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4.2 (Erwerbs-)Arbeitsbezogene Stressund Bewältigungstheorien im Überblick

Die in der Literatur häufig rezipierten Theorien, die das Phänomen Stress sowohl allgemein als auch auf den Bereich Erwerbsarbeit bezogen diskutieren, lassen sich insbesondere anhand der folgenden vier theoretischen Modelle zusammenfassen: [1]

1. Allgemeines Anpassungssyndrom nach Selye

2. Transaktionales Stressmodell nach Lazarus

3. Anforderungs-Kontroll-Modell nach Karasek und Theorell

4. Modell beruflicher Gratifikationskrisen nach Siegrist

Maßgeblich geprägt wurde die Erklärung von Stress durch den Mediziner Hans Selye. Seine Theorie widmete sich diesem Phänomen aus physiologischmedizinischer Sicht (Selye, 1956). Er nahm an, dass eine sogenannte Alarmphase (Phase 1) eintritt, wenn ein physischer Reiz einwirkt und die Gefahr besteht, dass dieser den Organismus beschädigt. Die Abwehr der Stressoren beschrieb Selye jedoch nicht durch eine im Bewusstsein entwickelte Strategie, sondern innerhalb einer so genannten Widerstandsphase (Phase 2), die es dem Körper ermöglicht, durch eine Kräftemobilisierung auf den physischen Reiz zu reagieren. Er vertrat dabei die Auffassung, dass innerhalb der Abwehrreaktion kein kognitives Element an dem Prozess beteiligt ist. Ist es dem Organismus nicht möglich, diese Gefahr erfolgreich abzuwehren, tritt schließlich eine Erschöpfungsphase ein. Ein dauerhafter Eintritt dieser dritten Phase kann nach seinen Aussagen zu einer erheblichen „Abnutzung des Körpers“ (Rice, 2005, S. 28) führen.

Zur Erforschung der psychomentalen Belastungen haben sich in den 1960er Jahren WissenschafterInnen dem Phänomen Stress aus psychischer Sicht gewidmet. Bis heute wird in diesem Zusammenhang das transaktionale Stressmodell rezipiert, das Stress in Abhängigkeit von einem Zusammenwirken verschiedener Komponenten erklärt (Lazarus, 1966; Lazarus & Folkman, 1984). So geht Richard Lazarus (1966) in einer primären Bewertung (Phase 1) von einer beurteilenden Haltung des Subjekts gegenüber einer stressbehafteten Situation aus, die durch subjektive Wahrnehmungen eine erste Einschätzung ermöglicht. Besteht nun die Gefahr einer Belastung durch Stressoren, bedarf es einer sekundären Bewertung (Phase 2) zur weiteren Beurteilung verfügbarer Bewältigungsressourcen (Lazarus & Launier, 1981). Nach Lazarus (1966) können demzufolge strukturbezogene Handlungsspielräume oder soziale Unterstützung im Umfeld als Puffer dienen. Ob und in welchem Maße eine Situation von einer Person überhaupt als belastend empfunden wird, hängt demnach davon ab, wie sie ihr eigenes Wohlbefinden von der Situation beeinträchtigt sieht und ferner, welche möglichen Ressourcen ihr zur „Neubewertung“ (Phase 3) (ebd., S. 241) der Situation zur Verfügung stehen (Lazarus & Launier, 1981).

Neben den hier dargestellten allgemeinen Erklärungsansätzen wurden in den vergangenen Jahrzehnten weitere Modelle in der medizinischen Soziologie entwickelt, die die spezifischen Bedingungen der Erwerbsarbeit berücksichtigen. So orientiert sich das in den 70er Jahren von dem amerikanischen Soziologen Robert Karasek entwickelte Anforderungs-Kontroll-Modell (Job-Strain-Modell) an der Qualität von Tätigkeitsprofilen. Dabei werden die Dimensionen der Arbeitsorganisation – also das Wie der Arbeit – und die der Arbeitsinhalte – also das Was der auszuführenden Tätigkeiten – fokussiert (Karasek & Theorell, 1990). Zentrale Aspekte der Erwerbsarbeit sind demnach zum einen die psychischen Anforderungen (Anforderungsqualität), zum anderen die Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Gestaltung der auszuführenden Tätigkeiten (Arbeitsteilung). Die Kernthese von Karasek und Theorell (1990) orientiert sich an der Annahme, dass psychosoziale Belastungserfahrungen aus der Kombination von hohen Arbeitsanforderungen und geringer Kontrolle über den Arbeitsprozess resultieren. Ebenso berücksichtigt das Modell gesundheitsfördernde Aspekte der Erwerbsarbeit, indem Lernund Entwicklungsmöglichkeiten sowie Kontrollund Einflusschancen am Arbeitsplatz einbezogen werden (Siegrist & MöllerLeimkühler, 2012). Im Rahmen der stresstheoretischen Überlegungen bedeutet dies, dass neben krankmachendem Distress ebenso Formen von positivem Stress (Eustress) berücksichtigt werden.

