Zusammenfassung und Ausblick

Die Ursachen für das oftmals als Scheitern beurteilte Ende der EVG sind sicherlich vielfältig. Wilfried Loth schreibt, dass die EVG „nicht an einem Zuviel an Supranationalität gescheitert [ist], sondern eher an einem Zuwenig – genauer gesagt: an der mangelnden politischen Überwölbung der militärischen Konstruktion“ (Loth 1995: 192). Hinzu kommen die wechselnden politischen Konstellationen in Frankreich, die einer durchsetzungsfähigen Regierungsposition eher im Wege standen. Und schließlich lässt sich wahrscheinlich nicht leugnen, dass die integrationspolitische Euphorie immer auch strategischen Interessen gedient hat: den Franzosen als eine Verhinderung der deutschen NATO-Mitgliedschaft, Adenauer als Vehikel zur Wiedergewinnung der Souveränität und Gleichberechtigung, den USA als militärisches burden-sharing und institutioneller Rahmen zur Modernisierung der europäischen Streitkräfte.

Ruft man sich den Wortlaut des EVG-Vertrages in Erinnerung, so wird deutlich, warum eine NATO-Mitgliedschaft Westdeutschlands nach dem Scheitern möglich war. Die mobiliserten Diskurse und deren praktischer Vollzug standen der NATO nicht entgegen, sondern hatten ja bereits die EVG als Teil des transatlantischen Sicherheitsarrangements verstanden. Repräsentanten des Bündnisses nahmen an den Verhandlungen teil, das Projekt einer politischen Einigung Europas wurde von US-amerikanischer Seite unterstützt, die Europa-Armee wäre dem SACEUR unterstellt gewesen. Diese Diskursund Praxisgemeinschaft löste sich mit dem Scheitern der EVG jedoch wieder auf: Verteidigungspolitische Fragen wurden in Zukunft mehr oder weniger ausschließlich im Rahmen der NATO diskutiert; die europäische Integration schritt als wirtschaftspolitisches Projekt voran.

Erst nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes ergab sich erneut die Gelegenheit, über eine sicherheitsund verteidigungspolitische Dimension der europäischen Integration öffentlich nachzudenken. Die Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Pakts, die strategische Neuausrichtung der NATO und die gewaltsamen Konflikte in Südosteuropa feuerten diese Diskussion nicht nur in Europa, sondern auch den USA an. Wie könnten die europäischen Staaten ihren verteidigungspolitischen Aufgaben in Europa und darüber hinaus besser nachkommen? Sollte sich gar eine zweite Chance für die EVG ergeben?

 
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