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2.4.2 Praktiken als ‚meaning-in-use' und ‚know-how'

Diesem mittlerweile etablierten Diskursbegriff steht in jüngster Zeit zunehmend ein Verständnis für Praktiken, den praktischen Gebrauch von Bedeutung und die Materialität sozialen Handelns gegenüber. Missverständlich wäre es jedoch, Diskurse und Praktiken als Gegensätze zu verstehen (Weldes und Laffey 2004: 28, Reckwitz 2008: 41). Iver Neumann (2002) betont in diesem Sinne, dass Foucaults zentrales Anliegen immer der Gebrauch von Bedeutungen – „meaning in use“ – gewesen sei. Dieses Verständnis für den Gebrauch und praktischen Vollzug von Bedeutung gehe aber oftmals in Diskursanalysen verloren, die sich auf die Analyse von (mehr oder weniger) hegemonialen Bedeutungsstrukturen fokussieren würden. Vor dem Hintergrund der vielbeachteten linguistischen Wende plädiert Neumann deshalb dafür, nicht aus den Augen zu verlieren, dass

„the linguistic turn is not just a turn to narrative discourse and rhetoric, but to how politics is actually effected. The analysis of discourse understood as the preconditions for social action must include the study of practices understood as the study of social action itself” (Neumann 2002: 627-628; eigene Herv.).

Wissenschaftlerinnen verstehen dabei unter Praktiken „arrays of activity” (Schatzki 2001: 2) und „a temporally unfolding and spatially dispersed nexus of doings and sayings” (Schatzki 1996: 89), „socially recognized forms of activity” (Barnes 2001: 19), „competent performances” (Adler und Pouliot 2011: 1), „knowledgable practices“ (Ashley 1988: 229), „know how“ and „practical knowledge“ (Pouliot 2010: 11), „routinisierte Handlungsmuster“ (Büger und Gadinger 2008: 279) und „den Zusammenhang von routinisierten körperlichen Verhaltensmustern, übersubjektiven Wissensschemata und routinisierten subjektiven Sinnzuschreibungen“ (Rechwitz 2006: 559). Gemeinsam ist diesen im Detail unterschiedlichen Beschreibungen, dass Praktiken mit Wissen-wie („know-how“) und einem Maß an Wiederholbarkeit bei gleichzeitiger Erneuerung verbunden werden.

Praktiken [1] nehmen zwischen Diskursen, verstanden als symbolische Ordnungen, und der konkreten Handlung eine Mittlerposition ein. Praktiken sind mehr als eine vereinzelte Handlung, sondern eine Form des Handelns. Praktiken verweisen auf den Vollzug von sinnhaftem Handeln und der sich wiederholenden Anwendung von Bedeutung. Jeden Morgen nach dem Aufstehen zu gähnen und sich zu strecken ist keine Praktik; sich Montagbis Freitagmorgen für die Arbeit einen Anzug anstatt eines Jogginganzugs anzuziehen schon. Und mittags mit den Kollegen in die Kantine essen zu gehen, obwohl das Essen einem nicht schmeckt, erst recht. Von Interesse an diesen Praktiken sind weniger die Verhaltensformen, die sie disponieren, sondern die sozialen Beziehungen, die dadurch hergestellt und verändert werden. Auch wenn Praktiken einen gewissen Routinecharakter aufweisen, so wäre es dennoch falsch, sie mit Verhaltensweisen gleichzusetzen. Praktiken, verstanden als soziale Handlungsmuster („doings“, nicht „behavings“), bilden sich ja gerade im Austausch zwischen etablierten Routinen und der Erfahrung von Krisen, d.h. von Situationen, in denen diese Handlungsmuster scheitern.

