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2.1.2 Methodische Instrumente geschlechtsreflektierender Gesundheitsforschung

Die bisher skizzierten, im Diskurs vorfindbaren Differenzierungen spiegeln sich nicht zwangsläufig in einer reflektierten Gesundheitsforschung oder praktischen Umsetzung von Interventionen wider. Diesbezüglich verweisen Ruiz und Verbrugge (1997) in der methodischen Auseinandersetzung auf die Problematik des Gender-Bias. Im Einzelnen unterscheiden sie drei Gefahren einer Verzerrung in den empirischen Ergebnissen, die auch im Rahmen der vorliegenden Forschungsfrage zentral sind.

1. Eine Gleichheit von Männern und Frauen wird angenommen, wo diese nicht vorhanden ist.

2. Es werden Unterschiede zwischen Frauen und Männern angenommen, wo offensichtlich keine bestehen.

3. Faktoren, die bei beiden Geschlechtern auftreten, werden je nachdem, ob sie einen Mann oder eine Frau betreffen, anders bewertet.

(Ruiz & Verbrugge, 1997, S. 106f.)

Zur methodischen Kontrolle dieser Aspekte schlägt Eichler (2001) das Konzept der Gender Based Analysis (GBA) vor, das heute in zahlreichen Publikationen als Instrumentarium für eine reflektierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen geschlechtsspezifischer und geschlechtsinsensibler Verzerrung dient (z. B. Hamberg, 2008; Polit & Beck, 2012). Dabei äußern sich Verzerreffekte im Studiendesign nicht nur in der fehlenden Berücksichtigung der Dimension Geschlecht, sondern in insgesamt drei zentralen Oberund Unterformen, die in Tabelle 2 überblickhaft zusammengefasst sind und nachfolgend erläutert werden.

Die Form des Androzentrismus geht von der Annahme einer einseitig männlichen Perspektive aus. In der Durchführung der Erhebung oder in der gesundheitlichen Versorgung wird das männliche Geschlecht als Norm zugrunde gelegt. Frauen werden hingegen ausgeschlossen bzw. an diesem Maßstab gemessen. Daraus ergeben sich unzulässige Übergeneralisierungen, beispielsweise, wenn ein Medikament ausschließlich an Männern getestet wurde, ohne dabei mögliche Ergebnisse über die Wirkung oder die Dosierung bei Frauen zu berücksichtigen (Kühl, 2010). Darüber hinaus kann sich ein so genannter paradoxer Gynozentrismus im Forschungsdesign niederschlagen, wenn Männer als Untersuchungsgruppe von vermeintlichen Frauenthemen ausgeschlossen werden, wie z. B. bezüglich der gesundheitlichen Folgen von ungewollter Kinderlosigkeit oder in den Vereinbarkeitsdiskursen von Familie und Beruf. Letzteres Beispiel entspricht der Form des Androzentrismus, „wenn darunter nur die Dauer des Erwerbsarbeitstages verstanden wird und nicht das Zusammenwirken von Erwerbsarbeit und Hausarbeit“ (ebd., S. 1). Jahn (2002) führt weiter aus, dass eine Berücksichtigung von Arbeitsund Lebenswirklichkeiten sowohl eine adäquate Einschätzung der Arbeitsbelastung von Frauen ermöglicht als auch gleichzeitig die Möglichkeit bietet, zusätzliche Belastungen für Männer zu erfassen (z. B. Reparaturarbeiten im Haushalt).

Die als zweite Form des Gender-Bias bezeichnete Geschlechtsinsensibilität liegt hingegen vor, wenn das biologische und soziale Geschlecht als Analysekategorien von Unterschieden in Gesundheit und Krankheit ausgeklammert werden. Eichler (2001) nennt in diesem Zusammenhang die Unterform Familialismus, die die Familie als kleinste soziologische Analyseeinheit beschreibt.

