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6. Ist ADHS eine Modediagnose? Haben Aufmerksamkeits- probleme und Hyperaktivität zugenommen?

Christina Schwenck

6.1 Einleitung

Wolfgang Lenhard

Als der Arztreport der Barmer GEK im Jahr 2013 zum Schwerpunktthema Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) veröffentlicht wurde (Grobe et al. 2013), schienen sich viele Befürchtungen der Kritiker der Diagnose ADHS und insbesondere der medikamentösen Behandlung drastisch zu bestätigen: In den davor liegenden Jahren war es zu einer deutlichen Zunahme der Diagnosestellung gekommen, verbunden mit einem rasanten Anstieg der Verschreibung des Stimulans Methylphenidat, das zur Steigerung der Aufmerksamkeit und einer Reduktion hyperkinetischen Verhaltens bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen beitragen soll. Regionale Unterschiede in der Diagnoseund Verschreibungshäufigkeit, die einen auffälligen Zusammenhang zwischen der örtlichen Präsenz von kinderund jugendpsychiatrischen Praxen aufwiesen, suggerierten zudem fehlende Objektivität in der Diagnosestellung: Entweder würde in den unterversorgten Regionen ADHS nicht korrekt erkannt oder in den sehr gut versorgten Gebieten zu progressiv mit der Diagnosestellung umgegangen. Aufgrund der deutlichen Zunahme wurde insbesondere in populären Nachrichtenmagazinen die Frage aufgeworfen, inwieweit es überhaupt möglich sei, zwischen lebhafteren Kindern mit noch normalem Verhalten und Kindern und Jugendlichen mit tatsächlichen Aufmerksamkeitsproblemen zu unterscheiden (z. B. Spiegel Online 2013). Ist möglicherweise die Zunahme an Diagnosen und Stimulanzienverordnungen der Spiegel unserer Leistungsgesellschaft, die auch von Kindern und Jugendlichen vermeintlich immer mehr Leistung fordert und damit einhergehend die Anforderungen und den Druck in einem zu jungen Alter immer mehr ansteigen lässt?

Im Gegensatz zu diesen Daten stehen Publikationen aus der internationalen epidemiologischen Forschung, die eine sehr hohe Konstanz der Prävalenzraten innerhalb der letzten Jahrzehnte zeigen (z. B. Polanczyk et al. 2014). Auch gibt es keine systematischen Unterschiede in der Auftretenshäufigkeit auf verschiedenen Erdteilen, und Änderungen internationaler Diagnosemanuale scheinen keine merklichen Auswirkungen zu haben. Und nicht zuletzt lässt sich das Phänomen – wenn auch unter anderen Bezeichnungen – auch in der klassischen Literatur nachvollziehen, beispielsweise in dem Mitte des 19. Jahrhunderts erschienenen Kinderbuch Der Struwwelpeter des Frankfurter Psychiaters Heinrich Hoffmann. ADHS selbst scheint somit nicht allein ein Kennzeichen westlicher Industriestaaten nach dem Jahrtausendwechsel zu sein.

Doch wie lassen sich die Veränderungen in Deutschland innerhalb der letzten zehn Jahre deuten? Frau Prof. Christina Schwenck ist mit dem Phänomen nicht nur durch ihre Forschungstätigkeit vertraut, sondern sie war auch lange Jahre in der Diagnostik und der Behandlung von ADHS tätig und hat deshalb einen umfassenden Blick auf das Themengebiet. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen unter anderem in den Bereichen Entwicklung von sozialer Kognition und Empathie, Underachievement und ADHS, und sie forschte dort insbesondere zu exekutiven Funktionen und Subgruppen (Schwenck et al. 2009) sowie den Fähigkeiten zur Emotionsunterscheidung (Schwenck et al. 2013). Zum Zeitpunkt des Interviews arbeitete Frau Prof. Schwenck als leitende Psychologin am Universitätsklinikum für Kinderund Jugendpsychiatrie in Frankfurt und hat gegenwärtig eine Professur an der Universität Gießen inne.

Referenzen

Grobe, T., Bitzer, E., & Schwartz, F. (2013). BARMER GEK Arztreport 2013. Berlin: Barmer. Polanczyk, G. V., Willcutt, E. G., Salum, G. A., Kieling, C., & Rohde, L. A. (2014). ADHD prevalence estimates across three decades: an updated systematic review and meta-regression analysis. International Journal of Epidemiology, 43(2)

Schwenck, C., Schmiedeler, S., Zenglein, Y., Renner, T., Romanos, M., Jans, T., Schneider, W.,

& Warnke, A. (2009). Reflective and impulsive reactions in ADHS subtypes. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 1(1), 3–10.

Schwenck, C., Schneider, T., Schreckenbach, J., Zenglein, Y., Gensthaler, A., Taurines, R.,

Freitag, C. M., Schneider, W., & Romanos, M. (2013). Emotion recognition in children and adolescents with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD). ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 5(3), 295–302.

Spiegel Online (29.01.2013). Aufmerksamkeitsstörung bei Kindern: Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rasant [Internet].verfügbar unter: spiegel.de/gesundheit/

diagnose/barmer-anstieg-bei-aufmerksamkeits-defizit-adhs-a-880255.html (Datum des Abrufs: 16.02.2015).

 
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