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3.4.3 Work and Family Level

In einem letzten Schritt widmen sich Bird und Rieker (2008) der Frage, welche Bedeutung das Arbeitsund Familienleben für die Gesundheit von Frauen und Männern hat. Dabei verweisen auch Lorber und Moore (2002) darauf, dass der Kontext von Arbeit und Familie in Bezug auf soziale Unterstützungsmöglichkeiten für die Gesundheit förderlich sein kann. Gleichwohl gehen aus beiden Bereichen zum Teil Belastungen hervor, die sich den Autorinnen zufolge negativ auf die Gesundheit auswirken (ebd.). Im Rahmen der weiteren Modellerklärung verweisen Bird und Rieker (2008) einleitend auf die Bedeutung von Geschlechtsrollen. So ergeben sich aus den damit verbundenen Erwartungen und Anforderungen eine Vielzahl gesundheitsrelevanter Entscheidungen und Verhaltensweisen, die sich u. a. in den Bereichen Erwerbsarbeit und Familie widerspiegeln (ebd.).

„The norms, expectations, and responsibilities attached to work and family roles can positively

or negatively shape and constrain men's and women's choices and in turn their health.“ (Bird

& Rieker, 2008, S. 149)

Das Constrained-Choice-Konzept bildet daher vor allem die Herausforderung vieler Familien ab, verschiedene Prioritäten und Verpflichtungen – wie etwa Erwerbsarbeit und Pflegebzw. Erziehungsarbeit – miteinander zu vereinbaren. Bird und Rieker (2008) stellen dabei fest, dass nahezu täglich eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen werden muss, die die unterschiedlichen und teilweise in Konflikt stehenden Prioritäten von Frauen und Männern betreffen. Diesen Entscheidungsprozess stellen die Autorinnen in den Kontext einer massiven Veränderung familialer Strukturen in den vergangenen Jahrzehnten. Gekennzeichnet sei dieser Wandel von einer Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeitsquote bei gleichzeitig stetiger Relevanz klassischer Rollenbilder und sozialer Erwartungshaltungen (ebd.). Die in Kapitel 3.1 dargelegten empirischen Befunde bestätigen diese Annahme. Hier zeigt sich, dass trotz steigender Erwerbsquote die Haus-, Familienund Pflegearbeit überwiegend von Frauen ausgeführt wird. Lorber und Moore (2002, S. 29) sprechen daher von einer „double shift“ in Familien, in denen beide Elternteile einer Erwerbsarbeit nachgehen. Ihnen zufolge kann die Vereinbarkeit von Familie und Haushaltsanforderungen einen hohen Grad an psychischem Stress verursachen.[1] Qualitative Befunde einer Studie von Pirol und Schauer (2009) zeigen darüber hinaus, dass eine Bewertung aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht sowohl die belastende als auch die gesundheitsfördernde Wirkung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf berücksichtigen muss. [2] Diesbezüglich berichten die teilnehmenden Frauen zum einen, durch die Fülle der Arbeit häufig überfordert zu sein und in Folge dessen wenig Zeit für sich selbst zur Verfügung zu haben.

„Zu Hause geht die Arbeit gleich weiter. Kinder abholen, Essen kochen, Hausarbeit erledigen,

auf die Wünsche und Bedürfnisse der anderen eingehen.“ (zit. n. ebd., S. 238)

Zum anderen geht aus den Aussagen der Befragten hervor, dass die in Teilzeitarbeit ausgeführten Tätigkeiten einen gewünschten Ausgleich zum Familienalltag bilden. So verweist eine Befragte auf die sich aus dem beruflichen Alltag ergebenden sozialen Kontakte:

„Ich könnte mir nicht vorstellen, ‚nur' zu Hause zu sein. Mir ist der Kontakt zu den Kolleginnen wichtig. Zu Hause würde mir die Decke auf den Kopf fallen.“ (zit. n. ebd., S. 233)

Weitere Aussagen deuten nach Pirol und Schauer (2009) ebenso auf positive Seiten der Anstrengung, Beruf und Privates zu vereinen. So wurde im Rahmen der Gesundheitszirkelarbeit „der Stolz auf das Geleistete, eine größere Zufriedenheit mit sich selbst und anderen sowie ein höheres Selbstwertgefühl“ deutlich (ebd., S. 241).

