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3 Forschungspraxis – methodologische Überlegungen zur Rekonstruktion von Diskursen und Praktiken

Science is an essentially anarchic enterprise: theoretical anarchism is more humanitarian and more likely to encourage progress than its law-and-order alternatives.

Paul Feyerabend (1993 [1975]) Against Method, Verso: London, hier: 9.

3.1 Einleitung

Jeder Forschungsbericht kommt irgendwann zu dem Punkt, wo die Art und Weise seines Vorgehens zur Diskussion stehen. Forschung als Praxis vollzieht sich dabei vor dem Hintergrund unterschiedlicher methodologischer Positionen, die im folgenden Kapitel expliziert und reflektiert werden sollen. Der Begriff Methodologie leitet sich aus dem Griechischen ab und bezeichnet die Lehre von den (wissenschaftlichen) Vorgehensweisen. Als Teil der Wissenschaftstheorie dient die Methodologie der Verständigung darüber, welche Vorgehensweisen und Methoden dazu beitragen, Wissen und Erkenntnis zu produzieren. Auch in den IB wird gerne von der wissenschaftstheoretischen Trias der Ontologie (Seins-Lehre), der Epistemologie (Erkenntnis-Lehre) und eben der Methodologie gesprochen (Mayer 2003). Oftmals wird die Methodologie jedoch vorschnell auf eine Auswahl der ‚richtigen' Methoden und Analysetechniken verkürzt, die dazu beitragen sollen, den Untersuchungsgegenstand in dem Maße handhabbar zu machen, wie Definitionen, Hypothesen und Variablen formuliert und empirische Fälle zur Überprüfung begründet ausgewählt werden. Ist solch eine Herangehensweise in den IB gemeinhin üblich, so hat doch gerade die vierte Debatte einen Beitrag dazu geleistet, allzu vorschnelle und selten hinterfragte methodologische und epistemologische Entscheidungen im Forschungsprozess kritisch zu beleuchten. Das positivistische Leitbild einer Einheit der Wissenschaften, deren Wissen auf empirischen Beobachtungen gründet, ist bereits seit den 1970er Jahren verstärkt problematisiert worden. In einem Buch mit dem programmatischen Titel Against Method betont Paul Feyerabend, dass weder Methoden theorie-unabhängig noch Theorien methodenunabhängig seien. Theorien scheitern demnach nicht an der Wirklichkeit, sondern allenfalls an Beobachtungen, die von methodischen Entscheidungen abhängig sind (Feyerabend 1975). Wenn Feyerabend für seine provozierende Schlussfolgerung eines methodischen Anarchismus nach dem Motto „anything goes what works“ auch heftig kritisiert wurde, so macht seine Position doch deutlich, dass Methodenfragen nicht abstrakt, sondern gegenstandsbezogen und praktisch beantwortet werden sollten.

Mit Forschungspraxis ist dieses Kapitel also deshalb betitelt, weil es weniger um allgemeine Erörterungen methodologischer Grundsatzentscheidungen gehen soll, sondern um Überlegungen für eine gegenstandsbezogene und -adäquate Aktualisierung einer rekonstruktiv verfahrenden Sozialwissenschaft, die das Zusammenwirken von Diskursen und Praktiken in den Blick nimmt. Methodologische Positionen verweisen hier nicht auf eine Ansammlung von Theorien über Methoden, sondern sie funktionieren wie „Scharniere zwischen Erkenntnisund Wissenschaftstheorie einerseits und den praktischen Verfahren andererseits“ (Strübing und Schnettler 2004: 9; siehe auch: Herborth 2010: 262). Im Mittelpunkt dieses Kapitels soll dabei die Frage stehen, wie Praktiken und Diskurse für Dritte nachvollziehbar rekonstruiert und interpretiert werden können. Solch ein Deuten von Sinnund Bedeutungsmustern knüpft an Überlegungen der hermeneutischen und interpretativen Sozialwissenschaften an. Diskursund Praxisanalysen, die auf einem erweiterten Textbegriff als Protokoll sozialen Handelns aufbauen, stellen eine Form solch einer gegenstandsbezogenen Konkretisierung einer interpretativen Methodologie dar.

