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4.4.3 Stressbewältigung und Geschlecht

Insgesamt belegt die Studienlage, dass die bereits in den 1980er Jahren von Folkman und Lazarus (1980) vorgenommene geschlechtsspezifische Unterscheidung zwischen emotionsund problemorientiertem Bewältigungsverhalten nach wie vor diskutiert wird. Den Ergebnissen einer spanischen Querschnittstudie von Matud (2004) zufolge tendieren Frauen eher zu einem emotionsorientierten und vermeidenden Bewältigungsverhalten („emotional coping strategies“ ebd., S. 1441). Dieses äußere sich u. a. in einer Ablenkung oder gar Leugnung der erfahrenen Stressoren. Rationalen Verhaltensstrategien würde demgegenüber eine geringere Bedeutung zugesprochen (ebd.) Vielmehr offenbarten Frauen mehrheitlich innerhalb von Gemeinschaften ihre Gefühle. Männer hingegen tendieren laut den Ergebnissen der Studie zu problemfokussiertem Bewältigungsverhalten, indem Lösungsstrategien systematisch entwickelt und umgesetzt werden, um der Stresssituation entgegenzuwirken: „[…] men are socialized to use more active and instrumental coping behaviors, and women are socialized to use more passive and emotional-focused behaviors“ (ebd., S. 1441). Einschränkend kommt Matud (2004) jedoch zu dem Schluss, dass sich die als problemorientiert vs. emotionsorientiert zugeschriebenen Bewältigungsmuster aufgrund der sich in den letzten Jahren wandelnden gesellschaftlichen Rollenbilder von Frauen und Männern stetig verändern. Weitere Beiträge aus der Gesundheitspsychologie verweisen ebenfalls darauf, dass eine starre geschlechtsspezifische Trennung den hier genannten Bewältigungsstrategien nicht gerecht wird.

Weitere Ausdifferenzierungen nehmen etwa Zwicker und DeLongis (2010) vor. Ihnen zufolge variieren Bewältigungsstrategien zwischen den Geschlechtern in Abhängigkeit vom jeweiligen gesellschaftlichen und situativen Kontext. Dabei beziehen sich die AutorInnen direkt auf die Bewältigung arbeitsbedingter Stressoren. In Anlehnung an die transaktionale Stresstheorie nach Lazarus kommen sie zu dem Schluss, dass die Schlüsselvariable Kontrolle zwischen den Geschlechtern eine unterschiedliche Bedeutung einnimmt:

„[…] women are often at the bottom of the organizational hierarchy; they are less likely to occupy high-status positions in the workforce, positions that include more executive tasks, participation, and autonomy.“ (Zwicker & DeLongis, 2010, S. 502)

Sie beziehen sich dabei in erster Linie auf die bereits in Kapitel 3 dokumentierten vertikalen und horizontalen arbeitsmarktspezifischen Geschlechtsunterschiede. Vor diesem Hintergrund kommen Zwicker und DeLongis (2010) zu dem Schluss, dass Frauen geringere Kontrollmöglichkeiten und weniger Möglichkeiten der Beeinflussung erfahrener Belastungen wahrnehmen können. Ein weiterer Aspekt, den die AutorInnen mit Blick auf die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien von Frauen und Männern anführen, bezieht sich auf den Rückgriff und Nutzen sozialer Unterstützung. So forderten Frauen nicht nur quantitativ häufiger soziale Unterstützung ein, sondern profitierten offensichtlich auch stärker davon. Ergebnisse einer Studie von Rivera-Torres et al. (2013), die mit Hilfe des Anforderungs-Kontroll-Modells durchgeführt wurde, bestätigen diesen Befund. Den AutorInnen zufolge hat soziale Unterstützung bei Frauen – sowohl durch Vorgesetzte als auch durch KollegInnen – einen größeren Einfluss auf die Reduzierung von arbeitsbedingtem Stress (ebd.).

