< Zurück   INHALT   Weiter >

2.4 Zwischenfazit I: Die Dimension Geschlecht in den Gesundheitswissenschaften – methodische und theoretische Grundlagen

Einleitend wurde deutlich, dass zur Beantwortung der Forschungsfrage nach Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress am Beispiel der CC-Tätigkeit ein systematisches Vorgehen sinnvoll erscheint, das sich zunächst einer begrifflichen Auseinandersetzung widmet. Diesbezüglich hat sich gezeigt, dass der häufig verwendete Begriff der geschlechtsspezifischen Gesundheitsforschung aufgrund der damit einhergehenden direkten Annahme von expliziten Unterschieden zwischen Frauen und Männern nicht geeignet ist, eine objektive Beurteilung von divergierenden Lebensund Arbeitswirklichkeiten vorzunehmen. Demgegenüber wurde die aus der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stammende Bezeichnung der Geschlechtsreflektion aufgegriffen und auf den Untersuchungskontext übertragen. Der Begriff intendiert, im Sinne eines geschlechtsreflektierenden Vorgehens, den Analysefokus nicht einseitig auf Geschlechtsunterschiede in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress zu richten. Vielmehr zielt die Bezeichnung auf eine Beurteilung der theoretischen und empirischen Befunde, indem Geschlecht interpretiert werden kann, ohne von Beginn an Unterschiede vorauszusetzen.

Einschränkend ist anzumerken, dass sich der aus der pädagogischen Praxis stammende Begriff ursprünglich auf die methodischen Konzepte der Sozialen Arbeit bezieht. So wird der Ansatz der geschlechtsreflektierten Kinderund Jugendarbeit etwa in Form von Sozialer Gruppenarbeit oder von Case Management eingesetzt und nicht in wissenschaftlichen Erhebungen berücksichtigt. Zum Einbezug dieses Begriffs in die vorliegende Forschungsfrage wurden im Rahmen des Kapitels schließlich methodische und theoretische Anknüpfungspunkte aufgezeigt. Hierbei wurde deutlich, dass das Gender-Bias-Konzept eine geeignete analytische Grundlage zur Beurteilung des Forschungsstands, aber auch der eigenen empirischen Erhebung und Auswertung bereitstellt. Zentral ist hierbei, die Befunde nicht ausschließlich vor dem Hintergrund angenommener Geschlechtsunterschiede zu interpretieren. Vielmehr soll kritisch danach gefragt werden, wie sich die Dimension Geschlecht innerhalb der Datenlage abbildet und an welcher Stelle ggf. weitere Rahmenbedingungen – die z. B. aus dem jeweiligen arbeitsund lebensweltlichen Kontext resultieren – für die Beurteilung der Stressund Bewältigungsmuster von Bedeutung sind. [1]

Zur grundlegenden theoretischen Einordnung hat sich die Auseinandersetzung mit den Implikationen aus der Geschlechterforschung als bedeutsam erwiesen. Geschlecht wird in den theoretischen Diskursen nicht als rein biologische Kategorie diskutiert, aus der spezifische Verhaltensmuster von Frauen und Männern resultieren. Vielmehr verdeutlicht eine Ausdifferenzierung von Sex und Gender, dass neben der biologischen Kategorie die soziale Konstruktion von Geschlecht berücksichtigt werden muss. Diese lässt sich – wie das mehrdimensionale Modell von Gümbel und Nielbock (2012) gezeigt hat – auf den Ebenen Individuum, Organisation und Gesellschaft abbilden. Dabei bieten die theoretischen Befunde eine geeignete Basis, um den analytischen Rahmen für die weitere Bearbeitung der Forschungsfrage zu bestimmen: Zunächst verweisen die Bezüge zu Geschlecht als sozialer Strukturkategorie auf die Bedeutung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Zentral sind hierbei ungleiche Zuweisungen von sozialen und beruflichen Positionen, die sich schließlich in Verteilungsungleichheiten von ökonomischen, zeitlichen oder machtpolitischen Ressourcen abzeichnen können. Diesbezüglich stellt sich für die Darstellung des empirischen Forschungsstands die Frage, inwiefern sich Lebensund Arbeitswirklichkeiten bei Frauen und Männern unterscheiden und welche Rolle sie für die Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen und die Stressentstehung und -bewältigung im Besonderen einnehmen. Das Prinzip Doing Gender hat schließlich den interaktiven Prozess der Herund Darstellung von Geschlecht näher beschrieben. Den Ausführungen Wests und Zimmermans (1987) zufolge konstruiert sich das soziale Geschlecht durch Wahrnehmungen und Verhaltensweisen, die sich etwa in Körperhaltung oder der Mimik und Gestik widerspiegeln. Hier haben die weiteren Ausführungen schließlich gezeigt, dass dieses Konzept für ein grundlegendes Verständnis von Geschlecht als sozial konstruierter Kategorie zentral ist, ein detaillierter Transfer auf die empirischen Ergebnisse der qualitativen Erhebung jedoch aus methodischen Gründen nicht sinnvoll erscheint. [2]

Zum Abschluss des vorangestellten Kapitels wurde die Relevanz und zukünftige Herausforderung diskutiert, die Geschlechtsperspektive in die Gesundheitswissenschaften zu integrieren. In Bezug auf die weitere Bearbeitung der Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress in CCn lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen: Auf Grundlage der obigen Argumente ist es empfehlenswert, das biologische und das soziale Geschlecht nicht als voneinander getrennt zu verstehen, sondern – wie Lorber und Moore (2002) beschreiben – als sich gegenseitig beeinflussende Faktoren:

“Medical and biological research has to be both sex-based and gender-based; research designs have to recognize that sex and gender are multiple, not binary, and intertwined in complex ways.“ (Lorber & Moore, 2002, S. 5)

Praktisch kann diese Analyseperspektive im Verlauf der Arbeit eingenommen werden, indem sowohl der empirische Stand der Forschung als auch die weiteren theoretischen Ausführungen im Rahmen der Stressund Bewältigungsforschung auf Basis interdisziplinärer Arbeiten zusammengestellt werden. Hierbei sind zum einen medizinische und sozialepidemiologische Befunde heranzuziehen als auch Modelle zur Erklärung gesundheitlicher Unterschiede, die aus der Soziologie und Psychologie stammen. Die Bezüge zwischen der Geschlechterforschung und den Gesundheitswissenschaften haben damit gezeigt, dass eine Beurteilung der Geschlechtsunterschiede in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress einen mehrdimensionalen Blick auf die empirischen Befunde erfordert. Hierzu ist es im nachfolgenden Kapitel zentral, die gesundheitliche Situation von Frauen und Männern vor dem Hintergrund der sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu beurteilen.

  • [1] Weiterführende Überlegungen zur Vermeidung der Formen des Gender-Bias in der eigenen empirischen Erhebung sind dem methodischen Vorgehen (Kapitel 6) bzw. der Darstellungsmethodik (Kapitel 7.3) zu entnehmen.
  • [2] Eine Reflektion der Erfahrungen in der Übertragung der theoretischen Implikationen auf die empirischen Befunde erfolgt in Kapitel 9.5.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >