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7.2 Culture matters! Kulturwissenschaftliche Ansätze in den IB

In den IB und der Außenpolitikforschung werden kulturelle und ideelle Aspekte internationaler Politik oftmals mit einem konstruktivistischen Paradigma in Verbindung gebracht, das sich seit den späten 1980er Jahren ausdifferenziert hat. In den IB bricht sich ein kulturwissenschaftliches Programm im Zuge der sogenannten vierten Debatte zwischen reflexiven und rationalistischen Ansätzen Bahn. Die Rezeption von Autoren wie Ludwig Wittgenstein, Michel Foucault und Jacques Derrida in den USA breitete sich zunehmend von den literaturwissenschaftlichen Fakultäten in die Politikwissenschaft und IB aus. Zentrale These war: Wenn soziale Realität nicht objektiv vorgefunden, sondern intersubjektiv durch das Zusammenwirken von Strukturen und Handlungen hergestellt wird, so kann (Alltagsund wissenschaftliches) Wissen nie unproblematisch sein. Zentrales Anliegen reflexiver Perspektiven ist demnach die Reund Dekonstruktion der Konstitutionsbedingungen von Wissensformationen und symbolischen Ordnungen wie beispielsweise dem ‚Staat' oder der ‚Wissenschaft' selbst. Diese Ansätze rekurrieren dabei auf ein Verständnis von Sprache, wonach die Dinge, von denen wir sprechen (können), nicht bloß sprachlich konstruiert sind, sondern durch unser sinnhaftes Handeln konstituiert werden.

Solch ein Verständnis für die konstitutive Bedeutung von Sprechen als Handeln bereitet den Weg zu einer Neubeschreibung von Außenpolitik als Kultur vor. Versteht man Kultur demnach als einen dynamischen Prozess, so ist es das Wechselspiel und Zusammenwirken von Diskursen, verstanden als symbolische Ordnungen, und Praktiken, verstanden als Gebrauch und (körperlicher) Vollzug von Bedeutung, der im Zentrum einer kulturwissenschaftlichen Analyse steht. Diskurse manifestieren sich dabei nicht nur in sprachlichen, sondern auch in nichtsprachlichen, materiellen Praktiken des Gebrauchs und Umgangs. Zugleich sind Diskurse in dem Maße produktiv, wie sie relationale Formen der Subjektivierung und Objektivierung hervorbringen, Identitäten stiften und Gemeinschaften imaginieren. Diskurse entfalten ihre produktive Macht jedoch nur, wenn ihre Regeln der Bedeutungsgenerierung gebraucht werden. Erst der praktische Vollzug verleiht einem Diskurs Macht.

Der praktische Vollzug steht in jüngster Zeit zunehmend im Mittelpunkt eines practice turn, der dazu beiträgt, die oftmals strukturalistische Fokussierung diskurstheoretischer und

-analytischer Ansätze aufzubrechen (Büger und Gadinger 2008; Neumann 2002; Reckwitz 2000; 2006; Schatzki 1996). Regelanwendung, Mobilisierung und Aktualisierung von Bedeutung in sozialen Handlungen stehen hier im Mittelpunkt und schärfen den Blick für Kontingenzen und Spannungen der politischen Praxis. Wenn außenpolitisches Handeln stets auch die Gegenstände, von denen gesprochen wird – ‚kollektive Identitäten', ‚Interessen', ‚Bedrohungen und Gefahren' – bildet, anstatt sie vorzufinden, erscheint es erforderlich, die Praktiken und Diskurse zu verstehen, die Außenpolitik ermöglichen. In den Vordergrund der Analyse rücken dann die kulturellen Ressourcen, die sinnstiftend wirken und von Akteuren mobilisiert werden, um außenpolitisches Handeln zu begründen.

Eine rekonstruktive Methodologie kann dieses Wechselspiel von Diskursen und Praktiken systematisch untersuchen. Denn solch eine rekonstruktiv-interpretative Forschung, die das Zusammenwirken von gesellschaftlichen Strukturen und sozialem Handeln adäquat in den Blick nehmen möchte, geht zuallererst davon aus, dass auch anders hätte gehandelt werden können. Konkretes soziales Handeln deutet stets auf den „Doppelaspekt von Wirklichkeit und Möglichkeit“ hin (Herborth 2010: 273). Eine rekonstruktive Forschungslogik verweist also immer zugleich darauf, dass alternative Entwicklungen möglich sind und darauf, dass bestimmte gesellschaftliche Kräfte die konkret beobachtbare Entwicklung motiviert haben müssen“ (Herborth 2010: 273; eigene Herv.). In diesem Sinne bedeutet Rekonstruktion auch, Vor-Urteile über vermutetet Zusammenhänge einer kritischen Prüfung am Gegenstand zu unterziehen und gerade nicht dem Irrglauben anheim zu fallen, dass beispielsweise die EU eine Zivilmacht ist, weil Politiker dies gerne und häufig so sagen und womöglich auch meinen.

