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4.4.2 Interdependenzen von Arbeit und außerberuflichen Anforderungen

Um die Wirkung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für das gesundheitsbezogene Wohlbefinden zu untersuchen, legen Karin Siegrist et al. (2006) Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativerhebung in der deutschen Erwerbsbevölkerung vor. Ziel der Querschnittbefragung von Vollzeitbeschäftigten war es, die Konsequenzen gesellschaftlicher Rollenerwartungen für die Ausprägung psychosozialer Stressoren zu überprüfen. Anders als zunächst angenommen deuten die Ergebnisse nicht darauf hin, dass Frauen mit Kindern durch die Übernahme mehrerer Rollen ein deutlich erhöhtes Risiko gesundheitsbezogener Beeinträchtigungen aufweisen (Ablehnung der Doppelbelastungsthese). Weder die Arbeitsbelastungen im Sinne des Modells beruflicher Gratifikationskrisen noch die zeitgleich erhobenen Fehlzeiten variierten in Abhängigkeit vom Geschlecht. Gleichwohl verweisen die AutorInnen einschränkend auf die Bezugspopulation der Studie. So ist zwar aufgrund der ausschließlichen Befragung von Vollzeitbeschäftigten die Gesamtpopulation der männlichen Erwerbstätigen repräsentiert. Allerdings werden die Arbeitswirklichkeiten eines erheblichen Anteils von Frauen nur ungenügend berücksichtigt, da die Erwerbstätigenquoten zwischen Frauen und Männern in Vollzeit stark voneinander abweichen. Die hohe Zahl der Frauen in Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen bleibt damit unberücksichtigt. [1]

Weitere Befunde zum Zusammenhang von Erwerbsarbeit und außerberuflichen Anforderungen legen Krantz et al. (2005) in einer schwedischen Querschnittstudie vor. Ihr Erkenntnisinteresse widmet sich den gesundheitlichen Folgen von Stressoren, die sich aus dem Zusammenspiel von bezahlter und unbezahlter Arbeit ergeben. Zunächst weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die an der Studie teilnehmenden Frauen im mittleren Lebensalter im Vergleich zu den Männern einen höheren „total workload“ (TWL) [2] (ebd., S. 209) angeben. Dies spiegelt sich schließlich in den zentralen Ergebnissen der Studie wider: So wird zwar ein Zusammenhang von Stress und bezahlter Arbeit bei beiden Geschlechtergruppen postuliert. Gleichwohl zeigen die Befunde, dass ein Konflikt zwischen beruflichen und außerberuflichen Anforderungen, insbesondere bei den befragten Müttern mit Kindern unter elf Jahren, besteht (ebd.). Während die in Vollzeit beschäftigten Frauen Stressbelastungen auf eine Interaktion von arbeitsplatzspezifischen und häuslichen Anforderungen zurückführen, verorten die in der Fragebogenstudie berücksichtigten Männer ihre Belastungen häufiger im arbeitsweltlichen Kontext. Auf gleicher Datenbasis legen Lindfors et al. (2006) weitere Befunde vor, die auf Geschlechtsunterschiede im Zusammenhang von beruflicher bzw. außerberuflicher Arbeitszeit, psychischem Wohlbefinden und gesundheitlichen Symptomen verweisen. So stellen die schwedischen PsychologInnen fest, dass die an der Studie beteiligten vollzeitarbeitenden Mütter mit Lebenspartner und mindestens einem Kind gegenüber Vätern von weniger posi-

tiven Effekten („self-acceptance, environmental mastery, positive relations, personal growth, purpose in life and autonomy“ ebd., S. 131) durch bezahlte Arbeit profitieren. Bei den befragten Männern zeigen sich indes keine Assoziationen. Bezahlte Arbeit wird von beiden Geschlechtergruppen als positiv für die eigene Persönlichkeitsentwicklung bewertet. Demgegenüber verweisen die Befunde auf eine geringere Bedeutung der bezahlten Arbeit für den Lebensinhalt von Frauen.

Eine Erklärung der Geschlechtsunterschiede in der Wahrnehmung von beruflichen und außerberuflichen Anforderungen führen sowohl Krantz et al. (2005) als auch Lindfors et al. (2006) nicht lediglich auf ein Ungleichgewicht der errechneten Stundenanzahl bezahlter und unbezahlter Arbeit zurück. Vielmehr werden die Aussagen vor dem Hintergrund von Geschlechtsunterschieden in Fremdund Selbstzuschreibungen von Rollenanforderungen in Haushalt und Familien interpretiert: „[…] reduced control in women can be related to stress resulting from having the main responsibility for children and other unpaid household tasks that have to be taken care of daily and from conflicting demands in the work and family domains“ (ebd., S. 135). Im Rahmen einer Beurteilung von Geschlechtsunterschieden bei arbeitsbedingtem Stress – resultierend aus bezahlter und unbezahlter Arbeit – sind daher die aus der Übernahme oder aus Zuschreibungen resultierenden Rollenanforderungen einzubeziehen.

Darüber hinaus liegen Studien vor, die sich in der Diskussion unterschiedlicher Wahrnehmungen von arbeitsbedingtem Stress auf das transaktionale Stressmodell nach Lazarus und Folkmann (1984) beziehen. So kommen Bethge et al. (2009) auf Grundlage ihrer Befragung von erwerbstätigen Personen im Alter zwischen 30 und 59 Jahren zu dem Schluss, dass Geschlechtsunterschiede in der Wirkung von beruflichem Stress durch die divergierenden Lebensund Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern beeinflusst werden. [3] Demzufolge wirke sich beruflicher Stress nur dann negativ auf die Gesundheit bzw. berufliche Leistungsfähigkeit aus, wenn dieser auch als subjektiv bedrohlich wahrgenommen werde. Die AutorInnen gehen im Rahmen ihrer Schlussfolgerungen davon aus, dass Belastungen aus anderen Bereichen – wie z. B. der Familie – eine stärkere Bedeutung einnehmen (ebd.). Diese Annahme lässt sich auf Grundlage weiterer Studien vertiefen:

Watai et al. (2008) befassen sich im Rahmen einer japanischen Querschnittstudie mit Geschlechtsunterschieden in der Wahrnehmung beruflicher und außerberuflicher Stressoren. Die Studie hat den Anspruch, den von K. Siegrist (2006) erwähnten Limitationen im Studiendesign entgegenzuwirken. So wurden der besseren Vergleichbarkeit wegen in die Befragung lediglich in Vollzeit arbeitende Mütter und Väter eines oder mehrerer Vorschulkinder einbezogen. Die AutorInnen stellen sowohl bei den in der Studie berücksichtigten Frauen als auch bei den Männern einen hohen Grad an Anforderungen fest, die sich aus einem „work-family conflict“ (Watai et al., 2008, S. 317) ergeben. Um den jeweiligen Einfluss dieses Konflikts herauszuarbeiten, differenzieren die AutorInnen in „work interference with family“ (WIF) und „family interference with work“ (FIW) (ebd.). Als zentrales Ergebnis stellen Watai et al. (2008) heraus, dass die Erwerbstätigkeit der untersuchten männlichen Beschäftigten der IT-Branche das Familienleben beeinträchtigt. Demgegenüber beeinflussen die Anforderungen der Familie stärker die Arbeitstätigkeit der Befragten aus der Gruppe der weiblichen Beschäftigten. Den AutorInnen zufolge war der WIF gegenüber dem FIW bei beiden Geschlechtergruppen stärker mit einer Depression assoziiert. Als Erklärung für diesen Befund verweisen Watai et al. (2008, S. 324) auf die Bedeutung eines möglichen „positiv spillover“ von Familie und Beruf. Möglicherweise nähmen Kompetenzen und Erfahrungen aus dem außerberuflichen Familienleben einen positiven Einfluss auf die Verarbeitung von erwerbsarbeitsbedingten Stressoren. Auf dieser Grundlage sei es erforderlich, dass präventive Strategien ebenfalls Belastungen und Ressourcen in den Blick nehmen, die sich aus dem Kontext Familie und den damit zusammenhängenden Anforderungen an die Geschlechtsrolle ergeben (ebd.). [4]

Melchior et al. (2007) merken kritisch an, dass die vorliegenden Studien zur gesundheitlichen Bedeutung der Vereinbarkeitsanforderungen überwiegend die Situation von Frauen in den Blick nehmen. Die AutorInnen widmen sich daher in einer französischen Kohortenstudie den Einflüssen von beruflichen und außerberuflichen, familiären Anforderungen bei Männern. Auf Grundlage ihrer Ergebnisse kommen sie zu dem Schluss, dass die gesundheitlichen Auswirkungen der Anforderungen in Familie und Beruf in Abhängigkeit von dem beruflichen Status der befragten Männer variieren. So sind etwa Handwerker stärker von psychischem Stress betroffen als die Befragten aus der Berufsgruppe der Manager. [5] Bei Frauen hingegen kann dieser abweichende Effekt nicht bestätigt werden. Als Begründung beziehen sich die AutorInnen der Studie auf die oftmals vorhandene finanzielle Verantwortung der Männer gegenüber der Familie, die zu erhöhtem psychischem Distress führen kann (ebd.).

Neben den vorangestellten Befunden zu den Geschlechtsunterschieden in der Wirkung von Stress im beruflichen und außerberuflichen Kontext liegen außerdem Studien vor, die sich der Stressbewältigung von Frauen und Männern widmen. Da die Forschungsfrage ebenfalls Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress einschließt, sollen zuletzt zentrale Ergebnisse zusammengefasst werden.

  • [1] Dies belegen auch die in Kapitel 3.1.4 dargestellten Befunde zu den unterschiedlichen Anteilen der Vollund Teilzeitbeschäftigungen (Statistisches Bundesamt, 2014).
  • [2] Das in der Studie einbezogene Maß TWL wurde in Anlehnung an die Überlegungen von Kahn (1991) entwickelt und bezieht sich auf Selbstangaben über die aufgebrachte Anzahl der Stunden in den Bereichen Erwerbs-, Haushaltsund Erziehungsarbeit sowie auf andere unbezahlte Tätigkeiten, einschließlich ehrenamtlicher Arbeit und der Pflege von Angehörigen.
  • [3] Die Befragung liegt der Ersterhebung des sozialmedizinischen Panels für Erwerbspersonen (SPE) zugrunde.
  • [4] In der Bewertung der japanischen Befunde sowie weiterer internationaler Studienergebnisse stellt sich allerdings die Frage nach der Übertragbarkeit auf die Verhältnisse in Deutschland. Dieser Aspekt soll grundsätzlich im Zwischenfazit aufgegriffen und diskutiert werden (Kapitel 4.5).
  • [5] Hierbei sei angemerkt, dass Melchior et al. (2007) Männer der untersten beruflichen Statusgruppen von der Studie ausgeschlossen haben, um Verzerreffekte möglichst gering zu halten. Grund dafür sei die oftmals vorhandene lange Krankheitshistorie von Menschen mit geringem ökonomischem Status (ebd.).
 
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