Interview mit Frau PD. Dr. Carolin Donath, Universitätsklinikum Erlangen

Das Interview wurde von Marco Held, Sandra Ittner, Sandra Mayer und Peter Streun durchgeführt und transkribiert.

Interviewer: Guten Tag Frau Donath. Vielen Dank, dass Sie sich heute für uns Zeit genommen haben, um mit uns über das Thema Binge Drinking bei Jugendlichen zu sprechen. Zu Beginn würde uns vor allem interessieren, warum Sie gerade in diesem Bereich forschen. Was waren Ihre Beweggründe, im Thema Binge Drinking tätig zu werden?

PD. Dr. Carolin Donath: Gerne! Also dann würde ich kurz erklären, warum mich dieses Thema so interessiert. Erst einmal ist Binge Drinking nur eines meiner Forschungsgebiete. Ich arbeite auch noch an anderen. Vor allem interessieren mich gesundheitlich relevante Verhaltensweisen, die eben auch später versorgungsrelevant werden können. Binge Drinking ist eines davon. Ich interessiere mich auch für das Rauchen oder Folgen, die aus solchen Verhaltensweisen wie Binge Drinking entstehen können, beispielsweise Suizidgedanken oder Suizidversuche. Intensiver habe ich mich mit dem Thema Binge Drinking beschäftigt, als es auch in den Medien immer häufiger diskutiert wurde und als es offensichtlich auch sehr häufig in der Gesellschaft verbreitet war. Das war so um 2007/2008. Da wollte ich genauer nachschauen, ob es wirklich so häufig ist oder ob es ein medial gemachtes Problem ist und welche Faktoren damit überhaupt zusammenhängen. Warum machen das Jugendliche? Gibt es bestimmte Risikofaktoren?

I: Sie haben die Medien soeben bereits angesprochen. In den Medien wird häufig das Bild vermittelt, dass Binge Drinking bei Jugendlichen immer mehr zunimmt und an Popularität gewinnt. Ist der exzessive Alkoholkonsum wirklich häufiger geworden? Wie sieht der aktuelle Forschungsstand dazu aus?

CD: Das kann man so pauschal gar nicht sagen. Man muss sich dazu die entsprechenden Altersgruppen anschauen, um das beantworten zu können. Es ist sogar so, dass man sagen kann, es ist sicher nicht häufiger geworden. Also wir haben einen Konsumhöhepunkt um 2007/2008, und wenn man sich dann eine jüngere Altersgruppe anschaut, die 12bis 17-Jährigen, kann man sagen, dass bei denen die Häufigkeit des Binge Drinking gesunken ist, und zwar laut den aktuellen Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die sie 2014 veröffentlicht hat (BZgA 2014a, S. 74).

Bei den jüngeren ist die 30-Tage-Prävalenz des Binge Drinking wie folgt gesunken: Bei den Jungen von einst 30,7 % (2007) auf 18 % (2012). Bei den Mädchen ist sie im Zeitraum 2007–2011 auch gesunken, und zwar von 19 % (2007) auf 10 % (2011). 30-Tage-Prävalenz bedeutet, dass jemand mindestens einmal innerhalb der letzten 30 Tage Binge Drinking betrieben hat. Es wird gezählt, wie oft dies war, und dann die Häufigkeit in Bezug auf die Gesamtstichprobe berechnet.

Bei den Mädchen ist das ein bisschen spezifisch, weil wir das Konstrukt Binge Drinking bis 2011 genauso gemessen haben wie bei den Jungen. Wir haben also gesagt, fünf Drinks oder mehr zu einer Gelegenheit, das ist Binge Drinking. Inzwischen ist die Definition so, dass bei den Mädchen schon vier Drinks oder mehr zu einer Gelegenheit als Binge Drinking zählen. Deswegen ist bei Mädchen in der jüngeren Altersgruppe die Prävalenz bis zum Zeitpunkt 2012 gar nicht so sehr gesunken, sondern nur auf 16 %.

Der Hintergrund dieser Korrektur ist, dass Mädchen bei gleicher Konsummenge einen höheren Promillewert erreichen, da sie eine geringere Menge an Körperflüssigkeit haben. Das führt schneller zu negativen Folgen als bei Jungen, deshalb wird schon eine geringere Trinkmenge in der Definition angesetzt. In unserer eigenen Studie, die wir durchgeführt haben, konnten wir höhere Prävalenzen für das Binge Drinking finden. Die Studie wurde allerdings auch genau zu dem beschriebenen Konsumhöhepunkt erhoben (2007/2008). Wir hatten mehr als

44.000 15-Jährige (9. Klassen) repräsentativ aus ganz Deutschland als Stichprobe. Wir haben gefunden, dass 56,9 % der Jungen und 47,5 % der Mädchen Rauschtrinken betrieben (. Abb. 10.1). Also man kann sagen, jeder Zweite machte in den letzten vier Wochen bzw. 30 Tagen Binge Drinking. Diese Studie haben wir gemeinsam mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen und mit der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt und im Jahr 2011 und 2012 publiziert.

Zur Frage, ob das Binge Drinking nun wirklich häufiger geworden ist: Bei den älteren Jugendlichen ist es sicherlich nicht häufiger geworden, aber auch nicht weniger. Es ist also ein konstanter Konsum. Bei den 18bis 25-Jährigen veröffentlicht auch die BZgA immer noch relativ hohe Zahlen. Aktuell liegt die 30-Tage-Prävalenz hier bei 52 % bei den jungen Männern und bei 35 % bei den jungen Frauen. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass Binge Drinking immer noch weit verbreitet ist, gerade im jungen Erwachsenenalter und bei älteren Jugendlichen.

I: Ab welchem Alter wird denn Binge Drinking generell relevant?

CD: Also eigentlich kann man sagen, dass es wirklich relevant wird, mit dem Alter, wenn auch Alkohol legal gekauft werden kann, also mit 16. Das zeigen auch die Daten der BZgA. Bei den sehr jungen Jugendlichen (12–15 Jahre) liegt der Anteil derjenigen, die Binge Drinking betreiben, unter 10 %. Das ist relativ gering. Gesellschaftlich relevant wird es bei uns, wenn sie Alkohol legal, nach dem Jugendschutzgesetz, kaufen können. Da steigt dann auch die Prävalenz deutlich an. In unserer eigenen Studie hatten wir die Neuntklässler, die im Durchschnitt 15,3 Jahre alt waren. Und da zeigte sich schon, dass diese Jugendlichen sich im Trinkverhalten eher den Älteren annähern. 15-Jährige zeigen also im Durchschnitt nicht mehr das Trinkverhalten wie die Zwölfjährigen, sondern eher das der Älteren.

