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6.3 Erhebungsmethodik: Das Problemzentrierte Interview

Da mit der Frage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress am Beispiel der CC-Tätigkeit die Studie eine relativ eng begrenzte Fragestellung fokussiert und weniger nach dem allgemeinen Sinnverständnis eines Phänomens fragt, fällt die Wahl des Erhebungsinstruments auf offene, leitfadengestützte Interviews. Die Ausführungen zum Stand der Forschung haben bereits gezeigt, dass zwar Theorien zu Geschlechtsunterschieden in den Arbeitsund Lebensrealitäten sowie zu subjektiven Krankheitsund Gesundheitskonzepten existieren, jedoch der Übertragung auf den Forschungsgegenstand arbeitsbedingter Stress in CCn noch keine wissenschaftliche und praktische Aufmerksamkeit gezollt wird. Als für die Erhebung sinnvoll erschien daher der Einsatz von Problemzentrierten Interviews (PZI) nach Witzel (1982), die eine Verbindung offener und strukturierter Passagen im Einzelinterview vorsehen. Ziel des PZI ist „[…] eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen sowie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität“ (Witzel, 2000, S. 1). Das im Rahmen der empirischen Erhebung fokussierte Problem bezog sich auf die konkrete Wahrnehmung der CC-Tätigkeit vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten und den damit verbundenen Entstehungsund Bewältigungsmustern von arbeitsbedingtem Stress.

Obschon beim PZI Aspekte der vorangestellten betrieblichen Problemund Ressourcenanalyse in Form von Themenblöcken (z. B. bezogen auf die Wahrnehmung vorhandener Stressoren) in den Leitfaden eingingen, raten Przyborski und Wohlrab-Sahr (2008) von einer Orientierung an einer festen Reihenfolge vorgegebener Fragen ab. Demzufolge war – unabhängig von dem Grad der Offenheit der Fragestellung im leitfadengestützten Interview – eine Berücksichtigung der „[…] inhaltlichen Relevanzstrukturen und kommunikativen Ordnungsmuster der Befragten“ (ebd., S. 139) vonnöten. Dies widersprach einer dogmatischen Abarbeitung der einzelnen Fragen in der konkreten Interviewsituation. Bezogen auf die Befragung sollte den ProbandInnen möglichst viel Raum zur Selbststrukturierung der Kommunikation gegeben werden, „damit sie die Möglichkeit haben, zu dokumentieren, ob sie die Fragestellung überhaupt interessiert, ob sie in ihrer Lebenswelt, [...] ihrem Relevanzsystem einen Platz hat und wenn ja, unter welchem Aspekt sie für sie Bedeutung gewinnt“ (Bohnsack, 1999, S. 21). In der empirischen Erhebungsphase wurde daher eine Distanz zu den eigenen vorab festgelegten Vermutungen und Theorien hergestellt, um den Interviewten in der Darstellung der Positionen und Annahmen nicht zu beeinflussen bzw. ausreichend Freiraum für die Äußerungen zur Verfügung zu stellen. Vor dem Hintergrund der theoretischen sowie empirischen Ergebnisse aus den vorangestellten Kapiteln ist es z. B. denkbar, dass das Belastungsund Bewältigungsgeschehen für die CC-Beschäftigten keine bewusste Rolle einnimmt, da anderen Lebensbereichen, wie dem Studium, der Familie oder der Freizeit, eine höhere Relevanz zukommt. Darüber hinaus wurde die Kategorie Geschlecht im Leitfaden bewusst erst zum Ende aufgegriffen, da bei einer expliziten Thematisierung zumeist lediglich alltägliche Geschlechtertheorien reproduziert werden, ohne anhand dessen jedoch subjektive Stressund Bewältigungsmuster der Befragten deuten zu können. Indem Bohnsack et al. (2001, S. 11 f.) feststellen, „[…] dass die Akteure selbst nicht wissen, was sie da alles wissen“, verweisen die AutorInnen auf das implizite Wissen, welches den Befragten reflexiv nicht ohne Weiteres zugänglich ist, jedoch von den Forschenden expliziert werden kann. Mit dieser Strategie konnten – ganz im Sinne des in Kapitel 2 erörterten Konzepts der Geschlechtsreflektierung – neue Erkenntnisse über subjektive Belastungsund Bewältigungsmuster und ihrer Bedeutung für eine geschlechtsreflektierte BGF generiert werden.

Im Rahmen der Ausführungen zum Erhebungsinstrument ist darauf hinzuweisen, dass die Interviews lediglich eine Bewertung der Darstellungsweise von Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress erlauben, die auf Selbstauskünften beruhen. Es konnten daher keine Aussagen darüber getroffen werden, welche Verhaltensweisen und Strategien tatsächlich in der jeweiligen beruflichen oder außerberuflichen Stresssituation erfolgen. Durch das PZI war es jedoch möglich, die jeweiligen Haltungen und Einstellungen gegenüber arbeitsbedingten Stressoren herauszuarbeiten. Dies ermöglicht Schlussfolgerungen darüber, welche subjektiven Bedeutungsund Relevanzmuster hinter den im Stand der Forschung quantitativ abgebildeten Belastungen und Ressourcen stehen.

 
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