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3.5 Zwischenfazit II: Zur gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Lage von Frauen und Männern – Einflussfaktoren und Erklärungsmodelle

Die im Rahmen des Kapitels dargestellten empirischen Befunde und theoretischen Implikationen verdeutlichen die Relevanz einer geschlechtsreflektierten Beurteilung der gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Lage von Frauen und Männern. Mit Hilfe der hier abgebildeten Einflussfaktoren können allgemeine Schlussfolgerungen für die spätere Diskussion der qualitativen Ergebnisse zur Frage der Geschlechtsunterschiede in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress in CCn gezogen werden. Dazu sollen nachfolgend die zentralen Ergebnisse dieses Kapitels zusammengefasst und vor dem Hintergrund der Forschungsfrage beurteilt werden.

Auf Grundlage der Statistiken wurde in diesem Kapitel erstens deutlich, dass die Arbeitsund Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern im entscheidenden Maße von den Voraussetzungen auf der Makro-Ebene der politischen Verhältnisse sowie der Meso-Ebene der betrieblichen Organisation beeinflusst und bestimmt werden. Hier deuten die Befunde auf Geschlechtsunterschiede zum einen in der vertikalen Segregation der Arbeitstätigkeiten, zum anderen in der horizontalen Segregation durch Lohnungleichheiten. Letztere ergeben sich u. a. durch ökonomische (Ausschluss-)Mechanismen des Arbeitsmarktes, da Frauen aufgrund der häufigeren Übernahme von Haus-, Familienund Pflegearbeiten in ihrer Flexibilität eingeschränkt sind. In diesem Zusammenhang wird zweitens der Einfluss auf der Mikro-Ebene der Familie und Partnerschaft deutlich. Hier zeigt sich, dass nach wie vor klassische Familienmodelle und Arbeitsteilungen den familialen Alltag prägen. Während Frauen auch nach der Geburt eines Kindes überwiegend die Hausund Familienarbeiten ausführen, übernehmen Männer häufiger die Aufgabe des Erwerbstätigen in Vollzeit. Dies bildet sich nicht zuletzt auch in den Ergebnissen der rezipierten Zeitbudgetstudien ab: Frauen verbringen im Verhältnis zu Männern deutlich mehr Zeit mit unentgeltlicher Hausarbeit. Demzufolge ist in der späteren Beurteilung von Entstehungsund Bewältigungsmustern bei arbeitsbedingtem Stress in CCn darauf zu achten, inwiefern sich diese klassische Rollenverteilung im Stressund Bewältigungsgeschehen abbildet und welche Bedeutung sie für Frauen und Männer einnimmt.

Erkenntnisreich sind die Befunde ebenfalls vor dem Hintergrund der zur Verfügung stehenden Bewältigungsressourcen. Hier deutet der empirische Stand der Forschung darauf hin, dass sowohl im arbeitsals auch im lebensweltlichen Kontext Ressourcen vorliegen, die für eine Beurteilung der Entstehung von arbeitsbedingtem Stress relevant sind. Diesbezüglich fällt auf, dass der Aspekt der sozialen Unterstützung am Arbeitsplatz für Frauen im Vergleich zu Männern eine größere Bedeutung einzunehmen scheint. So geht aus den Befunden hervor, dass sich Männer weniger belastet fühlen, wenn sie keine Unterstützung am Arbeitsplatz erhalten. Die These erscheint vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Zeitbudgetstudie schlüssig. Hier deutet die zeitliche Ausgestaltung der Freizeit darauf hin, dass Frauen häufiger ihre sozialen Kontakte pflegen, während Männer mehr Zeit für Mediennutzung aufbringen. Für die Beschreibung und Interpretation der empirischen Ergebnisse stellt sich jedoch weniger die Frage nach dem Grad oder dem Anteil des Freizeitausgleichs. Vielmehr sind die qualitativen Befunde mit Blick auf unterschiedliche berufliche und außerberufliche Ausgleichspräferenzen zwischen Frauen und Männern zu analysieren. Auf Basis der Statistik stellt sich hierbei die Frage, welche Geschlechtsunterschiede sich in Bezug auf soziale Unterstützung im Rahmen der positiven Stressbewältigung ergeben.