Man sollte sich allerdings nicht nur auf die Schüler fokussieren, da Binge Drinking vor allem auch das junge Erwachsenenalter betrifft. Es ist unter Studenten weit verbreitet. Keller et al. (2008) haben eine Studie gemacht, in der sie in Deutschland Jura-, Medizin und Lehramtsstudenten zum Thema Binge Drinking befragt haben. Sie haben recht hohe Prävalenzraten erhalten. 52 % der Mediziner, 67 % der Lehramtsstudenten und 71 % der angehenden Juristen hatten in den letzten vier Wochen Binge Drinking praktiziert. Diese Daten wurden zwar in einer Periode erhoben, in der auch unsere Prävalenzdaten recht hoch waren, aber man kann davon ausgehen, dass das Binge Drinking im Studentenbereich auch heute noch sehr verbreitet ist. Das Ganze gilt übrigens auch für andere westliche Länder. In den USA ist bei den Collegestudenten Binge Drinking ebenfalls weit verbreitet. Dort ist das Alter, in dem Alkohol legal gekauft werden kann, zwar höher, aber auch hier haben wir Binge-Drinking-Prävalenzraten von 37 % bei den jungen Erwachsenen (Johnston et al. 2013).

Abb. 10.1 Prävalenz des Binge Drinking unter Jugendlichen insgesamt (n = 44.610) und bezogen auf "positive" 30-Tage-Prävalenz

I: Sie sind vorhin auf die BZgA eingegangen. Diese berichtet von einem Rückgang des wöchentlichen Alkoholkonsums seit 1970. Gleichzeitig berichtet aber das Statistische Bundesamt über eine deutliche Zunahme der stationären Aufnahme bei Jugendlichen aufgrund von Binge Drinking. Trinken Jugendliche heute seltener und dafür mehr, oder kann es auch sein, dass sich Jugendliche heutzutage einfach schneller ins Krankenhaus bringen lassen?

CD: Also in unseren eigenen Studien konnten wir durchaus sehen, dass die Jugendlichen, die in den letzten 30 Tagen überhaupt Alkohol konsumiert haben, das mehrheitlich in Form von Binge Drinking getan haben. Der Anteil derjenigen, die kontrolliert trinken, ist also eher die Minderheit. Von daher ist die Präventionsstrategie, die die BZgA fährt, bei Jüngeren erstmal auf Abstinenz zu setzen, schon eher als sinnvoll zu sehen. Das Alter des Erstkonsums wird optimalerweise möglichst weit hinausgeschoben, da das kontrollierte Trinken offenbar schlecht funktioniert. Aktuell läuft die Kampagne Null Alkohol – voll Power (BZgA 2014b) für Jüngere, und die scheint auch zu greifen. Ansonsten ist es aber nicht eindeutig, dass der regelmäßige Alkoholkonsum rückläufig ist.

Vor allem bei den jungen Erwachsenen geht er nicht signifikant zurück. Ganz konkret: Bei den 18bis 25-Jährigen geht der regelmäßige Alkoholkonsum im Zeitraum von 2001 bis 2012 nicht signifikant zurück, sondern verläuft eher kurvenartig, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Aktuell liegt der Anteil der Personen in dieser Altersgruppe, die mindestens einmal die Woche Alkohol trinken, bei 52,3 % für die Männer und bei 22,8 % bei den Frauen. Bei den Jüngeren hingegen zeigt sich der von Ihnen erwähnte Rückgang. Hier ist der regelmäßige Konsum rückläufig. Man muss dazu wissen, dass medial oft verbreitet wird, dass beispielsweise in Deutschland der Bierkonsum rückläufig ist, das geht aber weniger auf die Jugendlichen zurück, sondern eher auf die Personen im mittleren und hohen Erwachsenenalter. Das liegt daran, dass wir hier in einer Generation liegen, in der sich der Lebensstil im Vergleich zu vorhergehenden Generationen ändert und sehr gesundheitsbewusst gelebt wird. Deshalb haben wir hier einen Rücklauf des Bierkonsums. Aber das ist im Jugendalter nicht relevant.

Ob sich die Jugendlichen heute schneller ins Krankenhaus bringen lassen, kann ich nicht sagen. Aber es ist wahrscheinlich eher so, dass ein Jugendlicher mit einer akuten Alkoholintoxikation gar nicht mehr selber entscheiden kann, und manchmal kann eine größere Menge Alkohol auch zu einer Alkoholvergiftung führen. Diese wiederum führt schlimmstenfalls zum Tod durch Atemstillstand. Begleitet wird eine massive Alkoholintoxikation von Übelkeit, Erbrechen und dem Verlust der Bewegungskoordination. Da diese Alkoholintoxikation meist in Begleitung stattfindet, also im Beisein von anderen Jugendlichen, ist das Ganze auch schockierend, und es wird schnell Hilfe geholt. Vielleicht führt das eben auch zu den vermehrten Behandlungsraten.

I: Warum ist der Anstieg besonders bei jungen Mädchen zu verzeichnen?

CD: Das kann ich so nicht unterschreiben. Denn eigentlich zeigen die Mädchen immer noch das günstigere Konsumverhalten, sowohl beim prävalenten Rauschtrinken als auch beim regelmäßigen Konsum. Bei Rauscherfahrungen generell ist es so, dass die Mädchen und die Frauen geringere Prävalenzen haben. Sie trinken etwas bzw. signifikant weniger. Allerdings muss man auch sagen, dass es körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen bezüglich des Alkoholkonsums gibt. Ein Unterschied ist der geringere Körperflüssigkeitsanteil bei Mädchen/ Frauen. Dieser führt dazu, dass, wenn Mädchen und Jungen gleich viel trinken, Mädchen einen höheren Promillewert haben und auch schneller in einen kritischen körperlichen Bereich kommen. Weiterhin haben Frauen weniger von einem Enzym im Magen-Darm-Bereich, welches den Alkohol abbaut. Mädchen sind deshalb langsamer im Alkoholabbau, und der Alkohol bleibt somit länger im Körper. Das heißt, Mädchen erleiden bei der gleichen Konsummenge einfach gravierendere Folgen und benötigen vielleicht deshalb häufiger ärztliche Hilfe.

