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3.2 Geschlechtsunterschiede in Gesundheit und Krankheit

Zur systematischen Berücksichtigung von Geschlechtsunterschieden in Gesundheit und Krankheit erfolgte ein Zugriff auf Daten der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE). Die GBE dokumentiert die vom Robert Koch-Institut (RKI) erhobenen Befunde sowie weitere Angaben „über die gesundheitliche Lage und die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung in Deutschland“ (GBE, 2013). Auf dieser Basis wird u. a. die gesundheitliche Situation von Frauen und Männern im arbeitsweltlichen Kontext thematisiert. [1] Hierbei ermöglicht eine zielgruppenspezifische Auswertung, die Datensätze ebenfalls nach Geschlecht anzuordnen. Den Formen des Gender-Bias folgend führt eine undifferenzierte Darstellung von typisch männlichem und weiblichem Gesundheitsverhalten jedoch schnell zu einer stark vereinfachenden und falschen Zuschreibung. Wie in den vorangestellten Ausführungen deutlich wird, hat das Geschlecht zwar eine biologische Ausprägung, ist aber eben ganz wesentlich als eine soziale Kategorie zu verstehen, die die Wahrnehmung, die soziale Stellung und die Lebenswege eines Menschen beeinflusst. Kolip (2011) verweist allerdings darauf, dass sich die GBE in den vergangenen Jahren dahingehend verbessert hat, dass die Daten nicht lediglich nach Frauen und Männern getrennt gegenübergestellt werden. Vielmehr werden die Befunde vor dem Hintergrund theoretischer Konzepte der Geschlechterforschung interpretiert (ebd.). Nachfolgend werden daher allgemeine Daten zur Mortalität und Morbidität überblickhaft dargestellt, ehe Studienergebnisse rezipiert werden, die eine stärkere Eingrenzung auf die Forschungsfrage erlauben. Auf Grundlage dieser Befunde sowie der späteren Darstellung von Erklärungsansätzen der gesundheitlichen Unterschiede sollen Fragen für den qualitativen Analyseteil abgeleitet werden.

3.2.1 Kurzüberblick epidemiologischer Befunde zur Morbidität und Mortalität

Gegenwärtig liegt eine Vielzahl von nationalen und internationalen Übersichtsarbeiten aus den Gesundheitswissenschaften vor, die epidemiologische Befunde zur Krankheitshäufigkeit (Morbidität) und Sterblichkeit (Mortalität) von Frauen und Männern zusammenfassen (z. B. Lademann & Kolip, 2005; Singh-Manoux et al., 2008; Bird et al., 2010; Oliffe & Greaves, 2012). Auf Grundlage der aktuellen Datenlage sind folgende Kernaussagen zentral:

Ÿ Frauen haben im Vergleich zu Männern eine um ca. fünf Jahre höhere Lebenserwartung (Statistisches Bundesamt, 2013e; Bird & Rieker, 2008). [2]

Ÿ Die Geschlechtsunterschiede in den Mortalitätsverhältnissen in der deutschen Bevölkerung zeigen, dass insbesondere bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen, den Krankheiten des Verdauungssystems, den Verletzungen, Vergiftungen und äußeren Ursachen sowie den psychischen und Verhaltensstörungen mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen vor dem 70. Lebensjahr versterben (Statistisches Bundesamt, 2013f).

Ÿ Aus der Datenlage gehen spezifische Morbiditätsund Gesundheitsprofile für Frauen und Männer hervor. Männliche Befragte schätzen ihre subjektive Gesundheit positiver ein als Frauen (RKI, 2012a). Die Befragten in der Gruppe der Frauen geben häufiger an, psychisch beeinträchtigt zu sein als die männlichen Befragten (Hosseinpoor et al., 2012). Unterteilt man allerdings die geschlechtsspezifische Auswertung in unterschiedliche Altersgruppen, nimmt mit steigendem Alter die positive Einschätzung tendenziell ab.

Ÿ Internationale Befunde deuten auf einen engen Zusammenhang von Lebensform und Gesundheit. Der Todesursachenstatistik zufolge erhält die Ehe als Lebensform eine protektive Bedeutung für die Gesundheit (z. B. Kaplan &Kronick, 2006). Alleinerziehende fühlen sich häufiger psychisch belastet als verheiratete Mütter. Väter profitieren stärker von sozialer Unterstützung innerhalb der Familie (ebd.).

Ÿ Krankheiten des Atmungssystems sind der häufigste Grund für Krankschreibungen. Allerdings verursachen Erkrankungen des MuskelSkelettsystems erheblich mehr Arbeitsunfähigkeitstage, insbesondere bei männlichen Beschäftigten. Hingegen nehmen psychische Störungen eine größere Rolle bei Frauen ein (WidO, 2012).

Ÿ Die Befunde deuten auf eine unterschiedliche Inanspruchnahme verhaltenspräventiver Maßnahmen durch Frauen und Männer. Laut RKI nehmen Frauen doppelt so häufig an verhaltenspräventiven Maßnahmen teil wie die Befragten in der Gruppe der Männer (RKI, 2013). Gleichwohl zeigen weitere Recherchen, dass die Inanspruchnahme gesundheitlicher Vorsorge altersspezifisch variiert. Während Frauen im Alter von 35 bis unter 70 Jahren häufiger Leistungen in Anspruch nehmen, ist die Krebsvorsorge bei Männern ab dem 70. Lebensjahr höher (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, 2011).

Die ausführlichen epidemiologischen Befunde zur Morbidität und Mortalität ermöglichen eine umfassende Einschätzung der gesundheitlichen Lage von Frauen und Männern. Dabei fällt auf, dass neben objektiven Befunden über die Sterblichkeit oder das Inanspruchnahmeverhalten gesundheitlicher Leistungen ebenfalls Daten vorliegen, die Aussagen über die subjektive Einschätzung des Gesundheitszustands ermöglichen. Diese lassen sich sowohl vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebensformen (Familienstatus) als auch mit Blick auf den Kontext (Arbeitswelt) ausdifferenzieren. Vor dem Hintergrund der Forschungsfrage ist es damit nachfolgend möglich, den Fokus auf die gesundheitliche Bedeutung der dargestellten Arbeitsund Lebenswirklichkeiten einzugrenzen.

  • [1] Die theoretischen und empirischen Befunde des Themenbereichs arbeitsbedingter Stress, Gesundheit und Geschlecht werden wegen der besonderen Bedeutung für die Forschungsfrage separat thematisiert (Kapitel 4).
  • [2] Auf ähnliche Ergebnisse verweisen auch Bird und Rieker (2008) auf Grundlage von Befunden des National Center for Health Statistics (NCHS). So leben Frauen in den USA im Durchschnitt 5,2 Jahre länger als Männer.
 
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