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3.3.4 Erfahrungen im Gesundheitssystem

Kolip (2011) zufolge können sowohl Frauen als auch Männer von einer medizinischen Über-, Unterund Fehlversorgung betroffen sein. Als Grund dafür führt sie die bereits genannten Geschlechterstereotype an, die in der Interaktion zwischen ÄrztInnen und PatientInnen dazu führen, dass in der Diagnosestellung geschlechtsspezifische Gesundheitsprofile zugeschrieben werden. Demzufolge hat die Geschlechtsrolle nicht nur Einfluss auf das Gesundheitskonzept von Frauen und Männern, sondern auch auf die Bewertung durch Professionelle im Gesundheitswesen. Sieverding und Kendel (2012, S. 1118) formulieren daher die Annahme, dass „Vorstellungen über angemessene und erwünschte Verhaltensweisen und persönliche Charakteristik von Männern und Frauen“ die Interaktion zur Thematik Gesundheit prägen. So werden Symptome von Herz-KreislaufErkrankungen bei Frauen seltener erkannt, da diese als typische Männerkrankheiten gelten. Demgegenüber führen die Autorinnen weiter aus, dass das medizinische Personal eher dazu tendiert, Erkrankungen bei Frauen aus psychosomatischer Sicht zu bewerten, sodass eine korrekte somatische Diagnose ausbleibt. Hingegen könne das angeführte traditionelle Selbstund Gesundheitskonzept dazu führen, dass stressbedingte Erkrankungen und psychosomatische Beschwerden bei Männern übersehen werden (ebd.). Hierbei scheint ebenfalls der bereits angeführte Erklärungsansatz von Verbrugge (1990) bedeutend zu sein. Dieser geht jedoch nicht lediglich von einer unterschiedlichen Bereitschaft aus, über Belastungen zu reden, sondern auch von der Art und Weise der Selbstdiagnose. Während Frauen ihre gesundheitlichen Einschränkungen oftmals auf Grundlage von psychosozialen Annahmen erklären, führen Männer ihre Beschwerden tendenziell eher auf somatische Ursachen zurück (Kolip, 2012). Dass dieser Aspekt einen Effekt auf die Diagnosestellung im Rahmen ärztlicher Behandlungen aufweist, zeigt sich u. a. anhand der Medikalisierungserfahrungen bei Frauen. Als Beleg kann etwa der Arzneimittelreport der BARMER GEK (2012) angeführt werden, der sich explizit den Geschlechtsunterschieden in der Arzneimittelversorgung widmet. Die Befunde deuten darauf hin, dass die Einnahme von Medikamenten sowohl in der Selbstmedikation als auch im Rahmen der verschriebenen Medikation – z. B. von Psychopharmaka – in der Gruppe der Frauen deutlich höher ist als bei den Männern (ebd.).

Für die Forschungsfrage lassen sich aus den Erfahrungen von Frauen und Männern im Gesundheitswesen zwei zentrale Erkenntnisse ableiten: Zum einen ist es erforderlich, aus Perspektive des Forschenden eine reflektierte Haltung einzunehmen und eigene, geschlechtsstereotype Annahmen über die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress in CCn zurückzustellen. Zum anderen sind – ähnlich wie mit Blick auf die methodischen Verzerrungen ausgeführt – Darstellungsweisen der Befragten zu beachten, die aus einem spezifischen Rollenverständnis resultieren. So kann angenommen werden, dass Männer negativen Stress eher zurückweisen oder sich in den Interviews anders positionieren. Ohne eine Reflektion dieser Aspekte werden gesundheitliche Belastungen und Ressourcen am Arbeitsplatz ggf. fehlbewertet, sodass eine auf stereotypen Annahmen basierende Planung von Maßnahmen erfolgen würde.

 
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