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7. Jugendliche Extremtäter und U-Bahn-Schläger – Wann und warum begehen Jugendliche Gewalttaten?

Dirk Baier

7.1 Einleitung

Wolfgang Lenhard

Adoleszenz und junges Erwachsenenalter sind die Lebensabschnitte mit der höchsten Gefahr, Opfer oder Täter von Gewalthandlungen zu werden. Betrachtet man die polizeiliche Kriminalitätsstatistik, so ist zu erkennen, dass die Rate an versuchten und vollzogenen Straftaten mit dem Lebensalter stark zunimmt, im Alter zwischen 14 und 21 Jahren schließlich ein hohes Plateau mit ca. 6500 Vorfällen pro Jahr unter 100.000 Einwohnern gleichen Alters erreicht, um danach wieder auf ein Drittel dieses Wertes zurückzugehen (BMI 2013, S. 34 f.). Die Opfergefährdung nimmt einen ähnlichen Verlauf, und hier macht die Körperverletzung den größten Anteil der Vorfälle aus: Im Alter zwischen 14 und 18 Jahren liegt dieser Wert bei etwa 1900 Vorfällen pro Jahr bei 100.000 Personen dieses Altersbereichs, zwischen 18 und 21 Jahren bei 2800 Vorfällen. Auch hier sinkt der Wert anschließend wieder auf ein Drittel ab. Zwei Drittel bis drei Viertel der Tatverdächtigen sind männlich, und auch bei den Opfern dominieren – mit Ausnahme der Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung – männliche Jugendliche und Erwachsene (BMI 2013, Kap. 6). Eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit erhalten diese Sachverhalte insbesondere dann, wenn besonders brutale Fälle von Gewalt auftreten und aus meist nichtigem Grund eine Auseinandersetzung eskaliert. Gleichzeitig tritt ein kleiner Teil überwiegend männlicher Jugendlicher besonders auffällig in Erscheinung, zum einen weil von diesen Personen besonders häufig Straftaten ausgehen und zum anderen weil die Intensität der Taten besonders hoch ist. Leicht verdichtet sich der Eindruck, dass extreme Taten immer häufiger vorkommen und zunehmend brutaler werden. Zudem entsteht schnell der Verdacht, bestimmte Personengruppen, z. B. Jugendliche mit Migrationshintergrund, würden besonders negativ in Erscheinung treten. Lässt sich dieser Eindruck empirisch bestätigen?

Die offiziellen Polizeistatistiken reflektieren das Hellfeld, also Vorfälle, die aktenkundig geworden sind. Diese Statistiken decken sich aber nicht zwangsläufig mit der tatsächlichen Situation. Eine besondere Problematik in der Beforschung dieses Themas liegt deshalb insbesondere darin, Licht ins Dunkelfeld zu bringen und verlässliche, repräsentative Daten über reale Auftretenshäufigkeiten und -bedingungen zu ermitteln. Zum anderen existieren zahlreiche Ursachen für normabweichendes Verhalten, deren Zusammenspiel nur schwer bestimmt werden kann.

Dr. Baier ist stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e. V. und arbeitet aus soziologischer Perspektive in einem interdisziplinären Team, das sich der Beforschung von Auftretenshäufigkeiten, Ursachen und Präventionsmöglichkeiten widmet. Er arbeitete fokussiert zu den Themen Jugendgewalt (Baier et al. 2009; Baier et al. 2013) und Einflüssen des sozialen und religiösen Hintergrunds auf das Gewaltverhalten (Baier 2014). Darüber hinaus arbeitet er zu den Themen Rauschtrinken und mediale Einflüsse auf Gewaltverhalten Jugendlicher ( Kap. 2, 3, und 10).

Referenzen

Baier, D. (2014). The Influence of Religiosity on Violent Behavior of Adolescents: A Comparison of Christian and Muslim Religiosity. Journal of Interpersonal Violence, 29, 102–127.

Baier, D., Pfeiffer, C., Simonson, J., & Rabold, S. (2009). Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt: Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. Hannover. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen.

Baier, D., Pfeiffer, C., & Hanslmaier, M. (2013). Rückgang der Jugendkriminalität: Ausmaß und Erklärungsansätze. Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 24, 279–288. BMI (Bundesministerium des Inneren) (2013). Polizeiliche Kriminalstatistik 2012. Berlin: Bundesministerium des Inneren. bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2013/PKS2012.html (Datum des Abrufs: 16.02.2015)

 
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