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6.4 Erstellung des Leitfadens

Die Vorgehensweise zur Konstruktion des Leitfadens (Anhang 4) orientierte sich an der so genannten SPSS-Methode nach Helfferich (2011). Zentral an dem Verfahren ist die gemeinsam in einer Forschungsgruppe erfolgte Erstellung des Leitfadens. In zwei Analysegruppen, bestehend aus Promovierenden der HBS sowie aus dem Promotionsstudiengang der Universität Bielefeld, war es schließlich möglich, die anhand der Methode nachfolgend beschriebenen Schritte gemeinsam zu bearbeiten und die Fragen des Leitfadens zu diskutieren. Kruse (2011, S.79) begründet diese Herangehensweise vor dem Hintergrund des „Fremdverstehens“ in qualitativen Forschungsarbeiten. Dadurch war es möglich, aus unterschiedlichen Blickwinkeln Fragen zu sammeln, diese in Bezug auf die Forschungsfrage zu prüfen und anschließend gemeinsam zu sortieren (vgl. Tab. 9). [1] Bereits im Rahmen der Durchführung der SPSS-Methode wurde die Schwierigkeit diskutiert, konkrete Fragen nach Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress zu stellen. Hintergrund der Bedenken war die Tatsache, dass durch eine explizite Thematisierung von Geschlecht zwar die subjektiven Geschlechterkonstruktionen der Befragten deutlich werden, hierbei jedoch wenig Erkenntnisse darüber gewonnen werden können, welche Differenzierungen sich auch innerhalb der Gruppen der Frauen und Männer ergeben. Eine unreflektierte Übernahme dieser Aussagen begünstigt einen Gender-Bias, indem Geschlechtsunterschiede reproduziert und Stereotype verfestigt werden. Zur praktischen Umsetzung wurde mit Hilfe der in Kapitel 2 dokumentierten Formen des Gender-Bias bei jeder für die Forschungsfrage relevanten Leitfrage geprüft, ob Formen des Androzentrismus, der Geschlechtsinsensibilität oder eines doppelten Bewertungsmaßstabs vorliegen. Im Anschluss der erarbeiteten Fragen wurden schließlich die Ideen in die zwei unterschiedlichen Kategorien Gender-Bias und Gender-reflektiert eingeteilt und ausgewählt.

Bei der nachfolgenden Dokumentation der Leitfragen werden die konkreten geschlechtsreflektierten Entscheidungswege mit erläutert.

Tabelle 9: Das SPSS-Verfahren. (Quelle: Helfferich, 2011)

Nachdem eine allgemeine Sammlung und Prüfung der Leitfragen vor dem Hintergrund der zugrundeliegenden Forschungsfrage erfolgte, wurden die Fragen schließlich vom Allgemeinen zum Spezifischen geordnet (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2008). Der Ausgangspunkt des vorliegenden Leitfadens orientierte sich vorerst an einer sogenannten Eisbrecherfrage (Diekmann, 2003) nach dem beruflichen Orientierungsprozess. Indem danach gefragt wurde, wie die Befragten zu der CC-Tätigkeit gekommen sind, wurde jedoch darauf geachtet, dass sich die Fragestellung bereits beim Brechen des Eises an dem Erkenntnisinteresse der Arbeit orientierte. Im Rahmen der konzeptionellen Überlegungen bei der Leitfadengestaltung empfehlen Przyborski und Wohlrab-Sahr (2008) schließlich eine Aufteilung der Fragen in verschiedene Themenblöcke, die jeweils mit allgemeinen Frageimpulsen eröffnet werden. Hierbei erinnern die Autorinnen daran, dass der Leitfaden primär als Orientierungshilfe dient, um „Raum für die Darstellung von Sachverhalten und Positionen in ihrem situativen Kontext“ (ebd., S. 144) geben zu können. An dieser für leitfadengestützte Interviews typischen Herangehensweise orientiert sowie unter Berücksichtigung der in der Analysegruppe formulierten Fragen, wurden folgende thematische Blöcke erstellt:

Ÿ Einleitung des Interviews

Ÿ Tätigkeitsund Aufgabenprofile von CCn

Ÿ Subjektive Anforderungen und Stressoren im Rahmen der CC-Tätigkeit 180

Ÿ Bewältigungsstrategien im Rahmen der CC-Tätigkeit

Ÿ Betrieblicheund außerbetriebliche Veränderungswünsche

Ÿ Abschluss

Vor Beginn des Interviews wurden erneut die Ziele der Befragung kurz umrissen sowie die Erlaubnis der Aufzeichnung eingeholt und damit zusammenhängende datenschutzrelevante Fragen geklärt.[2] Nachfolgend sollen die jeweiligen Blöcke mit ihren Fragestellungen erläutert werden.