Historisch betrachtet noch ein Zusatz: Früher war ja Alkoholkonsum eher eine Männerdomäne, das heißt, die Jungen haben sich eher damit identifiziert. Sie wollten ihre Risikobereitschaft, ihre Unverletzlichkeit, Männlichkeit und Stärke zeigen. Heute leben die Jugendlichen eine starke Gleichberechtigung. Die Mädchen wollen die gleichen Möglichkeiten, Rechte usw. haben und eben auch gleich viel trinken. Dabei werden häufig nach wie vor vorhandene körperliche Unterschiede missachtet. Auch dadurch wird womöglich häufiger ärztliche Hilfe nötig.

I: Sie sind bereits auf die Definition von Binge Drinking eingegangen. Könnten Sie diese vielleicht nochmal etwas ausführen, damit man ein globales Verständnis dafür entwickeln kann? Halten Sie die Definition auch für sinnvoll oder eher für zu weit bzw. zu eng gefasst?

CD: Im Deutschen heißt Binge Drinking ja „Rauschtrinken“ oder „Komasaufen“. Binge Drinking wird aber nicht darüber definiert, ob jemand ins Koma fällt oder wie intensiv der Rausch von jemandem ist, sondern letztlich über die Konsummenge. Es gibt eine Definition, ab wann eine Konsummenge zum Rauschtrinken zählt. Und zwar verwenden wir weitgehend eine einheitliche Definition, die in der Forschung benutzt wird. Das sind fünf Standarddrinks pro Gelegenheit bei den Männern und vier Standarddrinks pro Gelegenheit bei den Frauen. Wenn man diese Menge an einem Abend trinkt, hat man einmal Rauschtrinken betrieben. Meistens wird gefragt, wie oft dies in den letzten 30 Tagen geschah. Manche Forscher verwenden auch die letzten zwei Wochen als Referenzzeitraum. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was ein Standarddrink ist: Ein Standarddrink ist jeweils ein Glas eines Getränks, das 10–12 g reinen Alkohol enthält. Je nach Getränk variiert die Gläsergröße. Bei Bier ist es 0,25 l, bei Wein oder Sekt 0,1 l, bei Schnaps 0,04 l. Die unterschiedlichen Gläsergrößen pro Standarddrink ergeben sich, weil die verschiedenen Getränke verschiedene Volumenprozent Alkoholgehalt haben. Über den Volumenprozentsatz wird berechnet, wie viel reiner Alkohol in einer Getränkeart enthalten ist.

Man sagt, wenn 50 g Reinalkohol aufgenommen werden (bzw. 40 g bei den Mädchen), dann ist das Binge Drinking. Schwierig kann es werden beim Berücksichtigen der Biermischgetränke. Da kann der Alkoholgehalt stark variieren. Er liegt zwischen 2,8 und 5 %. Die Definition ist hier ungenau und kann die Erhebung verfälschen.

Ob ich die Definition persönlich für günstig und sinnvoll halte? Ich finde es zumindest günstig, dass wir in der Forschung eine einheitliche Definition dafür haben, damit wir alle über das Gleiche sprechen. Das ist auch wichtig, damit wir einfach eine Vergleichbarkeit der Daten zwischen Ländern haben, und dies ist mit dem vorhandenen Konzept durchaus gegeben. Dafür scheint also die Konzeption gut verwendbar zu sein. Was sie aber nicht berücksichtigt, sind bestimmte regionale Unterschiede. Wenn man in Norddeutschland fragt, wie viele kleine Bier jemand getrunken hat, ist das etwas anderes, als wenn man jemanden in Bayern fragt. Deshalb muss ich und auch andere Forscher immer genau darauf achten, wenn wir so etwas erheben, dass die Gläsergrößen dazugeschrieben werden.

Persönlich halte ich die Definition nicht für zu eng gefasst. Aus Gründen der Auswirkungen des Binge Drinking ist die definierte Menge so in Ordnung – gerade auch wenn man die WHO-Empfehlung für gesundheitlich nicht schädigenden Konsum einbezieht. Allerdings scheint es mir aus den Reaktionen der Normalbevölkerung so, dass die Ansicht, was Rauschtrinken ist, eher als zu eng gefasst aufgenommen wird. Wenn ich sage, dass jemand, der 1,25 l Bier an einem Abend trinkt, Rauschtrinken macht, dann stößt das eher auf Unverständnis und Widerstand.

I: Welche methodischen Zugänge gibt es, das Konsumverhalten von Jugendlichen zu untersuchen? Und welche Aussagekraft besitzen die jeweiligen Zugänge?

CD: Das meist genutzte Instrument, um belastbare Daten zu erheben, also auch, wie häufig Binge Drinking betrieben wird, sind Befragungen. Diese Befragungen sollten eine relevante Stichprobengröße haben und möglichst repräsentativ sein, damit man die Aussage verallgemeinern kann und tatsächlich belastbare Daten hat. Sie können repräsentativ für eine bestimmte Region, bestenfalls für ein Bundesland oder ganz Deutschland, sein. Unsere Studie war repräsentativ für ganz Deutschland (Donath et al. 2011, 2012). Die Studie der BZgA ist das ebenfalls. Wir hatten 44.000 Jugendliche, die aktuelle BZgA-Studie, die 2014 veröffentlicht wurde, hat 5000 Jugendliche. Unterschiede gibt es z. B., wie man die Befragungen durchführt. Es gibt schriftliche Befragungen mit Fragebögen, so wie wir dies gemacht haben. Es gibt aber auch Telefoninterviews (wie z. B. von der BZgA). Was man dabei wissen muss, ist, dass beide Varianten die Gefahr bergen, dass man sozial erwünschte Antworten erhält, also die Antworten bei heiklen Fragen beschönigt werden. Dies würde dazu führen, dass der Konsum unterschätzt wird, das heißt, dass er in Wahrheit viel höher liegen könnte. Damit muss man rechnen. Die veröffentlichten Zahlen sind daher eher eine konservative Schätzung. Man unterschätzt das Phänomen eher, als dass man es überschätzt. So ist die Meinung in der Forschung. Beim Betrachten der Prävalenzen von Konsumverhalten ist auch zu beachten ist, dass wir Unterschiede in der Prävalenz unserer Befragung und der der BZgA haben. Die BZgA hat niedrigere Prävalenzen; sie sagt, Binge Drinking ist weniger verbreitet als die Zahlen, die wir damals gefunden haben. Das kann aber möglicherweise auch an der Befragungsmethode liegen. Vielleicht haben auf dem Fragebogen die Jugendlichen anders geantwortet als im Telefoninterview.

