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2.2.1 Geschlecht als binäre Zuordnung?

Beiträge aus unterschiedlichen Fachdisziplinen – wie etwa der Soziologie, der Erziehungswissenschaften der Philosophie oder der Literaturwissenschaften – befassen sich mit der Frage, inwiefern die Dimension Geschlecht als sozial konstruiertes Phänomen zu verstehen ist. Dabei werden die als natürlich angenommenen Differenzen zwischen Frauen und Männern in Frage gestellt (z. B. Döge et al., 2004; Stockard, 2006; Hark, 2007). Gleichwohl verweisen weitere Positionen darauf, dass eine Auseinandersetzung mit der sozialen Bedeutung von Geschlecht bis heute nicht als selbstverständlich gilt. So hebt Bublitz (2008, S. 88) hervor, dass die „binäre Zuordnung einer sozialen Erscheinung zu einem biologischen Geschlecht“ in dieser Kultur zum Alltag gehört. Die in der Regel unhinterfragte Differenzierung in zwei Geschlechtern rührt daher, dass – wie HagemannWhite (1988) in den 1980er Jahren formulierte – Geschlecht als eindeutig, naturhaft und unveränderbar angenommen wird:

„Ohne jede bewusste Überlegung wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch entweder weiblich oder männlich sein müsse, was im Umgang erkennbar zu sein hat (Eindeutigkeit), dass die Geschlechtszugehörigkeit körperlich begründet sein müsse (Naturhaftigkeit) und dass sie angeboren ist und sich nicht ändern könne (Unveränderbarkeit).“ (ebd., S. 228)

Döge (2002) fügt hinzu, dass diese Klassifizierung nicht lediglich aufgrund körperlich-biologischer Voraussetzungen vorgenommen wird, sondern damit ebenso soziale Erwartungshaltungen bezüglich der Verhaltensweisen oder des Aussehens verbunden sind, die für das jeweilige Geschlecht als „angemessen“ (ebd., S. 13) bewertet werden.

Die darauf bezogene Kritik an der naturgegebenen Zweigeschlechtigkeit veränderte auch die Diskussion um soziale Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. So stellt Gildemeister (2001, S. 74) fest, dass zwar jede Person eine Geschlechtsidentität entwickelt („gender identity“), das Konstrukt Geschlecht jedoch nicht länger als natürliche Eigenschaft zugeschrieben, sondern als „soziale Strukturkategorie“ (ebd.) bewertet werden müsse. Hahn (2008) verweist diesbezüglich darauf, dass sozialkonstruktivistische Ansätze die Analyse dieser im Alltag als so selbstverständlich wahrgenommenen Annahme der natürlichen Zweigeschlechtigkeit vornehmen und diese als „sozial hergestellte“ (ebd., S. 64) analysieren. Auf dieser Grundlage wird unter dem Begriff des Sozialkonstruktivismus die „soziale Gewordenheit“ (Villa, 2007, S. 20) von Frauen und Männern untersucht. Ziel der Forschung ist es herauszufinden, wie deren soziale Wirklichkeit konstruiert und reproduziert wird (Thorne, 2001). Diese Perspektive führte in den vergangenen Jahrzehnten schließlich zu einer Abkehr von der Vorstellung, Geschlecht sei als ein Bündel von Eigenschaften zu verstehen, das jeweils unterschiedliche Verhaltensweisen hervorrufe (Villa, 2007). Ein Teil der soziologischen Auseinandersetzung widmete sich fortan dem Konstrukt Geschlecht als mehrdimensionales Phänomen.

 
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