Die im zweiten Abschnitt des Kapitels dargestellte gesundheitliche Lage von Frauen und Männern konnte schließlich zu einem Teil die gesundheitlichen Folgen der Lebensund Arbeitsbedingungen abbilden. Das Morbiditätsund AU-Geschehen begründet sich möglicherweise durch die dargestellten vertikalen Unterschiede in den Arbeitstätigkeiten. Demzufolge leiden Männer aufgrund von körperlich belastenden Tätigkeiten im Vergleich zu Frauen häufiger an MuskelSkelett-Krankheiten. Vor dem Hintergrund der Forschungsfrage nach den Entstehungsund Bewältigungsmustern von arbeitsbedingtem Stress sind insbesondere die Befunde zu psychischen Erkrankungen sowie zu der subjektiven Bewertung des Gesundheitszustands relevant. Hier deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Männer ihren Gesundheitszustand positiver bewerten als Frauen. Ebenfalls wird eine psychische Beeinträchtigung in der Gruppe der befragten Frauen häufiger als bei den Männern benannt. So ist in dem methodischen Teil der Studie danach zu fragen, wie die männlichen Interviewten von der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress berichten und welche Unterschiede in der Darstellungsweise zwischen Frauen und Männern bestehen. Allerdings deuten die Erklärungsansätze der gesundheitlichen Unterschiede darauf hin, dass es als unsicher gilt, ob und inwiefern Männer ihre ggf. negativen Stresserfahrungen schildern. Die quantitativen Befunde rekurrieren hier bereits auf Geschlechtsunterschiede in der Thematisierungsbereitschaft. Für das methodische Vorgehen erschien es daher erforderlich, Stress – aufgrund der oftmals negativen Konnotation – vorerst nicht offen in der Interviewsituation zu thematisieren und zunächst die positiven Umgangsweisen mit CC-spezifischen Anforderungen zu erfragen. [1] Zur allgemeinen Erklärung der Geschlechtsunterschiede in Gesundheit und Krankheit hat sich ein Geflecht aus biologischen Faktoren, sowie sozialisationsund kulturspezifischen Einflüssen ergeben. Diese Faktoren wirken sich sowohl in methodischen Designs der Gesundheitsforschung als auch in der Art und Weise der gesundheitlichen Versorgung aus. Zur weiteren Bearbeitung der Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress hat schließlich das Constrained-ChoiceKonzept nach Bird und Rieker (2008) gezeigt, welche Relevanz die abgebildeten gesundheitlichen Unterschiede einnehmen und mit welchem theoretischen Handwerkszeug die Forschungsfrage weiter bearbeitet werden kann: Frauen und Männer sind in ihrer alltäglichen Umwelt mit Entscheidungen konfrontiert, die direkt oder indirekt den Gesundheitszustand beeinflussen. Die konzeptionellen Überlegungen beziehen sich erstens auf die Frage, was Frauen und Männer dazu bewegt bzw. daran hindert, Gesundheit als prioritäre Alltagsaufgabe zu verstehen. Diesbezüglich ist im Rahmen der qualitativen Analyse die Frage relevant, welche Bedeutung die in CCn tätigen Frauen und Männer dem Phänomen Stress zuerkennen und welche subjektiven Strategien sie zur Bewältigung entwickeln. Zweitens greifen die Autorinnen personelle und strukturelle Faktoren auf, die den subjektiven Entscheidungsprozess beeinflussen. Vor dem Hintergrund der in diesem Kapitel dokumentierten Lebensund Arbeitswirklichkeiten ist diese Frage entscheidend, um sowohl stressbegünstigende als auch stressvermeidende Faktoren in der Analyse zu identifizieren, die sich ebenso aus außerberuflichen Rahmenbedingungen ergeben. Das Constrained-Choice-Konzept kann dabei eine wichtige analytische Orientierung bieten, indem Arbeit und Familie, soziales Umfeld und (betriebs-)politische Rahmenbedingungen systematisch aufeinander bezogen werden.