Wenn ich als Forschungsfrage Hintergründe zum Konsum, das heißt Näheres, was eben nicht nur die reine Konsumhäufigkeit betrifft, wissen möchte, z. B. über die Ursachen, Trinkmotive, über Einstellungen, dann kann ich auch qualitative Studien durchführen. Dieser Ansatz eignet sich nicht zur Prävalenzschätzung, aber für solche oben genannten inhaltlichen Fragen eben schon. Qualitative Studien sind allerdings mit einem großen Forschungsaufwand verbunden, und man kann weniger Leute damit untersuchen.

I: Sie haben bereits erwähnt, dass Rauschtrinken erhebliche Konsequenzen hat. Wie sehen die Gefahren aus? Sind sie bei Jugendlichen schwerwiegender als bei Erwachsenen?

CD: Da muss man ganz klar sagen, dass die Gefahren bei Jugendlichen größer sind. Das liegt daran, dass das Gehirn von Jugendlichen noch in der Entwicklungsphase ist. Man geht davon aus, dass die Entwicklung bis zum Alter von 20 Jahren dauert. Deshalb sind Jugendliche in einer besonders vulnerablen Phase. Es finden noch Reifungsprozesse statt, und besonders in der Pubertät findet ein großer Umbau im Gehirn statt. Was passiert, wenn Jugendliche genau in dem Moment Rauschtrinken? Dann hat das negative Folgen einerseits auf die Hirnfunktionen (also auf das, was das Hirn leisten muss) und auch auf die Hirnstruktur (also wie groß bestimmte Bereiche des Gehirns werden). Es gibt eine Arbeitsgruppe um Susan Tapert (Bava und Tapert 2010) aus Kalifornien. Sie hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Sie hat gefunden, dass die Fähigkeit zur Handlungsplanung, die Impulskontrolle, aber auch ganz basale Sachen wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis bei Jugendlichen, die Rauschtrinken betreiben, vermindert sind. Das Ganze ist insofern kritisch, als diese Folgen lange bestehen bleiben. Sie waren auch zehn Jahre später noch nachweisbar. Es handelt sich also um eine langfristige Beeinträchtigung durch intensiven Alkoholkonsum.

Neben dieser Beeinträchtigung von Hirnfunktionen (Aufmerksamkeit, Gedächtnis) hat man auch in der Struktur nachweisen können, dass beispielsweise der Hippocampus bei Rauschtrinkern kleiner ist. Diese Struktur ist wichtig für die Übertragung der Information vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis, also dass ich mir Dinge lange merken und die Informationen wieder abrufen kann. Auch der Frontalhirnbereich, die vordere Großhirnrinde, welche mitverantwortlich ist für die Handlungsplanung, war in der Größe vermindert. Eine ganz neue Studie von Lisdahl et al. (2013) zeigt, dass die Größenverminderung auch für das Kleinhirn zutrifft, wenn jemand Binge Drinking betreibt. Das Kleinhirn ist wichtig für die Koordination. Bava und Tapert (2010) haben auch gefunden, dass diese Folgen offensichtlich bei Mädchen gravierender sind, dass hier also der Einfluss auf die Hirnfunktionen und -strukturen noch einmal stärker ist, wenn sie Binge Drinking betreiben. Letztlich kommt es dazu, dass Rauschtrinken bei den Jugendlichen zu einer weniger reifen Informationsverarbeitung führt. Sie haben eine weniger effiziente Informationsverarbeitung und brauchen viel mehr Aktivität in den verschiedensten Hirnarealen als Jugendliche, die kein Rauschtrinken machen, um die gleiche Leistung zu bringen.

Abgesehen von diesen Hirnfolgen gibt es ja auch noch die gesellschaftlichen Folgen, die offensichtlicher, einfacher zu beobachten und direkt erlebbar sind. Zunächst macht der Alkohol

– deswegen konsumieren ihn die Jugendlichen ja auch – redseliger, lockerer, er senkt die Angst, er entspannt und hat zunächst kurzfristig positive Folgen. Das verändert sich aber relativ schnell bei exzessivem Alkoholkonsum. Die sprachliche Ausdrucksweise verschlechtert sich, Wortfindungsstörungen und Lallen treten auf. Die emotionale Befindlichkeit verändert sich, von der Angstdämpfung hin zu Verzerrungen im Urteilsvermögen, wodurch die Risikobereitschaft steigt. Das Ganze führt oftmals zu gefährlichen Handlungen, auch die Aggressivität steigt. Die Jugendlichen nehmen vielleicht unter Alkoholeinfluss am Straßenverkehr teil. Sie verursachen Unfälle, machen unüberlegte Handlungen, und die Verletzungsgefahr durch Stürze steigt. Es kommt zu unfreiwilligen sexuellen Kontakten mit Folgen von übertragbaren Krankheiten und Schwangerschaft. Außerdem muss man sagen, ausgehend von dem Wissen, das wir jetzt haben, dass Jugendliche, die regelmäßig Rauschtrinken machen, offensichtlich negative Folgen in der Schule und im Beruf haben, weil ihre Leistung einfach vermindert ist. Das konnten wir auch selber zeigen (Donath et al. 2012). Wir haben gesehen, dass Rauschtrinken wirklich zusammenhing mit Sitzenbleiben, etwas schwächer mit schlechten Noten und mit Schulschwänzen. Nicht zuletzt ist Binge Drinking auch mit gesellschaftlichen Kosten verbunden. Auch das darf man nicht vergessen. Es gibt dazu konkrete Zahlen aus den USA. Gesundheitsökonomen haben berechnet, dass Binge Drinking dem Staat pro Person 746 $ pro Jahr kostet. Eingeflossen sind die Kosten für das Gesundheitssystem, durch die Kriminalität verursachte und für die Arbeitsund Produktivitätsausfälle anfallende Kosten. Umgerechnet auf die konsumierten Drinks waren das 62 Cent anfallende Kosten pro Drink. Diese Kosten sind fünfmal höher als das, was

man durch die Alkoholsteuer einnimmt.

I: Wie wirken sich das Erstkonsumalter und Rauschtrinken im Jugendalter auf das Risiko der Entwicklung einer Abhängigkeit aus?

