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1 Einleitung: Arbeit und Gesundheit – geschlechtergerecht?

„Entscheidungen und politisches Handeln stärker an den Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern auszurichten, das Entstehen von Ungleichheiten zu verhindern und Entscheidungen effektiver und sozial gerechter zu machen, das ist das Ziel der Strategie des Gender Mainstreaming.“ (Brandenburg et al., 2009, S. 7)

Obschon sich in den vergangenen Jahren zusehends eine Sensibilität für Geschlechtsungleichheiten entwickelt hat, steht die Umsetzung dieses Leitprinzips im Arbeitsund Gesundheitsschutz sowie in der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) erst in den Anfängen (Ducki, 2011).[1] Dabei zeigen verschiedene Befunde aus der Gesundheitsberichterstattung, dass die zu differenzierenden Lebensund Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern in unterschiedlicher Weise durch Belastungsanforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten gekennzeichnet sind. Daten des Statistischen Bundesamtes belegen etwa, dass die Lebenslage von Frauen stark durch das Zusammenspiel von Erwerbsarbeit und dem Lebensbereich Familie beeinflusst wird. Zwar messen beide Geschlechter der Familie einen zentralen Stellenwert zu (Statistisches Bundesamt & WZB, 2013), bezogen auf die berufliche Vereinbarkeit zeigen sich indes starke Geschlechtsunterschiede. So schränken Mütter ihre Erwerbstätigkeit in Abhängigkeit ihres Alters und der Anzahl der Kinder erheblich ein, während Väter zumeist ihre Vollzeiterwerbstätigkeit beibehalten (Statistisches Bundesamt, 2014). Die Betreuung von Kleinkindern liegt demzufolge überwiegend in der Verantwortung der Mütter, sodass weiterhin klassische Familienmodelle vorherrschen, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschweren (ebd.).

Zeitbudgetstudien belegen darüber hinaus, dass die Zeiteinteilung von Frauen und Männern insgesamt durch Geschlechtsunterschiede in den Arbeitsteilungsund Freizeitmustern geprägt ist. So leisten Frauen im Vergleich zu Männern in allen Altersgruppen deutlich mehr unentgeltliche Arbeit, insbesondere im Bereich der Hausund Familienarbeiten (BMFSFJ & Statistisches Bundesamt, 2003). Befunde aus der Erwerbstätigenbefragung 2012 des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) sowie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) verweisen auf die gesundheitlichen Folgen der daraus resultierenden Anforderungen (BAuA, 2013a). Den Ergebnissen zufolge fühlen sich Frauen häufiger durch Interdependenzen von Erwerbsarbeit und häuslichen Verpflichtungen belastet als Männer – und zwar auch dann, wenn sie keine Kinder haben (ebd.).

Zu den Lebenswirklichkeiten kommt hinzu, dass Frauen wie Männer einer sich kontinuierlich verändernden Arbeitswelt gegenüberstehen. Diesbezüglich wird ein Wandel der Arbeitswelt konstatiert, der sich durch neue Arbeitsformen charakterisiert, die als Bestandteile moderner Dienstleistungsunternehmen an Bedeutung gewinnen (BAuA, 2013b). Gekennzeichnet sind diese Tätigkeiten oftmals durch hohen Zeitdruck und geringen Entscheidungsspielraum des beschäftigten Personals (Kerschbaumer & Schroeder, 2005). Fehlzeitenreporte und Krankenkassenberichte dokumentieren die zunehmende Bedeutsamkeit von psychischem Stress in der Arbeitswelt (z. B. Badura et al., 2010a; LohmannHaislah, 2012; DAK-Gesundheitsreport, 2013). Bezüglich der Entstehung von erwerbsarbeitsbedingtem Stress wird ein Zusammenwirken ungünstiger psychischer Belastungsund Beanspruchungsprozesse mit individuellen Bewältigungsvoraussetzungen angenommen. So wirken nach Büntgen und Leuning (2009) betriebliche und private Belastungen und Ressourcen wie auch biologische Faktoren mit der individuellen Sozialisation zusammen. Subjektive Verarbeitungsund Bewältigungsmuster haben demnach entscheidenden Einfluss auf die Entstehungsbedingungen von stressbedingten Belastungen.

Neben den Lebensund Arbeitswirklichkeiten verweisen Beiträge der Geschlechterforschung auf die Relevanz geschlechtsspezifischer [2] Zuschreibungen und Bewertungen sowie auf den Umgang mit Gesundheit und Krankheit im betrieblichen Setting. Werner und Nielbock (2009) heben etwa die Bedeutung von Geschlechtsrollen für die Entstehung und Bewältigung von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz hervor. Demnach prägen bewusste und unbewusste Zuschreibungen, Rollenbilder und Stereotype die Wahrnehmung der Beschäftigten. Laut Gümbel (2009) beziehen sich diese auf unterschiedliche Bewertungen von weiblich und männlich zugeschriebenen Eigenschaften, Kompetenzen und Themenfeldern. Während beispielsweise Fachwissen, Durchsetzungskraft und technische Kompetenz mit Männlichkeit assoziiert sind, werden Emotionalität, Kompromissbereitschaft und kommunikative Kompetenzen eher als weiblich bewertet. Solche Zuschreibungen können dazu führen, dass „bestimmte Belastungen nicht angemessen berücksichtigt und keine oder unpassende Maßnahmen zur Verbesserung einer Situation entwickelt werden“ (ebd., S. 20). Um auch die Aktivitäten von Gesundheitsförderung und Prävention im betrieblichen Kontext stärker auf das individuelle Belastungsund Bewältigungsgeschehen der Beschäftigten abzustimmen, ist es erforderlich, sowohl die skizzierten Arbeitsund Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern als auch den subjektiven Umgang mit und das Empfinden gegenüber arbeitsbedingten Stressoren zu erfassen.

Die vorliegende Studie befasst sich mit der Herausforderung, die Dimension Geschlecht systematisch im Rahmen einer betrieblichen Gesundheitsanalyse einzubeziehen. Um eine geeignete Forschungsfrage und deren theoretische und methodische Bearbeitung zu entwickeln, erfolgt einleitend sowohl eine nähere Begründung zur Auswahl des Arbeitsbereichs Callcenter (CC) (Kapitel 1.1) als auch eine Klärung der Public-Health-Relevanz des Themas (Kapitel 1.2). Auf dieser Grundlage werden die gesundheitswissenschaftliche Forschungsfrage ausführlich erläutert (Kapitel 1.3) und der wissenschaftliche und anwendungsbezogene Erkenntnisgewinn herausgestellt (Kapitel 1.4). Abschließend wird der Aufbau der Studie vorgestellt (Kapitel 1.5).

  • [1] Eine nähere Ausführung des Gender-Mainstreaming-Konzepts erfolgt in den praktischen Implikationen zum Ende der Arbeit (Kapitel 10).
  • [2] Eine Definition der Begriffe geschlechtsspezifisch, geschlechtergerecht und geschlechtssensibel erfolgt in Kapitel 2.1.1.
 
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