Tabelle 2: Oberund Unterformen des Gender-Bias. (Quelle: Eichler, 2001; Jahn, 2002; Ruiz-Cantero et al., 2007; Kühl, 2010)

Androzentrismus Männerzentrierte Sichtweise in Forschung und Praxis

Übergeneralisierung Unzulässige Verallgemeinerung auf

Basis von gleichgeschlechtlicher Bezugspopulation

Männer als Norm Übertragung von an Männern orientierte

Normen auf weibliche Lebensund Arbeitswirklichkeiten

Paradoxer Gynozentrismus Ausschluss von Männern aus Studien,

die als typisch weiblich gelten

Geschlechterinsensibilität Ignoranz gegenüber dem biologischen

oder sozialen Geschlecht

Familialismus Familie als kleinste Analyseeinheit,

ungeachtet relevanter Rollenbesonderheiten

Dekontextualisierung Nicht-Beachtung unterschiedlicher

Lebensund Arbeitswirklichkeiten

Annahme der Gleichheit von Frauen und

Männern Unberechtigte Gleichheitsannahmen

Doppelter Bewertungsmaßstab Identische Verhaltensweisen von Frauen

(offenkundig und versteckt) und Männern werden unterschiedlich beurteilt Geschlechterdichotomien Behandlung der Geschlechter als zwei

voneinander separierter Gruppen

Geschlechterstereotype Zuschreibung vermeintlich naturgegebe-

ner Charaktereigenschaften

Hierbei besteht das Risiko darin, dass relevante Informationen, die einzelne Familienmitglieder in ihrer Individualität betreffen, ignoriert werden. Jahn (2002) führt hierzu das Beispiel der familialen Pflegeund Sorgearbeit an, die überwiegend eine Tätigkeit von Frauen darstellt, jedoch bei alleiniger Betrachtung der Familie nicht als solche zur Geltung kommt. Daraus resultiert auch eine weitere Unterform: die Annahme einer Gleichheit der Geschlechter (ebd.). Hierbei wird ausgeklammert, dass Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise von Einschränkungen betroffen sind, die sich aus der nicht entlohnten Arbeit ergeben. Eine Vielzahl von Analysen fokussiert jedoch oftmals nur Belastungen, die aus der Erwerbstätigkeit resultieren, sodass sich kein differenziertes Bild über die Bedeutung der Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern ergeben kann. Die damit einhergehende Dekontextualisierung führt zu einer Nicht-Beachtung der unterschiedlichen Lebensund Arbeitswirklichkeiten (Kühl, 2010).

Die letzte Form des Gender-Bias bezeichnet Eichler (2001) als Doppelten Bewertungsmaßstab. Hierbei werden ähnliche oder gleiche Charaktereigenschaften von Frauen und Männern unterschiedlich bewertet. Eine Unterform der Verzerrung wird auch als Geschlechtsdichotomie bezeichnet, die für das Gegenteil von Geschlechtsinsensibilität steht. Sie liegt nach Jahn (2002) vor, wenn bestimmte Attribute oder Charaktereigenschaften als typisch weiblich oder männlich klassifiziert werden, obwohl sie – in unterschiedlicher Ausprägung – bei allen Menschen zu finden sind. Oftmals werden geschlechtsstereotype Zuschreibungen aus biologischen oder genetischen Faktoren abgeleitet, anstatt für die Interpretation gesellschaftliche oder kulturelle Erwartungen an die Geschlechtsrolle in Betracht zu ziehen (Williams, 2013).