CD: Das Erstkonsumalter spielt eine große Rolle im Hinblick auf die spätere Gesundheit. Bisher ist man immer davon ausgegangen, je früher, desto schlimmer. Also je früher jemand Alkohol probiert, desto schädlicher ist es. Jetzt weiß man noch mehr: Es ist nicht nur das frühe „Probieren“, sondern es ist vor allem auch gefährlich, wenn man in der Pubertät das erste Mal Alkohol konsumiert, da das die besonders vulnerable Phase ist. Dann ist auch die Gefahr für einen späteren Alkoholmissbrauch besonders hoch. Das hat eine Forschungsgruppe in Mannheim (Blomeyer et al. 2013) herausgefunden, sowohl im Tierexperiment als auch durch Befragungen. Dort haben Ratten, die zum ersten Mal in der Pubertät Alkohol bekamen, später viel größere Mengen konsumiert. Das untermauert die Präventionsstrategie der BZgA, da es besonders gefährlich ist, in der Pubertät zuerst zu konsumieren. Man sollte deshalb versuchen, den Erstkonsum möglichst lange hinauszuschieben. Bei den jungen Jugendlichen sollte man daher wirklich auf Abstinenz zielen. Das wird in der aktuellen Kampagne Null Alkohol – voll Power (früher Na toll) ja gemacht. Es gibt auch erste Erfolge. Die Zeit des Erstkonsums wurde ein Stück nach hinten verschoben, um ca. ein halbes Jahr, aber das liegt immer noch mitten in der Pubertät. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass 2012 das Erstkonsumalter bei Mädchen im Alter von 14,8 liegt und bei Jungen bei 14,5 (BZgA 2014a, S. 47). Das ist immer noch die pubertäre Phase. Hier müsste im Durchschnitt schon noch mehr passieren, damit man konkret in Bezug auf dieses Ziel erfolgreich ist.

I: Wir sind bereits auf die Unterschiede von Mädchen und Jungen eingegangen. Können Sie nochmal die konkreten Unterschiede herausarbeiten und was hinter den Prävalenzunterschieden steckt?

CD: Also generell kann man sagen, dass Mädchen weniger Rauschtrinken betreiben als Jungen. Das zeigt sich in den BZgA-Daten über die Jahre hinweg. Das zeigt sich auch in unseren eigenen Studien. Es ist also ein gesicherter Befund. Es ist aber nicht nur so, dass dies gesundheitlich schützender ist. Mädchen sind nämlich auch vulnerabler, weil das Binge Drinking hier im Gehirn offensichtlich stärkere Effekte auf die Hirnfunktionen hat. Aber Mädchen sind auch in anderen Bereichen vulnerabler. Wir wissen, dass Mädchen den Alkohol schlechter vertragen, bei gleicher Menge schneller einen Rausch bekommen und eben auch länger brauchen, bis der Alkohol abgebaut ist. Sie sind so manchen gefährlichen Situationen häufiger ausgesetzt, wie eben z. B. ungewollte sexuellen Handlungen mit möglichen gesundheitlichen Folgen. In einer eigenen Analyse, die wir noch nicht veröffentlicht haben, hat sich gezeigt, dass Mädchen aus anderen Gründen Rauschtrinken. Während die Jungen aus ganz verschiedenen Gründen Rauschtrinken betreiben, ist es bei Mädchen möglicherweise ein Bewältigungsmechanismus in Bezug auf ihre negativen

Abb. 10.2 Binge Drinking und Suizidalität: Genderspezifische Zusammenhänge (42.561; Angaben in Prozent bezogen auf die letzten 30 Tage)

Stimmungen und Gedanken. Wir haben gefunden, dass es bei Mädchen einen sehr hohen Zusammenhang gibt zwischen Binge Drinking und Suizidgedanken (. Abb. 10.2). Während bei Jungen der Anteil der Binge Drinker sich um „nur“ ca. 10 % erhöht, wenn diese oft bzw. manchmal Suizidgedanken haben, ist das bei Mädchen anders: Mädchen, die selten oder nie Suizidgedanken haben, sind zu einem Anteil von 44,8 % Binge Drinker, während Mädchen mit gelegentlichen bzw. häufigen Suizidgedanken mit einem Anteil von 62,5 % Binge Drinking betreiben. Das heißt, dass es einen großen Unterschied gab zwischen Mädchen, die Rauschtrinken machen, und denjenigen, die es nicht tun. Für die zu einer Gelegenheit viel Alkohol trinkenden Mädchen wird dies quasi zu einer Art Coping-Strategie, um alles einmal zu vergessen und in gute Stimmung zu kommen.

I: Häufig wird neben den Geschlechtsunterschieden auch der Migrationshintergrund als wichtiger Einflussfaktor genannt, wenn es um Rauschtrinken geht. Zum Beispiel gelten Jugendliche mit russischem Migrationshintergrund als besonders trinkfreudig. Welche Erkenntnisse kann die Forschung bezüglich des Migrationshintergrunds zu dieser Debatte beitragen?

CD: Diese Annahme können wir so nicht bestätigen. In unserer eigenen Studie zeigte sich, dass Jugendliche mit osteuropäischem Migrationshintergrund genauso wenig bzw. viel tranken wie die ursprünglich Deutschen (. Abb. 10.3).

Es gab sogar einen leichten Trend, dass sie etwas geringere Mengen konsumierten. Der war allerdings nicht signifikant. Bei den türkischstämmigen Jugendlichen ist es wie bei Jugendlichen aus anderen islamisch geprägten Kulturen so, dass sie signifikant weniger Binge Drinking betreiben. In dieser kulturellen Gruppe ist auch generell der Anteil der Jugendlichen, die überhaupt schon mal Alkohol getrunken haben, niedriger. Bei dem geringen Prozentsatz aus dieser Kulturgruppe, der allerdings schon Alkohol getrunken hat oder sogar regelmäßig konsumiert, war Binge Drinking allerdings weit verbreitet. Dort war der kontrollierte Konsum noch viel seltener. In dieser kulturellen Gruppe gab es auch nochmal deutliche Geschlechtsunterschiede.

Abb. 10.3 12-Monats-Prävalenz des Alkoholkonsums in Abhängigkeit des Migrationshintergrunds (Angaben in Prozent; 44.610)

Der Anteil der Mädchen, die überhaupt keinen Alkohol getrunken haben, war hier deutlich höher als bei den deutschen Mädchen ohne Migrationshintergrund.

Noch einmal zu den Osteuropäern: In den aktuellen Daten der BZgA (2014a) ist es sogar so, dass Osteuropäer signifikant seltener Binge Drinking betrieben haben als die Deutschen, also 36 % versus 47,7 %. Dort zeigt sich ebenso wie in unserer Studie, dass Jugendliche mit türkischem oder asiatischem Hintergrund deutlich weniger Binge Drinking betreiben als deutsche Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Selbst Jugendliche aus Westeuropa, die in Deutschland leben, und in deren Herkunftsländern Alkoholkonsum stark verwurzelt, also akzeptierter Bestandteil des Lebens ist, betrieben seltener Binge Drinking als die „einheimischen Deutschen“. Die genannten Prozentzahlen inklusive der signifikanten Unterschiede beziehen sich auf die älteren Jugendlichen. Bei den Jüngeren gilt das nicht. Also zusammenfassend: Osteuropäer trinken nicht mehr, vielleicht sogar weniger als die Deutschen.