Als überzeugend haben sich zudem die Ausführungen von Bird und Rieker (2008) bezüglich einer steigenden Erwerbsarbeitsquote von Frauen bei gleichzeitiger Beibehaltung klassischer Rollenbilder erwiesen. Hier greifen die Soziologinnen Befunde auf, die durch den empirischen Stand der Forschung gestützt werden und für die weitere Bearbeitung der Forschungsfrage relevant erscheinen: Welche Bedeutung hat die klassische Rollenverteilung innerhalb der Familie für die Umgangsweise mit den CC-spezifischen Anforderungen? Wie gelingt die Vereinbarkeit von Familie und CC-Tätigkeit vor dem Hintergrund der arbeitsplatzspezifischen Besonderheiten? Die konzeptionellen Überlegungen der Autorinnen sind demzufolge gut geeignet, um die Bedeutung von lebensund arbeitsweltlichen Faktoren für die Entstehung und Bewältigung von Stress zu thematisieren.

Darüber hinaus sind soziale Netzwerke wie Familie, Freundeskreise und Nachbarschaft für die Beurteilung der von den CC-Beschäftigten zur Verfügung stehenden Ressourcen relevant. Bird und Rieker (2008) benennen diese Aspekte als zweite Ebene von Entscheidungsprozessen, die auf den Gesundheitszustand wirken. Die von den Autorinnen aufgeworfenen Fragen verweisen dabei nicht bloß auf defizitorientierte und belastende Aspekte der Arbeitsund Lebensumgebung. Vielmehr gelingt es ihnen, auch mögliche Aspekte einzubeziehen, die zum positiven Umgang mit alltäglichen Stressoren dienen. Wie in den konzeptionellen Überlegungen dargestellt, verweisen sie u. a. auf Kontaktund Aktivitätsmöglichkeiten in der Nachbarschaft und Anbindungen an Schule und Arbeit. Für den empirischen Teil ist hier die Frage zentral, ob und inwiefern sich die Ressourcen, die sich auf das private Umfeld beziehen, in der jeweiligen Darstellung von in CCn tätigen Frauen und Männern unterscheiden.

Die Ebene der politischen Rahmenbedingungen lässt sich in der späteren Entwicklung von Implikationen für eine geschlechtsreflektierende Gestaltung der BGF in CCn berücksichtigen. Sozialaber auch betriebspolitische Rahmenbedingungen und Entscheidungen beeinflussen – so die auf Basis des Konzepts formulierte Annahme – die Möglichkeiten der Mitbestimmung und Partizipation an betrieblichen Abläufen und können sich förderlich oder hinderlich auf die Bewältigung der Anforderungen und Belastungen auswirken. Durch die Diskussion der qualitativen Daten sowie der späteren Vorschläge zur betrieblichen Prävention und Gesundheitsförderung kann eine weitere Ausdifferenzierung des Constrained-Choice-Konzepts erfolgen.

Neben den Anknüpfungspunkten, die das Konzept für die Forschungsfrage bietet, lassen sich ebenfalls methodische und inhaltliche Grenzen des Modells benennen. Die Ausführungen in Kapitel 3.4 zeigen, dass Bird und Rieker (2008) in der Abbildung des Entscheidungsprozesses beispielhaft auf ein klassisches Familienmodell zurückgreifen. Damit schließt das Modell andere Lebensformen oder -situationen aus, die ggf. einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensund Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern haben können. Als Beispiel sei hier die Situation alleinerziehender Mütter genannt, die oftmals vor einer besonderen Herausforderung stehen, Erziehungsund Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Vor dem Hintergrund dieses Aspekts erscheint es sinnvoll, die Ergebnisse aus dem empirischen Teil zu nutzen, um die Ansätze des Constrained-Choice-Konzepts weiterzuentwickeln.

