Antisemitismus

Antisemitismus ist die politische Lebenslüge der Rechtsextremen. Sie wird von ihnen kollektiv geteilt und bestimmt ihre ideologische Identität. Man muss den gegenwärtigen Antisemitismus aus zwei Gründen in eine weitere Perspektive rücken und nicht bei der Untersuchung seiner unmittelbaren Verbreitung im vergangenen Jahrzehnt stehen bleiben. Einmal sind antisemitische Denker und Agitatoren geistig steril, sie bringen ideologisch wenig Originäres hervor. Zum anderen greifen sie auf den schon im späten Mittelalter voll etablierten anti-jüdischen Fundus zurück ("Geheimnis und Betrug" bestimmen strukturell alles antisemitische Denken) und geben von Zeit zu Zeit Antworten auf den Stand der "Judenfrage". Dabei stehen tagespolitische Ereignisse ebenso auf dem Programm wie vermeintlich "ewige" Sachverhalte.

Plagiate und abstruse Synthesen betrachten die Antisemiten aber nicht als Schwäche ihres Denkens sondern vielmehr als Stärke, soll doch die ständige Wiederholung den altbekannten Schlagworten Glaubwürdigkeit verleihen und beweisen, dass den Grundmustern Realität zukommt. Bei negativen Ereignissen ist die Sinnspitze der antisemitischen Kritik immer dieselbe: Angesichts nationaler Katastrophen, sozialer Krisen oder wie auch immer gearteter persönlicher Miseren beschuldigt sie stets die "Außenstehenden" und entlastet die Eigengruppe. Daher ist nach überkommenen Mustern zu fragen, die politische Entscheidungen, aber auch alltägliches Handeln vorstrukturieren.

Alter Wein in alten Schläuchen

Diese Vorprägungen, etwa die Stereotypen über Juden, sind älteren Datums, werden jedoch zu gegenwärtigen Anlässen aktualisiert. Antisemiten erkennen historische Tatsachen der jüngsten Vergangenheit und die Gegenwart nicht an. Die Fakten werden durch Verfälschungen aggressiv in Abrede gestellt. Dazu gehören folgende Versatzstücke: Vor allem "der Jude" wird für den "unglücklichen" Verlauf der nationalen Geschichte und dessen Folgen verantwortlich gemacht. Jüdische Agitatoren seien verantwortlich, dass den auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs unbesiegten deutschen Armeen der Dolch in den Rücken gestoßen wurde (vgl. Barth 2003). [1] "Der Jude" sei es letztlich gewesen, der das Erstarken Deutschlands in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft mit Neid und Feindschaft verfolgt habe und mit seiner Einkreisungspolitik einer antideutschen Weltkoalition das "Dritte Reich" in den Krieg getrieben habe. Als Beweisstücke dienen eine angebliche "jüdische Kriegserklärung" aus dem Frühjahr 1933 und als langfristiger Masterplan die geheimen "Protokolle der Weisen von Zion". Bei den "Protokollen" handelt es sich um ein verschwörungslogisch angelegtes antisemitisches Machwerk (vgl. Körner 1992).

Der Krieg einer antideutschen Weltkoalition sei nur die eine Seite des Versuchs des internationalen Judentums, Deutschland zu knechten. Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit im Inneren seien die andere. Nach der Kapitulation der Wehrmacht und dem Zusammenbruch des NS-Regimes sei den Deutschen durch die von den Alliierten lizenzierten Parteien und kontrollierte Presse, letztlich völkerrechtswidrig eine "undeutsche" Ordnung, das Grundgesetz, aufgezwungen worden, deren Nutznießer allein die Juden und der Staat Israel seien. Das Grundgesetz sei daher ein "Besatzerkonstrukt", die Bundesrepublik wird als "Vasallenrepublik" oder gleich als "Judenrepublik" diffamiert. [2]