I: Auch gesellschaftliche Einflüsse, wie das Trinkverhalten in der Gesellschaft oder Werbung für Alkohol, werden häufig für das Trinkverhalten von Jugendlichen verantwortlich gemacht. Welche gesellschaftlichen Faktoren wirken sich am meisten auf Binge Drinking bei Jugendlichen aus, und wie tun sie das?

CD: Also zum einen haben wir die Peergroup. Die Peergroup, also die Freunde, die Jugendliche haben, ist für sie ganz wichtig. Deren Alkoholkonsum spielt eine große Rolle in Bezug

Abb. 10.4 Signifikante (p < .001) Schutzund Risikofaktoren für das Binge Drinking (Donath et al. 2012, S. 9 f.). Klinisch relevante Einflussfaktoren sind durch Ellipsen markiert.

auf das eigene Trinken von Alkohol. In einer Umfrage sagen 30 % von den Jugendlichen im Alter von zwölf bis 25, die Binge Drinking betreiben, dass sie dem Konsum nicht widerstehen können, wenn ihre Freunde Alkohol trinken. Bei den Jugendlichen, die kein Binge Drinking machen, sagen das etwa 13 %. 46 % der Binge Drinker können Alkohol nicht widerstehen, wenn sie auf einer Party sind, also in einem Setting, in dem Alkohol verfügbar ist, während das nur 18 % der Nicht-Binge-Drinker sagen. Nicht zuletzt können 19 % der jugendlichen Binge Drinker Alkohol, der ihnen direkt angeboten wird, nicht widerstehen. Das sagen nur 9 % von den Jugendlichen, die nicht Binge Drinking machen (BZgA 2012). Also offenbar spielen die Gesellschaft, das Umfeld und ob Alkohol verfügbar ist eine große Rolle. Aus unserer eigenen Studie in Kooperation mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen und mit der Medizinischen Hochschule Hannover wissen wir, welche Faktoren gesellschaftlicher Art, aber auch innerpersoneller Art mit Binge Drinking im Zusammenhang stehen.

Wir haben insgesamt sechs relevante Faktoren gefunden, zwei davon sind Schutzfaktoren, und vier sind Risikofaktoren (. Abb. 10.4). Schutzfaktoren sind Umstände oder Fakten, die das Risiko senken, dass jemand Binge Drinking betreibt, während Risikofaktoren bestimmte Variablen sind, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jemand Binge Drinking betreibt. Wir wissen, dass einerseits persönlich gelebte und anderseits auch persönlich für den Jugendlichen wichtige Religiosität ein Schutzfaktor ist. Also wenn er sagt, dass er das tatsächlich nicht nur glaubt, sondern auch lebt und praktiziert, dann ist das ein Schutzfaktor. Diese Jugendlichen haben weniger Binge Drinking betrieben. Ein weiterer Schutzfaktor ist, wenn ein Jugendlicher in einem Haushalt gelebt hat mit wenig Geld, also einem niedrigen sozioökonomischen Status, und vielleicht auch auf staatliche Hilfen angewiesen war. Es war offensichtlich ein Schutzfaktor, wenn die ökonomischen Mittel knapp waren. Risikofaktoren hingegen, also Variablen, die die Wahrscheinlichkeit erhöht haben, waren, mindestens einmal sitzengeblieben zu sein, mindestens einmal im Leben geschwänzt zu haben, Suizidgedanken (insbesondere auch bei

Abb. 10.5 Alkoholkonsum (30-Tage-Prävalenz) im Stadt-Land-Vergleich. (Donath et al. 2011)

den Mädchen) und in der Schule schon mal gemobbt worden zu sein, also verbal Aggression erfahren zu haben. Das bezieht sich nicht nur auf die anderen Schüler, sondern insbesondere auch auf Lehrer. Auch negative Erfahrungen, die den Selbstwert betreffen, gegebenenfalls durch die Lehrer, waren ein Risikofaktor. Diese waren zumindest assoziiert mit Binge Drinking.

Diese geschilderten sechs Faktoren waren diejenigen mit dem stärksten Einfluss. Wir haben noch ein paar weitere gefunden, die weniger starken Einfluss hatten. Es war z. B. ein Risikofaktor für Binge Drinking, wenn sich die Eltern getrennt, also wenn die Jugendliche eine Trennung erlebt hatten oder eben Scheidungskinder waren, ebenso wie schlechte Schulnoten, weiterhin ein verbreitetes abweichendes Verhalten in der Freundesgruppe und auch die Persönlichkeit betreffend. In einer aktuell veröffentlichten Studie (Loh et al. 2014) haben wir auch gezeigt, dass Viktimisierungserfahrungen ein Risikofaktor für Binge Drinking sind, ganz konkret war dies das Erleben von sexuellem Missbrauch bei Mädchen und körperlicher Gewalt bei Jungen.

Was wir auch gefunden haben, ist, dass es offensichtlich entscheidend ist, wo man lebt (Donath et al. 2011, z. B. . Abb. 10.5). Auf dem Land war Binge Drinking generell weiter verbreitet. Nicht nur Binge Drinking, sondern der Alkoholkonsum an sich war hier deutlich höher. Jugendliche sind eher eingestiegen, haben regelmäßiger und auch mehr getrunken. Das war unabhängig davon, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund dort gelebt haben. Dieser Faktor wurde herausgerechnet. Alleine der Faktor auf dem Land zu leben, ist ein gewisser Risikofaktor. Das erklärt man auch mit dem Umfeld, das auf dem Land nun mal noch traditioneller ist.

Gerade hier in Bayern finden häufig Feste statt, die eng mit Alkoholkonsum verknüpft sind. Eventuell gibt es dann auch weniger alternative Freizeitaktivitäten, und es läuft sehr vieles über Vereine und Geselligkeit. Das ist dann ein Umfeld, in dem Binge Drinking nun mal häufiger vorkommt.

I: Ein weiterer Punkt sind dann auch noch die Eltern. Ist es besser, wenn Eltern einen gemäßigten Alkoholkonsum vorleben oder auf strikte Abstinenz bestehen?

