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4 Arbeitsbedingter Stress und Geschlecht: theoretischer und empirischer Forschungsstand

„In der Arbeitsgesellschaft nimmt Erwerbstätigkeit einen zentralen Stellenwert nicht nur für die materielle Reproduktion, sondern auch für die Identität und gesellschaftliche Anerkennung der Individuen ein. Die Arbeitswelt stellt einen relevanten Ort für die Bildung und Förderung gesundheitlicher Ressourcen, jedoch auch für die Entstehung gesundheitlicher Beeinträchtigungen und Belastungen dar.“ (Elkeles, 2012, S. 680)

Einleitend verweist das Zitat auf die gesellschaftliche Bedeutung von Erwerbsarbeit und der sich daraus ergebenden gesundheitlichen Relevanz. Elkeles (2012) versteht Erwerbsarbeit nicht nur als Mittel zur finanziellen Absicherung, sondern gleichsam als Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe, sozialer Identität und subjektiver Anerkennung. Folgerichtig bezieht er sich auf die damit verbundene Bedeutung von Erwerbsarbeit, die sowohl Chancen gesundheitsstärkender Ressourcen eröffnet als auch Risiken krankmachender Belastungen birgt. Daran anlehnend konstatieren Siegrist und Dragano (2008), dass die Strukturen der Erwerbsarbeit in modernen Gesellschaften seit mehreren Jahrzehnten erheblichen Wandlungsprozessen unterliegen, die mit einer „[…] Verschiebung des Belastungsspektrums von physischer zu psychomentaler Beanspruchung einhergegangen sind“ (ebd., S. 305). Weitere Beiträge aus den Arbeitsund Gesundheitswissenschaften verweisen daher auf die zunehmende Bedeutung von psychischem Stress, der aus tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitsorganisation resultiert (Brinkmann et al., 2006; Badura et al., 2010a; Greubel & Kecklund, 2011). Letzteres wird durch die Untersuchungen der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz untermauert. Demzufolge lassen sich 50 bis 60% der Fehlzeiten auf Stress am Arbeitsplatz zurückführen (OSHA, 2013).

Ein Blick auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Stress-Phänomenen zeigt, dass seit den 50er Jahren die Frage, wie genau arbeitsbedingter Stress entsteht und unter welchen Bedingungen gesundheitliche Auswirkungen zu erwarten sind, unterschiedlich beantwortet wurde. Während Stress bereits in den 1950er Jahren als eine immer gleichförmig verlaufende Reaktion auf äußere Einflüsse der Umwelt erklärt wurde (Selye, 1956), beziehen sich aktuell rezipierte Stress und Bewältigungstheorien auf ein komplexes Wechselspiel zwischen objektiven und subjektiven Einflüssen und Ressourcen (z. B. Lazarus, 1966; Karasek & Theorell, 1990; Siegrist, 1996). Die BAuA (2004a) führt diese Entwicklung auf eine steigende Interdisziplinarität zurück. So haben sich seit den 1940er Jahren diverse Wissenschaftszweige, wie etwa die Medizin und Biologie, aber auch die Psychologie oder die Sozialwissenschaften dieser Thematik gewidmet. Neben der historischen und disziplinübergreifenden Entwicklung stressund bewältigungstheoretischer Erklärungsansätze ist die Forschung durch eine zum Teil ungenaue Verwendung des Begriffs Stress gekennzeichnet. Bevor näher auf die Bedeutung von Geschlecht in den theoretischen Stressund Bewältigungsmodellen eingegangen wird, soll daher nachfolgend eine kurze begriffliche Abbzw. Eingrenzung erfolgen.

 
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