Außenpolitik als Kultur

Kultur bezeichnet einen soziologischen Grundbegriff, der seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend auch in den IB Verwendung findet. Von einer Ignoranz gegenüber kulturellen Phänomenen kann daher keinesfalls die Rede sein – ganz im Gegenteil. Erstaunlich ist jedoch, dass gerade ein bedeutungsorientierter Kulturbegriff weiterhin eher am Rande als im Mainstream der Disziplin gebraucht wird und vorrangig unter dem Diskurs-Label anzutreffen ist. Wie gezeigt, wendet sich der „cultural turn“ gegen eine starke behavioristische und funktionalistische Ausrichtung der Soziologie, indem die (inter-) subjektiven Sinnund Weltdeutungen der Akteure in den Mittelpunkt der Untersuchungen gerückt werden (Alexander 1988, Swidler 1986). Unterschiedlichen Konzeptionalisierungen des Kulturbegriffes Rechnung tragend, betonen Moebius und Quadflieg jedoch, „dass eine Definition des Kulturbegriffs selbst nur innerhalb der jeweiligen theorieund disziplinabhängigen Konstruktion von Gegenständen und Fragestellungen kohärent möglich ist“ (2011: 12). [1] In den IB und der Außenpolitikforschung lassen sich demnach zwei Aspekte der Diskussionen über Kultur unterscheiden.

Zum einen haben sich zahlreiche Autoren mit der Frage beschäftigt, welche sozial-theoretische und empirische Rolle Kultur für das Handeln sowohl von Einzelnen als auch von Gruppen spielt. In diesem Sinne habe ich zwischen einem kausalanalytischen und einen handlungs-konstitutiven Kulturbegriff differenziert. Sie basieren auf unterschiedlichen epistemologischen und ontologischen Annahmen über den Zusammenhang zwischen Handlungen, Strukturen und deren Wirkung. Ein bedeutungsorientierter Kulturbegriff muss dabei nicht zwangsläufig konstitutiv aufgeladen werden, wie Ann Swidlers Arbeit zeigt (1986). Für eine Theoretisierung von Kultur und Außenpolitik aus einer konstitutions-theoretischen Perspektive sprechen jedoch zwei Ziele dieser Arbeit: erstens ein besseres Verständnis für die Reflexivität, Kontingenz und Historizität des Wechselspiels zwischen Strukturen und Handlungen und zweitens die Beantwortung der Fragestellung dieser Arbeit, die sich mit der kulturellen Erfindung, d.h. Konstitution kollektiver Akteure durch außenpolitisches Handeln beschäftigt.

Zum anderen bereitet die Verwendung unterschiedlicher Kulturbegriffe einen grundlegenderen Perspektivwechsel vor, der intersubjektive Prozesse der Bedeutungsgenerierung, Sinnund Weltdeutung zum Ausgangspunkt konzeptioneller Überlegungen und empirischer Untersuchungen nimmt. Diese „Expansion der kulturwissenschaftlichen Denkweise“, so Andreas Reckwitz, verweist auf ein „intern vielfach differenziertes Forschungsprogramm“ (2008: 15; Herv. i.O.). Als fächerübergreifendes Forschungsprogramm sei die kulturwissenschaftliche Perspektive demnach in der Lage, jeden Gegenstand der Geistesund Sozialwissenschaften als kulturelles Phänomen zu rekonstruieren (Reckwitz 2008: 16; Moebius und Quadflieg 2011: 13). [2] Solch eine Perspektive basiert auf einen bedeutungsorientierten, rekonstruktiven Kulturbegriff und fragt danach, wie Akteure ihr eigenes und das Handeln anderer deuten und verstehen. Gegen einen essentialistischen Kulturbegriff gewendet, setzt der bedeutungsorientierte Kulturbegriff als zentrales Argument voraus, dass sinnhaftes Handeln erst „vor dem Hintergrund von symbolischen Ordnungen, von spezifischen Formen der Weltinterpretation entsteh(t), reproduziert (wird) und sich veränder(t)“ (Reckwitz 2008: 25). Auf den Punkt gebracht bedeutet dies:

„Das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm zielt darauf ab, die impliziten, in der Regel nicht bewussten symbolischen Ordnungen, kulturellen Codes und Sinnhorizonte zu explizieren, die in unterschiedlichen menschlichen Praktiken verschiedener Zeiten und Räume zum Ausdruck kommen und diese ermöglichen. Indem die Abhängigkeit der Praktiken von historischund lokal-spezifischen Wissensordnungen herausgearbeitet wird, wird die Kontingenz dieser Praktiken, ihre Nicht-Notwendigkeit und Historizität demonstriert. Diese Kontingenzperspektive des kulturwissenschaftlichen Forschungsprogramms steht jedoch der in diesen Praktiken selbst, zum Teil auch in den intellektuellen Diskurs eingebauten Tendenz entgegen, diese Kontingenz unsichtbar zu machen, zu invisibilisieren und stattdessen die Notwendigkeit der Praktiken zu suggerieren: eine Notwendigkeit als ‚natürlich', ‚allgemein-gültig' oder Produkt einer rationalen Entwicklung“ (Reckwitz 2008: 17, Herv.i.O.).

