufig gehörte Vermutung oder eben ein Mythos, dass Leute, die das Internet häufig nutzen, sich gesellschaftlich zurückziehen und sich nicht engagieren, zum Beispiel in Vereinen und Verbänden. Theoretisch wird häufig mit der Verdrängungshypothese argumentiert (z. B. Nie und Hillygus 2002), nach der aufgrund ausgiebiger Internetnutzung die Zeit fehlt, um sich für solche sinnvollen Dinge zu engagieren. Demgegenüber ließe sich anführen, dass man sich auch und gerade im Internet gesellschaftlich einbringen kann, indem man etwa der Facebook-Gruppe eines Vereins, Verbands oder einer Partei beitritt und sich aktiv an Diskussionen im Netz beteiligt. Es gibt also entgegengesetzte Vermutungen, wie hier der Zusammenhang aussehen kann. Auf der Basis der uns vorliegenden Metaanalyse (Boulianne 2009) findet der Mythos, wonach Internetnutzung mit weniger gesellschaftlichem Engagement

Tab. 4.1 Mythen zu den Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien und Befundlage im Überblick. (Aus Appel und Schreiner 2014)

Mythos

Befundlage

Metaanalyse

Reduzierung sozialer Interaktion

Es gibt keine sicheren Belege für die These.

Shklovski et al. (2006)

Verringerung gesellschaftlicher Partizipation

Im Mittel falsch, eher sind gegenteilige Befunde zu verzeichnen.

Boulianne (2009)

Einsamkeit durch Internetnutzung Verringertes Wohlbefi

BiIdschirmmedien und Übergewicht

Im Mittel kein Zusammenhang für Einsamkeit, sehr geringe Zusammenhänge für Wohlbefi und Depressivität.

Ein kleiner Zusammenhang zwischen Fernsehen und Übergewicht wurde gesichert.

Huang (2010)

Marshall et al. (2004)

Lernen am Computer

Blended Learning ist im Mittel lernwirksam. Die Effektivität von computerund internetbasierten Lerneinheiten ist von Inhalt und Didaktik abhängig

Means et al. (2010)

Wirkungslosigkeit von computerbasierten Lernspielen

Computerspiele können lernwirksam sein.

Chiu et al. (2012)

Verringerte schriftsprachliche Kompetenzen

Im Hinblick auf die Textqualität und

-quantität ist das Schreiben am Computer vorteilhaft.

Goldberg et al. (2003)

Gewalthaltige Computerspiele und Aggressionen

Gewalthaltige Computerspiele führen zu aggressiverem Erleben und Verhalten. Die gefundenen Effekte sind allerdings klein.

Anderson et al. (2010)

einhergeht, keine Bestätigung. Wenn überhaupt, dann deuten die Daten darauf hin, dass Leute, die viel Zeit mit dem Internet verbringen beziehungsweise denen das Internet wichtiger ist, sich gesellschaftlich stärker engagieren. Und möglicherweise engagieren die sich eben auch mithilfe des Internets.

I: Um nochmal allgemein auf die Metaanalysen zurückzukommen: Gab es irgendwelche methodischen Probleme bei der Auswahl der Metaanalysen? Also sowohl bei der ersten Sichtung als auch bei der Selektion der Studien, die letztendlich in Ihre Arbeit eingebunden wurden?

MA: Unser Zugang bzw. die zugrunde liegenden Metaanalysen haben Limitationen, die wir auch in dem Artikel genannt haben. Eine der Limitationen ist, dass diese Mythen zur digitalen Demenz eigentlich Kausalaussagen beinhalten, also: „Internetnutzung führt zu xy.“ Jetzt sind aber die Primärstudien, die den Metaanalysen zugrunde liegen, typischerweise querschnittlich und korrelativ angelegt. Das Vorliegen einer Korrelation ist eine Voraussetzung für eine kausale Wirkung; Behauptungen über kausale Wirkungen selbst lassen sich damit widerlegen, aber sie lassen sich kaum dadurch stützen. Letztlich wäre es also angemessener, nur solche Metaanalysen zu berücksichtigen, die auf längsschnittlichen oder experimentellen Primärstudien basieren. Aber solche Metaanalysen lagen und liegen für die Mehrzahl der Themenbereiche nicht vor. In Bezug auf die Mythen gehen wir in dem Beitrag relativ konservativ vor, weil wir signifikante Zusammenhänge, die mit den Mythen im Einklang stehen, als Hinweis darauf interpretieren, dass in den Mythen tatsächlich auch ein wissenschaftlich belegter Kern steckt. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass die beobachteten Korrelationen durch den Einfluss von Drittvariablen verursacht wurden.

