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2.2.2 Geschlecht als mehrdimensionales Phänomen

Der kritische Diskurs um die einfache Koppelung von Geschlecht mit Natur und Biologie führte in den 70er Jahren zu einer Differenzierung in die Kategorien Sex und Gender (Merz, 2001; Harrison, 2006). Diese wird gegenwärtig von einer Vielzahl von Veröffentlichungen zitiert und dient als zentrale Orientierung für eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Dimension Geschlecht (z. B. Lenz & Adler, 2010). Während der Begriff Sex auf das biologische Geschlecht rekurriert – und damit die geschlechtliche Anatomie, Physiologie sowie Hormone und Chromosomen impliziert – zielt der Terminus Gender dagegen auf das soziale Geschlecht, das durch gesellschaftliche, kulturelle und kommunikative Einflüsse geprägt ist (Gildemeister, 2009). [1] Unter Berücksichtigung weiterer Beiträge fällt insgesamt auf, dass sich ein komplexer Diskurs abzeichnet, der sich einer näheren begrifflichen und konzeptionellen Ausdifferenzierung von Sex und Gender widmet. Um die Komplexität der Definition überblickhaft darzustellen, sei auf die folgenden drei Argumentationsstränge verwiesen:

Ÿ Das biologische Geschlecht wird dem sozialen Geschlecht vorausgesetzt.

(Sex -7 Gender)

Ein Teil der Literatur verweist darauf, dass das biologische Geschlecht dem sozialen Geschlecht vorausgesetzt wird (Bublitz, 2008). Der natürliche Körper erhält dadurch eine zentrale Bedeutung in der sozialen Konstruktion von Geschlecht. So wird das soziale Verhalten folglich auf einen als weiblich oder männlich wahrgenommenen und bezeichneten Körper zurückgeführt. Zwar verweist Gildemeister (2009, S. 4) darauf, dass die Ausdifferenzierung im Sinne eines sozialen Geschlechts gegen die in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft verbreitete „Natur-der-Frau-Argumentation“ gerichtet sei. Gleichwohl bliebe die grundlegende Teilung der Gesellschaft in Frauen und Männern unhinterfragt und werde nach wie vor als natürlich angenommen (ebd.).

Ÿ Es wird eine gleichberechtigte Relevanz von biologischem und sozialem Geschlecht angenommen. (Sex I Gender)

Neben biomedizinischen und neurowissenschaftlichen Erklärungszusammenhängen von Geschlecht und sozialem Verhalten nehmen andere Positionen eine Wechselwirkung von biologischen Merkmalen auf der einen und sozialen, kulturellen und politischen Einflüssen auf der anderen Seite an. Lorber und Farrell (1991, S. 7) beschreiben die Begriffe Sex und Gender daher als „socially developed statuses“. Dabei stellen sie fest, dass in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen das biologische Geschlecht – bestehend aus der geschlechtlichen Anatomie und Physiologie – eher als Kontinuum denn als festgeschriebene Kategorie diskutiert wird. So werden Männlichkeit und Weiblichkeit nicht als klar definierte Einheiten beschrieben: „Gender is therefore multiple: Women and men are not homogenous groupings“ (Lorber & Moore, 2002, S. 4). Der gegenseitige Einfluss des biologischen und sozialen Geschlechts bildet sich auch in der begrifflichen Nutzung ab. So wird in verschiedenen Beiträgen die gleichberechtigte Relevanz mit der Bezeichnung „Sex/Gender Debate“ (Harrisson, 2006, S.35) ausgedrückt.

Ÿ Das biologische Geschlecht wird als Resultat einer sozialen und kulturellen Prägung verstanden. (Sex � Gender)

Aus Perspektive des Sozialkonstruktivismus werden sowohl Gender als auch Sex als gesellschaftlich konstruiert beschrieben (Lorber & Farrell, 1991). Dabei wird kein Kausalzusammenhang zwischen dem sozialen und biologischen Geschlecht angenommen. Die amerikanische Soziologin Butler (1991) geht vielmehr davon aus, dass die in der Diskussion von Gender unterschiedene Kategorie Sex als ebenso kulturell zu deuten sei. So sei der Körper als Resultat sprachlicher und kultureller Operationen zu verstehen, die die Wahrnehmung, was als weiblich und was als männlich gilt, bestimmen. (ebd.).

Weiterhin fällt auf, dass zur Herstellung und Konstruktion von Geschlecht verschiedene theoretische Ebenen beschrieben werden. Während mit dem Konzept des „doing gender“ (West & Zimmerman, 1987, S. 125) Geschlecht auf der individuellen Mikro-Ebene als interaktiv herund dargestellt diskutiert wird, verweisen andere Ansätze auf die Bedeutung von Geschlecht als Strukturkategorie. Letzterer richtet den Blick auf Strukturbedingungen der gesellschaftlichen Makro-Ebene (Degele, 2008). Um ein grundlegendes theoretisches Verständnis der Dimension Geschlecht für die Forschungsfrage herauszuarbeiten, sollen nachfolgend beide Konzeptebenen näher erläutert werden.

  • [1] Im Nachfolgenden wird mit der Bezeichnung Geschlecht stets auch das soziale Geschlecht inkludiert. Sobald jedoch biologische Unterschiede thematisiert werden, wird dies explizit mit dem Begriff biologisches Geschlecht kenntlich gemacht.
 
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