Social Policy

„Every country, regardless of economic capacity or distribution of income, makes policy choices regarding the types of social and economic safety nets (in the form of welfare benefits and other social provisions) it adopts to prevent or correct inequities, minimize the income/health gradient, and protect and maintain the well-being of individuals and families including the elderly, the unemployed, and families with children.“ (Bird & Rieker, 2008, S. 83)

Auf Grundlage der in dem Zitat angeführten Relevanz staatlicher Sicherungsund Regulierungssysteme für die soziale und gesundheitliche Absicherung von Familien, älteren Menschen und Kindern beschreiben Bird und Rieker (2008, S.64) unter dem Aspekt „social policy“, inwiefern politische Rahmenbedingungen auf gesundheitsrelevante Entscheidungen von Frauen und Männern wirken. Einführend weisen die Autorinnen des Konzepts darauf hin, dass ihre Überlegungen nicht auf verhaltenspräventive Maßnahmen und Gesetzgebungen zielen, die etwa eine Regulierung des Alkoholkonsums im Straßenverkehr oder die Besteuerung von Tabakwaren intendieren. Vielmehr thematisieren sie die Rolle von „policy regimes“ (ebd., S. 78) – also politischen Staatsformen – für die ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Geschlechtsunterschiede. Zwar räumen sie ein, dass diese Rahmenbedingungen nicht zwangsläufig Entscheidungen von Frauen und Männern beeinflussen, die sich direkt auf die Gesundheit auswirken, „but we contend that they also indirectly affect health in part by altering or reinforcing gender-based social roles and men's and women's opportunities to engage in health-related behaviors“ (ebd., S. 84). Aus diesem Grund weisen die Soziologinnen darauf hin, dass die Politik eines Landes im Rahmen der Ausgestaltung sozial-, bildungs-, arbeitsmarktsowie gesundheitspolitischer Instrumente immer auch die unterschiedlichen Lebensund Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern betrifft (ebd.).

Zur näheren Erklärung der Konzeptebene greifen Bird und Rieker (2008) auf Überlegungen aus den Politikwissenschaften zurück. So steht die jeweilige politische Ausrichtung sozialer und gesundheitlicher Sicherungssysteme immer vor der Frage, in welchem Verhältnis das Prinzip der Eigenverantwortung gegenüber sozialstaatlicher Solidarität stehe. An dieser Stelle beziehen sich die Autorinnen auf die von Esping-Andersen (1996) dargestellten Sozialstaatstypen. Demzufolge nimmt die Eigenverantwortung in liberalen Sozialstaaten eine größere Rolle – etwa in Form von höheren privaten Ausgaben für Gesundheit und Soziales auf Seiten der LeistungsbezieherInnen – ein. Hingegen zeichnen sich sozialdemokratische Staaten darin aus, stärker gegen Einkommensausfälle abzusichern (Dekommodifizierung), indem beispielsweise Solidarprinzipen einen Ausgleich von Einkommensunterschieden ermöglichen. Obwohl die verschiedenen Sozialstaatstypen nicht streng voneinander abzugrenzen sind und sich ebenfalls Mischformen ergeben können (Boeckh et al., 2010), stellen sozialdemokratische Staaten in der Regel universelle Absicherungen in Bezug auf Gesundheit, Kinderbetreuung, Bildung, Altersund Arbeitsunfähigkeitsrenten zur Verfügung. Ziel der politischen Instrumente ist es, eine gesunde und ökonomisch abgesicherte Existenz zu ermöglichen (Bird & Rieker, 2008).

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen benennen Bird und Rieker (2008) eine Vielzahl von Instrumenten und Entscheidungen, die direkt oder indirekt positiv auf rollenspezifische Geschlechtsunterschiede wirken. Ihnen zufolge zielen sozialund gesundheitspolitische Instrumente darauf ab, die Folgen von ökonomischen Belastungen zu reduzieren, indem spezifische Angebote geschaffen werden, die sich an den bereits angesprochenen Lebensund Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern orientieren. Dazu werden beispielsweise Unterstützungen der Tagespflege von Kindern und Pflegebedürftigen angeboten, um insbesondere Frauen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen (ebd.). Darüber hinaus führen die Autorinnen Anreize für Männer an, um in Form einer Elternzeit an der Erziehung und Betreuung der Kinder zu partizipieren. Bird und Rieker (2008) beziehen sich hierbei beispielhaft auf international Modelle, die auf eine Regulierung der klassischen Rollenverteilung von Familie und Beruf abzielen. Ähnlich wie in Deutschland ermöglicht die Gesetzeslage in Finnland und Schweden Familien mit jungen Kindern einen zum Teil finanzierten, vorübergehenden Ausstieg aus dem Berufsleben. Allerdings kommen die Soziologinnen zu dem Schluss, dass die Art und Weise der sozialpolitischen Ausgestaltung immer auch von der staatlichen Ausrichtung (political philosophy) bestimmt wird, die eine Vereinbarkeit zentraler Lebensund Arbeitsbereiche für finanziell und ideell unterstützenswert hält – „[…] both paid labor and unpaid social roles for their contribution to the household and the society“ (ebd., S. 86). Die Überlegungen der Autorinnen deuten auf das in Kapitel 3.1 abgebildete Verhältnis von Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit. Hier plädieren sie im Rahmen der makropolitischen Konzeptebene dafür, die Familien-, Haushalts-, Erziehungsund Pflegearbeiten als zentralen Drehund Angelpunkt sozialund gesundheitspolitischer Maßnahmen zu begreifen.

Mit Blick auf den empirischen Stand der Forschung hat sich gezeigt, dass die politische Ebene einen gesetzlichen Rahmen schafft und auf dieser Grundlage Maßnahmen bereitstellt, die einen Einfluss auf die Arbeitsund Lebensrealitäten von Frauen und Männern ausüben. Die Social-Policy-Ebene nimmt daher in der Formulierung von Implikationen für eine geschlechtsreflektierte BGF eine zentrale Rolle ein. Da jedoch die politische Makroebene als eine Art Oberbau Einfluss auf die jeweiligen anderen Ebenen ausübt, ist in der empirischen Analyse eine Übertragung auf betriebspolitische und strukturelle Besonderheiten des CC-Settings denkbar. Demzufolge ist im empirischen Teil zu prüfen, ob sich die strukturellen und organisatorischen Arbeitsbedingungen im Kontext dieser Ebene widerspiegeln.

Insgesamt leiten Bird und Rieker (2008, S. 64) aus dem Faktor „social policy“ zwar keine spezifischen Fragen ab, die den Entscheidungsprozess von Familien betreffen. Gleichwohl zeigen die obigen Daten, dass sich Frauen und Männer aufgrund ihrer Lebensund Arbeitswirklichkeiten mit einer Vielzahl von Entscheidungen konfrontiert sehen. Diesen widmen sich die Autorinnen auf den Ebenen „community actions“ und „work and family“, die im Folgenden näher erläutert werden.

 
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