Ausstiege aus der rechtsextremen Szene: Ursachen und Wirkungen

Die Frage nach dem Motiv ist also zentral beim Umgang mit Aussteigern. Im Fall Fischer/Drygalla ist nicht zu erkennen, dass es ideologische Gründe für den (angeblichen) Ausstieg gegeben haben könnte, vielmehr wollte die Ruderin offenbar ihre Privilegien als Leistungssportlerin nicht verlieren. Im Fall Frank Försterling lag die Sache anders. Försterling war mehr als fünf Jahre in der organisierten Neonazi-Bewegung äußerst aktiv, bei Aufmärschen, Infoständen und Konzerten stets dabei, er fotografierte zudem politische Gegner. Auch bei der NPD mischte der Hamburger mit. Im Jahr 2009 verkündete er mit 23 Jahren seinen Ausstieg – und berichtete über seinen Weg in die Szene. [1]

Schon vor seinen ersten Kontakten mit organisierten Neonazis hatte sich Försterling über Bekannte mit Rechtsrock versorgt. Diese Musik sei "sehr verbreitet, damit kommen die meisten Leute zuerst in Berührung", unterstrich er die überragende Bedeutung der Musik für die Rekrutierung des extrem rechten Nachwuchses. Der Aussteiger schätzte, dass jeder Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren in Deutschland die Neonazi-Band "Landser" kenne – "zumindest vom Hörensagen."

Es klingt wie ein Klischee: Einige Nazi-Skinheads, die er in einem Bus getroffen hatte, nahmen Försterling mit auf eine Party im Hamburger Süden. Offenbar ein Schlüsselerlebnis, denn hier habe er "seine Ansichten plötzlich nicht mehr verstecken müssen". Es sei eine sehr einfache Art gewesen, über das eigene Volk und den Nationalismus eine gemeinsame Identität zu bilden, meint Försterling rückblickend. Dadurch habe es in der Szene ein Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben. "Das war das Bauchgefühl. Einen Kreis von Personen haben, auf die man zählen kann. Später dann auch die Möglichkeit, Ansichten verbreiten zu können." Auf der Straße habe jeder sofort gewusst, "wer man ist, wenn man die entsprechenden Insignien trägt", erzählt der Aussteiger. Die Kreise, in die man zuerst reinkomme, das seien "Leute, die ganz viel Musik hören und am Wochenende saufen gehen. Über den Rechtsrock werden dann die Kontakte zu organisierten Neonazis aufgebaut – NPD, Kameradschaften, Vereine." Försterling stieg tief in eine Szene ein, in der verurteilte Straftäter

"kontinuierlich anerkannte Politik machen und im Hintergrund einige Fäden ziehen". An Adolf Hitlers 114. Geburtstag, dem 20. April 2003, feierte Försterling mit Gleichgesinnten im "Nazi-Bierzelt" auf dem Hamburger Dom; dort lernte er maßgebliche Kader kennen.

Auch in die NPD trat Försterling ein. Nach dem gescheiterten Verbotsverfahren unterwanderten "nicht parteigebundene Neonazis den Hamburger Landesverband komplett", so Försterling. Und so "wurde aus einer Altherrenpartei, die sich nur in Hinterzimmern trifft, ein Haufen von aktiven Neonazis – also wirklich Nationalsozialisten". Diese wollten eine legale, unverbietbare Organisationsplattform bekommen. Nach mehr als fünf Jahren hatte er schließlich genug. Mit der stets propagierten

"Kameradschaft" sei es in der Szene nicht weit her gewesen: "Echte Kameradschaft" habe es nicht gegeben. Eine Erfahrung, über die auch andere Aussteiger übereinstimmend berichten. Försterling beschreibt dies so: "Kameraden sind Leute, mit denen man politisch was macht. Aber nur auf Freunde kann man sich immer verlassen."

Im Frühjahr 2008 zog Försterling ins Ruhrgebiet, bewegte sich in den Kreisen der Dortmunder "Autonomen Nationalisten". "Da hatte ich mit Holger H. zu tun, bei dem habe ich gewohnt." H. wurde aus der Szene rausgeschmissen, weil er beispielsweise bei Aufmärschen keine Ordner akzeptieren wollte, sondern alles eigenständig im "Schwarzen Block" regeln wollte. H. habe sich daraufhin "nach und nach kopfmäßig wegorientiert". Försterling ging es ähnlich: "Ich wollte mit der Szene und dem Schwachsinn nichts mehr zu tun haben." Er selbst sah seine persönliche Position zuletzt "null" in der Bewegung vertreten. "Das was ich möchte, als Veränderung in der Gesellschaft und in der Welt, stimmt nicht mit dem überein, was die rechte Szene möchte", erklärt er. "Die rechte Szene möchte, dass es wenigen Leuten gut geht, ich möchte, dass es allen Leuten gut geht."

