< Zurück   INHALT   Weiter >

2.1 Geschlechtsreflektierte Forschung – Herausforderungen und Handlungsoptionen

Eine Auseinandersetzung mit geschlechtsvergleichender Forschung zeigt, dass die wissenschaftlichen Beiträge durch eine begriffliche Vielfalt gekennzeichnet sind. So werden in der gesundheitswissenschaftlichen Literatur unterschiedliche Begriffe in Bezug auf die Dimension Geschlecht verwendet. Neben der Bezeichnung geschlechtergerecht und geschlechtssensibel ist ebenso die Konnotation geschlechtsspezifisch oder geschlechtsreflektiert gebräuchlich. Die folgende Begriffsklärung soll dazu beitragen, die dahinter stehende Intention aufzuzeigen, um in der Bearbeitung der Forschungsfrage eine inhaltlich begründete Anwendung zu ermöglichen.

2.1.1 Geschlechtsspezifisch vs. geschlechtsreflektiert – eine begriffliche Annäherung

Jahn (2002) stellt in ihrem Beitrag zu methodischen Problemen einer geschlechtergerechten Gesundheitsförderung fest, dass sich hinter der Verwendung verschiedener Begriffe auch unterschiedliche Inhalte verbergen (vgl. Tab. 1).

Tabelle 1: Häufig verwendete Begriffe und ihre Inhalte in der methodisch/methodologischen Diskussion für eine geschlechtergerechte Forschung. (Quelle: Jahn, 2002, S. 143)

Während die Bezeichnungen geschlechtsspezifisch sowie frauenund männerspezifisch ausschließlich auf die jeweiligen weiblichen und männlichen Unterschiede und Spezifika zielen, meint geschlechtergerecht eine umfassende und angemessene Berücksichtigung von Unterschieden und Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. Mit der Nominalisierung Geschlechtergerechtigkeit werden eine Politik, Forschung und Praxis gefasst, die den „Bedürfnissen und Bedarfen von Männern und Frauen umfassend gerecht wird und zum Abbau von Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bzw. zum Erreichen von Chancengleichheit/Gleichstellung beiträgt“ (Jahn, 2003, S. 11). Der politische Begriff der Geschlechtergerechtigkeit beansprucht darüber hinaus, vorhandene oder nicht vorhandene Diversitäten zwischen Frauen und Männern in Forschung und politischer Praxis – etwa durch die Strategie des Gender Mainstreaming als „key policy“ (Payne, 2012, S. 19) – systematisch zu berücksichtigen. Jahn (2003, S. 8) spricht daran anlehnend von einem „Genderbewusstsein“ [1] und verbindet damit die Fähigkeit, geschlechtsrelevante Aspekte zu identifizieren und mit dem Ziel einer Gleichstellung der Geschlechter in der eigenen Arbeit mitzubedenken.

In weiteren Recherchen fällt zudem der Begriff der Geschlechtsreflektion auf. Dieser stammt aus der sozialpädagogischen Kinderund Jugendhilfe und wird als eine konzeptionelle Weiterentwicklung verstanden, die auf den „Unterstützungsbedarf im Prozess des doing gender beruht“ (Lutze & Wallner, 2010, S. 2). [2] Geschlechtsreflektierte Kinderund Jugendhilfe thematisiert im Miteinander von Mädchen und Jungen Geschlechterhierarchien und -stereotype mit dem Ziel, „sie abzubauen und statt dessen ein System des Miteinanders zu entwickeln, in dem individuelle Unterschiede ohne Benachteiligungserfahrungen für Mädchen und Jungen erlebbar sind“ (ebd.). Zwar kann das Konzept aufgrund seiner anwendungsbezogenen Intention nicht ohne Weiteres in den wissenschaftlichen Kontext übertragen werden. Gleichwohl bietet der Begriff Impulse für die Bearbeitung der Forschungsfrage. Reflektion drückt eine distanzierte Beurteilung der Lebensund Arbeitswirklichkeiten für das Stresserleben von Frauen und Männern aus, ohne gleichzeitig Geschlechtsstereotype zu bedienen bzw. Unterschiede vorschnell zuzuschreiben. Zwar soll durch die empirische Arbeit eine Sensibilität für spezifische Belastungsund Bewältigungsmuster bei Frauen und Männern erzeugt werden. Gleichzeitig ermöglicht eine reflektierte Analyse aber, den sozialen und ökonomischen Diversitäten innerhalb der Frauenund Männergruppen Aufmerksamkeit zu zollen. Ob und in welcher Form die Dimension Geschlecht in der Umgangsweise mit arbeitsbedingtem Stress am Beispiel der CC-Tätigkeit bedeutend ist, kann sich jedoch erst im Laufe des qualitativen Auswertungsund Diskussionsprozesses ergeben.

Der Anspruch einer geschlechtsreflektierten Herangehensweise ist indes keineswegs ein neuer. Vielmehr nimmt er auf frühere methodische Diskussionen Bezug: Bereits in den 80er Jahren wurde unter dem Begriff der Reifizierung die Problematik erfasst, dass schon in die Untersuchung eines Phänomens Geschlechtsunterschiede projiziert werden, die es eigentlich zu erforschen gilt (Degele, 2008). Dies birgt das Risiko einer durch die Forschung resultierenden Konstruktion und Bestätigung von Geschlechtsunterschieden, sodass die hinter der Geschlechtsreflektion stehende Idee für die Beantwortung der Forschungsfrage nützlich erscheint. Unklar bleibt an dieser Stelle jedoch, wie dieser Begriff auf die konzeptionelle Ausrichtung zur Bearbeitung der Forschungsfrage übertragen werden kann. Hierzu ist das aus der Praxis stammende Konzept in einem weiteren Schritt auf die in der Wissenschaft angewandten Instrumente zu beziehen. Das Ziel, Verzerrgrößen möglichst auszuschließen, führt laut Babitsch (2009) zu zahlreichen methodischen Herausforderungen, da der Zusammenhang zwischen Geschlecht und Gesundheit nach sozialen Differenzierungsmerkmalen – wie etwa Alter, Ethnizität und sozioökonomischer Status – variieren kann. In der nachfolgenden empirischen Erhebung ist daher stets zu berücksichtigen, dass, wie Faltermaier (2004, S. 14) es treffend formuliert, „bei der Frage nach der Gesundheit von Männern [und Frauen] und ihrer Bedingungen die Unterschiedlichkeit und Heterogenität innerhalb dieser gesellschaftlichen Gruppe[n] immer mit berücksichtigt werden sollte“. Einen möglichen Analyserahmen bieten die bereits in der Sozialepidemiologie erarbeiteten Instrumente, die im folgenden Abschnitt dargestellt werden.

  • [1] Zur näheren Definition von Gender siehe Kapitel 2.2.2.
  • [2] Das Doing-Gender-Konzept wird im Rahmen der theoretischen Implikationen der Geschlechterforschung ausgeführt (Kapitel 2.2.4).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >