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4.3 Die Theorie der Ressourcenerhaltung nach Hobfoll

Die Theorie der Ressourcenerhaltung (Conservation of Resources Theory) geht von der Grundannahme aus, dass „Menschen dazu neigen, die eigenen Ressourcen […] und Fähigkeiten zu schützen und danach streben, neue aufzubauen“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 13). Zur Erklärung von Stress wird der Ausbau, aber auch der Verlust von Ressourcen in den Mittelpunkt der Beurteilung gestellt. Stress wird demzufolge definiert als „[…] eine Reaktion auf die Umwelt, in der (1) der Verlust von Ressourcen droht, (2) der tatsächliche Verlust von Ressourcen eintritt oder (3) der adäquate Zugewinn von Ressourcen nach einer Ressourceninvestition versagt bleibt“ (ebd.). Im Gegensatz zu den vorangestellten Theorien erfolgt damit ein direkter Bezug auf den Erwerb und Erhalt von Ressourcen als Ausgangspunkt. Nachfolgend sollen die theoretischen Überle-

gungen im Einzelnen dargelegt werden, indem sowohl eine nähere Bestimmung der Ressourcen erfolgt als auch das multiaxiale Copingmodell[1] – als Drehund Angelpunkt der Theorie – erläutert wird.

4.3.1 Merkmale und Klassifikation von Ressourcen

Hobfoll (1998) bezeichnet Ressourcen als den relevanten Faktor, um das Phänomen Stress zu verstehen. Dabei unterteilt er Ressourcen in Objektressourcen, Bedingungsressourcen, persönliche Ressourcen und Energieressourcen. Während sich Objektressourcen auf materielle Dinge physischer Natur, wie ein Haus, ein Auto oder die eigene Kleidung, beziehen, fokussieren die Bedingungsressourcen die individuelle Lebensund Arbeitssituation (ebd.). Diese zeichnet sich u. a durch Familienstand, Alter, Gesundheit oder berufliche Position aus. Eine solche Klassifikation ist insbesondere für die Forschungsfrage dieser Studie relevant, da dadurch sowohl lebensweltliche Bedingungen, wie die familiäre Situation, als auch berufliche Spezifika in die Analyse der Stressund Bewältigungsmuster eingehen können. Hobfoll und Buchwald (2004) beschreiben diese Merkmale als besonders wertvoll, weil sie den Zugang zu anderen Ressourcen eröffnen können. Als persönliche Ressourcen werden überdies sowohl Fähigkeiten als auch Eigenschaften von Personen benannt, die die Stressresistenz positiv beeinflussen. Hierzu zählen berufsbedingte, fachliche Fähigkeiten, wie etwa Computerkenntnisse sowie soziale Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften. Schließlich werden unter Energieressourcen solche verstanden, die sich durch Zeit, Geld oder Wissen auszeichnen und beim Erwerb weiterer Ressourcen von Bedeutung sein können (ebd.).

Auch „kritische Lebensereignisse“ (ebd., S. 14) werden nicht mit Blick auf die daraus resultierenden Belastungen sondern unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Ressourcen beurteilt. Hobfoll (1998) begründet diesen Aspekt mit der Annahme, dass Verluste von oder Gewinne an Ressourcen, die mit einem bestimmten Ereignis verbunden sind, eine zentrale Bedeutung für den Stressprozess einnehmen. Das Ereignis selbst sei hierbei jedoch nur der Ausgangspunkt eines solchen Prozesses. Als Beispiel führt er die mündliche Prüfung an, die sowohl mit einem Verlust als auch mit einem Zugewinn an Ressourcen einhergehen kann. So seien hierbei auf der einen Seite die Einschränkung der sozialen Kontakte sowie Zeitdruck während der Prüfungsvorbereitungen hinzunehmen. Auf der anderen Seite könnten Wissen und – bei erfolgreich bestandener Prüfung – Status hinzugewonnen werden. Auf Grundlage dieser Überlegungen hat Hobfoll (1998) ein multiaxiales Copingmodell entwickelt, das die Bewältigung von Stress im Kontext von „objektiven Situationsmerkmalen und zwischenmenschlichen Beziehungsmustern“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 16) betrachtet. Dieses soll nachfolgend näher erläutert werden.

  • [1] Die englische Bezeichnung coping (aus dem Englischen to cope with, „bewältigen, überwinden“) steht in der Stressund Belastungsforschung für einen psychischen Prozess des Umgangs mit schwierigen Lebensereignissen unter Einbezug subjektiver Bewältigungsstrategien (Snyder, 1999). Vor dem Hintergrund der Forschungsfrage wird jedoch der Begriff der Bewältigung weiter verwendet. Von coping ist aber dann die Rede, sofern es um die Beschreibung und Anwendung des Modells nach Hobfoll (1998) geht.
 
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