Siegrist und Dragano (2008) führen kritisch an, dass sich die bisherigen Stressund Bewältigungsmodelle im arbeitsweltlichen Kontext zu sehr an der typischen Vollzeiterwerbsbiographie orientieren und damit betriebsstrukturelle Veränderungen vernachlässigen. Nach Siegrist (2005) versucht das Modell beruflicher Gratifikationskrisen (Effort-Reward-Imbalance) dem gerecht zu werden, indem eine Abweichung vom sogenannten Prinzip der Reziprozität („Prinzip verletzter Tauschgerechtigkeit“ Siegrist, 2008, S. 223) zu Distress führt. Er geht davon aus, dass eine Verausgabung entsteht, sobald ein Ungleichgewicht „[…] (hoher) erbrachter Arbeitsleistungen und (vergleichsweise niedriger) erhaltener Belohnung“ (Siegrist, 1996, S. 92) vorliegt. Verausgabung meint in diesem Kontext vor allem quantitative psychosoziale Anforderungen, die sich aus der Arbeitsorganisation und den Inhalten ergeben, wie etwa Zeitdruck, zunehmende Arbeitslast oder Überstunden (Dragano, 2007). Für erbrachte Leistungen werden Gratifikationen gewährt, die auf monetärer, sozio-emotionaler sowie auf statusbezogener Ebene erfolgen (Siegrist & Möller-Leimkühler, 2012). Treten in diesen drei Transmittersystemen Defizite auf – z. B. in Form von ungerechter Bezahlung, ausbleibender sozialer Anerkennung und blockiertem beruflichen Aufstieg bei zugleich hoher Verausgabung –, so stellen sie Formen „[…] chronifizierter beruflicher Gratifikationskrisen mit hohem Distress-Gehalt dar“ (Siegrist, 1996, S. 98).

Die hier herangezogenen Stressund Bewältigungstheorien bekräftigen die Bedeutung positiv wirkender Faktoren. So weisen Borgetto und Kälble (2007) darauf hin, dass der sozialen Dimension eine hohe Bedeutung zukommt. Die Berücksichtigung „sozialer Kontakte am Arbeitsplatz“ (ebd., S. 68) ermögliche eine Bewertung der Tätigkeitsprofile vor dem Hintergrund sozialer Unterstützung. Beschäftigte, die in ihrer Tätigkeit soziale Isolation bzw. wenig soziale Unterstützung durch ArbeitskollegInnen oder Vorgesetzte erfahren und gleichermaßen hohen Anforderungen mit niedrigen Entscheidungsspielräumen ausgesetzt sind, sind Borgetto (2010) zufolge am höchsten belastet. Gleichwohl belegen die hier abgebildeten Theorien, dass die jeweilige Verarbeitung der Stressoren im Mittelpunkt der Beurteilung steht. In der Darstellung und Diskussion der qualitativen Befunde wird sich daher die Frage stellen, welche Rolle Bewältigungsstrategien in der CC-Tätigkeit einnehmen und inwiefern sich die Darstellungsweisen von Frauen und Männern unterscheiden. Allerdings zeigt bereits der Überblick der in der Literatur häufig verwendeten Erklärungsmodelle, dass die Ansätze für eine Beurteilung der Dimension Geschlecht nicht geeignet sind. Weder berücksichtigen die Theorien explizit die Gruppen der Frauen und Männer noch werden die Voraussetzungen unterschiedlicher Lebensund Arbeitswirklichkeiten thematisiert. Die dargestellten Stressund Bewältigungstheorien beziehen sich lediglich auf den eingeschränkten Kontext Arbeitswelt. So werden die Interdependenzen von Arbeit, Freizeit und Familie – die gerade aus der Geschlechtsperspektive relevant erscheinen – ausgeklammert. Zur Erweiterung der hier rezipierten Modelle finden sich in der Literatur Theoriebezüge, die bisher erst in geringem Maße in der betrieblichen Gesundheitsanalyse rezipiert werden. So bezieht etwa die Theorie der Ressourcenerhaltung nach Stevan Hobfoll (1998) ebenso die außerberufliche Umwelt als integralen Teil des Stressund Bewältigungsgeschehens mit ein. Sie ermöglicht daher, die Arbeitssituation von Frauen und Männern in CCn vor dem Hintergrund der subjektiven Rahmenbedingungen zu beurteilen. Nachfolgend werden daher die theoretischen Überlegungen ausführlich erläutert, um diese auf die Forschungsfrage beziehen zu können.

  • [1] Im Fokus der Modelle steht keine Erklärung der biologischen Stressreaktion, sondern eine Darstellung der Entstehungsbedingungen von arbeitsbedingtem Stress. Die Modelle werden hier zudem nur grob skizziert, da ihre Kernaussagen zum Grundbestand gesundheitswissenschaftlicher Forschung zählen. Allerdings erfolgt im Zwischenfazit eine kritische Würdigung der Modelle vor dem Hintergrund der Forschungsfrage.
 
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