Zentral für dieses bedeutungsorientierte Verständnis von Kultur sind drei Aspekte: (1) das Zusammenwirken von Diskursen und Praktiken, (2) die Kontingenz und Historizität solcher symbolischen Ordnungen und ihres praktischen Vollzugs sowie (3) deren Naturalisierung, d.h. der Eindruck, dass es gar nicht anders kommen konnte. Kultur bezeichnet hier nicht nur abstrakte Symbole, sondern immer den praktischen Vollzug der Generierung und Anwendung von Bedeutungen. Wissensordnungen erlangen Macht ja gerade dadurch, dass sie gebraucht werden. In diesem praktischen Vollzug, so Reckwitz, kommt eine Kontingenzperspektive zum Ausdruck, die wichtig ist, um verstehen zu können, wie sich Bedeutungen wandeln können. Luhmann beschreibt Kontingenz als „etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist“ (Luhmann 1984: 152). Sozialwissenschaftlich relevant ist nun aber gerade die Tendenz, diese Kontingenz unsichtbar zu machen. Dieses Spannungsfeld zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit offen zu legen, ist Anliegen einer kulturwissenschaftlichen (und rekonstruktiven) Perspektive (Herborth 2010).

Intern lässt sich solch ein kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm in eine eher strukturalistisch-semiotische (und holistische) und eine stärker hermeneutisch-interpretative (und individualistische) Perspektive differenzieren, wobei für erstere das Konzept des Diskurses, für letztere der Begriff der Praktiken zentral ist (Reckwitz 2008: 38-45). Kultur wird in beiden Perspektiven als soziales, d.h. sinnstiftendes Handeln verstanden. Zwar wird Bedeutung in Kommunikationszusammenhängen hergestellt, Kultur materialisiert sich aber nicht nur in der Art und Weise, wie wir über Dinge sprechen (und schreiben). Der „Ort“ von Kultur, so Reckwitz, lässt sich sowohl auf einer textualistischen als auch praxeologischen Ebene lokalisieren. Während diskurstheoretische und -analytische Perspektiven, die sich mit dem Textuellen beschäftigten, in den IB eine zunehmend breite Beachtung finden, haben praxistheoretische Überlegungen mit Referenzen zu den Arbeiten von Pierre Bourdieu oder Bruno Latour erst in den letzten Jahren an Relevanz gewonnen (Neumann 2002; Pouliot 2008; Adler und Pouliot 2011; Leander 2011; Villumsen 2011). Gegenüber dem textualistischen Kulturverständnis verortet eine praxeologische Variante „symbolische Ordnungen der Kultur auf der Ebene körperlich verankerter, Artefakte verwendender und öffentlich wahrnehmbarer sozialer Praktiken“ (Reckwitz 2008: 43; eigene Herv.; zum „practice turn“: Schatzki/Knorr Cetina/von Savigny 2001; Büger und Gadinger 2008). Sowohl die materielle Dimension sozialen Handelns im Sinne des Umgangs mit Artefakten als auch der praktische Vollzug von sinnstiftenden Handlungen soll durch ein Verständnis für soziale Praktiken geschärft werden, die in rein diskursanalytischen Ansätzen oft zu wenig Beachtung finden.

Reckwitz weist jedoch darauf hin, dass sowohl die textualistische als auch die praxeologische Perspektive dazu geführt hat, den „kulturwissenschaftliche(n) Blick von der mentalen Welt des Geistes auf die öffentlich wahrnehmbare materiale Kultur (zu) richten“, also vom geistigen und mentalen zum materialen Ausdruck zu verschieben (Reckwitz 2008: 44; Herv. i.O.). Während er einen allgemeinen Trend des kulturwissenschaftlichen Feldes hin zur Praxistheorie sieht, da sie zu einer „forschungspraktischen Rehabilitierung“ von menschlichen Körpern und materiellen Artefakten als Bestandteil sozialer Praktiken beitragen und den „vorbewussten Routinecharakter(s) der Verwendung symbolsicher Ordnungen“ (Reckwitz 2008: 45) in den Blick nehmen kann, so bleibt doch das Zusammenwirken von Diskursen und Praktiken, Makrostrukturen und Mikroprozessen, Struktur und Handlung das zentrale sozialtheoretische Problem, mit dem sich ein kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm beschäftigt. Gefragt sei demnach, so Reckwitz (2008: 41), ein „kulturtheoretisches Synthesemodell“, das den vermeintlichen Gegensatz zwischen Diskursen und Praktiken zu überwinden mag.

Wie Diskurse und Praktiken gegenstandsbezogen rekonstruiert und analysiert werden können, wird Thema von Kapitel 3 sein. Im Folgenden soll hier der sozialtheoretische Zusammenhang zwischen Diskurs und Praktiken als Kultur erörtert und für eine Theoretisierung von Außenpolitik nutzbar gemacht werden. Denn mit diesem Perspektivwechsel auf Außenpolitik als Kultur ist auch ein Verständnis für die Produktivität von Machtbeziehungen verbunden, die kollektive Akteure hervorbringen.

  • [1] Moebius und Quadflieg sehen im Gegensatz zu Reckwitz einen Trend zur Fragmentierung der Kulturwissenschaften: „Angesichts dieser zwei neueren Entwicklungslinien, der theoretischen Spezialisierung bei gleichzeitiger institutioneller Redisziplinierung, verstärkt sich der Eindruck einer zunehmenden Fragmentarisierung der Kulturwissenschaften in getrennte und voneinander unabhängige Forschungsbereiche und -fragen“ (2011: 15).
  • [2] Als Randbemerkung sei darauf verwiesen, dass Reckwitz (als auch Moebius und Quadflieg) diesen Trend in Bezug auf die Soziologie, die Geschichtswissenschaft und die Ethnologie diskutieren, nicht aber die Politikwissenschaft (geschweige denn die IB) einbeziehen.
 
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