Eine zweite Limitation ist die Aktualität. Die Metaanalysen und die zugrunde liegenden Primärstudien sind zum Teil schon etwas älter. Und die Angebote im Internet und die Nutzungsmuster ändern sich vergleichsweise schnell. In manchen Bereichen wären neuere Metaanalysen sicherlich wünschenswert.

I: Denken Sie trotzdem, dass Sie, auch für sich selbst, zum Beispiel alltagsrelevante Schlüsse aus diesen ganzen Ergebnissen ziehen können? Gibt es irgendetwas, wo Sie sagen: „Aha! Das würde ich an Eltern und Kinder weitergeben.“ Einen Ratschlag zum Beispiel.

MA: Unsere Arbeit hat aufgezeigt, dass es zu differenzieren gilt. Die populärwissenschaftlichen Mythen stimmen in vielen Fällen nicht mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand überein. Risiken der Computerund Internetnutzung sind in manchen Bereichen aber durchaus belegt. Ein Bereich, in dem vergleichsweise viele Studien vorliegen, auch Kausalstudien, ist der Bereich der Gewalt in den Medien und Auswirkungen auf Erleben und Verhalten. Hier zeigen sich typischerweise kleine, aber doch recht gut belegte Zusammenhänge bzw. Effekte, die sich auf experimentelle und längsschnittliche Daten gründen (Anderson et al. 2010; Greitemeyer und Mügge 2014).

I: Um auf einen speziellen Mythos, weg von der Aggressivität, noch einmal einzugehen: Laut der OECD (Prenzel et al. 2007) werden in deutschen Schulen digitale Medien nur sehr geringfügig zu Lernzwecken eingesetzt. Einer Ihrer Mythen betraf ja den Zusammenhang zwischen Lernen via Internet, Onlinespielen oder generell digitalen Medien und der Effektivität dieser Lernmethoden. Was glauben Sie, woran es jetzt liegt, dass in deutschen Schulen trotzdem nur so geringfügig Medien eingesetzt werden?

MA: Ich glaube, da gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Wenn Sie Schülerinnen und Schülern Laptops in die Hand drücken, die sie auch im Unterricht benutzen sollen, dann ist das an sich natürlich erst einmal wenig effektiv. Notwendig ist ein gutes didaktisches Konzept. Einen guten Überblick über die hier lernwirksamen Faktoren liefert die Zusammenschau von Metaanalysen von Hattie (2009). Ein weiterer Punkt ist vielleicht auch, dass populärwissenschaftliche Bücher, in denen vor Computer und Internet gewarnt wird, Eltern, aber auch Lehrerinnen und Lehrer verunsichern können. Wenn man die populärwissenschaftlichen Mythen für bare Münze nimmt, dann ist es nur konsequent, jedwede Computernutzung von Kindern und Jugendlichen abzulehnen – selbst wenn für den schulischen Einsatz ein gutes didaktisches Konzept vorliegt.

I: Wenn man diese Zustände mit der Lesedebatte im 18. Jahrhundert vergleicht, denken Sie, dass die Menschen allgemein Angst vor Wandel und Veränderung haben? Oder werden diese jetzt im Speziellen durch diese Mythen gefördert?

MA: Sie sprechen an, dass das Lesen – vor allem das von jungen Frauen – in vergangenen Jahrhunderten sehr argwöhnisch betrachtet wurde, insbesondere wenn Unterhaltungsliteratur gelesen wurde (z. B. Beyer 1795). Heutzutage und seit vielen Jahren gibt es gesellschaftliche Bestrebungen, das Lesen zu fördern, auch das von Unterhaltungsliteratur.