Einleitung des Interviews

Neben einer Kurzvorstellung der Person wurde im Rahmen der Einleitung die Frage gestellt, wie die Interviewten zu der CC-Tätigkeit gelangt sind. Damit sollte sowohl ein offener Redefluss begünstigt als auch das Erkenntnisinteresse der Arbeit fokussiert werden. Ziel dabei war es, die aus Sicht der Befragten subjektiv relevanten Entscheidungswege zu erfassen. Dadurch sollte es möglich sein, auch den persönlichen, motivationalen Hintergrund der Beschäftigten zu erfassen und damit Aussagen über die Bedeutung der CC-Tätigkeit zu generieren. Der Fokus lag hierbei darauf, Informationen über Geschlechtsunterschiede in den beruflichen Werdegängen zu erhalten.

Fokus I: Tätigkeitsund Aufgabenprofile

Der erste inhaltlich spezifische Abschnitt fokussierte die konkreten Aufgabenprofile in der CC-Tätigkeit. Die Frage nach dem Ablauf des letzten Arbeitstages zielte darauf ab, sowohl Informationen über die Spezifika der Tätigkeit als auch die dazugehörige subjektive Wahrnehmung zu erfassen. Dazu sollte schließlich auch die Frage nach den aus Sicht der Interviewten nötigen Fähigkeiten für die Ausübung der Tätigkeit gestellt werden.

Fokus II: Subjektive Anforderungen und Stressoren

Der zweite Fokus bezog sich auf die subjektiven Entstehungsmuster von arbeitsbedingtem Stress. Dabei wurden zwei methodische Aspekte berücksichtigt: Um nicht einseitig negative Arbeitsbedingungen vorauszusetzen, wurde erstens danach gefragt, welche Tätigkeiten von den Interviewten gerne ausgeübt werden. Zweitens erfolgte die Annäherung an den Gegenstand Stress, ohne direkt auf den Begriff zu rekurrieren. Ziel dabei war es, durch eine begriffliche Sensibilität eine negativ konnotierte Bezeichnung zu vermeiden, damit sich die Interviewten nicht gegenüber der Befragung verschließen. So wurde danach gefragt, wann es zu viel in der Tätigkeit wird, ehe direkt das Stresserleben sowie typische Stresssituationen thematisiert wurden. [3] Zum Abschluss des thematischen Blocks erfolgte der Brückenschlag zur Vereinbarkeit der CC-Tätigkeit mit dem Privatleben. Hierbei sollten schließlich die Relevanz außerberuflicher Anforderungen sowie weitere für die Interviewten bedeutende Aspekte thematisiert werden. Allerdings erfolgte hierbei keine statische Abfrage von Familien-, Pflegeoder Erziehungsarbeiten. Vielmehr wurden Themen der Interviewten aufgegriffen, die aus ihrer Sicht subjektiv relevante Anforderungen und Stressoren im außerberuflichen Kontext darstellen.

Vor dem Hintergrund der in Kapitel 2 skizzierten Formen des Gender-Bias sollte der Leitfaden zunächst keine geschlechtsspezifischen Frageimpulse beinhalten. Eine direkte Unterscheidung zwischen vermeintlich typischen Stressoren bei weiblichen und männlichen Befragten wurde im Schwerpunkt des Leitfadens daher bewusst nicht vorgenommen. Andernfalls wäre davon auszugehen gewesen, dass die dadurch vorausgesetzten Geschlechterdichotomien – in Form einer Behandlung der Geschlechter als zwei voneinander separierter Gruppen – ungeprüft angenommen würden.

Fokus III: Bewältigungsstrategien

Bewusst sollte der Leitfaden in einem spezifischen Fokus Fragen beinhalten, die eine Erfassung der Bewältigungsstrategien bei arbeitsbedingtem Stress ermöglichen. Dabei wurde – mit Blick auf die Berücksichtigung von Arbeitsund Lebensrealitäten – sowohl nach Möglichkeiten des Ausgleichs während der Tätigkeit als auch nach Aspekten im Rahmen der Freizeit gefragt. Mit Blick auf die Formen des Gender-Bias ermöglichte diese Herangehensweise, eine Dekontextualisierung – als Form der Geschlechtsinsensibilität – auszuschließen, da von Beginn an Lebensund Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern einbezogen wurden.