Försterling stieg aus, wollte nichts mehr mit seinen "Kameraden" zu tun haben. In der Dortmunder Szene sprach sich das schnell herum. Vor seiner Wohnungstür fand er eine abgetrennte Schweinepfote, dazu stand in einem Brief: "Die Antifa-Schweine von heute sind die Schinken von morgen."

Die Schilderungen von Försterling zeigen anschaulich, dass es weder einen plötzlichen Einstieg in die Szene gibt, sondern dass es sich um einen Prozess handelt, wie andere Ex-Neonazis ebenfalls immer wieder betonen. Dementsprechend lösen sich die Personen auch nicht über Nacht von ihrem Weltbild, von ihren Werten und ihrer sozialen Umgebung, sondern auch hier handelt es sich um eine Entwicklung, die sich über einen längeren Zeitraum hinziehen kann – bis zu Jahren. Eine Hilfe muss also langfristig angelegt sein – und junge Mitläufer könnten möglicherweise noch von einem Einstieg abgehalten werden. Zumeist werden Einund Ausstieg dann aber doch mit einem bestimmten Schlüsselerlebnis in Verbindung gebracht. Bei Försterling war es ein Rechtsrock-Konzert, das den endgültigen Einstieg in die Szene markierte; seinen Ausstieg brachte er unter anderem mit den Gewaltexzessen bei einer Neonazi-Demonstration in Hamburg-Barmbek in Verbindung.

Der ehemalige NPD-Funktionär Andreas Molau benannte ebenfalls einen konkreten Schritt, mit dem er in der Szene war – und ein bestimmtes Erlebnis, das ihn zum Nachdenken gebracht habe. [2] Er habe jetzt angefangen, seinen politischen Weg zu rekapitulieren, sagte Molau im Jahr 2012.

"Und dabei habe ich festgestellt, dass es einen Moment gab, als ich ›drin‹ war. Nämlich als ich bei der ›Jungen Freiheit‹ aufgehört habe und schon in rechtsextremen Kreisen verkehrte. Da weiß man, es gibt kein ›danach‹. Danach wusste ich: Zum Schuldienst kann ich nicht mehr als Referendar. Dann bin ich zu einem rechtsextremen Verlag gegangen, also noch tiefer reingerutscht. Das habe ich dann beendet – und einen Roman geschrieben. Dann bin ich zur Waldorfschule gegangen, was nur funktioniert hat, weil die so herrlich hinter dem Mond gelebt haben. Die hatten überhaupt keine Ahnung. Ich bin da einfach hingefahren, habe gesagt, ich habe Deutsch und Geschichte studiert und möchte Lehrer werden und finde Waldorfschulen toll. Da haben die mich vor eine 7. Klasse gestellt, um mich zu testen – und das hat gut geklappt. Da wurde ich dann eingeladen, habe nebenbei noch meine Waldorf-Ausbildung gemacht – und habe unterrichtet, später Abitur abgenommen.

Als die NPD dann in Sachsen in den Landtag kam, da fragte Holger Apfel, ob ich die ›Deutsche Stimme‹ übernehmen will. Das erschien mir nach acht Jahren, in denen ich gut durchgekommen bin, als ein guter Zeitpunkt, weil nun auch die vermehrte Aufmerksamkeit für den Rechtsextremismus das Risiko erhöhte, dass ich auffliegen könnte. Klar: Wenn ich es nicht richtig gefunden hätte, hätte ich es auch nicht gemacht. Meine Intention war: Die NPD ist jetzt im Fokus der Öffentlichkeit, jetzt normalisieren die sich."

Molau erklärt also, er sei unter anderem tiefer in die Szene eingestiegen, weil er sich hier ein berufliches Auskommen sichern konnte. Die NPD schien im Jahr 2004 auf dem Weg zu einer etablierten Partei – und wurde somit für neurechte Intellektuelle wie Molau zunehmend attraktiv.

Den Anfang vom Ende bei der NPD beschreibt Molau so:

"Ich erinnere mich noch, wie ich bei einer Veranstaltung in Wattenscheid weggefahren bin und absolut unzufrieden mit mir war. Ich wusste, dass ich vor diesen Leuten Dinge von mir gegeben habe, mit denen ich mich politisch und menschlich nicht wohlfühle, aber man war wie ein Dienstleister, der von einem Auftritt zum nächsten geschickt wurde – und hinterher sagt man, dass hält man doch gar nicht aus. Das denken auch andere Leute in der NPD. Dann sagte man sich aber, es gebe keine andere Möglichkeit. Oder man redete sich ein, vielleicht lasse sich so eine Partei reformieren."