Eine rekonstruktive Forschungslogik fragt nach den diskursiven Formationsregeln, die konkrete performative Akte ermöglichen und begrenzen, sowie nach den institutionellen Konsequenzen, die aus dem Wechselspiel von Diskursen und Praktiken erwachsen, um den „Doppelaspekt von Wirklichkeit und Möglichkeit“ zu verstehen (Herborth 2010: 273). Eine Rekonstruktion von Sinnstrukturen, so Herborth weiter, „verweist also immer zugleich darauf, dass alternative Entwicklungen möglich sind und darauf, dass bestimmte gesellschaftliche Kräfte die konkret beobachtbare Entwicklung motiviert haben müssen“ (Herborth 2010: 273). In diesem Sinne bedeutet Rekonstruktion zugleich, Vor-Urteile über vermutetete Zusammenhänge einer sorgsamen Reflektion zu unterziehen und gerade nicht dem Irrglauben anheim zu fallen, dass beispielsweise die NATO eine ‚Gemeinschaft der Demokratien' ist, weil Politiker dies gerne und häufig so sagen und womöglich auch meinen. Solch eine Forschung beurteilt Herborth, in Anlehnung an Adorno, lediglich als „Verdoppelung der Fakten“ (Herborth 2010: 273, 278). In eine ähnliche Richtung, wenn auch mit deutlich kritisch-rationalistischem Vokabular, geht Hellmann, wenn er zwischen einer „politikkundlichen Oberflächenforschung“ und einer systematischen Erforschung von Prozessen und Strukturen internationaler Politik unterscheidet (Hellmann 1994: 69).

Während die Analyse von Diskursen und Praktiken bereits eine konstruktivistische Methodologie impliziert, sind detaillierte Methoden und die Praxis des Forschungsprozesses eher selten Gegenstand wissenschaftlicher Reflektion in den IB. Es ist sicherlich nicht übertrieben, zu behaupten, dass der tatsächlichen interpretativen Arbeit am Gegenstand wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dabei beschränken sich Methoden-Fragen keinesfalls auf die Auswahl und Anwendung der richtigen research-Techniken. Da sich eine interpretative Rekonstruktion im Austausch mit dem Text vollzieht, bleibt auch das methodische Instrumentarium stets ein vorläufiges, das sich am Gegenstand bewähren muss. Diese Nähe zum Gegenstand erfordert aber zugleich eine Form der reflexiven Distanzierung, um zu verstehen „how and why worlds appear to us the way they do“ (Neumann 2004: 267). Annäherung an und Distanzierung vom Gegenstand umschreiben die zentrale Suchbewegung, mit deren Hilfe in dieser Arbeit Prozessen der Bedeutungskonstruktion nachgespürt werden soll. Praktisch bedeutet dies vor allem ein kritisches Lesen unterschiedlicher Quellen und Textgattungen.

Im Folgenden werde ich kurz die methodologische Positionierung einer qualitativ-interpretativen Sozialforschung skizzieren und erörtern, inwiefern diskursanalytische und PraxisAnsätze eine gegenstandsbezogene Aktualisierung einer rekonstruktiven Forschungslogik darstellen. Im zweiten Teil dieses Kapitel steht dann die Begründung einer rekonstruktiv verfahrenden Praxis im Mittelpunkt, welche die Analyse von Diskursen und Praktiken zusammenführt. Daran schließt eine Diskussion des Falles und der Auswahl von Texten an, die Ergebnis eines reiterativen Austausches mit dem Gegenstand ist. Demnach sind die Ausführungen in diesem Kapitel auch Dokumentation einer gegenstandsbezogenen Rekonstruktion der Herausbildung der EU als globaler Sicherheitsakteur.

 
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