Nachdem Stressentstehung und -bewältigung ausreichend thematisiert wurden, erfolgten zum Abschluss des Interviews explizite Fragen nach Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress. Damit sollte eine spätere Gegenüberstellung der Interviewergebnisse, in denen Geschlecht nicht explizit thematisiert wurde, mit der aus der direkten Thematisierung hervorgehenden Stereotypisierung aus Sicht der Befragten erfolgen, um auf Widersprüche hinzuweisen.

Fokus IV: Betrieblicheund außerbetriebliche Veränderungswünsche

Vor dem Hintergrund der geplanten Implikationen zur BGF in CCn wurden in einem letzten themenspezifischen Block die Ideen und Anregungen der Befragten aufgenommen. Bei der Frage nach der Verbesserung der Belastungssituation im betrieblichen Kontext war hierbei auch die subjektive Haltung der Agents gegenüber Veränderungspotenzialen im Setting CC von Interesse. Um jedoch nicht ausschließlich defizitorientierte Fragen zu stellen, erfolgte abschließend die Aufforderung, einen idealen Arbeitstag zu beschreiben. Dabei sollten möglicherweise unterschiedliche Präferenzen zwischen Frauen und Männern herausgearbeitet werden.

Abschluss

Zum Ende des Interviews wurde den Befragten genügend Raum für eventuelle Nachfragen oder weitere, bis dahin nicht angesprochene Themen gegeben. Zudem war die Frage relevant, was die Interviewten dazu bewogen hat, an dem Interview teilzunehmen. Dies ermöglichte, die Darstellung der eigenen Motivation zur Teilnahme an der Studie zu erfassen.

Vor Beginn der eigentlichen Erhebung erfolgte mit Hilfe einer Person aus dem ersten Erhebungskontext ein Pre-Test zur Erprobung des Interviewleitfadens. Auffallend dabei war, dass eine direkte Abfrage der aus dem Stand der Forschung resultierenden Vereinbarkeitsanforderungen – wie etwa die Pflege und Erziehung von Angehörigen oder die Ausübung eines Ehrenamts – aufgrund des dadurch entstehenden Frage-Antwort-Schematas nicht praktikabel erschien. Vielmehr war es sinnvoll, die Frage nach dem Gelingen der Vereinbarkeit von CC-Tätigkeit und privaten Anforderungen möglichst allgemein zu halten, um den Interviewten genug Raum zur Antwort zu ermöglichen. Darüber hinaus zeigte der Pre-Test, dass das Thema Geschlecht im Rahmen der CC-Tätigkeit offenbar eine hohe Bedeutung einnimmt, da auch ohne Frageimpuls die hohe Frauenquote oder geschlechtsspezifische Verhaltensweisen thematisiert wurden. Dies kam der geschilderten methodischen Entscheidung entgegen, explizite Fragen nach der Bedeutung von Geschlecht im Setting CC zu vermeiden bzw. an das Ende des Interviews zu stellen.

Im Anschluss an die Interviews wurden zudem Kurzfragebögen eingesetzt, um sozio-demographische Daten wie Alter, Geschlecht, Familienstand und den erlernten Beruf für eine Charakterisierung des Samples zu dokumentieren (Anhang 5). Überdies wurde zu jedem Interview ein so genanntes Post-Skript angelegt, das ermöglichen sollte, auch im späteren Verlauf der Auswertung Besonderheiten zu rekonstruieren, die sich aus der Kommunikation oder der Atmosphäre ergaben.

  • [1] Das SPSS-Verfahren wurde in Anspielung an das Statistikprogramm benannt. Wobei sich hinter den Buchstabenkürzeln vier zentralen Arbeitsschritte verbergen, die in Tabelle 10 dargestellt werden.
  • [2] Zur Anonymität, Datenschutz und Forschungsethik im betrieblichen Kontext siehe Kapitel 6.7.
  • [3] Wobei anzunehmen ist, dass auch durch die Bezeichnung zu viel die Darstellungsweise beeinflusst werden kann.
 
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