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4.4.1 Erwerbsarbeitsbedingter Stress und Geschlecht

Zunächst zeichnet sich der Stand der Forschung dadurch aus, dass zahlreiche gesundheitspsychologische und -soziologische Studien auf die unter Kapitel 4.2 dargestellten Stressund Bewältigungsmodelle Bezug nehmen. Im Rahmen einer spanischen Studie zielen Rivera-Torres et al. (2013) etwa darauf ab, mit Hilfe des Anforderungs-Kontroll-Modells Geschlechtsunterschiede abzubilden. Die Ergebnisse zeigen, dass der auf Grundlage des Modells definierte arbeitsbedingte Stress zwischen Frauen und Männern unterschiedlich wahrgenommen wird. So sind die befragten Männer stärker von quantitativen Anforderungen – wie Zeitdruck und hohen Arbeitsaufkommen – belastet (ebd.). Demgegenüber geben die Befragten der weiblichen Vergleichsgruppe eine höhere Stressbelastung aufgrund qualitativer Merkmalen der Arbeitstätigkeit an. Hierzu zählen die AutorInnen insbesondere intellektuelle und emotionale Anforderungen, die sich aus einem geringeren Kontrollund Handlungsspielraum ergeben (ebd.).

Befunde von Park et al. (2011) widersprechen der Annahme, dass Männer eher quantitative und Frauen qualitative Merkmale der Tätigkeiten als belastend empfinden. Auf Grundlage einer prospektiven Gesundheitsanalyse in 40 koreanischen Unternehmen widmen sich die AutorInnen dem Zusammenhang von Erkältungskrankheiten und arbeitsbedingtem Stress. Dabei kommen sie auf der Grundlage von Selbsteinschätzungen zu dem Schluss, dass die Symptome insbesondere bei den befragten Männern mit hohen Anforderungen in der Tätigkeit bei gleichzeitig niedrigem Entscheidungsspielraum assoziiert sind. Bei Frauen blieb dieser Effekt nach Angaben der AutorInnen aus. Park et al. (2011) begründen dies mit der gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle der Männer, primär für die finanzielle Absicherung der Familie zu sorgen. Als weiteren Grund für die Geschlechtsunterschiede vermuten die EpidemiologInnen, dass die hohen Arbeitsanforderungen in Kombination mit einem geringeren Handlungsspielraum Männer anders belasten als Frauen. Eine weitere Erklärung wird von den AutorInnen der koreanischen Studie jedoch nicht angeführt.

Ergebnisse im Rahmen einer schwedischen Kohortenstudie von Elwér et al. (2013) ermöglichen indes eine Ausdifferenzierung der Geschlechtsunterschiede, die über das Anforderungs-Kontroll-Modell hinausgeht. Ihre Studie zielte darauf ab, die Bedeutung von arbeitsplatzbezogenen Geschlechtsungleichheiten für die Entstehung von psychischem Distress zu prüfen. [1] Auf Grundlage der Ergebnisse kommen die AutorInnen zu dem Schluss, dass sich der Zusammenhang von Merkmalen geschlechtsspezifischer Ungleichheiten insbesondere in der Gruppe der Frauen zeigt. Sie führen dies auf unterschiedliche Positionen von Frauen und Männern in der gesellschaftlich und kulturell hergestellten Geschlechtsordnung zurück:

„This can be explained by women's and men's different positions in the gender order, meaning that in gender unequal situations at work it is often women that are disadvantaged whereas men have advantages possibly of benefit for their mental health.“ (Elwér et al., 2013, S. 9)

Zur Erklärung, warum die berufsbedingten Geschlechtsunterschiede insbesondere bei den befragten Frauen Stress hervorrufen, diskutieren Elwér et al. (2013) zwei Gründe: Erstens sprechen die AutorInnen von der Bedeutung eines „gender regimes“ (ebd., S. 8), das sich u. a. durch eine höhere Entlohnung der Männer in den jeweiligen beruflichen Vergleichsgruppen auszeichnet. Diese Lohnungleichheiten erfolgen unabhängig von einem zum Teil höheren Bildungsstatus in der Gruppe der befragten Frauen. Zum zweiten seien die Geschlechtsunterschiede vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Zuschreibung von Rollenanforderungen zu begründen, „where the meaning of parental leave can be different for women and men“ (ebd.). Beispielhaft beziehen sich Elwér et al. (2013) auf die Erwartungen an Frauen und Männern bezüglich häuslicher und familiärer Anforderungen. Hier verweisen die Ergebnisse auf die positive Bedeutung einer akzeptierenden Betriebskultur: So läge in der Vergleichsgruppe der Betriebe mit gleichberechtigter Aufteilung der Elternzeiten ein besserer psychischer Gesundheitszustand vor (ebd.).

Zur Prüfung eines Zusammenhangs von beruflichen Gratifikationskrisen, gesundheitlicher Auswirkung und Geschlecht diskutiert Peter (2009) Ergebnisse im Rahmen der schwedischen Studie The Stockholm Heart Epidemiology Programme (SHEEP). Dabei werden vergleichbare Muster sowohl in der FallKontroll-Studie zu den Einflussfaktoren eines Herzinfarkts bei über 3.000 Frauen und Männern als auch in der prospektiven Basisuntersuchung von 10.000 Beschäftigten festgestellt: Als besonders auffällig zeigte sich, dass bei Männern die „extrinsische, situationsbezogene Komponente des Modells mit erhöhten gesundheitlichen Risiken assoziiert war“ (ebd., S. 123). Hingegen traf dies bei den Frauen auf die intrinsische Komponente – das Bewältigungsverhalten „erhöhte Verausgabungsneigung“ (ebd.) – zu. Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass bei Männern den auf den beruflichen Status bezogenen Merkmalen des Modells eine bedeutendere Rolle zukommt. Darüber hinaus zeigen die Ausführungen zur Fall-Kontroll-Studie von Peter et al. (2006), dass Frauen besonders dann von einem erhöhten Herzinfarktrisiko in Folge von beruflichem Distress betroffen waren, wenn sie in von Männern dominierten Berufen arbeiteten.

„According to our hypothesis, the strongest association between myocardial infarction and overcommitment was found among women working in male-dominated jobs, as compared to women employed in other types of job.“ (ebd., S. 40)

Der Hypothese lag die Vermutung zugrunde, dass Faktoren der horizontalen und vertikalen Segregation des Arbeitsmarktes den Gesundheitszustand weiblicher Beschäftigter negativ beeinflussen. Allerdings kommen die AutorInnen der Studie zu dem Schluss, dass keine extrinsischen Komponenten des Modells beruflicher Gratifikationskrisen – also des äußerlich vorgegebenen, arbeitsplatzspezifischen Anforderungsprofils – mit einem erhöhtem Herzinfarktrisiko assoziiert waren (ebd.). Ebenso zeigten sich keine Effekte hinsichtlich einer möglichen Doppelbelastung durch Verpflichtungen, die aus dem familiären Status resultieren (Kindererziehung, Partnerschaft). Gleichwohl verweisen Lindeberg et al. (2010) darauf, dass stressbedingte Unterschiede durch die Bedingungen außerhalb der erwerbsarbeitsbezogenen Anforderungen geprägt sind. So seien ebenso diejenigen Befunde einzubeziehen, die sich den Einflüssen bzw. der Balance zwischen Arbeitsund Privatleben widmen. Aus diesem Grund sollen nachfolgend Studien vorgestellt werden, die die Interdependenzen von Arbeit und außerberuflichen Anforderungen untersuchten.

  • [1] In der Studie wurden geschlechtsspezifische Segregationen (männerund frauendominierte Berufe), Bezahlung, Bildung sowie die Inanspruchnahme von Elternzeiten berücksichtigt (Elwér et al., 2013).
 
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