CD: Wir wissen schon, dass Eltern und Freunde Vorbilder sind und Jugendliche dort eine Orientierung finden. Es ist also nicht egal, was Eltern und Freunde tun. Es ist positiv zu bewerten, wenn die Eltern oder Freunde ein gemäßigtes Trinkverhalten an den Tag legen – im Sinne von Modelllernen und im Sinne von Vergleichen, die Jugendliche häufig anstellen. Sie schätzen nämlich ein, wie viele Personen in ihrem Umfeld Binge Drinking betreiben und in welchem Ausmaß: Die Jugendlichen überschätzen dies sehr häufig. Wir haben gefunden, dass nicht nur der Alkoholkonsum der Eltern, sondern auch der Substanzkonsum allgemein (z. B. Rauchen) der Eltern einen Einfluss haben auf das Binge Drinking. Wenn die Eltern Raucher waren, hat dies das Risiko für Binge Drinking bei den Kindern leicht erhöht. Also offensichtlich spielt es eine Rolle, was für ein Klima im Umgang mit Substanzen in der Familie generell herrscht. Wir wissen aus anderen Bereichen der Suchtforschung, also beispielsweise aus der Tabakforschung, dass Kontextvariablen ganz wichtig sind und dass die sogenannte Tabakpolitik (raucherfreie Zonen) einen großen Einfluss hat (Piontek et al. 2008a; Donath et al. 2009). Wir wissen, dass das gefühlte Konsumklima, ob Alkohol gewünscht ist oder nicht, ob es okay ist, dass man trinkt und wie viel, eine sehr große Rolle spielt für den eigenen Konsum bei Jugendlichen. Beim Rauchen war es sehr erfolgreich, eine strikte Nichtraucherpolitik einzuführen, also das Rauchen unerwünscht zu machen. Beim Alkohol ist das sehr viel schwieriger, zumindest in Deutschland, da wir eine Kultur haben, in der Alkohol stark verwurzelt ist. Man kann ihn also nicht einfach verbannen, weil wir eine alkoholtolerierende Kultur haben und Alkohol so tief verwurzelt ist, dass wir nicht so vorgehen können wie beim Tabak. Auch nicht vergessen darf man, dass nicht nur die Eltern und die Freunde Vorbilder sind, sondern auch die Lehrer. Wir wissen auch vom Rauchen aus einer Studie, die Piontek et al. (2008b) veröffentlicht hat, dass zum Beispiel rauchende Lehrer das Risiko erhöht haben, dass Schüler rauchen. Also kann man davon ausgehen, dass offensichtlich auch das Trinkverhalten der Lehrer wichtig ist.

Zusammenfassend: Bei älteren Jugendlichen sollte man auf einen kritischen, gemäßigten Alkoholkonsum fokussieren. Ich denke, eine Abstinenz anzustreben, ist unrealistisch. Das Umfeld zu ändern, ist sehr schwer, daher wäre es wichtig, dass man in einem älteren Bereich der Adoleszenz diesen kritischen und kontrollierten Konsum fördert. Ansonsten ist es noch wichtig zu wissen, dass es anscheinend auch biologische Risiken bei Jugendlichen gibt. Auch das hat Susan Tapert mit ihrer Arbeitsgruppe (Squeglia et al. 2012) herausgefunden. Jugendliche, die Binge Drinking betreiben, hatten bereits im Vorfeld ein anderes Aktivitätsmuster im Gehirn als diejenigen, die kein Binge Drinking betrieben. Also gibt es wohl auch eine biologische Vulnerabilität. Gerade für diese Jugendlichen wäre ein Umfeld günstig, in dem Alkohol nicht so stark toleriert wird und nicht immer verfügbar ist.

I: Welche Interventionsmaßnahmen lassen sich aus den genannten Einflussfaktoren ableiten? An welchen Punkten ist es am sinnvollsten anzusetzen?

CD: Die Präventionsmaßnahmen sind sehr wichtig. Diese würde ich nicht streichen wollen. Die bestehenden Kampagnen, die zum einen versuchen, gerade bei den Jüngeren den Alkoholkonsum möglichst ganz zu vermeiden bzw. möglichst lange hinauszuzögern, halte ich für ein sinnvolles Vorgehen. Ich finde es aber auf der anderen Seite auch ein realistisches Ziel, bei den jungen Erwachsenen nicht auf die Abstinenz zu fokussieren, wenn wir wissen, dass mehr als jeder zweite Binge Drinking betreibt; dann wäre es bei einer Präventionsmaßnahme wichtig, erstmal ein Ziel des kontrollierten Konsums anzustreben. Ziel sollte es sein, in der alkoholpermissiven Kultur, in der wir leben, zu versuchen, das umzusetzen, was die WHO empfiehlt, also dass Frauen nicht mehr als einen Standarddrink und Männer nicht mehr als zwei Standarddrinks pro Tag konsumieren (die o. g. 10–12 g Reinalkohol) und dass es zwei alkoholfreie Tage in der Woche gibt. Wenn man versucht, das in den Präventionsund Interventionsmaßnahmen umzusetzen und zu erreichen, dann wäre schon viel gewonnen.

Abb. 10.6 Prozentuale Verteilung des Erstkonsumalters für Alkohol (nur Konsumenten, n = 39.450)

Sinnvoll anzusetzen wäre auch daran, dass man Jugendlichen Strategien vermittelt, mit denen sie beispielsweise mit schlechter Stimmung anders umgehen können als mit Trinken, sodass sie für diese Situationen bessere Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung haben und nicht das Binge Drinking dafür brauchen, um sich von schlechter Stimmung oder Suizidgedanken abzulenken. Weiterhin sollte man auch Erwachsene hinsichtlich des aktuellen Wissenstands informieren, aber nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrer. Diesen Menschen kann man einerseits erklären, was z. B. verbal aggressives Verhalten auslösen kann, also dass verbales Mobbing durchaus Folgen für den Substanzkonsum haben kann, und andererseits natürlich ihre Vorbildrolle in Bezug auf eigenen Substanzkonsum, nicht nur beim Trinken, sondern auch beim Rauchen. Und zuletzt wissen wir, dass eigentlich eine Preispolitik wirksam wäre. Das haben nicht nur wir in unseren Studien gefunden, sondern das ist ein ganz bekannter Fakt. Angestiegene Preise oder höhere Steuern können den Alkoholkonsum senken, insbesondere bei Jugendlichen. Hier sind die sozioökonomischen Mittel nun mal begrenzt, und das würde stark auf die Konsummenge wirken.

I: Halten Sie neben der Preispolitik verschärfte Jugendschutzgesetze für sinnvoll?

CD: Ich denke nicht, dass das sinnvoll wäre; man müsste erstmal die bestehenden einhalten. Wenn das durchschnittliche Erstkonsumalter in Deutschland bei 14 Jahren liegt, man aber erst mit 16 Alkohol legal kaufen kann, ist da ja eine Diskrepanz und ein Problem (. Abb. 10.6).