Zugleich schreibt eine rekonstruktive Methodologie aber keine konkreten Methoden und Techniken vor, wie ein Gegenstand untersucht werden soll. Analysetechniken, verstanden als Instrumente, bilden sich im Umgang mit dem Gegenstand heraus und müssen stets auf ihre Nützlichkeit hin reflektiert werden. Die gegenstandsbezogene Rekonstruktion von Außenpolitik als Kultur anhand der EVG und ESVP orientierte sich in dieser Arbeit an drei rekonstruktiven Analyseschritten: (1) einer Historisierung des Gegenstandes, (2) einer hermeneutischen Rekonstruktion von Sinnstrukturen und (3) einer Theoretisierung von Diskursen und Praktiken. Im Vordergrund stand dabei eine Form des Lesens, um zu verstehen, „how the present became logically possible“ (Bartelson 1995: 8). Anlehnungen an die historische Quellenanalyse und Diskursansätze sind offensichtlich, aber keine Techniken im engeren Sinne.

So wie eine rekonstruktive Methodologie nicht allgemeingültige Techniken vorschreibt, werden auch Untersuchungsgegenstände nicht vorgefunden, sondern eingerichtet. Die Frage nach Sicherheit in und Verteidigung für EUropa ist dabei alles andere als ein neues oder vernachlässigtes Thema. Sowohl die Außenpolitikforschung als auch die IB haben sich der Entwicklung einer gemeinsamen Sicherheitsund Verteidigungspolitik europäischer Staaten aus unterschiedlichen Perspektiven gewidmet – die Integrationsforschung hingegen weitaus seltener. Geprägt ist diese Forschung im Wesentlichen von zwei Strömungen. Zum einen steht oftmals eine Erklärung der außenpolitischen Entscheidungen von EU-Mitgliedern und ihren Präferenzen bezüglich einer gemeinsamen Sicherheitsund Verteidigungspolitik im Mittelpunkt der Analyse. Zum anderen wird der Genese, Institutionalisierung und praktischen Ausgestaltung einer gemeinsamen Außen-, Sicherheitsund Verteidigungspolitik der EU-Mitglieder große Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Arbeit hat jedoch einen anderen Blickwinkel gewählt: Im Mittelpunkt stehen jene Dynamiken, die sicherheitsund verteidigungspolitische Fragen erst durch die Mobilisierung von kontingenten Bedeutungszuschreibungen wie etwa ‚intergouvernemental | supranational', ‚innen | außen' oder ‚militärisch | zivil' ermöglichen und institutionelle Konsequenzen zeitigen, die dann oftmals im Fokus der aktuellen Forschung zur GASP/ESVP stehen.

Im Folgenden soll die Kultur EUropäischer Außenpolitik anhand einers Vergleichs der Diskurse und Praktiken, die sich in der Rekonstruktion der EVG und ESVP gezeigt haben, skizziert werden. Kennzeichnend ist dabei die Herausbildung einer Diskursund Praxisgemeinschafft, die von den beteiligten Akteuren immer wieder hergestellt und aktualisiert werden muss. Solch eine kontinuierliche Erfindung der EU als globaler Sicherheitsheitsakteur zeigt, dass Kultur und Macht nicht als Gegensätze verstanden werden sollten, sondern kollektive Akteure durch die Moblisierung symbolischer Ordnungen und deren praktischen Vollzug stets aufs Neue erfunden werden. Solch ein Machtbegriff verweist sowohl auf Kontingenz, d.h. die Tatsache, dass immer auch anders gehandelt werden könnte, als auch auf Produktivität, d.h. die Tatsache, dass Macht und Wissen Subjekte hervorbringen (zu Machtbegriffen siehe den Überblick bei Barnett/Duvall 2005). Wenn (politische) Macht nicht nur auf die strukturelle Eigenschaften eines Akteurs verweist, ist Außenpolitik als Kultur immer auch Teil von Machtbeziehungen, in denen Subjekte durch Diskurse und Praktiken hergestellt, stabilisiert und womöglich verändert werden.

 
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