"Dead man walking"

Bereits die wenigen hier aufgeführten Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Aussteiger sind, dazu kommen noch extreme Fälle wie beispielsweise der von Axel Reitz.

"Im Englischen gibt es einen sehr schönen Ausdruck für Ratten wie Reitz: ›DEAD MAN WALKING‹" – so und ähnlich riefen Neonazis im Netz regelrecht zur Jagd auf ihren bisherigen Kameraden auf. Er sei in seiner Heimatstadt an einem bestimmten Ort gesehen worden, berichtete ein bekanntes Neonazi-Portal, zudem sei Reitz HIVpositiv – so griffen die Neonazis in die unterste Schublade, um gegen Reitz zu hetzen. Der Chef der Partei Die Rechte, Christian Worch, verniedlichte diese Verbalattacken als "Niveau der Klatschpresse" und goss weiter Öl ins Feuer:

"Aus der Anklageschrift ergibt sich eindeutig, daß Axel Reitz einige seiner (vormaligen) Kameraden belastet hat. Man nennt so etwas Denunziation. Du kannst auch gern das alte deutsche Wort Verrat benutzen. Das ist ein erwiesener Fakt." (zitiert nach Altermedia, Juli 2012)

Die Umstände von Reitz Abschied aus der Szene sind bis heute nicht abschließend geklärt. Er galt über Jahre als ein führender Neonazi, trat als Redner auf, fiel aber auch durch eine gewisse Extravaganz auf. Er war daher ohnehin umstritten im extrem rechten Spektrum. Dann wurde er auch noch zum Verräter erklärt.

Ehemalige Kameraden, die bei der Polizei, Antifa oder in der Öffentlichkeit umfangreich auspacken, werden in der Neonazi-Szene besonders angefeindet. Dennoch wollen nicht wenige Ex-Neonazis nach einem Ausstieg durch eine Zusammenarbeit mit staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Stellen ihr Treiben in der Neonazi-Szene wieder gut machen, sich damit bei Opfern entschuldigen – und etwas gegen die braune Ideologie unternehmen, nachdem sie diese jahrelang propagiert hatten.

Der Ex-Neonazi Felix Benneckenstein beispielsweise arbeitet seine Vergangenheit durch eine Aussteigerinitiative auf, die er gründete. Auch der ehemalige NeonaziLiedermacher (bekannt als "Flex") war im Spektrum der "Autonomen Nationalisten" unterwegs. Nachdem er sich von der Szene entfernte, riefen die ehemaligen Kameraden zur Jagd auf ihn auf:

"›Flex‹ ist ein Verräter! Wir fordern alle Nationalisten eindringlichst dazu auf, eine klare Linie gegen ›Flex‹ zu ziehen. Wir brauchen ein freies Deutschland, keine freien Denunzianten! ›Flex‹ schadet der nationalen Bewegung! Boykottiert Benneckenstein! Boykottiert seine CDs! Solltet ihr ihn sehen, zeigt ihm was wir mit Verrätern machen!

Wer Details zu Benneckensteins Aufenthaltsort geben kann: VERÖFFENTLICHEN! Wir brauchen keine Emailadressen, wir brauchen eine starke Bewegung! Wenn Felix (›Flex‹) Benneckenstein bei euch aufkreuzt: gebt ihm die Antwort!" (recherchemitte.com, 2012).

Durch Gespräche mit anderen Aussteigern und die Begleitung könne er selbst viel verarbeiten, berichtet Benneckenstein. Auch Parallelen habe er entdeckt: Die meisten Aussteiger versuchten den Ausstieg erst ohne Hilfe. "Man stellt sich das selbst viel leichter vor und kann erst einmal nicht übersehen, wie weit dieser Ausstieg geht". Zuerst entferne man sich einfach nur von der Ideologie. Doch der Ausstieg bedeute auch einen Bruch mit den eigenen Netzwerken und persönlichen Beziehungen. Mittlerweile hat Benneckenstein sich neue Netzwerke aufgebaut, schreibt über NeonaziAktivitäten.

 
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