Mit dem Ziel einer pragmatistischen Fundierung der Praxis(theorie) schreibt Karl Hörning: „‚Praxis' steht allgemein für jenes Handeln bzw. jenen gesellschaftlichen Prozess, mit bzw. in dem Menschen sich die Bedingungen ihrer historisch vorgefundenen Wirklichkeit aneignen und sie transformieren“ (Hörning 2004: 27). Dabei geht es weniger um die Bewältigung abstrakter, sondern praktischer Probleme des Alltags. Praktiken haben somit immer etwas mit Wissen und Können zu tun (Hörning 2004: 28). Pragmatistisch gewendet heißt dies, dass Praktiken auf ein Wissen-wie verweisen und im Sinne von John Dewey als „ends in view“ – und eben nicht teleologisch – verstanden werden können. Handlungen sind „Antworten auf Situationen, die Fragen aufgeworfen haben“ (Hörning 2004: 30), d.h. die Zwecksetzung der Handlung ist Teil des Handelns selbst. Konkretes, situationsspezifisches Handeln wird dann und dort zu Praktiken, wo sich Handlungsroutinen entwickeln, die sich jedoch stets aufs Neue an der „Widerständigkeit der Welt“ messen lassen müssen. Dieses Wissen und Können unterliegt der ständigen potentiellen Transformation in Form von Wiederholung und Neuerschließung (Hörning 2004: 33; Hellmann 2010). [2]

Auch in der Soziologie etabliert sich solch ein Verständnis für die Praxis, praktisches Wissen und den alltäglichen Vollzug und Gebrauch von Bedeutung im Kontext der Kulturtheorien. Ann Swidler entwickelt einen praxistheoretisch-informierten, kausalen Kulturbegriff, wenn sie schreibt: “Culture influences action not by providing the ultimate values toward action is oriented, but by shaping a repertoire of 'tool kit' of habits skills and styles from which people construct 'strategies of action'” (Swidler 1986: 273). Gegen ein Werteparadigma gerichtet, begründet Swidler ein kausalanalytisches Verständnis von Kultur im Sinne von „strategies of action“. Sie kritisiert, dass ein Werteparadigma – „culture shapes action by defining what people want“ (Swidler 1986: 274) – kaum erklären könne, warum Kinder und Jugendliche aus armen Familien die gleichen Werte mit Kindern und Jugendlichen aus wohlhabenden Familien teilen. Sie betont demnach, dass Kultur eher einem Stil („style“) oder einer Reihe an Fähigkeiten („set of skills“) als klaren Präferenzen, Interessen oder Bedürfnissen entspreche. Swidlers Unterscheidung von „settled cultures“ und „unsettled cultures“[3] veranschaulicht, dass Kultur der ständigen Aktivierung und Erneuerung in sozialem Handeln bedarf – „Culture in Action“, so der Titel ihres Aufsatzes.

Andreas Rechwitz entwickelt dieses Verständnis für den praktischen Vollzug von Kultur systematisch weiter und stellt eine konzeptionelle Transformationsbewegung der Kulturtheorien hin zur Analyse von Praktiken fest, die sich sowohl in Pierre Bourdieus, Michel Foucaults (der späte) als auch Charles Taylors und Erving Goffmanns Arbeiten andeutet. Praxistheorien teilen somit das Erbe neostrukturalistischer und interpretativer Sozialtheoretiker in der Absicht, den „Dualismus zwischen einer ‚subjektiven Perspektive' auf intentionale Verstehensakte und einer ‚objektiven Perspektive' auf übersubjektive Codes“ zu überwinden (Reckwitz 2000: 558). Stattdessen thematisieren Theorien sozialer Praktiken „die Verarbeitung und Umsetzung von übersubjektiven Sinnmustern in subjektiven Sinnzuschreibungen“ (Reckwitz 2000: 558). Praktiken sind demnach

„a routinized type of behaviour which consists of several elements, interconnected to one other: forms of bodily activities, forms of mental activities, ‚things' and their use, a background knowledge in the form of understanding, know-how, states of emotion and motivational knowledge“ (Reckwitz 2002: 249).