Über Molaus Ausführungen waren sich Beobachter höchst uneins. Mit Details aus dem Innenleben von NPD und anderen extrem rechten Organisationen hielt er sich eher zurück, dass es sich bei der NPD-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern um "völkische Taliban" handele, war zwar hübsch formuliert, aber alles andere als eine neue Erkenntnis. Auch Molaus Selbstbild vom eher moderaten Strategen, der die NPD reformieren wollte, überzeugte viele Beobachter nicht. Dennoch war klar: Mit der Szene und auch mit ProNRW, wo er nach der NPD-Zeit aktiv war, hatte er gebrochen, endgültig. "Ein Schlussstrich ist nur der Beginn eines Prozesses – und Vertrauen kommt nicht ad hoc. Ich bin Lehrer gewesen, ich bin Publizist – natürlich möchte ich mit 44 Jahren weiterleben", sagte Molau, und beklagte, er "sitze zwischen allen Fronten. Die einen sagen "Verräter", die anderen meinen, ich meine das sowieso nicht ernst."

Tatsächlich ein Dilemma im Umgang mit Aussteigern. Die Glaubwürdigkeit eines solchen Schritts lässt sich nicht durch pauschale Regeln prüfen. Biographien, Motive, aktuelle Umstände, private Angelegenheiten – all diese Faktoren ergeben einen individuellen Fall, den man einzeln bewerten muss. "Den" Aussteiger gibt es nicht, genauso wenig wie "den" Umgang mit diesen Personen.

Zudem ist nicht einmal klar, wie viele Aussteiger es überhaupt gibt. Die Aussteigerprogramme für Rechtsextremisten werden in der Öffentlichkeit dennoch gerne als äußerst wirksames Instrument gegen Neonazis gewürdigt. Wie viele Aussteiger aber tatsächlich betreut wurden, bleibt zumeist unklar. Im Jahr 2010 hat die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke geantwortet, dass seit 2001 rund 1100 Anrufer die Hotline des Programms für Aussteiger des Verfassungsschutzes angerufen hätten. [3] Die Zahl der Anrufe, insbesondere von Angehörigen und Bekannten, habe in Laufe der Jahre abgenommen; gleichzeitig sei der prozentuale Anteil der ernsthaft an einem Ausstieg Interessierten gestiegen. Rund ein Drittel der Anrufer sei nach einer ersten Prüfung als "potenziell ausstiegswillig angesehen" worden – also etwa 330 – wovon wiederum ein Drittel schließlich zum Teil intensive Betreuungsleistungen in Anspruch genommen habe – also etwa 110 Personen. In weniger als zehn Fällen sei es nicht zum erwünschten Erfolg gekommen. Also wurden etwa 100 Aussteiger im Laufe von zehn Jahren betreut – durchschnittlich zehn pro Jahr. Die Auswirkungen auf die organisierte Szene dürften also überschaubar sein.

Während die staatlich geförderten Programme gegen Rechtsextremismus allerdings einer wissenschaftlichen Evaluation unterliegen, findet bei den Maßnahmen des Verfassungsschutzes keine unabhängige Prüfung statt. So heißt es in der Antwort der Bundesregierung weiter, das Aussteigerprogramm des Verfassungsschutzes unterliege "einer kontinuierlichen behördeninternen Evaluation". Das Programm sei "als effizientes präventives Mittel zur Bekämpfung des Rechtsextremismus zu bewerten und dementsprechend fort zu setzen".

Die von Privatpersonen angestoßene Initiative EXIT-Deutschland wurde den Angaben zufolge aber weit besser angenommen. EXIT bietet verschiedene Hilfen für Menschen an, die mit dem Rechtsextremismus brechen wollen. Allein im Verlauf des Jahres 2009 seien 62 Aussteigende erfasst worden, davon 13 Frauen, schreibt die Regierung. Offenbar vertrauen ausstiegswillige Neonazis also eher auf zivilgesellschaftliche Angebote – und weniger staatlichen Institutionen.

Die meisten der betreuten Aussteiger bleiben anonym, scheuen den Weg in die Öffentlichkeit. Andere wollen gerade durch ein öffentliches Bekenntnis ihren Bruch mit der Szene dokumentieren. Der Sänger der Kasseler Neonazi-Band "Hauptkampflinie" veröffentlichte 2010 eine Erklärung, dass er aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen sei, weil seine Überzeugungen ein Fehler waren. Interessant sind auch hier insbesondere die Einund Ausstiegsgründe.