Die Befunde deuten bereits darauf hin, dass die beschriebene Doppelund Mehrfachbelastung bei Frauen einer tiefergehenden Analyse bedarf. Hierbei erscheint ein Blick auf die jeweilige Form des Arbeitsverhältnisses sowie auf das subjektive Stressund Bewältigungserleben von Frauen und Männern erforderlich, um eine geschlechtsreflektierte Bewertung gesundheitlicher Belastungen oder zur Verfügung stehender Ressourcen zu ermöglichen.

Zudem stellen Bird und Rieker (2008) fest, dass insbesondere bei alleinerziehenden Elternteilen Bedürfnisse in Bezug auf Zeit, finanzielle Absicherung und emotionale Unterstützung vorhanden sind. Um den daraus entstehenden familialen Entscheidungsprozess nachzuvollziehen, veranschaulichen die Autorinnen anhand eines Fallbeispiels folgende relevante Fragestellungen:

„Decision about raising and caring for children

Ÿ Which schools and day care arrangements?

Ÿ How to divide child care at home and household labor?

Ÿ Will both parents work outside the home and, if so, how and to what extent are career and job choices made to accommodate family life, etc.?”

(Bird & Rieker, 2008, S. 61)

Anhand der Ausführungen wird deutlich, dass sich Fragen der Vereinbarkeit sowohl auf Kindererziehung als auch auf allgemeine Hausarbeiten beziehen. Letzterer Aspekt hat sich bereits in den rezipierten Zeitbudgetstudien abgebildet. So nehmen allgemeine Hausund Gartenarbeiten bei Frauen deutlich mehr Zeit ein als bei den in der Studie einbezogenen Männern (vgl. Abb. 8 in Kapitel 3.1.6). Hier wird in der empirischen Analyse die Frage von Bedeutung sein, ob und inwiefern sich aus der Verteilung von familiären und beruflichen Aufgaben unterschiedliche Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress ergeben.

Mit der Organisation des Familienlebens verbunden diskutieren Bird und Rieker (2008, S. 67) zudem „the culture of our workplace“. Als Kultur des Arbeitsplatzes benennen sie die sozialen Beziehungen unter den ArbeitskollegInnen sowie die Struktur der Arbeitsumgebung. Um diesen Aspekt zu konkretisieren, greifen sie erneut beispielhaft Fragen auf, die den Entscheidungsprozess in Bezug auf die Wahl des Arbeitsplatzes prägen.

„Decisions about jobs

Ÿ Do one or both spouses work, how much, which jobs, and with what income and benefits?

Ÿ What are the tradeoff costs in terms of stress, unpredictability, demand/control, hours, occupational/industry hazards, security or lack thereof, degree of physical activity, availability of nutritious food during the workday, coworkers' health behaviors, etc.?”

(Bird & Rieker, 2008, S. 61)

Den Autorinnen zufolge beinhalten diese Faktoren sowohl gesundheitsfördernde als auch krankmachende Faktoren. Beispielhaft wird etwa ein destruktives Gesundheitsklima genannt, das sich durch stärkeres Rauchund Trinkverhalten in der Arbeitsumgebung äußert. Auffallend ist, dass Bird und Rieker (2008) einen überwiegend risikoorientierten Fokus auf arbeitsplatzspezifische Faktoren richten. Um in den späteren empirischen Befunden ebenfalls Bewältigungsressourcen zu berücksichtigen, ist dieser Aspekt möglicherweise mit Blick auf die genannten sozialen Beziehungen unter den ArbeitskollegInnen zu ergänzen. Hier wird sich für die empirischen Ergebnisse die Frage stellen, welche Rolle soziale Unterstützung am Arbeitsplatz für die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress einnimmt und inwiefern sich daraus Geschlechtsunterschiede ergeben.

Um abschließend die Bedeutung der in diesem Kapitel ausführlich dargelegten Empirie und Theorie zur gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Lage von Frauen und Männern für die Forschungsfrage zu klären, erfolgt in einem letzten Abschnitt ein Zwischenfazit.

  • [1] Studienergebnissen von Kim & Kim (2010) zufolge geben Frauen im Vergleich zu Männern ebenfalls häufiger physische Belastungen (Einschränkungen des Oberkörpers) an, die aus Anforderungen im Lebensund Arbeitsalltag resultieren.
  • [2] Den Befunden liegen die Ergebnisse einer Gesundheitszirkelarbeit mit Frauen aus fünf österreichischen Betrieben zugrunde. Ziel des Projektes war es, spezifische Belastungen berufstätiger Frauen im Rahmen BGF umfassend zu erheben, zu dokumentieren und durch die Betroffenen Lösungen zur nachhaltigen Reduzierung von Belastungen zu erarbeiten (Pirol & Schauer, 2009).
 
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