Wenn man dies in Bezug zur heutigen Debatte um Computer und Internet setzen möchte, dann nimmt das Internet von heute die Rolle der Unterhaltungsliteratur von damals ein. Neuen Medien, die man vielleicht als älterer Erwachsener nicht mehr ganz versteht und auch nicht verstehen will, deren Attraktivität man nicht nachvollziehen kann, lösen – wie alles, dem man keinen Sinn zuschreiben kann – Befürchtungen aus.

Ich möchte aber hinzufügen, dass nicht alle Sorgen um den Umgang mit neuen Medien völlig aus der Luft gegriffen sind. Cyberbullying ( Kap. 5) etwa ist ein Problem, das keinesfalls kleingeredet werden sollte (Kowalski et al. 2012; Kowalski et al. 2014). Durch mobile Endgeräte sind viele Jugendliche fast immer online. Die Erforschung der Konsequenzen ist eine Herausforderung für die psychologische Forschung.

I: Wenn Sie es gerade schon ansprechen. Junge Erwachsene, Teenager, haben dauernd das mobile Internet an der Hand, in der Hand. Im DSM-5 ist es ja nicht so, dass Medienabhängigkeit oder Internetabhängigkeit in irgendeiner Variante als Störung aufgenommen ist. Wie Sie eben aber schon sagten, lässt sich nicht bestreiten, dass Suchtpotenzial auf jeden Fall vorhanden ist. Würden Sie Ihrer Einschätzung nach dafür plädieren, dieses Störungsbild in das DSM-5 aufzunehmen oder eher nicht?

MA: Ich glaube, das ist eine komplexe Debatte. Um da wirklich stichhaltige Aussagen zu treffen, muss man sich, glaube ich, in die Diskussion um das DSM-5 näher hineinbegeben. Ich bin selbst kein klinischer Psychologe und würde das den Experten dort überlassen. Ich denke, da gibt es unterschiedliche Meinungen, gerade auch in dem Bereich bei den Suchtexpertinnen und -experten. Ich denke, es ist eben auch ein Prozess, der sicherlich angestoßen wurde und der, bei Revisionen zum Beispiel, wieder aufkommen wird.

I: Um das Thema Medienabhängigkeit auch auf den sozialen Kontext zu übertragen: Wie eben auch schon erwähnt, sind junge Erwachsene meist die ganze Zeit mobil im Internet. Da könnte man schnell auf die Idee kommen, dass die soziale Interaktion, die Interaktion von Angesicht zu Angesicht, darunter leidet und dass es zu einer Vereinsamung kommt, was ja auch einer der von Ihnen in Ihrem Artikel angesprochenen Mythen ist. Was ist die Aussage Ihres Artikels zur Thematik soziale Vereinsamung?

MA: Auf Basis einer Metaanalyse von Huang (2010) lässt sich im Durchschnitt kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Internetnutzung und Einsamkeit festmachen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass neue Medien für den Themenkomplex Einsamkeit gar keine Rolle spielen. Es gilt jedoch zu bedenken, dass diejenigen Personen, mit denen Jugendliche online viel reden, chatten oder SMS schreiben, ganz typischerweise auch Personen sind, die sie auch offline häufig sehen. Die Kommunikationspartner sind durchaus Freundinnen und Freunde aus der Schule und eher im Ausnahmefall anonyme Fremde, die sie offline noch nie getroffen haben. Das Internet vereinfacht es auch, mit Personen in Kontakt zu bleiben, die z. B. durch einen Wohnortwechsel nicht mehr in unmittelbarer Nähe leben. Denken Sie an junge Erwachsene, die zum Studium in eine neue Stadt ziehen: Über Skype, Facebook etc. kann man den Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden, die nun nicht mehr in der Nähe wohnen, aufrechterhalten und gegebenenfalls intensivieren. Diese Möglichkeiten wirken dem subjektiven Gefühl der Einsamkeit entgegen.

