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3.3.3 Methodische Verzerrungen

Aus den vorangestellten Ausführungen zum Rollenund Gesundheitsverhalten lassen sich ebenfalls methodische Ursachen von Geschlechtsunterschieden in Gesundheit und Krankheit ableiten. Diese ergeben sich zum Teil aus der unterschiedlichen Bereitschaft von Frauen und Männern, Belastungen zu thematisieren (Busfield, 2010). Verbrugge (1990) zollt diesem Aspekt daher eine besondere Aufmerksamkeit. Ihr zufolge ist die Bereitschaft, über Krankheit, Gesundheit und Befinden zu berichten (health-reporting-behavior), bei Männern geringer ausgeprägt.

Neben der Thematisierungsbereitschaft nennt Sieverding (2005) drei weitere Einschränkungen, die zu einer fehlenden oder nicht angemessenen Begutachtung von Geschlechtsunterschieden in Gesundheit und Krankheit führen können. Diese wurden zum Teil bereits in Kapitel 2 im Rahmen der Formen des GenderBias erläutert, sodass hier eine Reflektion der Verzerrgrößen möglich ist.

1. Der Einfluss von Beschwerden, die sich auf die Reproduktionsfähigkeit beziehen, wird unzureichend auf das Gesamtmaß der Beschwerdelast bezogen.

2. Typisch weibliche Beschwerden sind in den Beschwerdebögen überrepräsentativ vertreten. Demgegenüber finden typisch männliche Beschwerden zu wenig Beachtung.

3. Bezüglich der Reliabilität der Selbsteinschätzung liegen widersprüchliche Befunde vor: Die Geschlechtsunterschiede der Beschwerden für physische Belastungen vergrößern sich in Abhängigkeit von der Länge des erfragten Zeitraumes.

Für die Identifikation von Formen des Gender-Bias ist zum einen die Geschlechtsinsensibilität gegenüber Beschwerden von Bedeutung, die sich auf die Reproduktionsfähigkeit beziehen. Eine fehlende Berücksichtigung dieser Aspekte – und damit eine Vernachlässigung biologischer Geschlechtsunterschiede – führen ggf. zu einer Fehleinschätzung gesundheitlicher Beschwerden. Zum anderen zeigen die von Sieverding (2005) aufgeführten Aspekte, dass sich methodische Ursachen gesundheitlicher Unterschiede bei Frauen und Männern aus einem paradoxen Gynozentrismus ergeben. Wie bereits dargestellt zeichnet sich dieser dadurch aus, dass Männer direkt oder indirekt aus Studien ausgeschlossen werden, deren Gegenstände als typisch weiblich gelten. Eine Beachtung von für Männer relevanten Belastungen und Ressourcen kann demnach gar nicht erst erfolgen (ebd.).

Für die im Rahmen der Studie durchgeführte Erhebung und Auswertung gilt es daher, das methodische Design sowohl vor dem Hintergrund der Formen des Gender-Bias als auch in Bezug auf die hier dargelegten Befunde zu reflektieren. Diesbezüglich wurde sowohl bei der Konzeption des Leitfadens als auch bei der Durchführung und Auswertung der Interviews darauf geachtet, dass die in CCUnternehmen beschäftigten Frauen und Männer ggf. in unterschiedlicher Weise ihre Stressund Bewältigungserfahrungen thematisieren. [1] Diese methodische Herausforderung wird in der Literatur ebenfalls im Kontext der Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen angeführt, die für die Erklärung von Unterschieden in Gesundheit und Krankheit bei Frauen und Männer zentral sind.

  • [1] Weitere Ausführungen dazu lassen sich der methodischen Herangehensweise entnehmen (Kapitel 6).
 
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