Ich war relativ erschrocken darüber bei unserer eigenen Studie mit den 15-jährigen Jugendlichen, die gar nicht legal Alkohol kaufen hätten können, dass dort mehr als jeder zweite Rauschtrinken betreibt. Also offensichtlich werden die bestehenden Regelungen gar nicht eingehalten, deshalb wäre ich zunächst dafür, dass man diese umsetzt. Ich denke auch, dass man in Bezug auf Prävention nicht alles neu erfinden muss – bei den schon bestehenden Interventionsmaßnahmen, die zum Teil evaluiert sind. Es gibt viel Aktivitäten: Die BZgA hat wirkungsvolle Kampagnen, sie macht viel mit ihren Internetseiten auch über die modernen Medien, die Jugendliche ansprechen. Es gibt auch Lebenskompetenzprogramme, die direkt in Schulen durchgeführt werden. Diese fördern den Selbstwert und Lebenskompetenzen im Allgemeinen und verbieten nicht. Es wäre vielleicht wichtiger, diese Maßnahmen einfach mehr zu verbreiten, als neue Maßnahmen zu erfinden.

I: Stellen Sie sich vor, Sie wären die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Welche Maßnahmen würden Sie als Erstes ergreifen, um das Problem des Rauschtrinkens bei Jugendlichen in den Griff zu bekommen – wenn Sie völlig freie Wahl hätten?

CD: Ich würde die Alkoholpreise erhöhen. Es hat sich in der Forschung und auch beim Tabakkonsum immer wieder gezeigt, dass die Preiserhöhung sehr effektiv war. Wenn die Tabakkosten erhöht werden, sinken die Raucherraten bei den Jugendlichen. Sie stagnieren nicht nur, sondern gehen deutlich nach unten. Das würde wahrscheinlich beim Alkohol auch passieren. Die Alkopopsteuer war damals auch kurzzeitig wirksam. Außerdem würde ich mich nicht nur um die sehr jungen Jugendlichen kümmern, wie das zurzeit sehr oft gemacht wird, sondern auch z. B. die Studenten mit einbeziehen und vor allem auch auf die jungen Erwachsenen fokussieren, weil Binge Drinking dort eigentlich in einem viel größeren Ausmaß praktiziert wird. Ich sehe beispielsweise keinen Grund, warum man bei Erstsemesterbegrüßungen Freibier ausschenkt, wie es zum Teil üblich ist. Ich würde in öffentlich getragenen Einrichtungen, also Schulen und Universitäten, eine sehr strenge Alkoholpolitik betreiben wollen und ein Umfeld schaffen, wo Alkoholkonsum weniger erwünscht ist.

I: Wie ist auf diesem Gebiet auf lange Sicht der Trend: Entwickelt sich unsere Gesellschaft in die richtige Richtung, oder ist die Tendenz eher problematisch? Wie, glauben Sie, wird sich das Trinkverhalten von Jugendlichen in Zukunft entwickeln?

CD: Das ist schwer zu sagen. Prognosen sind immer sehr schwierig. Eine wirkliche Änderung des Alkoholkonsumverhaltens wird sich erst ergeben, wenn sich eine gesamtgesellschaftliche Klimaveränderung in Bezug auf Alkohol ergibt. Ich denke auch, das wird weiterhin ein Problem bleiben, auch wenn die Verbreitung vor allem im jungen Alter sinken wird. Allerdings muss man auch sagen, jugendliche Generationen – das war früher auch schon so – sind interessiert daran, Grenzen auszutesten, Neues auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten und Risikoerfahrungen zu machen. Zurzeit machen sie das eben mit Alkohol. Es wird die Frage sein, ob das weiter der Alkohol sein wird, mit dem sie das austesten, oder ob es etwas anderes geben wird, vielleicht ja auch etwas, das weniger gesundheitsschädlich ist. Also das war schon immer ein Thema, und das wird es auch bleiben. Man muss sich die Frage stellen, ob man ein Ersatzverhalten liefern kann, das weniger schädlich ist.

Einen Punkt hatte ich noch, den ich gerne noch ansprechen würde, und zwar, wie häufig Jugendliche das Rauschtrinken praktizieren. Wir haben über die generelle Prävalenz ja bereits gesprochen. Es gibt auch noch Aussagen darüber, wie häufig das Rauschtrinker an sich machen. Von häufigem Rauschtrinken spricht man, wenn jemand mindestens viermal innerhalb der letzten 30 Tage, also ca. einmal die Woche, die o. g. Konsummenge zu einer Gelegenheit getrunken hat. Das machen 19,4 % der jungen Männer und 9 % der jungen Frauen (18–25 Jahre). Diese Zahl ist bei den jungen Jugendlichen (12–17 Jahre) deutlich geringer: Sie liegt unter 5 %. Man muss allerdings dazu sagen, dass sich diese 5 % auf alle Zwölfbis 17-Jährigen beziehen und nicht nur auf die, die sowieso schon Rauschtrinken betreiben. In unseren eigenen Daten haben wir die Häufigkeit berechnet, indem wir uns nur die Binge Drinker angeschaut haben (. Abb. 10.7): 54,1 % – etwas mehr als die Hälfte – betreibt Rauschtrinken dreimal oder weniger im Monat. Das heißt, der Anteil der häufigen Rauschtrinker, gemessen nur an den Jugendlichen, die überhaupt Rauschtrinken machen, ist die knappe Hälfte (45,9 %).

In den BZgA-Daten ist dieser Anteil niedriger: Wenn man sich dort die Rauschtrinker ansieht und schaut, wie häufig sie das machen, dann kann man sagen, dass ca. ⅓ bis ¼ das häufig machen – häufig im Sinne von mindestens viermal innerhalb des letzten Monats. Bei den

Abb. 10.7 Häufigkeit des Binge Drinking innerhalb der letzten 30 Tage (nur Rauschtrinker; Mittelwert m= 6,63; Standardabweichung sd = 4,23)

Studenten ist diese Häufigkeit jedoch höher und vergleichbar mit den Daten aus unserer Studie: Die Arbeit von Keller et al. (2007) hat gezeigt, dass bei den Medizinstudenten im ersten Semester 24 % der Studenten einmal innerhalb der letzten zwei Wochen Binge Drinking betrieben und 28 % zweimal oder häufiger in den letzten zwei Wochen. Es gibt also einen deutlichen, nicht zu vernachlässigenden Anteil Rauschtrinker, der das durchaus häufiger betreibt.

I: Vielen Dank für das Gespräch.

 
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