Die antisemitisch konnotierte "Kriegsschuldlüge" und die "Auschwitzlüge" sind Schlüsselthemen, die für das gesamte rechtsextreme Spektrum maßgeblich sind. So ist Antisemitismus das entscheidende ideologische Bindeglied der verschiedenen, oftmals zerstrittenen, völkischen, ultranationalistischen und neonazistischen Gruppen und Grüppchen. Antisemitismus ist die gemeinsame Plattform im Kampf gegen die "undeutsche", parlamentarisch-demokratische Ordnung, ihre politische Kultur und ihre Repräsentanten. Die Geschichtsrevisionisten wollen den Mord an den europäischen Juden nicht wahrhaben, sondern erklären ihn zu einer Lüge machtund geldgieriger Juden, die dazu in die Welt gesetzt worden sei, die Deutschen für alle Zeit zu Schuldigen zu machen, um sie moralisch zu erpressen und finanziell auszubeuten. [3]

"Das BRD-Establishment hat den zehn christlichen Geboten längst ein elftes hinzugefügt: Du musst die Juden ehren! Danach hat der Jude als das Opfer der Weltgeschichte schlechthin, als das Unschuldslamm aus der Wüste Kanaans, zu gelten – gestern, heute und morgen, in der Politik, der Wirtschaft und in der Kultur!" (Gansel 2002: 5)

Der Kampf der Rechtsextremen zielt selbstbewusst auf "Wahrheit" in der Geschichte und auf "Gerechtigkeit" für Deutschland. Die BRD sei auf einer Lüge gebaut und folglich sei der Holocaust die Achillesferse des Systems. Aus Selbstschutz könne das System aber keine freie Forschung und offene Diskussion über die Mordtechniken und die Zahl der Opfer in Auschwitz zulassen und verfolge abweichende Meinungen zu diesem historischen Komplex mit unerbittlicher Härte.

Argumentiert wird in der Logik einer Täter-Opfer-Umkehr. Verglichen mit den Juden, die die Lüge propagierten, stehen die Rechtsextremen auf der Seite der Wahrheit. Die nationalsozialistischen Untaten seien letztlich keine Untaten, sondern feindliche Akte der Juden. Der neutestamentliche Topos – "die Juden sind Zeugen ihrer Bosheit und unserer Wahrheit" – strukturiert de facto noch die Vorstellungskraft der heutigen atheistischen Auschwitzleugner. Ihre abstrusen Ideen führen zu ihrer gesellschaftlichen Randstellung. Aus ihrem geradezu religiös anmutenden Glauben, im Besitz einer unwiderlegbaren Lehre zu sein, wird diese Marginalisierung in eine Avantgarde-Position umgedeutet. Niederlagen und Verluste werden nicht länger als Makel, sondern als Opfer und Beleg ihrer Richtigkeit interpretiert (vgl. Paris 1998: 79): "Ehre bedeutet für uns Nationaldemokraten die Standhaftigkeit und den Mut zu haben, trotz aller Repressalien, Verleumdung und Hetze, weiterhin für die Wahrheit und Gerechtigkeit in unserer Heimat einzutreten!" [4]

Die Kontinuität der Gegnerschaft durch die Geschichte wird von der Ideologie konstruiert. Weltanschauungen vermitteln seit jeher durch ihren Blick von oben auf das Ganze eine dem "wissenden Auge" sich unmittelbar erschließende Komplexität in gottähnlicher Perspektive. Wer diese Anschauung gewonnen hat, der ist naturgemäß nicht bereit, sie zu korrigieren und sich mit einem weniger umfassenden Wissensstandpunkt zu begnügen. So bedeutet Antisemitismus Selbstermächtigung durch Pseudo-Erkenntnis. Antisemitismus vermittelt die Illusion der Kontrolle, die insbesondere für die Verarbeitung von Krisenerfahrungen wichtig ist. Antisemitismus ist das Mittel gegen den Zufall. Nichts geschieht zufällig, alles was geschieht ist determiniert und intendiert von einer kleinen, aber mächtigen Gruppe von Verschwörern. Vor allem im Zusammenhang mit der ökonomischen, sozialen und kulturellen Globalisierung werden antikapitalistische und antiamerikanische mit antisemitischen Positionen vermischt. In den Publikationen und im Wahlkampfmaterial stehen die antisemitische Deutung der US-Außenpolitik und des Nahost-Konflikt an vorderer Stelle. Der Politik der USA wird unterstellt, sie sei von "jüdischen Interessen" gelenkt. Insbesondere der Nahost-Konflikt stellt eine Projektionsfläche dar, die zur Entlastung von den Verbrechen in der deutschen Geschichte geeignet scheint. Die Solidarität mit den Palästinensern soll zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Einmal stellt man sich auf die Seite der Feinde Israels, zum anderen wird behauptet, man sei weder fremdenfeindlich – und mittels einiger begrifflicher Verrenkungen – auch nicht antisemitisch, schließlich seien doch die Araber die Semiten. [5]

