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1.3 Entwicklung und Begründung der forschungsleitenden Fragestellung

Aus der vorangestellten Definition und Zielbestimmung von Public Health geht hervor, dass die lebensund arbeitsweltlichen Erfordernisse spezifischer Bevölkerungsteile den Ausgangspunkt der Aktivitäten von Prävention und Gesundheitsförderung bilden. Sie zielen darauf ab, stärker die jeweiligen settingund bevölkerungsspezifischen Besonderheiten zu fokussieren, um eine Verbesserung der Gesundheitsdeterminanten zu erhalten (Kolip & Müller, 2009). Bezogen auf den dargestellten Problemhintergrund ermöglichen die Ansätze von Public Health, unterschiedliche Lebensund Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern systematisch zu erfassen und auf dieser Grundlage differenzierte Strategien der BGF abzuleiten. Mit Blick auf die skizzierten betriebsund personalstrukturellen Besonderheiten im Arbeitsfeld CC erscheint diese anwendungsbezogene Wissenschaftsdisziplin gut geeignet, um eine Analyse gesundheitsbezogener Geschlechtsunterschiede vorzunehmen. Die Darstellung erster Befunde deutet sowohl auf konkrete Stressoren, die aus der Arbeitstätigkeit resultieren, als auch auf Belastungen und Bewältigungsmöglichkeiten, die sich aus den Lebenswirklichkeiten der heterogenen Personalstruktur ergeben. Am Beispiel von arbeitsbedingtem Stress in CCn beabsichtigt die vorliegende Studie, an diese systematische Herangehensweise anzuknüpfen und sowohl Handlungsbedarf als auch mögliche Handlungsoptionen im Rahmen einer geschlechtssensiblen, betrieblichen Prävention und Gesundheitsförderung zu identifizieren.

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Themenbereich Arbeit, Gesundheit und Geschlecht fokussieren bereits Geschlechtsunterschiede im Gesundheitsund Krankheitsstatus. Das Erkenntnisinteresse dieser Studien zielt darauf ab, geschlechtsspezifische Belastungsund Bewältigungsprofile quantitativ abzubilden und damit Kausalzusammenhänge zwischen erwerbsarbeitsbedingtem Stress und Geschlecht zu erklären (z. B. Badura et al., 2008). Eine Deutung der subjektiven Relevanz von Anforderungen, die sich aus den Interdependenzen der Lebensund Arbeitswirklichkeiten ergeben, ist dadurch jedoch nicht möglich. Zu Recht merkt Bolte (2008) kritisch an, dass von einer umfassenden Berücksichtigung der Geschlechtsperspektive bis dato nicht gesprochen werden kann. Für eine Erklärung von Geschlechtsunterschieden zwischen und innerhalb der Gruppen der Frauen und Männer empfehlen Gansefort und Jahn (2012) eine methodisch und theoretisch differenzierte Forschung. Im Rahmen der vorliegenden Studie erfolgt daher eine qualitative Untersuchung subjektiv wahrgenommener Belastungsanforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten von ArbeitnehmerInnen am Beispiel der CC-Tätigkeit. Damit zielt die Studie darauf ab, die bisherigen Befunde im Kontext von Arbeit, Gesundheit und Geschlecht (Beermann et al., 2008) um ein Forschungsdesign zu erweitern, das sich den Stressund Bewältigungsmustern der CC-Agents [1] widmet. Die zugrunde liegende Forschungsfrage lautet daher:

Welche subjektiven Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress lassen sich der Darstellungsweise von Frauen und Männern in CCn entnehmen und welche Bedeutung nimmt dabei die Dimension Geschlecht ein? [2]

Da mit der Frage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress in CCn eine klar eingegrenzte Fragestellung verfolgt wird, wurden offene, leitfadengestützte Interviews durchgeführt. Das qualitative Erhebungsverfahren ermöglichte eine Orientierung an den subjektiven Belastungsund Bewältigungsmustern von arbeitsbedingtem Stress bei Frauen und Männern im Rahmen der CC-Tätigkeit. Dies bedeutet, mit Hilfe einer Analyse der Interviews die ‚hinter' den Darstellungsweisen stehenden Sinnund Relevanzstrukturen herauszuarbeiten und vor dem Hintergrund der Dimension Geschlecht zu interpretieren. Unter Sinnund Relevanzstrukturen sind mit Blick auf die Forschungsfrage diejenigen Erzählungen gemeint, die aus der Perspektive der Befragten die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingten Stress beeinflussen und das eigenen Denken und Handeln in der Umgangsweise mit CC-spezifischen Anforderungen prägen.