Andere Nutzungsmuster hingegen können durchaus ein Gefühl der Einsamkeit verstärken. Ich denke da an Nutzerinnen und Nutzer, die eher passiv nur anderer Leute Konversation beobachten, Forenbeiträge lesen, ohne sich selbst zu beteiligen, Seiten auf Facebook nur anschauen und nicht aktiv posten. Dies kann, etwa durch soziale Vergleichsprozesse, zu einem Gefühl der Einsamkeit beitragen. Im Vergleich zu anderen nimmt man sich selbst als weniger integriert wahr (zu wenige Freunde, zu wenige intensiv gelebte Freundschaften).

I: Wenn Sie eine kleine Prognose wagen wollen: Wie schätzen Sie die Auswirkungen digitaler Medien allgemein auf die Entwicklung unserer Gesellschaft, vielleicht auch gerade was soziale Vereinsamung angeht, in den kommenden 20 Jahren ein?

MA: Ich glaube, dass Medien den Alltag noch viel stärker durchdringen werden, als sie das jetzt schon tun. Es wird in Zukunft schwieriger werden, eine klare Trennlinie zwischen online und offline zu ziehen. Sie sind jetzt von Würzburg nach Landau gereist, das würden Sie in 20 Jahren sicher nicht machen, sondern das würde man irgendwie virtuell regeln. In einigen Jahren wird es möglich sein, die Realwelt noch besser abbilden zu können, vielleicht erleben wir in den nächsten 20 Jahren technologische Entwicklungen, die es erlauben, Umwelten täuschend echt zu simulieren – Stichwort „Holodeck“ aus Raumschiff Enterprise.

I: Womit beschäftigen Sie sich momentan? Haben Sie momentan ein neues Forschungsprojekt?

MA: Ich beschäftige mich aktuell mit verschiedenen Themen im Bereich Medienund Kommunikationspsychologie. Dazu zählt die Überzeugungsänderung durch (fiktionale) Geschichten (z. B. Appel und Mara 2013) oder die Kommunikation von Stereotypen und deren Konsequenzen (z. B. Appel und Kronberger 2012). Im Bereich Internet und neue Medien interessiert mich der Einfluss der Eltern auf adaptives Medienhandeln und Medienwirkungen (z. B. Appel et al. 2014), und ich plane, selbst Metaanalysen in diesem Themenkontext durchzuführen. Eine Erkenntnis, die wir gewonnen haben, ist, dass es doch zu einigen Themen viele Primärstudien gibt, aber keine aktuellen Metaanalysen, und da erscheint es lohnenswert, Metaanalysen durchzuführen, um einen gesicherten quantitativen Überblick zur Befundlage zu erhalten.

I: Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Es kursiert ja allgemein das Gerücht, dass die Bundesregierung viele Regelungen oder Gesetze während der Fußballweltmeisterschaft durchbringt, weil die Menschen abgelenkt sind. Denken Sie, dass zum Beispiel die Regierung auch Medien und/oder große Events wie die WM für sich selbst instrumentalisiert?

MA: Wenn es um den Zusammenhang zwischen Medien und politischen Akteuren geht, denke ich, da versuchen beide Seiten jeweils Vorteile für sich zu gewinnen; wenn Sie so möchten, instrumentalisieren sich beide Seiten gegenseitig, mit jeweils unterschiedlichen Interessen. Dass Angela Merkel sich beispielsweise gestern Abend in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft ablichten lässt, ist natürlich auch eine Form von politischer Kommunikation. Es gibt einige Theorien zur Persuasion, die darauf hindeuten, dass es durchaus von Vorteil ist, wenn man sich mit positiv besetzten Dingen umgibt. Und kaum etwas ist in Deutschland positiver besetzt als eine siegreiche Nationalmannschaft. Durch die Präsenz im Stadion demonstriert Merkel ferner eine Art Zugehörigkeit. Ich glaube, solche Verhaltensweisen sind im Bereich der politischen Kommunikation nichts Neues oder Außergewöhnliches. Es ist eine Frage der normativen Bewertung, inwieweit man hier von Instrumentalisieren sprechen mag.

I: Haben Sie vielen, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten.

MA: Vielen Dank.

Video des Interviews:

tinyurl.com/appel01

 
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