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3 Zur gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Lage von Frauen und Männern – Einflussfaktoren und Erklärungsmodelle

„Women get sicker, but men die quicker“ (Lorber & Moore, 2002, S. 13) – eine Annahme, die in der Sozialepidemiologie aufgrund unterschiedlicher Morbiditätsund Mortalitätsprofile bei Frauen und Männern in industriellen Gesellschaften formuliert und mittlerweile vielfach bestätigt wurde. Zur Klärung der Forschungsfrage, welche Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress in CCn aus qualitativen Interviews mit Frauen und Männern hervorgehen, sollen in diesem Kapitel empirische Daten und Erklärungsansätze zur gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Lage zusammengetragen werden. Für eine systematische Analyse gesundheitlicher Einflussfaktoren im Sinne des PHAC ist zunächst zu prüfen, welche Lebensund Arbeitswirklichkeiten für Frauen und Männer von Bedeutung sind (Kapitel 3.1) und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die gesundheitliche Situation ergeben (Kapitel 3.2). Um die vorliegenden Befunde interpretieren zu können, werden schließlich Ursachen vorhandener Geschlechtsunterschiede in Gesundheit und Krankheit erörtert (Kapitel 3.3). Dem Erkenntnisinteresse entsprechend liegt der weitere Schwerpunkt auf einer Darstellung des Constrained-Choice-Konzepts nach Bird und Rieker (2008), das sich der Bedeutung der Lebensund Arbeitswirklichkeiten für die Geschlechtsunterschiede in Gesundheit und Krankheit widmet (Kapitel 3.4). Abschließend werden in einem Zwischenfazit die Ergebnisse vor dem Hintergrund der Forschungsfrage zusammengefasst und diskutiert (Kapitel 3.5). Hierbei ist zum einen die Frage von Bedeutung, welche Rolle Geschlecht in der empirischen Datenlage und den theoretischen Erklärungsmodellen einnimmt. Zum anderen ist danach zu fragen, welche Folgerungen sich daraus für das Forschungsinteresse, also die Analyse der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress bei beschäftigten Frauen und Männern in CCn, ergeben.

3.1 Arbeitsund Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern

Um nachfolgend eine geeignete empirische Grundlage der Rahmenbedingungen zu erarbeiten, innerhalb derer Frauen und Männer arbeiten und leben, ist zunächst der Begriff der Arbeitsund Lebenswirklichkeiten näher zu beschreiben. Dabei kann eine Annäherung über das Konzept der sozialen Wirklichkeit in der Soziologie erfolgen. Nach Gukenbiehl (2010, S. 12) ist damit der Teil der erfahrbaren Wirklichkeit gemeint, „der sich im Zusammenleben der Menschen ausdrückt oder durch dieses Zusammenleben und Zusammenhandeln hervorgebracht wird“. Dieses bilde sich in der Gestaltung eines gesellschaftlichen Zusammenlebens in Familien, Betrieben und Gemeinden ab (ebd.). Die vorliegenden statistischen Befunde ermöglichen eine Beurteilung des Zusammenlebens in verschiedenen Kontexten, in denen Frauen und Männer leben und arbeiten. So lassen sich durch den Mikrozensus [1], die Zeitbudgetstudie, die Arbeitsmarktstatistiken sowie weiteren Gutachten und Gleichstellungsberichte der Bundesregierung repräsentative Studien und Expertisen heranziehen, die eine Abbildung der Wirklichkeit in Bereichen der Lebensund Arbeitswelt erlauben. Vor dem Hintergrund der eingeleiteten Definition ist allerdings zweifelhaft, ob mit den vorliegenden Befunden eine Abbildung von dem, was die Wirklichkeit von Frauen und Männern charakterisiert, überhaupt möglich ist. Individuelle Umgangsweisen mit der beruflichen, familialen und individuellen Stressund Bewältigungssituation lassen sich den Statistiken nicht entnehmen. Mit Hilfe der Interpretation der Befunde können aber zentrale Fragen abgeleitet werden, die als Ausgangsbasis für die Beantwortung der Forschungsfrage zentral sind. Durch das zur Beantwortung dieser Frage gewählte qualitative Methodendesign ist es schließlich möglich, die subjektive Relevanz der statistischen Befunde für die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress bei Frauen und Männern herauszuarbeiten und die Datenbasis zu erweitern.

Die zusammengetragenen Ergebnisse der quantitativ abgebildeten Arbeitsund Lebenswirklichkeiten werden der besseren Übersicht wegen zunächst stichpunktartig aufgeführt und im weiteren Verlauf näher erläutert. [2]

Ÿ Die Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern sind u. a. durch eine horizontale Segregation geprägt. Zum einen werden weiterhin typische Frauenund Männerberufe ergriffen (branchenspezifische Segregation) (Bundesagentur für Arbeit, 2014a). Zum anderen sind Frauen im Vergleich zu Männern in Entscheidungsund Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert (hierarchiespezifische Segregation), sodass sich vertikale Segregationen auf dem Arbeitsmarkt abbilden (DIW, 2014).

Ÿ Diese äußern sich ebenfalls durch vorhandene Einkommensungleichheiten zu Ungunsten der Frauen (Statistisches Bundesamt, 2014).

Ÿ Frauen und Männer sind nach wie vor in unterschiedlichem Maße in Erwerbsund Familienarbeiten eingebunden. Während Männer überwiegend die gesellschaftlich höher bewertete Erwerbsarbeit ausüben, gehen Frauen signifikant häufiger Hausund Familienarbeiten nach. Deutlich wird dies u.

a. an der erbrachten häuslichen Pflege, die überwiegend eine Aufgabe von Frauen darstellt. Dies führt zum Teil zu einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben (Schneekloth & Wahl, 2005).

Ÿ Das Zeitbudget von Frauen und Männern ist durch ein unterschiedliches Arbeitsteilungsund Freizeitmuster geprägt. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass Frauen im Vergleich zu Männern in allen Altersgruppen deutlich mehr unentgeltliche Arbeit leisten, insbesondere im Bereich der Hausund Gartenarbeiten. Während Frauen ihre freie Zeit häufiger im Rahmen sozialer Kontakte verbringen, wenden Männer mehr Zeit für Mediennutzung, Hobbys, Spiele und Sport auf (BMFSFJ & Statistisches Bundesamt, 2003).

Ÿ Während Frauen besonders in Bereichen ehrenamtlich engagiert sind, die eine Nähe zum Sozialen bzw. zur Familie aufweisen, sind Männer hingegen in zivilgesellschaftlichen Führungspositionen stärker vertreten (ebd.).

Entsprechend lassen sich die Kernaussagen nachfolgend gliedern in Geschlechtsunterschiede in der horizontalen und vertikalen Segregation des Arbeitsmarktes, in der Verteilung der Hausund Familienarbeiten sowie in der Übernahme familiärer Pflegearbeit und dem Freizeitverhalten von Frauen und Männern.

  • [1] Der Mikrozensus ist eine repräsentative Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik in Deutschland (Statistisches Bundesamt, 2013a).
  • [2] Da sich die eigene empirische Erhebung auf deutsche CC-Unternehmen bezieht, werden im ersten Abschnitt überwiegend Befunde rezipiert, die die Lebensund Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern in Deutschland fokussieren. Hingegen wird in der Darstellung und Erklärung der für die Forschungsfrage relevanten Geschlechtsunterschiede der internationale Forschungsstand einbezogen.
 
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