Die vorangestellten Überlegungen werden in gesundheitswissenschaftlichen Diskursen um die Integration von Geschlecht als Analysekategorie berücksichtigt und zum Teil mit Empfehlungen zur Guten Epidemiologischen Praxis (GEP) verbunden (z. B. Phillips, 2005, 2008; Kickbusch, 2007). In den Leitlinien zur Sicherung GEP wird etwa darauf hingewiesen, dass „Studiendesign und Untersuchungsmethodik so anzulegen [sind], dass die geschlechtsspezifischen Aspekte des Themas bzw. der Fragestellung angemessen erfasst und entdeckt werden können“ (DGEpi, 2008, S. 11). Zudem liegen verschiedene internationale Beiträge vor, die durch eigene Studien oder deren Dokumentation die Möglichkeiten einer geschlechtsreflektierten Analyse von Gesundheit und Krankheit veranschaulichen (z. B. Payne, 2001; Krieger, 2003; Springer et al., 2012). [1]Darüber hinaus lassen sich der Literatur weitere methodische Analysekonzepte entnehmen. So haben Burke und Eichler (2006) auf Grundlage der GBA das BIAS FREE[2] Framework entwickelt. Dieses zielt darauf ab, sowohl im (gesundheits-)wissenschaftlichen Kontext als auch in der politischen Praxis unterschiedliche Formen der Diskriminierung aufzudecken, von denen Menschen aufgrund vorhandener sozialer Hierarchien betroffen sind. Dabei bezieht sich die Analyse nicht nur auf Geschlecht als separierte Dimension, sondern – im Sinne der Intersektionalität (Schulz & Mullings, 2006) – auf die Wechselwirkung sozialer Faktoren, die sich aus der Ethnizität, dem Gesundheitsstatus, dem Alter oder der sexuellen Orientierung ergeben.

Obwohl die Dimension Geschlecht für die Beantwortung der Forschungsfrage nicht unabhängig von den Rahmenbedingungen bewertet werden soll, die sich aus den jeweiligen Lebensund Arbeitswirklichkeiten ergeben, ist eine Orientierung an dem Konzept des BIAS FREE Framework für die vorliegende Studie jedoch theoretisch wie empirisch nicht sinnvoll. In der Einleitung wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich die Fragestellung nicht an einem DiversityAnsatz orientiert, der neben der Dimension Geschlecht weitere individuelle Merkmale mit einbezieht. Aus diesem Grund erscheint der Rückgriff auf das methodische Instrument BIAS FREE Framework nicht angemessen. Demgegenüber können die erläuterten Formen des Gender-Bias systematisch in der Beurteilung des Forschungsstands sowie in den methodischen Arbeiten berücksichtigt werden.

Aus den Herausforderungen und Handlungsoptionen einer geschlechtsreflektierenden[3] Forschung gehen insgesamt Hinweise für die weitere Bearbeitung der Forschungsfrage hervor. Die nachfolgenden Analysen der gesundheitlichen Situation von Frauen und Männern erfordern – wie Kolip (2008) kritisch anmerkt – nicht nur eine nach Geschlecht getrennte Dokumentation von Tabellen und Abbildungen, sondern eine Interpretation der jeweiligen Daten vor dem Hintergrund divergierender Lebensund Arbeitswirklichkeiten. Die damit einhergehende Bedeutung der Dimension Geschlecht ist folglich in jeder Forschungsphase mitzudenken (Gansefort & Jahn, 2012), so auch in den folgenden Ausführungen zum theoretischen Rahmen und zum Stand der empirischen Forschung. Auf Basis dieser begrifflichen und konzeptionellen Annäherung sollen in einem weiteren Schritt die theoretischen Impulse der Gender-Forschung herausgearbeitet werden. Ziel dabei ist es, die Dimension Geschlecht theoretisch näher zu erfassen, um diese im Rahmen der Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress adäquat berücksichtigen zu können.

  • [1] Ergebnisse richtungsweisender Studien zum Zusammenhang von Geschlecht und Gesundheit werden in den Kapiteln 3.2 und 3.3 vorgestellt.
  • [2] Die Abkürzung BIAS FREE steht für „Building an Integrative Analytical Framework for Recognizing and Eliminating InEquities“ (Burke & Eichler, 2006, S. VII).
  • [3] Der Begriff geschlechtsreflektierend soll – gegenüber der Bezeichnung geschlechtsreflektiert – deutlich machen, dass die Beurteilung der Dimension Geschlecht im Rahmen der Entstehungsund Bewältigungsmuster als Prozess zu verstehen ist.
 
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