Das Führungspersonal der deutschen Politik stehe in Abhängigkeit von Israel. So kommentierte das Wochenblatt der DVU, die "National-Zeitung", den Israel-Besuch von Kanzlerin Merkel mit den Worten:

"Kanzlerin Merkel schmolz bei ihrem Nahostbesuch […] vor Israels amtierendem Ministerpräsiden Ehud Olmert geradezu dahin. Die Besucherin aus Deutschland trat vor Scharons Statthalter auf wie ›Nipper‹, der berühmte Wau-Wau von Electrola, vor dem Grammophon, aus dem die Stimme seines Herrn ertönt." (National-Zeitung 2006: 1 ff.)

So wie die Bundesrepublik außenpolitisch eine Marionette in den Händen Washingtons und Tel Avivs sei, stehe sie innenpolitisch in Abhängigkeit vom Zentralrat der Juden. Die antisemitische Parteilegende der NPD besagt, bereits die Einleitung des Verbotsverfahrens gegen die NPD im Jahr 2000 sei auf die Intervention des Zen tralrats der Juden erfolgt. Erst das Drängen des damaligen Vorsitzenden Paul Spiegel habe den zögernden Innenminister Otto Schily dazu bewogen. Die Legende wird in Bezug auf das "Collegium Humanum" wiederholt. "Aus Sicherheitskreisen" verlaute, dass die Vorsitzende des Zentralrats persönlich bei der Bundesregierung auf ein Verbot gedrängt habe (vgl. Stegner 2008: 5). In der folgenden Ausgabe der Zeitung wird dem Zentralrat, der "über einen langen Arm" ins politische Establishment verfüge, erneut "Einmischung" und "Bevormundung" vorgeworfen: "Nicht schon wieder, Frau Knobloch!" (Deutsche Stimme 2008a: 4). Auch in der 2012 neu angelaufenen Verbotsdebatte wiederholen sich diese Anwürfe.

  • [1] Aus der Fülle der einschlägigen Literatur einige sprechende Titel: Hans Bursch (1935): Der Weltkrieg gegen das deutsche Volk. Breslau; David Hoggan (1969): Der erzwungene Krieg. Die Ursachen und die Urheber des Zweiten Weltkriegs. Tübingen; Otto Werner (1971): Englands Kriegspolitik gegen Deutschland. München; Dirk Kunert (1984): Ein Weltkrieg wird programmiert. Hitler, Roosevelt, Stalin. Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges nach Primärquellen. Kiel; Adolf von Th (1996): Stalins Falle. Er wollte den Krieg. Rosenheim; Helmut Gordon (Hg.) (1992): Kriegsreden 1936–1941. Das Kesseltreiben gegen Deutschland. Leoni. Die Zahl der Titel steht im umgekehrten Verhältnis zu ihren monotonen Inhalten.
  • [2] Parole auf einer Demonstration in Frankfurt am Main im Juli 2007 anlässlich des NPD-Wahlkampfs in Hessen: "BRD, Judenstaat, wir haben Dich zum Kotzen satt". Udo Pastörs hat in seiner Saarbrücker Aschermittwochsrede im Februar 2009 diese Polemik wiederholt (zitiert nach: Bund-LänderArbeitsgruppe 2012, S. 21, 32).
  • [3] Vgl. den Artikel "Israel – 60 Jahre auserwählte Moral" in: Taschenkalender des nationalen Widerstandes 2008, DS-Verlag Riesa, Eintrag im September. Für 15.– € kann dort der schlichtere, aber aktionistische "Widerständler" ein "T-Hemd" mit dem Aufdruck "Kein Geld für Usrael" [sic!] erwerben.
  • [4] Leitantrag des Landesvorstandes der NPD Thüringen für den Programmparteitag 2007 unter dem Motto: "Ehre, Freiheit, Vaterland", Dezember 2007.
  • [5] Vgl. zur israelbezogenen Judenfeindschaft Globisch (2013): 230 ff.
 
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