"Nun bin ich also endlich ausgestiegen und weiß, was dieser ganze Kram eigentlich war, nämlich nur eine Haufen Müll", schrieb Oliver Podjaski. Auf "16 Jahre in der ›rechtsradikalen Szene‹" könne er nun zurückblicken, so der Sänger. Mehr als 20 CDs hatte die Band hervorgebracht, mit Titeln wie "Völkermordzentrale" (1999, indiziert), "Odins Krieger" (2004), "Aus dem Ghetto" (indiziert), "Der Traum vom Reich" (2006).

Podjaski lieferte ein differenziertes Statement, in dem er reflektiert und explizit seine Motive schilderte: "Nationalismus und sowie eine gewisse Ausländerfeindlichkeit" habe er schon im Elternhaus kennen gelernt, was aber "keine Entschuldigung für mein Handeln" sein solle. Ein Hinweis, den auch andere Aussteiger gegeben haben. Sie seien mit Geschichten über die gute Seite des Nationalsozialismus aufgewachsen oder hätten Ressentiments gegen Minderheiten zu Hause regelmäßig gehört. Junge Menschen werden eben zumeist mitten in der Gesellschaft zu Neonazis. Weiter Podjaski: "So führte mich mein Weg vom rechten Wähler zum aktiven ›Republikaner‹-Mitglied, bis zu meiner ersten Rechtsrock Band." Auf "White Power"-Konzerten gewöhnte sich Podjaski an den Duktus der Szene: "Anfangs war ich noch etwas geschockt davon [offene NS-Verherrlichung, PG], doch irgendwann wurde das zur Normalität. Man stumpfte richtig ab und machte sich gar keine großen Gedanken mehr darüber." Zum Ausstieg hätten aber vor allem die allmähliche Auseinandersetzung mit den Inhalten des Neonazismus beigetragen. Dies sei ein längerer Prozess gewesen, betonte er. "Jetzt empfinde ich den Nationalismus aber als etwas das den Geist der Menschen vergiftet. Die Berufung auf seine Herkunft und sein Heimatland, die Abgrenzung gegenüber anderen Menschen kann nichts Gutes sein und wird nie was Gutes bringen."

Auch Podjaski machte sich Gedanken über seine Rolle, die er nun einnimmt: "Für die ehemaligen ›Kameraden‹ bin ich wahrscheinlich sowieso ein Verräter, obwohl die Masse der Rechtsradikalen ihre eigenen Prinzipien täglich brechen." Besonders störte sich der Aussteiger an der Gewalt in der Szene. Hier ist eine Entradikalisierung zu erkennen, denn früher sei er selbst noch gewaltbereit gewesen, so der ehemalige Rechtsrocker. Diese Entradikalisierung ist zumeist bei nicht ganz jungen Aussteigern zu beobachten, während sich Jugendliche oder junge Erwachsene – vor allem aus dem Spektrum der "Autonomen Nationalisten" (AN) – bisweilen umgehend wieder eine radikale politische Position bzw. Subkultur suchen. So wechselten einige ehemalige ANs in die radikale Linke, Themen wie Tierschutz oder Antiimperialismus fungierten als Brücke.

Inwieweit hier aber tatsächlich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Ideologie stattfindet, kann nicht abschließend diskutiert werden. Ein Seitenwechsel von der radikalen Rechten in die radikale Linke wirft auf jeden Fall weitere Fragen auf. Ein Aussteiger aus dem Spektrum der "Autonomen Nationalisten" sagte mir in einem Gespräch, er habe sich für die Rechte von Tieren eingesetzt – und da habe er sich überlegt: Wenn alle Tiere die gleichen Rechte haben sollen, müsste das doch auch für Menschen gelten. Ob solche Begründungen geeignet sind, eine völkischbiologistische Ideologie zu reflektieren, sei an dieser Stelle dahingestellt.

  • [1] Quelle: Interview mit dem Autor, publikative.org/2009/09/25/ein-neonazi-steigt-aus- ich-will-dass-es-allen-menschen-gut-geht/ (eingesehen am 4. 2. 2014).
  • [2] Quelle: Interview mit dem Autor, publikative.org/2012/07/30/molau-meine-ideologie- war-im-kern-nicht-richtig/ (eingesehen am 4. 2. 2014).
  • [3] publikative.org/2010/09/16/verfassungsschutz-betreute-rund-100-neonazi-aussteiger/ (eingesehen am 4. 2. 2104).
 
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