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2.2.4 Doing Gender – die (Re-)Produktion von Geschlecht

Das aus der interaktionstheoretischen Soziologie entstammende Konzept basiert auf dem vielbeachteten Aufsatz „Doing Gender“ von West und Zimmerman (1987). Die theoretischen Überlegungen werden als Abgrenzung zur gängigen Sex-Gender-Differenzierung verstanden. Dieser wird unterstellt, dass Gender nur als gesellschaftlicher Reflex auf Natur gelte, also weiterhin eine bloße biologische Unterscheidung zwischen Frauen und Männern vorgenommen wird (Gildemeister, 2009). Demgegenüber verweisen die AutorInnen des Doing-GenderKonzepts in ihren Ausführungen darauf, dass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern nicht als natürlich, biologisch und unveränderbar zu verstehen sind. Vielmehr werde die Geschlechtszugehörigkeit in sozialen Interaktionen ständig herbzw. dargestellt und damit bestätigt: Doing Gender umfasst ein Komplex von „socially guided perceptual, interactional, and micropolitical activities that cast particular pursuits as expressions of masculine and feminine

‚natures'“ (West & Zimmerman, 1987, S. 126). Dabei gehe es nicht um männliche oder weibliche Charaktereigenschaften, sondern um ein Resultat sozialer Situationen: „Rather than as a property of individuals, we conceive of gender as an emergent feature of social situations“ (ebd.).

Auf Grundlage dieser Überlegungen nehmen West und Zimmerman (1987) schließlich eine Ausdifferenzierung von Geschlecht in drei Schritten vor. So bezeichnen sie zum einen den Begriff Sex als „determination made through the application of socially agreed upon biological criteria for classifying persons as females or males“ (ebd., S. 127) – also als Klassifikation des Geschlechts aufgrund gesellschaftlich vereinbarter biologischer Merkmale. Zum anderen führen sie den Begriff Sex-Category an, der die Zuschreibung zu einem Geschlecht, z. B. aufgrund einer äußerlichen Zugehörigkeit im Alltag, meint. Mit der Bezeichnung Gender rekurrieren sie schließlich auf die Zugehörigkeit zum Geschlecht als Resultat von sozialen Interaktionsprozessen. Meissner (2008) verweist dabei auf verschiedene Merkmale, die diesen Prozess charakterisieren: So werden Namensgebung, Stimmlage, Gestik, Mimik, Körperhaltung oder andere Verhaltensweisen als „Ergebnis sozialer Situationen“ (ebd., S. 9) beschrieben. Unter Berücksichtigung weiterer Überlegungen wird deutlich, dass das Konzept eher als allgemeine, grundlegende Orientierung in Bezug auf die soziale Konstruktion von Geschlecht gilt und weniger eine konkrete Anwendung in empirischen Studien findet. Ridgeway und Smith-Lovin (2006) führen dies auf fehlende Leitlinien zurück, die die Umstände und Merkmale des Interaktionsprozesses näher beschreiben.

Die überblickhaft skizzierten Ansätze der Geschlechterforschung deuten insgesamt auf eine kontroverse Auseinandersetzung in Bezug auf das Verhältnis von Sex und Gender hin. Geschlecht wird auf unterschiedlichen Wirkebenen – wie z. B. auf der Mikround Makroebene – beschrieben, sodass ein mehrdimensionaler Fokus erforderlich ist. Diesbezüglich stellt sich die Frage, wie die theoretischen Implikationen zusammenfassend eine Grundlage für die weitere Bearbeitung der Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress bilden können. Zur konzeptionellen Einordnung der Darstellungen hat sich im Forschungsprozess das Modell von Gümbel und Nielbock (2012) als anknüpfungsfähig erwiesen. Dieses beansprucht, die Komplexität von Geschlecht vor dem Hintergrund unterschiedlicher Ebenen und Dimensionen zu erklären, sodass eine Übertragung der theoretischen Implikationen erfolgen kann.

 
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