Insgesamt fällt auf, dass sich der empirische Forschungsund Diskussionsstand zum Zusammenhang von Arbeit, Gesundheit und Geschlecht als überwiegend deskriptiv und nur selten analytisch darstellt. Mögliche Gründe dafür lassen sich ggf. in der bisher einseitigen methodischen Orientierung vermuten. Der Großteil der empirischen Daten beruht auf quantitativen Forschungsdesigns, die nur in geringem Maße Geschlechtsunterschiede in den gesundheitsrelevanten Handlungsmustern zu erfassen vermögen. Gleichwohl stellt ein Teil der Studien die Befunde nicht bloß nach Frauen und Männern getrennt dar, sondern diskutiert diese auch vor dem Hintergrund von geschlechtstheoretischen Annahmen – etwa in Bezug auf eine Persistenz von Geschlechtsrollen im Freizeitverhalten. Mit Hilfe der in Kapitel 2.1.2 dargestellten Formen des Gender-Bias ist es jedoch möglich, die Datenlage zu beurteilen, ohne auf stereotypisierende Zuschreibungen von Gesundheitsund Krankheitsverhalten zu verfallen. In der vorliegenden Forschungsfrage ist durch den Geschlechtervergleich auf der einen Seite zwar eine rein männerzentrierte Sichtweise (Androzentrismus) ausgeschlossen. Auf der anderen Seite dürfen identische Verhaltensweisen von Frauen und Männern nicht unterschiedlich beurteilt werden (doppelter Bewertungsmaßstab). Beispielhaft sei darauf verwiesen, dass statistisch gesehen zwar eine vertikale Segregation in den Arbeitstätigkeiten und damit zusammenhängenden Arbeitsinhalten und Anforderungen verzeichnet werden kann. Trotzdem zeigen die Ergebnisse, dass Berufe mit hohem Frauenanteil ebenso mit körperlichen Belastungen verbunden sind (z. B. im Reinigungsgewerbe) und auch Männer ihre Tätigkeiten als emotional belastend erleben können (z. B. im Rettungsdienst). Die spätere qualitative Analyse in CCn ermöglicht diesbezüglich, auch innerhalb der Gruppe der Frauen und Männer Stressund Bewältigungsmuster zu beurteilen und diese – entgegen einer dichotomen Darstellung von Belastungen und Ressourcen – weiter auszudifferenzieren. Im empirischen Teil der Studie soll daher durch ein qualitatives, Ursachen suchendes Design die bestehende Datenbasis erweitert werden, indem das subjektive Stressund Bewältigungsverhalten der Beschäftigten in den Vordergrund der betrieblichen Problemanalyse sowie der Strategieplanung gestellt wird.

Nach einer ausführlichen Darstellung der beruflichen und außerberuflichen Rahmenbedingungen von Frauen und Männern wird im nachfolgenden Kapitel das Phänomen arbeitsbedingter Stress unter Berücksichtigung der Dimension Geschlecht thematisiert. Die mit dem Zwischenfazit erfolgte Ergebnisdiskussion deutet bereits darauf hin, dass in der Beurteilung von arbeitsbedingtem Stress ein erweiterter Arbeitsbegriff zentral erscheint. Für die weiteren Ausführungen bedeutet dies dreierlei: Zum einen ist im nachfolgenden Kapitel mit dem Begriff arbeitsbedingter Stress die Relevanz des deutlich gewordenen „total workload“ (Lindfors et al., 2006, S. 131) stets mitzudenken. Sofern sich ausschließlich auf den arbeitsweltlichen Kontext bezogen wird, wird der Begriff erwerbsarbeitsbedingter Stress genutzt. Zum anderen ist zu prüfen, welche Rolle dieser erweiterte Arbeitsbegriff in der theoretischen Erklärung der Stressund Bewältigungsmodelle einnimmt. Schließlich ist danach zu fragen, ob und inwiefern die empirischen Studien zum Gegenstand arbeitsbedingter Stress und Geschlecht diese Analyseperspektive einbeziehen.

  • [1] Die daraus resultierenden methodischen Entscheidungen werden ausführlich in Kapitel 6 erläutert.
 
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