In Praktiken materialisieren sich also Diskurse und werden beobachtbar. Praktiken zeichnen sich daher durch ihren Doppelcharakter als körperliche Verhaltensmuster und Interpretationsweisen aus, die auf übersubjektive Sinnmuster rekurrieren. Elemente dieser konzeptionellen Transformationsbewegung sind laut Reckwitz eine Öffnung hin zu lokalen und partikularen Wissensordnungen, die Betonung der öffentlichen Mobilisierung von Bedeutungen, die Zentralität von Sinnmustern, die zur Konstitution des Selbst beitragen und die originär praxistheoretische Erweiterung des Wissensbegriffs um Fragen des Know-how (Reckwitz 2000: 558). Als Nexus von „sayings and doings“ verweisen Praktiken sowohl auf Kommunikationsund Verstehensprozesse als auch auf angenommene Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Unter Praktiken, so Schatzki, werden auch praktisches Wissen („practicing“ als „learning how“) sowie der tatsächliche Vollzug einer Aktivität verstanden (Schatzki 1996: 89-90). Praktiken sind immer auch konstitutiv für bestimmte Handlungsfelder, z.B. wissenschaftliches Arbeiten, Finanzdienstleistung und eben auch Außenpolitik. Campbells begriffliche Differenzierung zwischen „foreign policy“ und „Foreign Policy“ lehnt sich an diese Unterscheidung zwischen dem praktischen Vollzug, also dem Wissen-wie, und der institutionalisierten Bereitstellung solch eines Wissens an. Aus der Perspektive der Praxistheorie ist Außenpolitik immer Prozess und Institution zugleich.

Ähnlich wie für Diskurstheorien lässt sich unter dem Label Praxistheorie kein einheitliches Paradigma verstehen, sondern ein Forschungsfeld, das mit Praktiken sowohl diskursives als auch nicht-diskursives Handeln umschreibt. Am deutlichsten von den Diskursbegrifflichkeiten setzen sich solche Arbeiten ab, die sich mit Fragen des Umgangs mit Objekten beschäftigen (Hirschauer 2004; Wieser 2004; Latour 2008). Diskurse und Praktiken rekurrieren dabei auf ein Verständnis des Performativen – des Vollzugs –, das im Folgenden etwas näher beleuchtet werden soll. Immer wieder ist bereits angeklungen, dass Sprache, Sinn und Bedeutung eine Schlüsselrolle in einem kulturwissenschaftlichen Forschungsprogramm spielen. Weniger offensichtlich ist jedoch, welche. Während eine praxeologische Variante die materielle Dimension und den Umgang mit Artefakten betont, schließe ich an eine stärker textualistische Variante an, die mir für eine politikwissenschaftliche Untersuchung von Außenpolitik besonders aufschlussreich erscheint.

  • [1] Reckwitz unterscheidet zwischen Praxis und Praktiken, der ich folge: 'Practice' (Praxis) in the singular represents merely an emphatic term to describe the whole of human action (in contrast to 'theory' and mere thinking). 'Practices' in the sense of the theory of social practices, however, is something else. A 'practice' (Praktik) is a routinized type of behaviour which consists of several elements, interconnected to one other: forms of bodily activities, forms of mental activities, 'things' and their use, a background knowledge in the form of understanding, know-how, states of emotion and motivational knowledge“ (Reckwitz 2002: 249).
  • [2] Dieses Interesse an der Praxis schlägt sich auch in der Frage nieder, wie wir forschen und wie wir Theorien bilden (Kratochwil 2007; Hellmann 2010; Herborth 2010). Weitere Ausführungen dazu folgen in Kapitel 3.
  • [3] Bei Swidler (1986: 278) heißt es weiter: „In one case, culture accounts for continuities in 'settled lives'. In settled lives, culture is intimately integrated with action; it is here that we are most tempted to see values as organizing and anchoring patterns of action; and here it is most difficult to disentangle what is uniquely „cultural,“ since culture and structural circumstances deem to reinforce each other. This is the situation about which a theorist like Clifford Geertz […] writes so persuasively: culture is a model of and a model for experience; and cultural symbols reinforce an ethos, making plausible a world-view which in turn justifies the ethos. The second case is that of 'unsettled lives'. The distinction is less between settled and unsettled lives, however, than between culture's role in sustaining existing strategies of action and its role in constructing new ones. This contrast is not, of course, absolute. Even when they lead settled lives, people do active cultural work to maintain or refine their cultural capacities. Conversely, even the most fanatical ideological movement, which seeks to remake completely the cultural capacities of its members, will inevitably draw on many tacit assumptions from the existing culture. There are, nonetheless, more and less settled lives, and more and less settled cultural periods. Individuals in certain phases of their lives, and groups or entire societies in certain historical periods, are involved in constructing new strategies of action. It is for the latter situation that our usual models of culture's effects are most inadequate“.
 
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