Als Erklärung führen Gonzales-Morales et al. (2006) im Rahmen ihrer in spanischen Finanzunternehmen durchgeführten Studie an, dass Männer aufgrund ihrer Sozialisation nur auf diejenigen Bewältigungsmuster zurückgreifen, die ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle entsprechen. Emotionalität – und die damit einhergehende soziale Unterstützung zur Bewältigung der Stresssituation – gilt als nicht anerkannt. Individuelle, zielgerichtete Bewältigungsstrategien entsprächen demgegenüber eher maskulinen Verhaltensweisen (ebd.). Im Rahmen der empirischen Analyse ist es möglich, diesen Aspekt mit Hilfe des qualitativen Vorgehens genauer zu beschreiben, indem die subjektiven Relevanzsysteme von in CCn beschäftigten Frauen und Männern herausgearbeitet werden.

Weitere Studien, die von Hobfoll et al. (1994) durchgeführt wurden, widersprechen einem starren Dualismus zwischen problemund emotionsorientiertem Bewältigungsverhalten. Ihre Überlegungen beziehen sich im Einzelnen auf das in Kapitel 4.3.2 dargestellte multiaxiale Copingmodell. Zunächst verweisen die Ergebnisse darauf, dass Frauen im Gegensatz zu Männern eher prosoziale Stressbewältigungsstrategien entwickeln. Gleichwohl kommen die AutorInnen der Studie zu dem Schluss, dass keine Unterschiede zwischen aktivem und passivem Handeln deutlich werden. In der Gruppe der untersuchten Frauen werden ebenso oft aktive Bewältigungsverhaltensweisen gewählt, wie in der männlichen Vergleichsgruppe (ebd.). Zur Erklärung sei auf die Ausführungen zum multiaxialen Copingmodell verwiesen. Demzufolge zeichnet sich ein aktives, prosoziales Bewältigungsverhalten darin aus, dass zur Stressbewältigung auf bewusst gewählte Ressourcen zurückgegriffen wird (Hobfoll, 1998). Den Ergebnissen Hobfolls et al. (1994) entsprechend erfolgen die Bewältigungsaktivitäten von Frauen in einem Prozess der sozialen Interaktion, der sich sowohl im Zwischenmensch lichen als auch in einem professionellen Kontext abbildet. [1] Hierbei erfolgt der Rückgriff auf Ressourcen, die sich auf die kollegiale und familiäre Unterstützung beziehen, um arbeitsplatzspezifischen Stressoren entgegenzuwirken. Diese von den AutorInnen als „coalition building“ (ebd., S. 72) bezeichnete Handlungsweise bezieht sich in den Studienergebnissen auf betriebliche Situationen, in denen eine stärkere Teamorientierung in der Gruppe der Frauen vorliegt. Männer hingegen tendieren den Befunden der AutorInnen zufolge eher zu einem aggressiven und antisozialem Stressbewältigungsverhalten, das als weniger konstruktiv und durchsetzungsfähig beschrieben wird (ebd.). Allerdings zeigt sich dieses Stressbewältigungsverhalten nicht im Rahmen von zwischenmenschlichen Beziehungen. Auf Grundlage der Befunde empfehlen Hobfoll et al. (1994) für die Bewertung von prosozialem Bewältigungsverhalten, ebenso aggressive und antisoziale Verhaltensweisen zu berücksichtigen, um eine Ausdifferenzierung von problemund emotionsorientierten Bewältigungsstrategien zu ermöglichen.

  • [1] Hobfoll et al. (1994) nehmen im Rahmen ihrer Studie eine Ausdifferenzierung von sozialer Unterstützung vor. So werden zwischenmenschliche Beziehungen im Privaten ebenso wie kollegiale Unterstützung im Arbeitsverhältnis einbezogen. In Anlehnung an die Forschungsfrage nach den Entstehungsund Bewältigungsmustern bei arbeitsbedingtem Stress ermöglicht dies, sowohl berufliche als auch außerberufliche Ressourcen zu berücksichtigen.
 
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