Bei der Bearbeitung der Forschungsfrage ist jedoch darauf zu achten, Frauen und Männer nicht als jeweils in sich geschlossene Gruppe zu klassifizieren. Forschungsmethodische Beiträge verweisen diesbezüglich auf die Problematik einer geschlechtsspezifischen Verzerrung (Gender-Bias) (Babitsch et al., 2012). Neben der Nicht-Beachtung relevanter Unterschiede, kann sich eine verzerrte Wahrnehmung ebenfalls in Form eines doppelten Bewertungsmaßstabs auswirken, wenn ähnliche Situationen von Frauen und Männern fälschlicherweise unterschiedlich bewertet werden. [3] Zudem zeigt eine erste Erfassung der personenbezogenen Charakteristika von Beschäftigten in CCn, dass eine alleinige Fokussierung der Dimension Geschlecht einer vollständigen Analyse der Belastungsund Bewältigungssituation nicht gerecht wird. Im Rahmen der Auswertung gilt es daher, theoretische Vorannahmen über Geschlechtsunterschiede zurückzustellen und möglichst nah am Erhebungsmaterial die Entstehungsund Bewältigungsmuster von in CCn tätigen Frauen und Männern herauszuarbeiten. Als qualitatives Verfahren eignet sich daher die von Kruse (2011) entwickelte integrative texthermeneutische Analysemethode, die den Blick auf sprachlichkommunikative Phänomene richtet und dadurch eine Zurückstellung eigener Vorannahmen ermöglicht. [4]

Zur systematischen Bearbeitung der Forschungsfrage empfiehlt sich der Public Health Action Cycle (PHAC) als anerkanntes Rahmenmodell in den Gesundheitswissenschaften (vgl. Abb. 1). Dieser wurde von Rosenbrock (1995) für die Planung, Durchführung und Evaluation von Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention in den deutschsprachigen Raum eingeführt. Zur Umsetzung des Gender-Mainstreaming-Konzepts wird dem PHAC in der vorliegenden Literatur eine bedeutende Rolle zugemessen (Kolip, 2008). So ist in allen Schritten des Kreislaufs die Berücksichtigung der Dimension Geschlecht Kernbestandteil des Vorgehens. Die daraus abzuleitenden theoretischen und anwendungsbezogenen Implikationen im Rahmen der Strategieplanung werden zum Ende der Arbeit als Schlussfolgerungen formuliert. Zwar kann und soll im Kontext der Studie keine praktische Anwendung und Überprüfung der Empfehlungen erfolgen. Gleichwohl sollen ebenfalls allgemeine Kriterien für eine Strategieumsetzung und Evaluation von Maßnahmen in CCn abgeleitet werden, die eine Berücksichtigung der Dimension Geschlecht ermöglichen.

Abbildung 1: Public Health Action Cycle. (Quelle: Rosenbrock, 1995)

  • [1] Eine nähere Definition des Begriffs Agent erfolgt in Kapitel 5.2.1.
  • [2] Aus dem Stand der Forschung gehen weitere Unterfragen hervor, die im methodischen Vorgehen zusammengefasst werden (Kapitel 6).
  • [3] Aus diesem Grund erfolgt in Kapitel 2.1.2 eine ausführliche Darstellung der Formen des Gender-Bias, um diese für die Bearbeitung der Forschungsfrage reflektieren zu können.
  • [4] Die methodischen Entscheidungen begründen sich im Detail durch den theoretischen und empirischen Stand der Forschung. Eine ausführliche Darlegung erfolgt unmittelbar vor der Interpretation der Ergebnisse.
 
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