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5.1 Prekäre Beschäftigung als Kennzeichen eines Wandels der Arbeitswelt

Der Wandel der Arbeitswelt wird neben der Veränderung der Produktionsformen und Güter auf eine gravierende Veränderung der Beschäftigungsverhältnisse zurückgeführt. Ein Merkmal dieses Wandels beziehen Köhler und Krause (2010, S. 394) auf die „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“. Damit verbunden sind insbesondere befristete Beschäftigungsverhältnisse, die vom Normalarbeitsverhältnis abweichen und deshalb als atypisch und „prekär“ (Buestrich, 2007, S. 135) bezeichnet werden. Dabei wird den dadurch entstehenden Anforderungen eine gesundheitswissenschaftliche Relevanz zugemessen. Während klassische Gefährdungen, wie Unfälle oder körperlich schwere Tätigkeiten, an Bedeutung verlieren, gewinnen „psychische Belastungen und Erkrankungen – oft stressbedingt“ (Keupp & Dill, 2010, S. 11) – an Bedeutung. Aus diesem Grund erscheint es zunächst erforderlich, die zentralen Merkmale des Wandels mit Blick auf den Begriff der prekären Arbeit genauer auszudifferenzieren.

Nach Keupp und Dill (2010) drückt sich die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses in einer wachsenden Heterogenität von Beschäftigungsformen aus. Neben diesen hier nur grob umrissenen Tendenzen lassen sich folgende Kennzeichen des Wandels der Arbeitswelt zusammenfassen, die für den vorliegenden Forschungsgegenstand zentral sind (Richter, 2002; Badura et al., 2010b; BAuA, 2013b):

Ÿ Segmentierung des Arbeitsmarktes in kognitiv anspruchsvolle high-tech Bereiche und einen durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichneten low-techund Niedriglohnsektor;

Ÿ Zunahme emotional anspruchsvoller, sozialer Interaktionsarbeit im Humandienstleistungsbereich (z. B. Pflegeberufe, Sozialarbeit, Lehrund Erziehungsberufe);

Ÿ Reduzierung von stabilen Stammbelegschaften und Erhöhung atypischer, kontingenter Belegschaftsanteile (Zeitund Leiharbeit, Projekt-, Saisonarbeit, befristete Arbeitsverträge) mit erhöhtem Risiko von Kompetenzverlusten und Senkung der Arbeitssicherheits-Motivation.

Anhand der Aufzählung wird deutlich, dass im Zusammenhang mit den genannten Merkmalen des Strukturwandels der Begriff der prekären Arbeitsverhältnisse zwar genannt wird, aber keine nähere Definition erfolgt. Wie Brinkmann et al. (2006, S. 9) beschreiben, gelten prekäre Beschäftigungsverhältnisse als „Vorboten einer Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit ihre integrative und zugleich identitätsbildende Funktion allmählich einbüßt“. Diese Entwicklungen betreffen daher nicht nur objektive Veränderungen, sondern haben wie Keupp und Dill (2010, S.7) beschreiben „erhebliche Konsequenzen auch für die psychischen Innenwelten“. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Charakteristika der prekären Beschäftigung ist damit konstitutiv für eine Bewertung des Wandels der Arbeitswelt aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive. Brinkmann et al. (2006, S. 8) verstehen unter der Bezeichnung „prekär“ dabei eine „gesellschaftliche Tendenz zur Verallgemeinerung sozialer Unsicherheit, deren Ursprung im ökonomischen und Erwerbssystem der Gesellschaft zu verorten ist“. Zur Definition von prekären Beschäftigungsverhältnissen schlagen die AutorInnen schließlich fünf Dimensionen mit jeweils eigenen Integrationsund Desintegrationspotenzialen vor:

1. Reproduktiv-materielle Dimension

Demnach ist Erwerbsarbeit dann prekär, wenn eine Tätigkeit, deren Vergütung die Haupteinnahmequelle darstellt, nicht existenzsichernd ist und wenn es das Einkommen nicht ermöglicht, ein „gesellschaftlich anerkanntes kulturelles Minimum nach oben zu überschreiten“ (ebd., S. 18).

2. Sozial-kommunikative Dimension

Diese beschreibt Arbeit als prekär, wenn die Beschäftigungsform eine Integration in soziale bzw. kollegiale Netzwerke ausschließt, die sich durch den Arbeitsort oder über die jeweilige Tätigkeit ergeben.

3. Rechtlich-institutionelle oder Partizipationsdimension

Gemeint sind Arbeitstätigkeiten, die den Arbeitenden von sozialen Rechten und betrieblichen Beteiligungsmöglichkeiten ausschließt. Insbesondere Betriebsvereinbarungen und soziale Schutzund Sicherungsrechte gelten im vollen Umfang nur unter bestimmten vertraglichen Bedingungen.

4. Statusund Anerkennungsdimension

Brinkmann et al. (ebd., S. 18) definieren Arbeit zudem als prekär, wenn sie den Arbeitenden eine „anerkannte gesellschaftliche Positionierung vorenthält und mit sozialer Missachtung verbunden ist“.

5. Arbeitsinhaltliche Dimension

Erwerbsarbeit wird auch dann als prekäre Beschäftigung bezeichnet, wenn sie durch dauerhaften Sinnverlust gekennzeichnet ist oder aber wenn sie zu einer krankhaften Überidentifikation führt. Die Folgen dieser prekären Dimensionen äußern sich nach Brinkmann et al. (2006, S. 18) in den „modernen Pathologien der Arbeitswelt wie Arbeitswut, Burn-out-Syndrome, Entspannungsunfähigkeit und dem Verlust des Privatlebens“.

Allerdings nehmen die AutorInnen eine differenzierte Auseinandersetzung mit den subjektiven Folgen prekärer Beschäftigung vor. So seien zur adäquaten Bewertung von prekären Beschäftigungsformen ebenso die „subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigung“ (Brinkmann et al., 2006, S. 17) zu berücksichtigen. Dies wird mit der Tatsache begründet, dass Tätigkeiten, die der Dimensionalisierung nach als prekär gelten, von den Arbeitenden keineswegs als solche wahrgenommen werden müssen. Die Art der Auseinandersetzung werde vielmehr von der jeweiligen Erwerbsbiographie, den individuellen Qualifikationen und Kompetenzen, sowie von den Merkmalen Geschlecht, Ethnie und Lebensalter beeinflusst (ebd.).

Ob die Charakteristika der CC-Tätigkeit den hier dargestellten Dimensionen einer prekären Beschäftigung entsprechen und welche Bedeutung diese für die Entstehung von arbeitsbedingtem Stress einnehmen, kann an dieser Stelle noch nicht abschließend beurteilt werden. Möglicherweise sind die Dimensionen in der Analyse der Darstellungsweisen von arbeitsbedingten Stressoren relevant. Zu Beginn des Kapitels wurde bereits darauf verwiesen, dass die CC-Tätigkeit oftmals als prekäre Beschäftigungsform bezeichnet wird und daraus konkrete psychische Stressoren hervorgehen. Gleichwohl darf die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress nicht auf den Begriff der prekären Arbeit reduziert werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass das Phänomen Stress auch unabhängig eines Wandels der Arbeitswelt und den damit verknüpften Folgen relevant erscheint.

Nachfolgend soll mit Blick auf die Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress am Beispiel der CC-Tätigkeit eine nähere Charakterisierung des Arbeitsfeldes erfolgen.

 
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