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8. Lassen sich schwere schulische Gewalttaten frühzeitig erkennen und verhindern?

Rebecca Bondü

8.1 Einleitung

Wolfgang Lenhard

Oft verschleiert der nüchterne, formelle Charakter von Bezeichnungen aus dem Beamtendeutsch die Tragweite der Konzepte, die hierdurch beschrieben werden. Ein solcher Begriff ist die Großschadenslage, wodurch katastrophale Ereignisse mit vielen verletzten und möglicherweise auch toten Menschen bezeichnet werden, häufig in Zusammenhang mit fatalen Verkehrsunglücken, Großbränden oder Naturkatastrophen. Bezogen auf von Menschen ausgeübte Gewalttaten fällt darunter der sogenannte erweiterte Suizid – eine Bezeichnung, die ebenfalls zu harmlos klingt, um die hierdurch beschriebenen Ereignisse angemessen zu charakterisieren: Menschen suchen den Tod oder nehmen ihn billigend in Kauf und möchten gleichzeitig so vielen Personen wie möglich massiven Schaden zufügen. In der Öffentlichkeit wurde hierfür der Begriff Amoklauf geprägt. So eingängig der Begriff ist, so irreführend ist er zugleich, denn es handelt sich in der Regel nicht um eine Form von Kurzschlusshandlung, sondern um ein langfristig geplantes und detailliert ausgearbeitetes Gewaltverbrechen. Leider ist zum Zeitpunkt der Erstellung des vorliegenden Buches diese Form der Aggression zu einem regelmäßigen Ereignis in Europa geworden, und fast jeden Monat ereignen sich in einem anderen Land vergleichbare Ereignisse: Mit Schusswaffen ausgestattete Einzeltäter oder kleine Gruppen von fast immer sehr jungen Männern versuchen, unter Andersdenkenden, Andersgläubigen, aus rassistischen Motiven oder aufgrund einer vermeintlichen Kränkung heraus ein Blutbad anzurichten, wahllos möglichst viele Menschen zu töten und dabei potenziell selbst zu sterben.

Auch vor dem schulischen Bereich machen diese Ereignisse nicht halt. Dort gab es mit den Anschlägen von Erfurt 2002 und Winnenden 2009 zwei dieser sogenannten Großschadenslagen. Nach solchen Ereignissen wird die öffentliche Debatte von Versuchen bestimmt, die Motive der Täter zu verstehen und nach den Ursachen zu forschen. Gleichzeitig verstellt die monströse Tragweite der in den Medien besonders aufgegriffenen Fälle, dass nicht jede schulische Gewalttat bzw. Schulschießerei in eine Großschadenslage mündet, sondern dass es sehr viel mehr Taten gibt, die glücklicherweise erheblich weniger drastisch ausgehen und nicht den gleichen Bekanntheitsgrad erreichen. Auch überleben viele der Täter, sodass es möglich wird, diese genauer zu befragen: Wieso werden schulische Gewalttaten begangen – welche Motive verfolgen die Täter? Was sind die Ursachen, die jemanden dazu verführen, Gewaltexzesse zu planen? Welche Persönlichkeitseigenschaften weisen die betreffenden Personen auf? Welche Rolle spielt die Berichterstattung? Lassen sich schulische Gewalttaten frühzeitig vorhersagen und im Voraus verhindern? Welche Schutzmaßnahmen müssen Schulen ergreifen, um die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen sowie das eigene Personal zu schützen? Und schließlich: Wie bedrohlich ist die Situation?

Dr. Rebecca Bondü ist zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches als Vertretungsprofessorin an der Universität Konstanz tätig. In ihren Forschungen an der Universität Potsdam hatte sie diese Themen zu ihrem Schwerpunkt gemacht. Sie forscht zur Auftretenshäufigkeit und -entwicklung der Gewaltvorfälle (Bondü 2012), zu den Persönlichkeitseigenschaften der Attentäter (Bondü und Scheithauer 2014a, 2015) und zur Prävention schulischer Gewalttaten (Bondü et al. 2013).

Referenzen

Bondü, R. (2012). School Shootings in Deutschland. Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertationsschrift. Berlin: Freie Universität Berlin. Verfügbar unter:. diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000037683 Bondü, R., & Scheithauer, H. (2014a). Kill one or kill them all? Differences between European Journal of Criminology 12, 277

single and multiple victim school attacks. –299.

Bondü, R., & Scheithauer, H. (2014b). Narcissistic symptoms in German school shooters. International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, doi.org/10.1177/0306624X14544155 Online first doi:10.1177/0306624X14544155. Bondü, R., Scheithauer, H., Leuschner, V., & Cornell, D. G. (2013). International perspectives on prevention and intervention in school shootings. In N. Böckler, T. Seeger, P. Sitzer, & W. Heitmeyer (Hrsg.), School Shootings (S. 343–362). New York, NY: Springer.

 
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