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2.2.5 Vorschlag eines Mo dells zur Systematisierung der theoretischen Implikationen

Gümbel und Nielbock (2012) beziehen sich in ihrem Analysemodell auf die Ebenen Gesellschaft, Organisation und Individuum und benennen jeweils den Einfluss einer symbolischen und einer strukturellen Dimension von Geschlecht (vgl. Tab. 3). Während die symbolische Dimension Rollenbilder und Stereotype sowie Zuschreibungen und Erwartungen von Weiblichkeit und Männlichkeit einschließt, ist die strukturelle Dimension durch Unterschiede in Einkommen, Qualifikation und beruflicher Position gekennzeichnet. Letztere lässt sich den AutorInnen zufolge durch spezifische Charakteristika beschreiben, die sich auf den Ebenen Gesellschaft, Organisation und Individuum abzeichnen (Gümbel & Nielbock, 2012). Auf der Gesellschaftsebene liegen „objektiv messbare Unterschiede zwischen Frauen und Männern“ (ebd., S. 17) vor, die sich anhand verschiedener Lebensund Arbeitswirklichkeiten darstellen. Beispielsweise ergeben sich Differenzen in der horizontalen und vertikalen Segregation des Arbeitsmarkts. Diese kennzeichnen sich etwa durch eine ungleiche Entlohnung gleicher Arbeit (vertikal) oder Geschlechtsunterschiede in der Verteilung der Berufsfelder (horiziontal). [1] Ebenso zeigen sich unterschiedliche Verteilungen in der Zeit, die für Pflege von Familienangehörigen oder Erziehung von Kindern aufgewendet wird.

Tabelle 3: Komplexität der Dimension Geschlecht. (Quelle: Gümbel & Nielbock, 2012, S. 17)

Auf der Ebene der Organisation wird schließlich konkret auf die Ausübung von Tätigkeiten im arbeitsweltlichen Kontext verwiesen (ebd., S. 17): „Wer übt welche Tätigkeit aus, wer arbeitet wie lange, wer besetzt die wesentlichen Funktionen in der Organisation usw.“ Schließlich verweisen Gümbel und Nielbock (2012) auf strukturelle Unterschiede auf der individuellen Ebene. Diese ergeben sich den AutorInnen zufolge insbesondere aus der subjektiven Lebenswirklichkeit von Frauen und Männern, die sich in Form des gewählten Arbeitszeitmodells, der außerberuflichen Anforderungen, der Freizeitgestaltung sowie des zur Verfügung stehenden Einkommens abbilden.

Die Ursachen für die strukturell bedingten Unterschiede werden u. a. in der symbolischen Dimension von Geschlecht begründet, nämlich „[…] bei den Rollenbildern und -erwartungen, bei den Vorstellungen davon, was für Frauen bzw. Männer ‚normal' und ‚richtig' ist“ (ebd., S. 17). Eine der gesellschaftlichen Norm entsprechende Vorstellung bezieht sich etwa auf die Präferenz der beruflichen Entwicklung bei Männern. So lägen Männer deutlich stärker Gewicht auf ihren beruflichen Werdegang und vernachlässigten „andere Lebensbereiche, wie etwa die Versorgung von Kindern und Angehörigen“ (ebd., S. 18). Rollenbilder auf Ebene der betrieblichen Organisation werden von den AurtorInnen zwar nicht explizit benannt, lassen sich aber auf Basis weiterer Befunde ergänzen. Beispielsweise verweisen die Ergebnisse der Vorwerk Familienstudie (2013) darauf, dass die Elternzeit für Väter an Relevanz gewonnen habe. Gleichwohl deuten weitere Befunde des Statistischen Bundesamtes auf eine geringe Inanspruchnahme sowie einer im Vergleich zu Frauen kurzen Elternzeit hin (Statistisches Bundesamt & WZB, 2013). Als Ursache für die ungleiche Inanspruchnahme von Elternzeit wird u. a. die mangelnde Akzeptanz der ArbeitgeberInnen oder des Kollegiums angeführt, die ein klassisches Modell mit vollzeiterwerbstätigem Mann und nicht erwerbstätiger Ehefrau voraussetzen (Simak, 2013).[2] Schließlich benennen Gümbel und Nielbock (2012) auf individueller Ebene bewusste und unbewusste Rollenbilder und Vorstellungen, die darauf Einfluss nehmen, „was für sie selber als Mann oder Frau richtig und angemessen ist“ (ebd., S. 18). Diese prägen die subjektiven Ansprüche und Erwartungshaltungen und sind häufig ausschlaggebend für Karriereund Vereinbarkeitsvorstellungen (ebd.).

Zur Übertragung des Modells auf den Forschungsgegenstand ist es abschließend erforderlich, die beschriebenen Ebenen in den Kontext der angeführten theoretischen Überlegungen zu stellen. Zunächst fällt auf, dass die dargestellten Ausführungen zu Geschlecht als Strukturkategorie eine Einordnung der von Gümbel und Nielbock (2012) genannten strukturellen Dimension ermöglichen. Den theoretischen Überlegungen zufolge wäre davon auszugehen, dass sich die Dimension Geschlecht vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und institutioneller Rahmenbedingungen abbilden lässt. So resultieren Geschlechtsunterschiede in den Rollenanforderungen oder im Einkommen aus ungleich verteilten Ressourcen, die sich in hierarchischen Geschlechterverhältnissen manifestieren. Hier ist in den weiteren Ausführungen zum Stand der Forschung zu prüfen, welche Bedeutung dieser Analysefokus für die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress einnimmt. Neben strukturell bedingten Faktoren erscheint es ebenso zentral, die symbolische Ebene von Geschlecht als konzeptionelle Orientierung mitzudenken. Das Doing-Gender-Konzept bietet dabei eine grundlegende Basis, um Geschlecht nicht als rein biologische Kategorie zu begreifen, sondern ebenso als sozial hergestellte Dimension.

Für das weitere Vorgehen bedeutet dies, im empirischen Stand der Forschung sowohl Befunde zu den jeweiligen strukturellen Lebensund Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern zu berücksichtigen als auch die subjektive Umgangsweise und die daraus resultierenden Stressoren in den Blick zu nehmen. Bevor dies unter Berücksichtigung des empirischen Forschungsstands in Kapitel 3 erfolgt, sollen in einem letzten Abschnitt die Bezüge zwischen den theoretischen Implikationen und den Gesundheitswissenschaften hergestellt werden.

  • [1] Eine ausführliche Darstellung des empirischen Forschungsstands der in diesem Abschnitt beispielhaft angeführten Befunde erfolgt in Kapitel 3.
  • [2] Vgl. auch die Ausführungen zu den Gründen für die Inanspruchnahme von Elternzeit in Kapitel 3.1.4.
 
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