"Zähne zusammenbeißen und auf die Machtübernahme warten"

Auch Florian Röpke beschrieb seinen Ausstieg als einen Prozess der Entradiakalisierung. Erst war er NPD-Mitglied, dann aktiv bei der Neuen Rechten. Sein Einstieg in die Szene war typisch, er sei "hineingerutscht", so Röpke. [1]

Ein guter Freund habe regelmäßig die "Deutsche Stimme" gelesen und auch entsprechende Musik gehört. Die NPD-Zeitung sowie der dazu passende Rechtsrock– hauptsächlich "Sturmwehr" – habe er "dann auch sehr gut" gefunden. Der Freund sei bald weggezogen, aber Röpke blieb dabei. Dem Abo für die "Deutsche Stimme" sowie den Bestellungen von Rechtsrock im Netz folgte innerhalb einiger Monate der Eintritt in die NPD. "Ich habe mir tatsächlich nicht viel dabei gedacht." Da er bereits die "Deutsche Stimme" las und die entsprechende Musik hörte, sei die Mitgliedschaft nur ein kleiner Schritt gewesen. Zudem habe er gesellschaftliche Ausgrenzung als Bestätigung des eigenen Denkens und Handelns" erlebt:

"Freunde wollen mit einem nicht mehr viel zu tun haben, man lernt neue Leute kennen, da setzt sich ein Kreislauf in Gang, der einfach stattfindet, man hat nicht das Gefühl dies bewusst zu steuern. Oder mal etwas konkreter: Man bestellt bei der NPD Informationsmaterial, kreuzt an, dass man sich für eine Mitgliedschaft interessiert. Dann bekommt man seine Materialien, es wird Kontakt aufgenommen. Ich bin dann blauäugig direkt eingetreten und kurz darauf ist man auf Mitgliederversammlungen des Unterbezirks etc. Dann steht der Wahlkampf an, man hilft, kümmert sich um das Kleben von Plakaten, besucht Stammtische, ist entsprechend im Internet unterwegs, da kommt einiges zusammen, irgendwann ist man dann quasi hauptberuflich rechts."

Das gemeinsame Ziel, regional etwas auf die Beine zu stellen, "schweißt zusammen", betonte Röpke. Er engagierte sich bei der NPD in Wolfenbüttel, deren harter Kern im Jahr 2006 nur aus drei bis vier Personen bestanden habe. Man musste sich laut Röpke zwar "in die Strukturen einund sicherlich auch unterordnen", konnte aber ansonsten "sehr frei selbst bestimmen, was wir für wichtig hielten". Das Menschenbild der Ungleichwertigkeit sei zunächst unter den Teppich gekehrt worden. "Natürlich waren wir alle der Meinung, etwas Besseres zu sein, wir haben das aber nicht so nach außen getragen, wir wollten kommunal Fuß fassen und politisch etwas erreichen", fasst Röpke zusammen. Daher hieß es für die Kameraden: "Zähne zusammenbeißen und auf die Machtübernahme warten." Der Weg dorthin erscheint aber lang, denn in der Kleinstadt kenne jeder jeden und da könne "es dann auch mal Thema sein, wenn ein Kamerad sich am Bahnhof einen Döner gekauft hatte und er dabei gesehen wurde".

Röpke machte im Jahr 2006 Wahlkampf für die NPD. Natürlich werde bei der NPD versucht, nach außen seriös und "wählbar" zu wirken, bestätigte er. "Man gibt sich bewusst zukunftsorientiert. Intern lebt man dann doch eher in der Vergangenheit. Kriegsschuld, Oder-Neiße-Grenze, generell, was alles nicht schlecht war damals." Die Wahl sei relativ erfolgreich verlaufen, die NPD holte einen Sitz im Kreistag. "Das ist dann eine Art Arbeitsgrundlage", sagte Röpke.

