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2.2.3 Geschlecht als Strukturund Ordnungskategorie

Die Geschlechterforschung befasst sich u. a. mit der Frage, inwiefern Geschlecht als Strukturkategorie zu verstehen ist. Die zentrale Annahme besteht darin, dass die Dimension Geschlecht als ein hierarchischer Ordnungsfaktor moderner Gesellschaften gilt, aus dem ökonomische und soziale Ungleichheiten resultieren (Smykalla, 2006). Eine strukturkategorische Definition geht demzufolge nicht davon aus, dass sich Geschlecht lediglich durch Unterschiede von individuellen Merkmalen charakterisiert. Vielmehr wird die Dimension als Ursache für soziale Ungleichheiten beschrieben, in dem sie den Bezugspunkt für die Verteilungsungleichheit im System der geschlechtlichen Arbeitsteilung bildet (Degele, 2008). Geschlecht ist demzufolge mit der Zuweisung von sozialen und beruflichen Positionen und den damit einhergehenden personalen und strukturellen Ressourcen wie Geld, Zeit und Macht verbunden (Connell, 1999; Babitsch, 2009). Eine nähere Beschreibung dieser hier abstrakt beschriebenen Analyseebene bieten die Ausführungen von Hahn (2008) zur Diskussion um den gesellschaftlichen Wert der Reproduktionsarbeit. Diese war bereits in den 1970er-Jahren Gegenstand feministischer Diskurse:

„Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung standen zunächst das Thema Arbeit und die Frage danach, was als Arbeit zählt, wie Arbeit gesellschaftlich anerkannt wird, welche sozialen Positionen damit verbunden sind, bzw. inwieweit sie Überund Unterordnungsverhältnisse produzieren und reproduzieren.“ (ebd., S. 62)

Das soziale Geschlecht wird daher nicht losgelöst von gesellschaftlichen Machtstrukturen diskutiert. Vielmehr kommt Becker-Schmidt (1985) zu dem Schluss, dass das Geschlechterverhältnis als Herrschaftsverhältnis zu Ungunsten von Frauen bestehe. Auf dieser Grundlage führen Sabo und Gordon (1995) an, dass durch die Geschlechterordnung („gender order“, ebd., S. 10) zwei grundlegende strukturelle Merkmale deutlich werden: Zum einen beschreiben die AutorInnen ein „hierarchical system in which men dominate women in crude and debased, slick and subtle ways“. Zum anderen existiert ein „system of intermale dominance in which a minority of men dominates the masses of men” (ebd., S. 10). Daraus schlussfolgert Smykalla (2006), dass das Geschlechterverhältnis traditionell mit einer hierarchischen Vorstellung von der Überlegenheit des Mannes und einer männlichen Norm verknüpft wird.

Im Zuge der „Modernisierung des Geschlechterverhältnisses“ (Moser, 2010,

S. 33) – die sich z. B. in einer Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Frauen äußert (Statistisches Bundesamt, 2014) – wird die strukturelle Bedeutung der Geschlechterkategorie in Frage gestellt. Alternativ hat Wetterer (1992) daher vorgeschlagen, Geschlecht als Prozesskategorie zu begreifen. So könne durch die Analyse von „Vergeschlechtlichungsprozessen“ (ebd., S. 35) die Herstellung als interaktiver und situationsspezifischer Prozess verstanden werden. Die alltägliche soziale Konstruktion von Geschlecht wird in der Mikro-Soziologie als Doing-Gender-Prozess bezeichnet – „eine permanente, andauernde Praxis von Zuschreibungs-, Wahrnehmungsund Darstellungsroutinen, die sich lebensgeschichtlich niederschlägt, verfestigt und identitätswirksam wird“ (Gildemeister, 2001, S. 74). [1]

  • [1] Wobei in den theoretischen Diskursen der Geschlechterforschung keineswegs eine gegenseitige Ergänzung durch beide Ansätze erfolgt. Vielmehr wird eine rege Auseinandersetzung darüber geführt, inwiefern mikro-soziologische Ansätze soziale Strukturen zu berücksichtigen vermögen. Umgekehrt wird den strukturkategorischen Überlegungen vorgehalten, die Bedeutung der Interaktion zu vernachlässigen. Zur weiteren inhaltlichen Vertiefung siehe z. B. Knapp (2011) oder Gottschall (2000).
 
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