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7 Kultur EUropäischer Außenpolitik und die Herausbildung der EU als globaler Sicherheitsakteur

The aim of the EU Foreign Policy is to replace the law of force with the force of law.

Javier Solana (2009), in: ESDP@10, Informationsbroschüre[1]

7.1 Einleitung

Am Ende einer Arbeit stellt sich wohl immer eine letzte und oftmals die schwierigste Frage: So what? In den vorausgegangenen Kapiteln habe ich versucht, ein kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm herzuleiten, zu begründen und methodologisch zu konkretisieren, das die Herausbildung kollektiver Akteure als Produkt einer kulturellen Praxis versteht, die sich in sicherheitsund verteidigungspolitischen Projekten offenbart. Solch ein Verständnis für die Beziehung zwischen Akteurskonstitution einerseits und Außenpolitik andererseits ist insbesondere dafür geeignet, die Entstehung und den Wandel politischer Ordnungsformen besser zu verstehen. Der territoriale Nationalstaat war und ist Produkt historisch kontingenter Entwicklungen und kann als politische Ordnungsform weder universelle noch transhistorische Gültigkeit beanspruchen. Die Herausbildung kollektiver Akteure jenseits des Nationalstaates, allen voran internationaler Organisationen (z.B. die Vereinten Nationen), Allianzen (z.B. die NATO) oder hybrider Gebilde wie die EU, besser zu verstehen, stellt eine konzeptionelle und methodologische Herausforderung nicht nur für die IB dar. Die governance-without-government-Forschung sowie institutionalistische Ansätze haben sich diesem Topos zwar eingehender gewidmet, verlieren jedoch oftmals die ordnungsbildenden Effekte politischen Handelns aus dem Blick. Im Vordergrund stehen hier Steuerungsund compliance-Fragen, die zwar erklären, wie sich Akteure auf Grundlage von Kosten-Nutzen Kalkulationen verhalten mögen, nicht aber verständlich machen, warum bestimmte politische Entscheidung für und wider eine Institution überhaupt ermöglicht werden und welche ordnungsbildenden Konsequenzen damit verbunden sind. Eine rekonstruktive Perspektive, die den Vollzug von Praktiken und die Mobilisierung von Diskursen in den analytischen Mittelpunkt rückt, ist hingegen in der Lage, solche Prozesse der Akteurskonstitution zu verstehen, neue Formen politischer Ordnungsbildung zu erkennen und deren kontinuierlichen Gestaltwandel zu beschreiben.

Ein kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm, das den Blick auf das Zusammenwirken von Diskursen und Praktiken lenkt, kann hierbei aus zwei Gründen behilflich sein. Erstens lassen sich auf diese Weise die Herausbildung und Genese kollektiver Akteure verstehen, da diese nicht als gegeben, sondern als kontingentes Ergebnis einer kulturellen Praxis angesehen werden. Kollektive Akteure werden durch den praktischen Vollzug von Bedeutung im politischen Handeln konstituiert, mobilisiert und aktualisiert. Oftmals verfestigen und manifestieren sich diese Praktiken und Diskurse in Institutionen, die Dauerund Regelhaftigkeit schaffen. In diesem Sinne verweist Außenpolitik durch das Zusammenwirken von Diskursen und Praktiken sowohl auf eine kulturelle Praxis als auch auf Institutionalisierungsprozesse, beispielsweise in Form von Ministerien, Botschaften, Protokollen, aber auch institutionellen Hybriden wie etwa dem Europäischen Rat oder dem Auswärtigen Dienst der EU.

Diese anti-essentialistische Sichtweise auf die Genese kollektiver Akteure trägt zweitens dazu bei, Dynamiken, Veränderungen und Transformationen besser rekonstruieren und erklären zu können, weil das je konkrete politische Handeln Ausgangspunkt der gegenstandsbezogenen Analyse ist. Denn im Vollzug von Praktiken und Diskursen wird Sinn hergestellt und somit potentiell auch verändert. Strukturalistischen Ansätzen in den IB und der Außenpolitikforschung wurde ja immer wieder der Vorwurf gemacht, Wandel nicht oder nur bedingt beschreiben und erklären zu können. Dies trifft nicht nur auf verschiedene Ansätze des mainstreams, sondern auch auf eine strukturalistische Engführung zu, die sich in manchen konstruktivistischen und poststrukturalistischen Arbeiten finden lässt. Gerade ein kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm ist aber in der Lage, Verschiebungen sichtbar zu machen, weil es ein detektivisches Gespür verlangt, wie aus Möglichkeiten Wirklichkeit wird. Denn Kontingenz bedeutet, dass es immer auch hätte anders hätte kommen können – und in Zukunft womöglich auf anders kommt. Diese Regeln zu verstehen, welche die „Nicht-Notwendigkeit und Historizität“ (Reckwitz 2004: 2) von Praktiken und Diskursen unsichtbar machen, ist zentrales Anliegen einer rekonstruktiven Methodologie.

Im Folgenden werde ich die zentralen Thesen dieser Arbeit zusammenfassen und die Ergebnisse der gegenstandsbezogenen Rekonstruktion aus Kapitel 5 und Kapitel 6 vergleichend betrachten. Im Mittelpunkt steht dabei eine vorläufige Antwort auf die Frage, welche Diskurse und Praktiken zur Herausbildung der EU als globaler Akteur beigetragen haben. Im Ausblick wird skizziert, welche Wege ein kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm beschreiten kann und welche Forschungsfragen sich daraus für die zukünfte Analyse Europäischer Außenpolitik ergeben könnten.

  • [1] Verfügbar unter: esdp10years.eu/pdf/esdp.pdf (letzter Zugriff: 25.4.2013).
 
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