Glauben die NPD-Mitglieder eigentlich das, was sie von sich geben? "Einiges ist sicherlich pures Wunschdenken und Flucht vor Realitäten", meint Röpke. Doch die Mehrheit der NPDler sei von der Richtigkeit ihrer Aussagen "vollkommen überzeugt. Die oberen Funktionäre seien "zwar durchaus als intellektuell zu bezeichnen und sicherlich auch Teile der Basis, die breite Menge der Mitglieder, bzw. des Umfeldes, entspricht aber durchaus den gängigen Vorurteilen. Da darf man sich nicht täuschen lassen, wenn mal einer brav seinen Argumentbaukasten auswendig gelernt hat oder fehlerfrei die Quintessenz eines ›Deutsche-Stimme‹-Artikels vortragen kann."

Es handele sich weiterhin um eine "sehr primitive Weltanschauung". Die politischen Gegner würden als "durchtrieben, verkommen und minderwertig" verachtet. Doch obwohl sich die NPD-Kader dem einzelnen Gegner gegenüber überlegen fühlten, seien diese in der Überzahl und verfügten über "gleichgeschalteten Medien" und eine "linke Meinungsdiktatur". Nur mit Verschwörungstheorien könne die eigene Erfolglosigkeit erklärt werden. Relativ schnell sei das Weltbild ins Wanken geraten, berichtete Röpke, da es nicht mit der erlebten Realität übereinstimmte. Er habe "sehr extrem und radikal angefangen" und habe mit der Zeit immer kleinere Brötchen gebacken. "Gerade aus meiner jetzigen Perspektive habe ich wieder dieses Gefühl, mal wirklich Mist gebaut zu haben."

Nach etwa einem Jahr war wieder Schluss bei der NPD. Er habe sich dann der Neuen Rechten zugehörig gefühlt, zudem ein entsprechendes Blog betrieben. Im September 2007 war er dann bei der 8. Sommerakademie des "Institut für Staatspolitik" (IfS) dabei.

"Die Wirkungsweise ist auf den vorpolitischen Raum (Metapolitik) beschränkt, man unterstützt keine Partei, zumindest nicht direkt. So entsteht ein neurechtes Milieu, welches versucht Begriffe zu setzen und eigene Wahrnehmungen in den öffentlichen Raum zu projizieren. Die eigenen Leute werden in Stellung gebracht und sollen versuchen in ih ren Bereichen zu wirken. Man könnte das vielleicht in abgeschwächter Form mit dem so genannten "Marsch durch die Institutionen" der 68er vergleichen. Wobei man ähnliche Erfolgsaussichten bei sich selbst so nicht sieht. Man geht davon aus, dass die linken Meinungsführer so etwas nicht zulassen werden, sie also am eigenen Beispiel gelernt haben."

Röpke sei zunächst fasziniert gewesen: "Das Elitäre und der hohe Anspruch, ja auch die Arroganz gegenüber dem politischen Gegner." Abgeschreckt habe ihn dann die Radikalisierung.

"Ich wollte mit der NPD und deren Umfeld nichts mehr zu tun haben und habe das auch oft so gesagt. Damit rutschte man dann in die Kategorie derer, die Denkverbote setzen oder annehmen, bzw. sich ein Stück dem linken Zeitgeist unterwerfen. Dazu kamen dann generelle Identifikationsprobleme, also ich selbst habe mich verändert und vieles einfach neu überdacht, am Ende blieb dann nichts Rechtes mehr übrig."

Wichtige Fragen könne eine Neue Rechte nicht beantworten, meint Röpke. Daher kam er im Jahr 2009 schließlich zu der Erkenntnis: "Die Gesellschaft, in der ich leben möchte, hat mit einer rechten Weltanschauung nichts (mehr) zu tun."

  • [1] Interview mit dem Autor: publikative.org/2010/01/26/aussteiger-neuerechte-npd-100/ (eingesehen am 4. 2. 2014).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >